Russisch-türkischer Krieg in Syrien?

Einen Nutzen aus der in Idlib entstandenen Krisensituation hätten gern die USA
Dmitri Minin 11.02.2020
Angesichts der enormen Fortschritte, die die Syrische Arabische Armee (SAA) bei der Niederschlagung der letzten Bastion der «gemäßigten» Opposition in Idlib gemacht hat, erklärt die Türkei vollmundig, dass «ihre Geduld am Ende» sei. In den letzten Tagen hat die Türkei mehrere Hundert Fahrzeuge an Kampftechnik Richtung Idlib in Marsch gesetzt, um die bestehenden Einheiten aufzufüllen und neue Überwachungsposten zu schaffen, und das vorwiegend im Nordteil der Provinz.

Lage Idlib Feb.09.2020 
Lagebild Idlib

Präsident Erdogan hat Damaskus eine Art Ultimatum gestellt  – bis Ende Februar sollen die syrischen Streitkräfte auf die Ausgangspositionen entlang der Zone, wie sie in Astana und Sotschi festgelegt worden seien, zurückgezogen werden, anderenfalls könne er sich «für weitere Schritte nicht verbürgen». Der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar ließ indessen verlauten, er habe schon «Plan В und С» für den Fall in petto, wenn die mit Russland getroffene Abmachung zur Feuereinstellung in Idlib nicht greifen sollte.

  Erdogan Militär 3
Recep Tayyip Erdoğan und Hulusi Akar

Weltweit werden Befürchtungen dahingehend laut, dass sich die Situation in einer gefährlichen Richtung entwickeln und bis hin zu einer erneuten russisch-türkischen Auseinandersetzung in Syrien führen könnte. Zu einem solchen Schritt werde Ankara auch von Seiten der Vereinigten Staaten gedrängt, die, trotz eigener Probleme mit der Türkei, dieser ihrer «uneingeschränkten Solidarität» mit deren Handlungen in Idlib versichern. In den kommenden Tagen wird in Ankara James Jeffrey, Sondergesandter der USA für Syrien, erwartet, der, wie man allgemein erwartet, alles daran setzen wird, um Ankara weiter auf dem Wege des Konflikts mit Moskau voranzutreiben.

 Trotz allem Ernst des Geschehens vor Ort, ist eine solche Aussicht allerdings nahezu unwahrscheinlich. Allein die Tatsache, dass nun auf dem «Schachbrett» vor Ort schwere gepanzerte Figuren aufgefahren werden, bedeutet noch lange nicht, dass die beiden Schachparteien Ankara und Moskau beabsichtigen, die zwischen ihnen vereinbarten Spielregeln zu umgehen. Davon zeugt unter anderem die von Ankara geäußerte Bereitschaft, das «hohe Niveau der türkisch-russischen Beziehungen» ungeachtet der aufgeheizten Atmosphäre zu wahren.

Damit, dass die türkische Führungsriege immer wieder behauptet, Moskau und Damaskus würden die Waffenstillstandsvereinbarungen in dieser Region nicht einhalten, während sie von Ankara angeblich strikt umgesetzt würden, gibt sie in Wirklichkeit zu, dass es die Türkei ist, die die Verträge bricht. Einen Tag vor dem Zwischenfall, bei dem 8 türkische Militärangehörige in Idlib getötet wurden, hatte General i.R. Nejat Eslen die Entscheidungsträger davor gewarnt, dass unter Umständen genau das passieren könnte.

Seinen Worten zufolge könnten die Ereignisse in Idlib zu einer herben Belastung für die Beziehungen zwischen Russland und der Türkei werden, und das deshalb, weil die Türkei ihren Teil der in Astana getroffenen Abmachungen nicht einhält.

Ankara hat beispielsweise anderthalb Jahre lang nichts Definitives unternommen, um die Milizen der in Russland verbotenen Terrorgruppierung «Haiʾat Tahrir asch-Scham» (HTS) zu entwaffnen und sie nicht von der sogenannten gemäßigten Opposition getrennt.

Des Weiteren hat die Türkei  – wie an sich versprochen  – die durch Idlib verlaufenden Abschnitte der syrischen Hauptverkehrsadern М4 (Latakia  – Aleppo) und М5 (Damaskus  – Aleppo) nicht in die Verfügungsgewalt von Damaskus übergeben. Ohne dem ist jedoch ein wie auch immer gearteter wirtschaftlicher Wiederaufbau in Syrien überaus kompliziert bis unmöglich, was sich ebenso auf die Lage der Flüchtlinge auswirkt, auf deren missliche Situation die Türkei nicht müde wird zu verweisen.

Bei allen russisch-türkischen Verhandlungen zu Fragen des Waffenstillstands, die in letzter Zeit stattgefunden haben, so auch am 8. Februar in Ankara, hat die Türkei immer wieder darauf hingewirkt, die Erfüllung ihrer Verpflichtungen weiter hinauszuschieben, ohne dass auch nur ein einziger nennenswerter Schritt diesbezüglich erfolgt wäre. Daher musste das passieren, was passiert ist. Staub aufgewirbelt hat die Türkei ja sehr viel, aber leider war man bei den Taten recht zurückhaltend.

Mit Anspielung auf die am gestrigen Tage [10.02.20  – d.Ü.]  in Idlib getöteten türkischen Soldaten, wobei auch vier russische Militärangehörige ums Leben gekommen sind, vertritt der türkische Analytiker Cem Gürdeniz die Ansicht, dass die USA die einzigen Kräfte seien, die einen Nutzen aus der in der Provinz Idlib entstandenen angespannten Situation ziehen könnten, alles im Namen der «Festigung der transatlantischen Allianz».

Er hebt hervor, dass die Türkei in der Region Idlib ihre Energie «außerhalb ihrer unmittelbaren geopolitischen Interessen» verschwende und man in Ankara langsam zu gesundem Menschenverstand zurückfinden solle, um nicht in einen Krieg mit Syrien und eine Konfrontation mit Russland hineingezogen zu werden.

Auch die innere Situation in der Türkei spricht nicht gerade dafür, dass es für dieses Land von Nutzen sein könnte, Gefechtshandlungen größeren Maßstabs zu entwickeln. Gemäß einer Erhebung der Statistikagentur MetroPOLL soll die Akzeptanz des Landespräsidenten Erdogan bei seinen Landsleuten mit 41,9% auf einen Tiefstand seit Oktober 2018 gefallen sein. Die Befragungen hätten gezeigt, dass, sollten heute in der Türkei Wahlen angesetzt werden, Erdogan wohl dem oppositionellen Bürgermeister von Istanbul, dem Kemalisten Ekrem İmamoğlu, der vehement gegen die außenpolitischen Abenteuer des türkischen Staatsoberhauptes polemisiert, seinen Platz abtreten müsste.

Mit Verweis auf Quellen in den höchsten türkischen Militärkreisen haben mehrere Experten bereits zuvor darauf verwiesen, dass es Widersprüche in den Vertragswerken gibt, die jetzt offenbar zu Tage treten. Demzufolge sei es in Sotschi möglicherweise um eine 32 km tiefe Pufferzone entlang der gesamten türkischen Grenze gegangen.

Folglich würde deren Projektion auf Idlib bereits einen Übergang des südlichen Teils der Provinz unter die Kontrolle von Damaskus umfassen. Ankara hat bestätigt, dass das durchaus mit friedlichen Mitteln geschehen könne und übernahm dabei gewisse Verantwortungsbereiche, ließ aber keine Taten folgen, sodass Moskau und Damaskus keine andere Wahl blieb, als Gewalt anzuwenden.

Indirekt weist auch der Charakter des jetzigen türkischen «Ultimatums» darauf hin, dass es «geheime Absprachen» gegeben haben muss. Die Tatsache, dass Ankara Ende Februar als letztendlichen Termin dafür nennt, dass die Streitkräfte von Damaskus in die Ausgangsstellungen zurückzukehren hätten, und man angeblich auf Gewaltakte zurückgreifen würde, falls das nicht geschähe, zeugt eher davon, dass es sich um einen Zeitraum handelt, innerhalb dessen, nach türkischer Meinung, die laufende Operation der SAA abgeschlossen sein sollte.

Darauf weisen auch die türkischen Experten hin, die annehmen, dass, dem Tempo nach zu urteilen, mit dem sich die syrische Armee voran bewegt, die Türkei gegen Ende Februar keine Chance mehr hätte, von Damaskus zu verlangen, sich zu irgendwelchen Grenzen zurückzuziehen, die man in Ankara gern als «Grenzen von Sotschi» bezeichnet.

Die Widersprüchlichkeit der Position Erdogans ergibt sich daraus, dass er es sich nicht erlauben kann, die syrische Opposition offen ihrem Schicksal zu überlassen, ohne seine eigene Schuld an der Niederlage seiner seit vielen Jahren gegenüber Syrien geführten Politik einzugestehen.

Mit einer Abkehr  von seinem gegen al-Assad gerichteten Widerstand riskiert Erdogan, dass ihm die Hebel der Einflussnahme auf die Situation in Syrien komplett aus den Händen gleiten, und dass sich enorme Massen an feindlich eingestellten Terrorkämpfern an den türkischen Grenzen sammeln. Daher demonstriert er geradezu plakativ seine Bereitschaft, «höchstpersönlich» für Wohl und Weh seiner «Schutzbefohlenen» in Idlib  einzustehen, weshalb er allerhand Kräfte in die Gegend verlegt, die im Übrigen für einen richtigen großen Krieg weder vorn noch hinten reichen.

Bis jetzt ist es noch nicht hinreichend klar, bis zu welchem Abschnitt die SAA vorgehen will. Ihre Minimalaufgabe hat die syrische Armee erfüllt, die М5 von Damaskus nach Aleppo ist annähernd frei, es fehlt nur noch ein relativ kleiner, jedoch wichtiger Abschnitt in der Region der Stadt Khan al-Assal, 12 km west-südwestlich Aleppo.

Die Befreiung von Khan al-Assal ist auch für Russland von Bedeutung, denn hier befindet sich die Hauptbasis der in Syrien verbliebenen Söldner aus dem in Russland verbotenen «Emirat Kaukasus» (fast 2 tsd. Mann). Die Stadt ist gut befestigt. Die Kämpfer, die sich dort festgebissen haben, erwarten keine Gnade und werden sich mit aller Kraft zur Wehr setzen.

Kaukasus Kräfte 6
Kaukasus-Milizen in Syrien

Man kann davon ausgehen, dass die SAA ihren Hauptstoß nach der Einnahme von Khan alAssal entlang der Trasse М4 von Serakib nach Dschisr asch-Schughur richten wird, wo sich Kämpfer der in Russland verbotenen islamistischen Partei Turkestans festgesetzt haben  – Ableger aus Mittelasien (ca. 2,5 tsd.), deren Heimkehr alles andere als erwünscht ist .

Kräfte 7
Kämpfer aus Mittelasien in Syrien

Sollten die Aktionen der SAA im Süden der Provinz Idlib von Erfolg gekrönt sein, würde sich ein gigantischer Kessel bilden, den zu säubern allerhand Kraft, Anstrengungen und Zeit erfordern wird. Bleibt die Frage offen, ob sich Damaskus damit zufrieden geben wird, oder ob man gedenkt, gleichzeitig die Provinzhauptstadt Idlib zu befreien und bis an die türkische Grenze vorzustoßen. Die Klärung dieser Fragen wird offenbar davon abhängen, wie die Verhandlungen mit den Verbündeten laufen werden, und welche Position Baschar al-Assad persönlich diesbezüglich einnimmt. 

Vielleicht aber ist es gar nicht nötig, weiter vorzustoßen, denn dadurch, dass die М4 und М5 beherrscht werden, hat Damaskus ohnehin die volle wirtschaftliche und militärstrategische Dominanz in diesem Teil des Landes, während eine zu starke Annäherung an das türkische Territorium die Türken dazu animieren könnte, Schusswechsel über die Grenze hinweg vorzunehmen.

Dabei ist in einer anderen Region von Syrien, und zwar im nordöstlichen Teil (dem sogenannten Rojava oder Westkurdistan) bereits seit langem eine Aufgabe herangereift, die in gewissem Maße Ankara und Damaskus vereinigen könnte.

Hier bauen die Amerikaner zusammen mit den Kurden Stück für Stück ihre Stellungen wieder auf. Russische Militärstreifen werden blockiert, die Türkei verzichtete ganz auf ihre Teilnahme an den Patrouillengängen. Die in dieser Region reichlich vorhandenen syrischen Truppen könnten die Amerikaner in großem Ausmaß isolieren. Dafür wäre es aber erforderlich, dass die Türkei damit aufhört, die SAA in Idlib zu bevormunden. Türkische Experten verweisen darauf, dass die Situation in dieser Region für die Türkei selbst erheblich wichtiger ist, als die in Idlib.

Dmitri Minin 11.02.2020

Quelle: https://www.fondsk.ru/news/2020/02/11/russko-tureckoj-vojny-v-sirii-ne-budet-50100.html

Naher Osten, USA, Russland, Syrien, Türkei, Geopolitik

  • Gelesen: 471

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.