Wir sind die Eingeborenen von Pentagonien

Liebe Freunde,
Willy Wimmer zeigt mit der Wahl dieses Titels wieder einmal seine grosse Fähigkeit, geschichtlich zu denken, eine Fähigkeit, die den meisten politisch Verantwotlichen  – aber leider auch oft uns  – fehlt. Ich erinnere mich noch gut, wie wir 1948  – ich war damals 18  – das Lied “Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien” beim ersten Karneval in Köln nach dem Krieg aus vollem Hals gesungen haben.

(Trizonesien war der spöttische Name für die amerikanische, britische und französische Besatzungszone Deutschlands, dem Beginn Westdeutschlands ).

Wir sind die Eingeborenen von Pentagonien

Von WILLY WIMMER  – Donnerstag, 18. Juni 2015

willy wimmer

Die Krise in der Ukraine wird gerne als Folge des Aufbegehrens eines Volkes angepriesen, das sich aus dem Joch der Unterdrückung befreien wollte. Und natürlich als Ergebnis imperialistischer Bestrebungen seitens Putins Russland. Immer mehr Menschen zweifeln indes an der Version, die uns über die sogenannten Leitmedien vermittelt wird.

Kritiker der ersten Stunde ist zeitgeist-Buchautor Willy Wimmer („Wiederkehr der Hasardeure“), der schon zu seiner aktiven Zeit als Abgeordneter im Deutschen Bundestag kein Blatt vor dem Mund nahm. Auch in diesem Artikel spricht er Klartext: Es gehe in Wahrheit um knallharten Profit, um den Machterhalt der einzigen echten Weltmacht, und die Strategie dorthin sei von langer Hand geplant. Die Dummen seien einmal mehr die Europäer.

Rund 70 Jahre nach dem europäischen Ende des Zweiten Weltkrieges und gut 150 Stratfor-Jahre nach dem erklärten Ziel, eine dauerhafte Feindschaft zwischen Russen und Deutschen zu bewerkstelligen, gibt es eine Gewissheit über die US-amerikanische Zielsetzung auf dem euro-asiatischen Kontinent: Je nach Bedarfslage wird eine Politik betrieben, die maximalen Einfluss garantiert und im Aggregatzustand wunschgemäß verändert werden kann. Mal Krieg, mal Frieden in Maßen, und mal irgendwas dazwischen.

Das sollte man sich in Erinnerung rufen, wenn  – wie in diesen Tagen geschehen  – der amerikanische Außenminister Kerry vor einem Rückfall in den „Kalten Krieg“ warnt. Vor Minsk II hätte nicht viel gefehlt und wir hätten den europäischen Schießkrieg gehabt, nachdem durch die von Washington aus betriebene Politik die wesentlichen Ursachen für den Konflikt in der Ukraine mit Tausenden von Toten gelegt worden waren. Washington bemüht sich nach Kräften. Was will Kerry eigentlich?

Wie 1914 fiel der Startschuss auf dem Balkan, mit dem völkerrechtswidrigen Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien.

Dabei muss die US-amerikanische Politik insgesamt  – seit der Charta von Paris aus dem Jahr 1990, in der das friedliche Zusammenleben in Europa konkretisiert worden war  – betrachtet werden. Wir in Europa gingen unisono davon aus, dass endlich einmal der Teufelskreis von Krieg und Krieg durchbrochen werden konnte. Die Vision eines Michael Gorbatschow vom „gemeinsamen Haus Europa“ war mit den Händen zu greifen und man begann, sich dementsprechend einzurichten. Weit gefehlt!

Die USA hatten frühzeitig, vermutlich bereits vor dem eingeläuteten Ende des „Kalten Krieges“, eine Ahnung davon, dass ein auf Frieden und gute Nachbarschaft ausgerichtetes Europa nicht in ihrem Interesse sein würde. Zielgerichtet ging man daran, die Wirtschaftsordnung vom gebändigten Kapitalismus, die „Soziale Marktwirtschaft“, zu beseitigen zugunsten eines „Shareholder Value“, einen rücksichtlosen Raubtierkapitalismus. Im politischen Kontext verstieg sich die spätere deutsche Bundeskanzlerin zu dem Begriff der „marktgerechten Demokratie“.

So einfach war es allerdings nicht, Europa wieder für den Krieg zu öffnen und die europäische Zukunft an die europäische Vergangenheit zu koppeln. Zuerst mussten jene internationalen Organisationen wie die UN und die OSZE in die Bedeutungslosigkeit geführt und die seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges in Europa geschaffene Völkerrechtsordnung beseitigt werden, bevor durch USA, NATO und EU wieder die Kriegstrommeln geschlagen werden konnten.

Das europäische Telefon steht nicht, wie Henry Kissinger sich das einmal wünschte, in Brüssel, nein, der Hörer wird in Washington abgenommen

Wie 1914 fiel der Startschuss auf dem Balkan, mit dem völkerrechtswidrigen Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien. Man scheute nicht davor zurück, offen von der Korrektur einer Fehlentscheidung des alliierten Oberkommandeurs Eisenhower aus dem Jahr 1944 zu sprechen. Der spätere amerikanische Präsident hatte es seinerzeit versäumt, US-amerikanische Bodentruppen zur Regionalkontrolle auf dem Balkan zu stationieren. Der Bombenterror gegen Belgrad war nur der Beginn einer kriegerischen Zeitrechnung, die mit dem Konflikt in der Ukraine nun die höchstmögliche Eskalationsstufe erreicht hat.

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Wolfgang Effenberger/Willy Wimmer: Wiederkehr der Hasardeure. Schattenstrategen, Kriegstreiber, stille Profiteure 1914 und heute. zeitgeist Print & Online, Höhr-Grenzhausen 2014

Willy Wimmer

Willy Wimmer (* 18. Mai 1943 in Mönchengladbach) ist ein deutscher Politiker der CDU, der 33 Jahre dem Bundestag angehörte. Zwischen 1985 und 1992 war er erst verteidigungspolitischer Sprecher der CDU/CSU und dann Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister der Verteidigung. Von 1994 bis 2000 war er Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE).

Deutschland, Ukraine, Politik, USA, Russland, NATO, Wirtschaft, Europa, Politik & Wirtschaft, Balkan, OSZE

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