John Hattie zum Klassenunterricht

von Renate Caesar, Dipl.-Pädagogin und Gymnasiallehrerin
Der vom Lehrer geführte Klassenunterricht wird heute von den ‚Reformern‘ abgelehnt. Lehrer, die so unterrichten, werden gezwungen, ihre Unterrichtsmethoden in Richtung ‚Individualisierung‘ etc., zu ändern.

Die ‚Reform‘-Ideen, dass Schüler selbständig forschend, aufgabenbasiert, entdeckend, usw. lernen sollen und dass der Lehrer nur individualisierte Lerngelegenheiten für die einzelnen Schüler schaffen soll  – d.h. Materialien verschiedener Schwierigkeitsgerade, Computerprogramme zum Abarbeiten in einer sogenannten ‚Lernumgebung‘ oder ‚Lernlandschaft‘, die Ähnlichkeit mit einem Grossraumbüro hat, bereitstellen  – und sich ansonsten zurückhalten muss und nur minimal korrigierend intervenieren darf, sodass die Schüler ‘durch eigene Aktivität, durch Diskurs und Reflexion und Austausch von Einfällen mit anderen Lernenden Wissen erwerben und Bedeutung konstruieren sollen‘, sind laut Hattie dem sogenannten ‚Konstruktivismus‘ entlehnt und stehen den Ergebnissen seiner Analyse von 50.000 Studien fast diametral entgegen.

„The role of the constructivist teacher is claimed to be more of facilitation to provide opportunities for individual students to acquire knowledge and construct meaning through their own activities, and through discussion, reflection and sharing of ideas with other learners with minimal corrective intervention (…) These kinds of state- ments are almost directly opposite to the successful recipe for teaching and learning as will be developed in the following chapters.“)

(John Hattie: Visible Learning, p.26)

Das bedeutet im Klartext, dass unsere ‚Schulreformer‘ , die ‚Reform‘- Machwerke wie den Lehrplan 21 propagieren, etwas vorantreiben, was zumindest nach Aussagen dieses Forschers keinerlei Sinn macht; denn weder das individualisierte Lernen, noch die heterogene und/oder altersdurchmischte Lerngruppe (ADL), noch die Verwendung elektronischer Geräte haben gemäss seinen Ergebnissen einen positiven Einfluss auf die Lernleistung der Schüler (vgl. Visible Learning, Appendix A)

Was hingegen für schulische Lernleistungen höchst wirksam ist, sind die Lern- und Unterrichts- formen „direct instruction“ und „reciprocal teaching“. Beide setzen einen engagierten, in seinem Fach total versierten, leidenschaftlichen Lehrer voraus, der im höchsten Masse aktiv  – und direktiv (!) immer in Verbindung mit seinen Schülern steht, genau anleitet, erklärt, kleinschrittig das Gelernte bei allen Schülern überprüft und korrigiert und immer wieder die Schüler unter seiner Anleitung üben lässt, sodass sie schliesslich in der Lage sind, das Gelernte auch auf andere Aufgabenstellungen selbständig anzuwenden.

Genau das Gegenteil passiert heute vermehrt in unseren Schulen. Die Schüler sind sich selbst überlassen, erhalten keine Anleitung oder Erklärung, und die Eltern müssen zu Hause Hilfslehrer spielen.

Selbständigkeit ist das Ziel, nicht die Ausgangssituation des guten Unterrichts

Auf den nächsten Seiten fasse ich Hatties Aussagen zur „Direct instruction“, einer der wirksamsten Lehr- und Lernformen zusammen, die gemäss den von ihm gesichteten empirischen Untersu- chungen hohe Effektstärken, d.h. hohe Lernerfolge, ergab.

Vorab weise ich hierzu auf bedenkliche und folgenschwere Ungenauigkeiten bei der Interpretation und Übersetzung der Hattie-Studie hin:

„Jedes Jahr halte ich Vorträge vor angehenden Lehrern und stelle fest, dass sie schon mit dem Mantra: ‚Konstruktivismus ist gut, direktes Unterrichten (direct instruction) ist schlecht‘ indoktriniert sind. Wenn ich ihnen die Resultate dieser MetaAnalysen zeige, sind sie fassungslos und werden oft ärgerlich, weil man ihnen einen Set von Wahrheiten und Geboten gegen das direkte Unterrichten vorgesetzt hat.“

(John Hattie in Visible Learning, p. 204; Übersetzung die Verfasserin)

Hattie erklärt dann, dass diese Unterrichtsmethode von Kritikern immer wieder verwechselt wird mit einer Unterrichtsweise, die er “didactic teacher-led talking from the front“ (schulmeisterliches, vom Lehrer geführtes Reden von vorne) nennt. (Visible Learning, page 204, Übersetzung die Verfasserin.)

In W. Beywls und Klaus Zierers ‚besorgter‘ Hattie-Übersetzung ist dieser Ausdruck folgendermassen übersetzt: „kleinschrittiges, von der Lehrperson geleitetes Sprechen vom Lehrertisch aus“, (Beywl. Zierer, Lernen Sichtbar machen, S. 242.) Diese Übersetzung erscheint mir fragwürdig, denn das Adjektiv „didactic“ ist nirgendwo in der englischen Literatur und auch in keinem Wörterbuch mit „kleinschrittig“ übersetzt. Stattdessen hat es laut den Wörterbüchern die Bedeutungen: “belehrend“, „schulmeisterlich“, „lehrend“.

Ganz offensichtlich meint Hattie mit seinem zur Abgrenzung verwendeten Begriff „didactic“ also einen Unterricht, der allein vom Lehrer abgehalten wird, keinerlei Schüleraktivitäten verlangt und das Gegenteil von interaktiv ist. Das, so Hattie, ist nicht mit „direct instruction“ gemeint. In der deutschen Übersetzung von Beywl/Zierer wird „direct   instruction“   mit   „direkter Instruktion“ übersetzt. Ich ziehe es vor, von „direktem Unterrichten“ zu sprechen.

Aus Hatties Erläuterungen der “7 Schritte des direkten Unterrichtens“, in denen er sich vor allem auf die Studie ‚Adams and Engelmann, 1996‘ bezieht, wird deutlich, dass damit ausgerechnet das klassische Unterrichten als wesentlich hervorgehoben wird, das heutige Lehrer nicht mehr ausüben dürfen, wenn sie schlechte Noten in ihren MABs vermeiden wollen:

Der vom Lehrer geführte Unterricht mit der ganzen Klasse auf ein gemeinsames Lernziel hin

„Direktes Unterrichten umfasst 7 Hauptschritte“

(John Hattie, Visible Learning, p. 204  – 206)

John Hatties 7 Stufen des direkten Unterrichtens beschreiben meines Erachtens das, was jeder gute Lehrer seit mindestens den 70er Jahren im geführten Klassenunterricht  – im Hin und Her des fragend entwickelnden Unterrichtsgesprächs mit anschliessenden Übungsphasen und Korrekturen  – schon immer tat und noch tut. Falls man ihn denn lässt, und falls er es in seiner Ausbildung noch lernen durfte. Sie stellen das Gegenteil der ungeprüften „Reform“-Methoden dar, mit denen man heute Lehrer und Schüler plagt.

  1. Klare Vorstellung von den Lernzielen: Bevor er die Lektion vorbereitet, soll der Lehrer eine klare Vorstellung von den Lernzielen haben, die er mit dem zu planenden Unterricht anstrebt. Was genau sollte der Schüler als Ergebnis des Unterrichts nachher können, wissen, verstehen und als wichtig empfinden?
  2. Erfolgskriterien der erwarteten Leistung Der Lehrer sollte wissen, was die Erfolgskriterien der erwarteten Leistung sind und diese den Schülern von Anfang an mitteilen.
  3. Aufmerksamkeit des Schülers gewinnen Als nächstes muss der Lehrer es schaffen, Engagement und Einsatzbereitschaft für die Mitarbeit bei den Schülern zu aktivieren. In der Terminologie des „direkten Unterrichtens“, sagt Hattie, spricht man gern von einem „Aufhänger“, um die Aufmerksamkeit des Schülers zu gewinnen. Das Ziel ist, die Schüler in eine empfangsbereite Geistes-/Gemütsverfassung zu versetzen, damit sie ihre Aufmerksamkeit auf die Lektion richten und sich die Lernziele zu eigen machen („share the learning objectives“).
  4. Informationen vermitteln Nun geht es darum, den Schülern die nötigen Informationen zu vermitteln, die sie für das zu Lernende brauchen; das können ein Vortrag, eine Erzählung, ein Stück Film, ein Tonband oder Bilder etc. sein. Der Lehrer kann auch das Beispiel einer gelungenen Arbeit vorlegen. Wichtige Teilbereiche und Aspekte werden durch Benennen, Vergleichen, Einordnen, Kategorisieren etc. zusammen mit dem Lehrer erarbeitet. Es muss dann vom Lehrer erfragt und beobachtet werden, ob die Schüler das Vermittelte verstanden haben, („Whether students have got it“), bevor man weiterschreitet. Die Schüler müssen dann zuerst unter Aufsicht des Lehrers zeigen, wie man es richtig macht („practise doing it right“), bevor es ans selbständige Üben geht. Es ist unerlässlich, dass der Lehrer das sichert. Wenn es Zweifel gibt, dass etwas nicht verstanden wurde, muss die zu vermittelnde Fähigkeit oder das Konzept noch einmal von vorne erklärt werden, bevor das Üben beginnt.
  5. Üben unter der direkten Aufsicht des Lehrers Dann kommt das angeleitete Üben („guided practice“). Hier müssen die Schüler die Gelegenheit bekommen, ihr Verständnis oder ihre Beherrschung des Neu-Gelernten zu demonstrieren und zwar, indem sie es unter der direkten Aufsicht („supervision“) des Lehrers tun: „Der Lehrer bewegt sich im Klassenzimmer, beurteilt den Lernstand und gibt Rückmeldung und individuelle Hilfestellung, wenn sie gebraucht wird.“
  6. Die wichtigsten Punkte nochmals überprüfen, klären und zusammenfassen Der Abschluss einer Lektion ist sehr wichtig: Er soll den Schülern helfen, die Dinge in ihrem Kopf zusammenzufügen, „ein kohärentes Bild zu formen und zu festigen, Verwirrung und Frustration beseitigen“. Er soll die wichtigsten Teile des Gelernten verstärken. Deshalb werden die wichtigsten Punkte nochmals überprüft, geklärt und zusammengefasst.
  7. Selbständig üben Nun erst, da sie das Gelernte beherrschen, sind die Schüler fähig, selbständig zu üben. Das kann in Form von Hausaufgaben, Gruppen- oder Einzelarbeit in der Klasse geschehen. Die gelernte Fertigkeit kann dann auch auf einen anderen Kontext angewendet werden. (Wenn man in der Unterrichtsstunde z.B. gelernt hat, aus einem Text über Dinosaurier Schlussfolgerungen zu ziehen, soll dann geübt werden, dasselbe auf einen anderen Text, z.B. über Wale, anzuwenden.)

Liebe Kollegen, Eltern, Mitstreiter gegen den Lehrplan 21,

Ist es nicht unglaublich, dass genau dieses erfolgreiche Vorgehen den Lehrern heutzutage quasi verboten wird?

John Hattie

John Hattie

John Hattie, ONZM geboren als John Allan Clinton Hattie (* 1950 in Timaru), ist ein neuseeländischer Pädagoge. Seit 2011 ist er Professor für Erziehungswissenschaften und Direktor des Melbourne Education Research Institute an der University of Melbourne (Australien). Zuvor war er Professor für Erziehungswissenschaften an der University of Auckland.

Arbeitsgebiet: In seinen Forschungen beschäftigt er sich vor allem mit Einflussfaktoren auf gelingende Schülerleistungen, mit Kreativität und Modellen des Lehrens und Lernens. Er ist ein Verfechter der evidenzbasierten, quantitativen Forschungsmethoden, um die Wirkungsfaktoren auf Schülerleistungen zu untersuchen.

Bekannt geworden ist John Hattie durch die Hattie-Studie, eine Meta-Analyse über Meta-Analysen, die er in seinem Buch Visible learning präsentierte. Er stellte Indikatoren für gute Schülerleistungen zusammen. Das Times Educational Supplement verglich das Werk mit der „Entdeckung des Heiligen Grals“.

Die Erkenntnisse werden bundesweit in den Fortbildungseinrichtungen der Bildungsministerien rezipiert, so z. B. im hessischen Amt für Lehrerbildung. Bildungsminister Mathias Brodkorb kündigte im Oktober 2014 an, allen Lehrern in Mecklenburg-Vorpommern eine von Klaus Zierer im Auftrag des Schweriner Bildungsministeriums. Verfasste Kurzfassung der Hattie-Studie zukommen zu lassen.

Im April 2013 erschien die deutschsprachige Ausgabe von "Visible Learning" unter dem Titel "Lernen sichtbar machen" und im Januar 2014 erschien die deutschsprachige Ausgabe von "Visible Learning for Teachers" unter dem Titel "Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen". Die Übersetzung „besorgte“ Klaus Zierer zusammen mit Wolfgang Beywl.

Psychologie, Erziehung, Bildungsreform, Schule, Pädagogik, Lehrplan 21/PISA, Schule & Bildung, Technologie, Didaktik

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