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Classroom Walkthrough: Neues, an finstere Überwachungsmethoden erinnerndes Kontrollinstrument für Schulleiter

Thurgauer Schulleiter stützen Lehrplan 21
Der Hintergrund der folgenden Leserbriefe bildet die kürzlich stattgefundene Tagung der Thurgauer Schulleiter. Diese setzen sich ein für den Lehrplan 21 und werden über ein neues Führungsinstrument (Classroom Walkthrough) informiert.

Classroom Walkthrough: Neues Führungsinstrument für Schulleiter

21. September 2015

Die Thurgauer Schulleiter haben ein neues Führungsinstrument, das sich Classroom Walkthrough nennt. Dabei handelt es sich um ein Kontroll-Instrument, das bereits in den USA angewendet wird. Es gibt dazu auch schon eine entsprechende App fürs Handy. Wie funktioniert Classroom Walkthrough? Die Schulleitung besucht die Lehrkräfte 10 bis 15 Mal pro Jahr während 7 bis 10 Minuten. Die Lehrkräfte erhalten innerhalb von 24 Stunden ein schriftliches oder mündliches Feedback. Der Besuch ist nicht angemeldet, das Schulzimmer wird ohne anzuklopfen betreten. Es gibt keine Begrüssung und auch keine Verabschiedung. 

Es scheint mir ungeheuerlich, was da passiert: Erstens ist es stillos, einfach in eine Lektion hineinzutrampen ohne anzuklopfen und ohne begrüsst zu werden. Die Klassengemeinschaft hat für mich auch immer etwas Beschützendes - hier soll niemand exponiert werden und die Schüler und der Lehrer sollen sich sicher fühlen. Zweitens fehlt mir bei vielen Schulleitern die pädagogische Qualifikation. Weshalb sollten sich gute Lehrer jemandem unterordnen, der aus dem Klassenzimmer geflüchtet ist? Drittens wäre es illusorisch, das als Qualitätssicherung oder Weiterbildung anzusehen. Classroom Walkthrough ist ein Machtinstrument, welches das Gefälle zwischen Lehrer und Schulleitung verstärkt. Gehen Sie doch mal aufs Erziehungsdepartement Ihres Kantons und machen dort einen klassischen Walkthrough durch die Büros und senden danach per Email ein Feedback. Classroom Walkthrough macht deutlich, bei wem die Macht liegt. 

Das Vorgehen der Thurgauer Schulleiter hat etwas Verzweifeltes: Der nächste Schritt wäre dann das gläserne Klassenzimmer, das dank Kameras jederzeit vom Schulleiterbüro aus einseh- und hörbar ist. Wollen wir das wirklich? (uk)

Quelle:
http://schuleschweiz.blogspot.ch/2015/09/thurgauer-schulleiter-stutzen-lehrplan.html

Widerstand gegen den Lehrplan 21

Leserbrief Thurgauer Zeitung 18.9.

von Lutz Wittenberg

Einmal mehr dürfen wir lesen, dass sich die Schulleiter für den Lehrplan 21 einsetzen. Eigentlich klar, wenn man überlegt, dass sie die Weisungen des Volksschulamtes transportieren müssen  – dafür wurden sie ja geschaffen. Ausserdem will sich der Verband gegen Unwahrheiten einsetzen! So, so  – begründete Kritik glaubt man so loszuwerden? So einfach wird dies nicht, denn der Widerstand gegen den Lehrplan 21 ist personell und inhaltlich sehr breit abgestützt/siehe www.gute-schule-tg.ch

Ein Hauptkritikpunkt an dieser radikalen Schulreform lautet, dass die Lehrpersonen dadurch noch mehr gezwungen würden, Schüler allein an ihren Kompetenzaufgaben herumpröbeln zu lassen  – „selbstgesteuerter“ oder „offener“ Unterricht heisst das dann. „Unwahrheit!“, heisst es dann wahrscheinlich vom Schulleiterverband, im Lehrplan stünde ausdrücklich etwas von Methodenfreiheit des Lehrers.

Doch erstens kann man das Vorantreiben „offener“ Unterrichtsformen im Lehrplan selbst zeigen. Zweitens heisst es in der Vernehmlassungsantwort des Lehrerverbands LCH: „Die ‚Methodenfreiheit‘ der Lehrpersonen wird stark relativiert.“ Und drittens wird es noch interessanter, wenn man den Artikel weiter liest, was an der Schulleitertagung gelaufen ist. Man habe das Führungsinstrument „Classroom Walkthrough“ kennengelernt: Der Schulleiter soll jeden Lehrer zehn- bis fünfzehnmal unangemeldet für ein paar Minuten im Unterricht besuchen. Schon wieder eine neue Kontrollform, die die Lehrpersonen in eine modernistische Richtung zwingen soll.

Interessant ist die Homepage des Referenten, der die Schulleiter dieses Führungsinstrument beigebracht hat. Dort findet man einen exemplarischen Bogen mit Aspekten, auf die die Schulleiter bei diesen Besuchen achten sollen. Einer von vier fragt, ob „offene“ Lernformen angewendet werden. Wohin die Bildungsbürokratie will, ist folglich klar! Also: Gibt es jetzt Methodenfreiheit oder nicht? Offensichtlich nicht. Leider müssen wir damit rechnen, dass berechtigte Kritik am Lehrplan 21 als Unwahrheit abgetan wird, weil die Befürworter keine guten Argumente haben. Zum Glück werden wir im Thurgau über dieses Schulreformwerk abstimmen können.

Eingestellt von Urs Kalberer

Lernen ist etwas anderes als aus dem Internet kopieren

von Georg Koch, Stettfurt

Regierungsrätin Knill und ihre Experten scheinen sich nicht so sicher zu sein, dass ihre Vorstellungen vom zukünftigen Unterrichten bei den Lehrern breite Zustimmung finden. Der mit tausenden von Kompetenzen völlig überladene LP21, der die einzelnen Fächer völlig verhackstückt und gleichzeitig überfrachtet, ist nicht praxistauglich.

Er verhindert ein systematisches, zusammenhängendes Erlernen der Grundfertigkeiten, die man als Staatsbürger und im Beruf braucht. Der LP21 überfordert viele Schüler, da er das eigenständige individuelle Lernen favorisiert.

Er verhindert damit seinen Verfassungsauftrag, die Ziele der Bildungsstufen bundesweit anzugleichen. Es sei denn, man versteht darunter völlig individuelle Lernstände als allgemeingültiges Ziel.

Aufgrund der Proteste aus der Lehrerschaft wird immer wieder betont, dass die Unterrichts- und Methodenfreiheit der Lehrpersonen auch in Zukunft gewahrt blieben. Diese Beruhigungspille schluckt jedoch kein Lehrer, der den LP21 wirklich gelesen hat und dann z.B. feststellt, dass sein Fach Geschichte im Konglomerat NMG (Natur  – Mensch  – Gesellschaft) untergeht.

Etwa Schweizer Geschichte soll erst ab der 7. Klasse in kürzester Zeit und in einem Wust von hochanspruchsvollen Fragen vermitteln werden. So sollen Schüler in der Pubertät „eine kurze historische Darstellung einer ausgewählten Region vom Beginn der Neuzeit bis heute verfassen“ können. Lernen ist jedoch etwas anderes als die „Kompetenz“, etwas aus dem Internet herauszukopieren.

Um die Lehrerschaft auf Kurs zu bringen, sollen nun die Schulleiter mittels „Classroom Walkthrough“ (Thurgauer Zeitung 4.9.2015) kontrollieren, ob die Lehrer fragwürdige „offene Lernformen“ verwenden und die Schüler genügend Zeit haben, „ihre Arbeiten in ihrem eigenen Tempo zu erledigen“.

So jedenfalls bringt es ihnen Ex-Lehrer Schwendener bei, der seine Kontrollgangmethode für 450 Sfr pro Person nun an die Thurgauer Schulleiter verkauft. Hauptsache es klingt amerikanisch und kommt von da…

Wir befinden uns in der direkdemokratischen, neutralen, bewaffneten Eidgenossenschaft. Wir schreiben das Jahr 2015.

In dieser Eidgenossenschaft gibt es vier Landessprachen, Englisch ist nicht dabei.

Diese für eidgenössische Zungen eher ungewohnte oder unaussprechliche Wortschöpfung "Classroom Walkthrough" ist nun der OFFIZIELLE Begriff der thurgauer Bildungsdirektion, der den Schulleitern die nötige Macht verleiht, etwaige unbotmässige Lehrer (die heute Lehrpersonen heissen) und wagen sollten, die Methodenfreiheit für sich in Anspruch zu nehmen, auf den rechten LP21-Weg zu steuern (zwingen).

Classroom-Walkthrough auf Deutsch: Spaziergang durchs Klassenzimmer. Dass sich im Lande Pestalozzis Pädagogen zwingen lassen, dass man ihnen mittels eines angelsächsischen neoliberalen Steuerungsinstruments ihr pädagogisches Selbstverständnis verbietet, nämlich als Person im Klassenzimmer mit allen Sinnen präsent zu sein und die Schüler mit Empathie anzuleiten und eine Klassengemeinschaft zu formen, ist mir unerklärlich.

Nun wird also geprüft, ob der Lehrer tatsächlich die Rolle des "Coach" oder des "Moderator" eingenommen hat. Unangemeldet, ohne anzuklopfen, ohne Gruss tritt der Schulleiter ins Klassenzimmer, macht sein "Walkthrough", macht seine "Look fors", ob die vorgeschriebenen "Offenen Lernformen" durchgeführt werden und gibt innert 24 Stunden sein "Feed-back". Schrecklich!

Quelle: Willy Wahl, Zürich

Drohnen – Tod aus der Luft

Die Zukunft des Krieges ZDF 27. 07. 2015 Mediathek
Wir können sie nicht sehen. Aber sie sehen uns, durchdringen mit blicklosen, niemals schlafenden Augen die Nacht, verfolgen jede Bewegung und töten aus der Distanz:

Drohnen. Sie sind die Zukunft des Krieges, der eigentlich keine Zukunft haben sollte. Vernetzt über ultraschnelle Satelliten- und Datenverbindungen umspannt schon heute ihr unsichtbares Netz die ganze Welt.

Kaum je erfuhr eine Waffe einen so steilen Aufstieg in der Militärtechnik wie die Kampfdrohne. Vergleichbar ist ihre Auswirkung auf die Art und Weise der Kriegsführung nur mit der Atombombe. In nur wenigen Jahren stieg die Zahl der Todesopfer in Afghanistan, Pakistan, Jemen und Somalia durch Drohnenangriffe geschätzt in die Tausende. Die Kampfdrohne und ihre Anforderungen an die globale Echtzeit-Datenkommunikation schufen die Notwendigkeit für ein ganz besonderes Datennetz: das Global Information Grid (GIG). Ein weltumspannendes militärisches Datennetz mit Bandbreiten, die in Gigabit pro Sekunde gemessen werden.

http://webstory.zdf.de/drohnen/

Ein spannendes Interview mit der Autorin von “Das Ende der Demokratie”

Sehr geehrte Senioraleserin, Sehr geehrter Senioraleser,
ich sah heute Abend bei BR-alpha mit grossem Interesse das Gespräch mit Frau Hofstetter. Sie versteht es brillant, das Phänomen "Künstliche Intelligenz" und die damit einhergehende Tragweite einer völlig neuen Steuerungs- und Manipulationstechnik des Menschen auf verständliche Weise darzustellen. Sehr hörens- und nachdenkenswert!
Willy Wahl

Yvonne Hofstetter ist Expertin für künstliche Intelligenz. Ihr erstes Buch "Sie wissen alles: Wie Big Data in unser Leben eindringt und warum wir um unsere Freiheit kämpfen müssen" (2014) wurde ein Bestseller, im September 2016 erschien "Das Ende der Demokratie. Wie die künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt".

"Dazu müsste man vielleicht zuerst einmal klären, was Digitalisierung überhaupt ist. Digitalisierung bedeutet nichts anderes, als dass wir unsere Welt in einen riesengroßen Computer umwandeln. Das bedeutet, dass wir heute im 21. Jahrhundert über alles Daten sammeln und diese Daten speichern, mit diesen Daten Analysen erstellen und Prognosen treffen, um steuernd und lenkend in das Leben, in die Natur, in den Menschen, in die Gesellschaft einzugreifen. Dazu muss man Messdaten erheben, also sehr große Datenmengen, Big Data genannt. Es macht aber einen Unterschied, ob man Messdaten von Menschen erhebt, ob man Menschen überwacht, ob man Verhaltens- und Lebensprofile von Menschen erstellt oder ob man beispielsweise in der Industrie Messdaten von Industrieanlagen erhebt, von Weichen, von Bahnschienen usw. Bahnschienen und Weichen haben keine Rechte, auch Häuser nicht, wie überhaupt Sachen keine Rechte haben. Menschen jedoch haben Rechte, haben Freiheitsrechte. Deswegen ist in diesem Bereich die Überwachung, die Verarbeitung von Daten, die Steuerung mittels erhobener Daten kritisch zu sehen, weil sie gegen Grundrechte verstößt."

Yvonne Hofstetter

Das Ende der Demokratie

Wie die künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt

Buch Ende Demokratie

Das Ende der Demokratie

Wird die künstliche Intelligenz Wirtschaft und Alltag in Zukunft dominieren und den Menschen tendenziell verdrängen? Werden intelligente Maschinen Politik machen? Yvonne Hofstetter sieht deutliche Anzeichen für diese Entwicklungen. Big Data speichert unser Verhalten, künstliche Intelligenzen analysieren unsere Absichten. Und weil sie uns kennen, können sie uns manipulieren, uns unmerklich bevormunden. Der Umbau der Gesellschaft in die Herrschaft der künstlichen Intelligenz ist in vollem Gange. Ob wir sie tatsächlich wollen, darüber haben wir niemals demokratisch abgestimmt. Drohen also Freiheit und Demokratie zwischen Politikversagen und Big Data zerrieben zu werden? Hofstetter warnt davor, Big Data einfach zu verteufeln, nur um dann doch weiterzumachen wie bisher. Anhand hochbrisanter Szenarien  – der Wahl einer rechtsradikalen Regierung, der Eurokrise und der Schließung europäischer Binnengrenzen  – zeigt sie, wie intelligente Maschinen selbstständig politische Herausforderungen berechnen und bewältigen würden.

Quelle:
http://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/sendungen/alpha-forum/yvonne-hofstetter-gespraech-100.html

House of Trump

Von Willy Wimmer
Jüchen, den 14. Januar 2017
Man möchte den Streithähnen in Washington zurufen, daß es reicht. An Bigotterie sind die Auseinandersetzungen, die sich nach dem, was die Amerikaner als "Wahl" zum Amt des Präsidenten bezeichnen, ohnehin nicht zu überbieten. Eigentlich liegt nach allen Beschwerden, die zu Recht über die deutschen Staatsmedien vorgebracht werden können, das zentrale Versäumnis diesmal darin, nicht in voller Länge und ausreichender deutscher Übersetzung die Anhörungen aus dem Kongreß über die Nominierung von künftigen Kabinettsmitgliedern im Fernsehen hier übertragen zu haben. Dann hätte sich jeder hier ein eigenes Urteil über die Fehlentwicklung der Vereinigten Staaten und des Westens ganz allgemein machen können.

So wird die Bewertung dessen, was dort zu hören war, wieder den interessengesteuerten Kommentatoren überlassen. Denen hat es der mögliche neue amerikanische Präsident Trump bei seiner sogenannten Pressekonferenz knüppeldick mit auf den Weg gegeben. Sie seien die Produzenten von "fake news" und die weltweite Zuhörerschaft wird ihm nicht nur bei dieser Bemerkung zugestimmt haben.

Er wird sich allerdings dann, wenn er am 20. Januar 2017 die angesetzte Inaugurationsveranstaltung auf der Balustrade am Kapitol erreicht und übersteht, bald einer in diesem Zusammenhang für uns alle entscheidenden Frage ausgesetzt sehen: Wird er einer amerikanischen Politik abschwören, die seit der Explosion des Kriegsschiffes "Maine" im Hafen von Havanna vor gut 130 Jahren über den Golf von Tonkin und den Yellow Cake des Präsidenten George W. Bush vor der Aggression gegen den Irak, Lüge und Betrug zum Instrument einer Welteroberungspolitik zu machen, die mit dem Ende des amerikanischen Bürgerkrieges ihren Anfang genommen hatte?

Gelegenheiten dafür gibt es genug, auch in einer Cyber-Welt. Niemand sollte vergessen, welche Rolle die CIA und andere amerikanische Dienste dabei gespielt haben, so etwas wie das Internet erst zu schaffen. Das macht man nur, um in der in den Vereinigten Staaten dominierenden Geisteshaltung der Manipulation Tür und Tor zu öffnen. Selbst wenn man sich dabei so angreifbar macht wie die Kandidatin Hillary Clinton.

Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt

Von Mikael Krogerus und Hannes Grassegger
Das Magazin N°48, 3. Dezember 2016
Der Psychologe Michal Kosinski hat eine Methode entwickelt, um Menschen anhand ihres Verhaltens auf Facebook minutiös zu analysieren. Und verhalf so Donald Trump mit zum Sieg.

Am 9. November gegen 8.30 Uhr erwacht Michal Kosinski in Zürich im Hotel Sunnehus. Der 34-jährige Forscher ist für einen Vortrag am Risikocenter der ETH angereist, zu einer Tagung über die Gefahren von Big Data und des sogenannten digitalen Umsturzes. Solche Vorträge hält Kosinski ständig, überall auf der Welt. Er ist ein führender Experte für Psychometrik, einen datengetriebenen Nebenzweig der Psychologie. Als er an diesem Morgen den Fernseher einschaltet, sieht er, dass die Bombe geplatzt ist: Entgegen den Hochrechnungen aller führenden Statistiker ist Donald J. Trump gewählt worden.

Lange betrachtet Kosinski Trumps Jubelfeier und die Wahlergebnisse der einzelnen Bundesstaaten. Er ahnt, dass das Ergebnis etwas mit seiner Forschung zu tun haben könnte. Dann atmet er tief durch und schaltet den Fernseher aus.

Am gleichen Tag versendet eine bis dahin kaum bekannte britische Firma mit Sitz in London eine Pressemitteilung: «Wir sind begeistert, dass unser revolutionärer Ansatz der datengetriebenen Kommunikation einen derart grundlegenden Beitrag zum Sieg für Donald Trump leistet», wird ein Alexander James Ashburner Nix zitiert. Nix ist Brite, 41 Jahre alt und CEO von Cambridge Analytica. Er tritt stets im Massanzug und mit Designerbrille auf, die leicht gewellten blonden Haare nach hinten gekämmt.

Quelle: Das Magazin
https://www.dasmagazin.ch/2016/12/03/ich-habe-nur-gezeigt-dass-es-die-bombe-gibt/

John Hattie zum Klassenunterricht

von Renate Caesar, Dipl.-Pädagogin und Gymnasiallehrerin
Der vom Lehrer geführte Klassenunterricht wird heute von den ‚Reformern‘ abgelehnt. Lehrer, die so unterrichten, werden gezwungen, ihre Unterrichtsmethoden in Richtung ‚Individualisierung‘ etc., zu ändern.

Die ‚Reform‘-Ideen, dass Schüler selbständig forschend, aufgabenbasiert, entdeckend, usw. lernen sollen und dass der Lehrer nur individualisierte Lerngelegenheiten für die einzelnen Schüler schaffen soll  – d.h. Materialien verschiedener Schwierigkeitsgerade, Computerprogramme zum Abarbeiten in einer sogenannten ‚Lernumgebung‘ oder ‚Lernlandschaft‘, die Ähnlichkeit mit einem Grossraumbüro hat, bereitstellen  – und sich ansonsten zurückhalten muss und nur minimal korrigierend intervenieren darf, sodass die Schüler ‘durch eigene Aktivität, durch Diskurs und Reflexion und Austausch von Einfällen mit anderen Lernenden Wissen erwerben und Bedeutung konstruieren sollen‘, sind laut Hattie dem sogenannten ‚Konstruktivismus‘ entlehnt und stehen den Ergebnissen seiner Analyse von 50.000 Studien fast diametral entgegen.

„The role of the constructivist teacher is claimed to be more of facilitation to provide opportunities for individual students to acquire knowledge and construct meaning through their own activities, and through discussion, reflection and sharing of ideas with other learners with minimal corrective intervention (…) These kinds of state- ments are almost directly opposite to the successful recipe for teaching and learning as will be developed in the following chapters.“)

(John Hattie: Visible Learning, p.26)

Das bedeutet im Klartext, dass unsere ‚Schulreformer‘ , die ‚Reform‘- Machwerke wie den Lehrplan 21 propagieren, etwas vorantreiben, was zumindest nach Aussagen dieses Forschers keinerlei Sinn macht; denn weder das individualisierte Lernen, noch die heterogene und/oder altersdurchmischte Lerngruppe (ADL), noch die Verwendung elektronischer Geräte haben gemäss seinen Ergebnissen einen positiven Einfluss auf die Lernleistung der Schüler (vgl. Visible Learning, Appendix A)

Kinder und Jugendliche stark für den Umgang mit Medien machen

Interview mit Uwe Buermann, pädagogisch-therapeutischer Medienberater*
ein Interview von Eliane Gautschi

Zeit-Fragen: Medien sind heute in unserem Lebensalltag überall präsent. Für viele Eltern stellt sich deshalb die Frage, wie ihre Kinder die nötige Medienkompetenz erwerben. Was braucht es dazu?

Uwe Buermann: Wir leben im Medienzeitalter. Das ist gut so, aber es ist eine Herausforderung. Um eins vorwegzunehmen: Wir müssen wegkommen von Debatten, die geführt werden zur Frage:«Ist das Internet gut oder schlecht, sind Smartphones gut oder schlecht?» So kommen wir nicht weiter. Es geht letztlich um die Frage: «Welche Fähigkeiten und Fertigkeiten muss ich als Nutzer mitbringen, damit ich die verschiedenen Geräte und Angebote sinnhaft nutzen kann?» Dass wir uns diese Frage stellen müssen, ist allgegenwärtig und auch die Probleme sind allgegenwärtig. Die ganze Problematik von Cybermobbing zum Beispiel macht deutlich, dass es nicht so einfach mit der Medienkompetenz ist, wie es uns Eltern, Lehrern und Erziehern lange Zeit suggeriert worden ist. Nach dem Motto: «Wir müssen die Kinder nur so früh wie möglich an die Medien heranführen und dann klappt es schon mit der Medienkompetenz von allein!» So ist es eben nicht.

Was erachten Sie als Voraussetzungen für einen kompetenten Umgang mit Medien?

Quelle: Louis-Philippe Beland und Richard Murphy. Ill Communication: Technology, Distraction & Student Performance. London School of Economics and Political Science. Centre for Economic Performance. London 2015
Übersetzung: Zeit-Fragen
http://www.zeit-fragen.ch/index.php?id=2163

Kindheitskiller auf dem Gabentisch

Politik und Industrie im Taumel der Kriegsspiele. 

Von SABINE SCHIFFER, 6. Dezember 2008:

Eltern und Pädagogen müssen heute ganz schön fit sein  – auch am PC  –, um nicht den Einflüsterungen der (Computer-)Industrie zu erliegen. Wirtschaft und Politik sind eine unheilige Allianz zur Propagierung von virtuellen Spielen eingegangen, die Kindern massiven Schaden zufügen. Die Weihnachtskampagne wirbt mit den üblichen Slogans von „Bildungschancen“ und „gemeinsamem Familienvergnügen“. Bewiesen ist nur das Gegenteil: Bildschirmmedien reduzieren die Erfahrungswelt der Kinder, fördern Vereinzelung und erschweren den Erwerb von Kompetenzen wie Sprechen, Lesen und Schreiben.

SEXTING: Mädchen stellen sich halbnackt ins Netz.

SEXTING: Mädchen stellen sich halbnackt ins Netz.

Trend aus den USA greift auch in der Region um sich  – Oldenburger Experte warnt vor Folgen

Fotos der unbekleideten Tochter in sozialen Netzwerken: Eltern sollten mit ihren Kindern darüber sprechen statt sie zu bestrafen, rät der Oldenburger Soziologie-Professor Thomas Alkemeyer.

Technischer Fortschritt und Demokratie

Überlegungen zu Diana Johnstone und Klaus Schwab
von Dr.-Ing. Christian Fischer
Der vom World Economic Forum ausgerufene „Great Reset“ wirft die Frage auf, wie man sich gegen technische Entwicklungen wehren kann, die große gesellschaftliche Veränderungen mit sich bringen würden. Kann oder will man sie vermeiden? Oder demokratischen Prozessen unterstellen? Das ist eine Menschheitsfrage, die sich durch die ganze Zivilisationsgeschichte zieht. Muss man in Abwandlung eines Loriot-Zitates (1) sagen: Technischer Fortschritt und Demokratie passen eben nicht zusammen?

Geschätzte Leserin, geschätzter Leser,
in überraschend kurzer Zeit wurde Diana Johnstone's Beitrag "Der grosse Vorwand... für eine Anti-Utopie" zu einem der meistgelesenen Texte auf unserem Portal. Nun erhalten wir dazu von einem Seniora-Leser einen Leserbrief, den wir hier als "Diskussionsbeitrag zu der Frage, wie die Gesellschaft zum Wohle aller gestaltet werden sollte" veröffentlichen. Weil eine breite Auseinandersetzung darüber so wichtig ist und sie in den Etablierten Medien kaum stattfindet, freuen wir uns über weitere Diskussionsbeiträge zu diesem Thema aus dem Kreise unserer Leserinnen und Leser.
Herzlich Margot und Willy Wahl

Diana Johnstone diskutiert in ihrem Artikel über den „Great Reset“ (2) die Frage, welche der neuen technisch-gesellschaftlichen Entwicklungen wir im Einzelnen haben wollen und fordert, das Volk müsse wieder (?) Macht darüber gewinnen, für welche Zwecke Kapital investiert wird; privates Kapital müsse ggf. sozialisiert werden, wenn es sich dagegen sperrt. Sie nennt das eine konservative Revolution. Was heißt das? Sollen die Investitionsentscheidungen, die auf den strategisch-operativen Führungsebenen von Google, Apple, Siemens, VW, Boeing oder gar Blackrock, Vanguard & Co. getroffen werden, in demokratische Abstimmungsprozesse „vors Volk“ gebracht werden?

Was heißt: Wirtschaft sozialisieren?

Klassisch meint man damit wohl: Industrie, Gewerbe, unternehmerisches Handeln verstaatlichen. Dazu gab es im 20. Jahrhundert einige Versuche, deren demokratische Legitimation allerdings nicht einmal in den Köpfen der dortigen Entscheidungseliten bestand. Soweit hier tatsächlich Staats- (bzw. Partei-) -funktionäre „unternehmerisch“ tätig waren, konnten die Ergebnisse kaum überzeugen. Ein kleines, aber repräsentatives Beispiel: die demokratisch legitimierte DDR-Auflösung hat über Nacht den Trabant durch den Golf ersetzt. Diese und viele ähnliche Bürgerentscheidungen waren auch demokratische Antworten auf den Staat als Wirtschaftsunternehmer. Zwar wird auch der Golf mit dem Staat als Teil-Aktionär produziert, aber Staat und Politik treffen hier keine unternehmerischen Entscheidungen. Unternehmerisches Staatshandeln und wirtschaftliche Prosperität waren selten gute Freunde, außer vielleicht kurzfristig nach Katastrophen zu Anschubfinanzierungen.

Das kommunistische, bzw. parteidiktatorische China ist kein Gegenbeispiel. Hier gibt es zwar erfolgreiches privates Unternehmertum. Die staatlichen Leitplanken entsprechen allerdings kaum demokratischen, bzw. sozialen Kriterien. Große Teile der Bevölkerung sind ohne eigene Mitsprache durch die flankierenden staatlichen Maßnahmen dem rücksichtslosen Gewinnstreben erfolgshungriger Unternehmer unterworfen. Soziale, zivilrechtliche und auch staatsrechtliche Schutzmaßnahmen sind in den meisten kapitalistischen Ländern weiter entwickelt als in China.

Sind genossenschaftliche Organisationsformen eine bessere Lösung? In einer Genossenschaft wird ein wirtschaftlicher, nicht primär ein finanzieller Zweck mit demokratischen Mitteln verfolgt; jeder Genosse hat für den verabredeten Zweck dasselbe Stimmrecht, unabhängig von seinem finanziellen Einsatz. Dieses demokratische Wirtschaftsmodell funktioniert gut an vielen Orten in der Welt für jeweils spezifische Ziele.

Aber ist auch ein VW-Konzern als Genossenschaft denkbar? Wer wären dabei die Genossen? Die Mitarbeiter? Die Kunden? Beliebige unternehmensferne Mitbürger? Würde das Unternehmen dann noch ähnlich funktionieren und „nur“ das Geld gerechter verteilt oder bessere Autos oder etwas ganz anderes gebaut werden?

Diese Fragen sind ernsthafte Überlegungen wert. Sie würden übrigens die Notwendigkeit einer Revolution mit Enteignungen einschließen. Allerdings ist nirgends eine Bürgerbewegung mit dem Ziel der Vergenossenschaftlichung von industriellen Großunternehmen zu erkennen. Dieses Fehlen ist auch eine demokratische Aussage.

Wir sollten doch noch einmal über eine soziale Marktwirtschaft nachdenken, bei der der Staat auch (!) von erfolgreichen Unternehmen angemessen Steuern eintreibt und auf diesem Weg eine Infrastruktur, nicht gewinnorientierte Grundleistungen und den Rechtsstaat finanziert.

Technik und Gesellschaft

Wie entsteht überhaupt technischer Fortschritt? Heute sind Abteilungen in großen Unternehmen, zum Teil auch in Hochschulen professionell für bewusst angestrebte Entwicklungsziele eingesetzt, oft leider auch mit Steuergeldern für militärische Zielsetzungen. Außerdem gab und gibt es immer auch Einzelne oder Kleingruppen von Erfindern, die aus eigener Kraft und mit Bankkrediten Neues schaffen, evtl. auch vermarkten und damit oft schon umwälzende Veränderungen initiiert haben.

In beiden Fällen beginnt die Entwicklung von technischen Neuerungen, die das Leben der Menschen und der Gesellschaft verändern, meist außerhalb demokratischer Entscheidungen. Öffentlich geförderte Forschung setzt zwar Ziele, kennt aber meist das Ergebnis nicht im Detail. Fast immer läuft die Demokratie dann hinter der einmal entstandenen Technik her, so wie in der Fabel der Hase hinter dem Igel herläuft, der immer schon am Ziel steht, weil er zu Mehreren unterwegs war.

Als Gottlieb Daimler und Carl Benz ihre ersten Autos bauten, haben sie niemanden gefragt, ob das gesellschaftlich gewünscht sei. Andere folgten nach und aus dem Luxusgegenstand ist ein Alltagsgegenstand geworden, der in wenigen Generation das gesellschaftliche Leben völlig verändert hat. Mit Steuergeldern wurden die Straßen gebaut, mit Gesetzen der Verkehr geregelt. Zuerst war die Erfindung, das Produkt da, dann die Nachfrage, was auch eine Art „demokratischer“ Entscheidung ist, und dann die staatlich-demokratischen Regelungen. Nachdem Auto und Nachfrage existierten, ließ sich die Entwicklung nicht mehr aufhalten, weder mit demokratischen noch mit undemokratischen Mitteln.

Bei vielen technischen Neuerungen, die uns heute selbstverständlich sind, konnte sich niemand das Ausmaß der gesellschaftlichen Veränderungen vorstellen bevor es stattgefunden hat. Das gilt für das elektrische Licht oder für Foto- und Filmapparate, für die Entwicklung des Gummis oder hochpolymerer Kunststoffe, für den Kühlschrank oder die Zentralheizung, für tausende Gegenstände bis hin zum Dynamit: Alfred Nobel stiftete immerhin einen Friedenspreis als er  – dank Berta von Suttner - verstand, was ihm gelungen war… Es ist nicht erkennbar, wie die bloße Existenz all der massiv gesellschaftsverändernden Produkte demokratisch hätte beschlossen werden können.

Erfindungen sind oft ambivalent: Bekanntlich kann man mit einem Messer sowohl seine Mahlzeit zu sich nehmen als auch einen Menschen töten. Diese Ambivalenz lässt sich zwar nicht auf alles, aber auf sehr vieles anwenden, sogar auf militärisch initiierte Entwicklungen: mit Kameras ausgerüstete Drohnen können auch zivile Menschleben retten oder Forschungsvorhaben unterstützen, sei es in der Archäologie, sei es in der Naturkunde.

Technik und Demokratie sind zwei Ebenen, die in der richtigen Stelle zusammenfinden müssen: wenn jemand Windräder zur Energieerzeugung entwickelt, ist das eine Sache. Ob eine Gesellschaft es erlaubt, ganze Landschaften mit diesen Türmen vollzustellen, eine andere: das eine ist individuelle Freiheit, das andere muss demokratischer Entscheidung unterliegen. Dies ist ein einfaches Beispiel.

Komplizierter ist es bei kleinen Produkten, die der individuellen Kaufentscheidung offenstehen. Da spielt sich die „demokratische“ Entscheidung hauptsächlich durch Angebot und individuelle Nachfrage ab. Taschenrechner oder Datenchip und vieles andere, was seit wenigen oder vielen Jahren unser Leben prägt: kann man sich Produktions- und Verkaufsverbote dafür vorstellen? Die Glühbirne wurde zwar verboten, aber erst als „besserer“(?) Ersatz dafür vorhanden war. Neue Techniken, die als „Industrie 4.0“ oder wie auch immer plakatiert werden, stehen Wahlen und Abstimmungen grundsätzlich nicht zur Verfügung. Demokratische Aktivität kann und muss ihre Nutzungs- und Einsatzbedingen, nicht ihre Existenz regeln.

Johnstones Beispiele zum Great Reset

Greifen wir die Beispiele von Diana Johnstone (2) auf, die sie im Zusammenhang mit dem „Great Reset“ benennt. Den „Great Reset“ des WEF charakterisiert sie als Propagandaprojekt einer mächtigen Lobby zur positiven Beeinflussung der Öffentlichkeit im Interesse dieser Unternehmen. Dann geht sie auf die aktuellen technischen Projekte konkret ein und fordert zur Auseinandersetzung damit auf.

Beispiel 1: Die Verbreitung von Telekonferenzen sei durch die Pandemie beschleunigt worden  – darin sieht sie Vorteile. Dem kann man sich anschließen.

Beispiel 2: Die Digitalisierung der Hochschulbildung, die während der Pandemie verstärkt werden musste, sieht sie kritischer und allenfalls als Ergänzung zur unverzichtbaren physischen Präsenz-Bildung. Auch dem kann man sich anschließen, muss aber ergänzen: für Schulen gilt noch mehr: je jünger die Schüler, desto unverzichtbarer die physische Beziehung. Hier muss und kann die öffentliche Hand entsprechende Regeln setzen und auf deren Einhaltung achten.

Beispiel 3: Im Gesundheitsbereich mit Big Tech und Wellness sieht sie die Gefahr, dass wir unser individuelles Leben als immense Datensammlung betrachten und uns nach der jeweils letzten Mode stylen statt natürliche Beziehungen zu pflegen. Auch dem kann man sich anschließen, muss aber ergänzen: Datensammlungen sind nicht nur Verführungen für das Individuum, sondern vor allem für die Anbieter und deren Geschäftspartner, die Menschen manipulieren wollen.

In China findet das bereits großräumig statt und die dortige Bevölkerung steht dem Datenschutz, wohl kulturhistorisch bedingt, relativ unkritisch gegenüber. Aber auch bei uns scheint nur eine Minderheit die damit verbundene Erosion ihrer Freiheit angemessen zu erkennen. Dagegen ist dringend und umfassend Aufklärung gefordert. Niemandem soll verboten werden, alle quantifizierbaren Daten über sich unter seine Haut auf einen Chip zu implantieren und diesen ständig zu aktualisieren; aber ebenso sicher darf davon keine einzige Funktion des zivilen Lebens abhängig gemacht werden.

Beispiel 5 (nachdem Johnstone ihr Beispiel 4 -Essen- selbst überspringt): Die Substitution menschlicher Arbeit z.B. durch Roboter beklagt Johnstone, was in ihren Beispielen sehr verständlich und nachvollziehbar ist. Trotzdem ist nicht zu leugnen, dass Arbeit seit Jahrhunderten immer wieder durch technische Entwicklungen ersetzt wurde  – oft gegen anfängliche kulturpessimistische Bedenken und trotzdem oft nicht zum Nachteil des menschlichen Lebens! Problematisch waren und sind dabei nicht die Techniken, sondern die meist zunächst damit verbundenen sozialen Ungerechtigkeiten.

Ein aufschlussreiches Standardwerk zur Technikgeschichte vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert hat Sigfried Giedion mit „Die Herrschaft der Mechanisierung“ bereits 1948 vorgelegt (3). Der Mechanisierung folgte die Elektrifizierung und inzwischen die Digitalisierung. Wir können heute nicht mehr entscheiden, ob wir Digitalisierung haben wollen. Wir müssen „nur noch“ eine „Herrschaft der Digitalisierung“ verhindern und stattdessen Herrschaft über die Digitalisierung gewinnen. Das beinhaltet zwei Aufgaben: soziale Härten vermeiden und die Einsatzbedingungen der Techniken konkret und detailliert regeln. Warum sollten wir nicht roboterartige Maschinen allerlei Drecksarbeit verrichten lassen, sie aber als Ersatz für menschliche Beziehungspflege, sei es in Altersheimen, sei es bei Telefondiensten, sei es anderswo, untersagen? Allein über die Existenz neuer Techniken zu klagen, hat wenig Sinn.

Beispiel 6: Das Militär und die dank neuer Techniken noch unmenschlicher werdende Kriegsführung sind Johnstones letztes Beispiel. Hier kann man sich ihrer Empörung, die sie in Form von Ironie zum Ausdruck bringt, nur anschließen. Aber die neuen technischen Möglichkeiten sind da nur  – schlimm genug - eine Oberfläche. Das zugrunde liegende Problem ist die Kriegsführung selbst, die so oder so von unserem demokratischen Friedenswillen gebändigt werden muss.

Unsere Aufgaben

Auf die politische Seite der in Klaus Schwabs Buch (4) angesprochenen technischen Entwicklungen geht Diana Johnstone nicht genauer ein. Deshalb wird hier ergänzt: die raumgreifenden Eigenschaften der digitalen Techniken werden von Schwab mit einem raumgreifenden politischen Anspruch verbunden. Einmal mehr werden der Nationalstaat als überholtes Modell dargestellt und die Europäische Union sowie weitergehend eine Global Governance als politische Systeme der Zukunft propagiert. Als müssten die gesellschaftlichen und politischen Zustände sich den grenzübergreifenden technischen Möglichkeiten anpassen. Müssen nicht vielmehr die technischen Möglichkeiten dem Gemeinwohl unterstellt werden? Das wäre Aufgabe demokratischen Handelns.

Wer die nicht an Grenzen gebundene Technik missbraucht, um Nationalstaatlichkeit anzugreifen, greift in Wahrheit die Demokratie an. Denn weder ist die EU historisch eine Demokratie oder will es überhaupt sein (5), noch ist erkennbar wie eine Global Governance als Demokratie funktionieren soll. Von den Verfechtern dieser Pläne wird nicht einmal der Versuch gemacht, ihre Absichten mit demokratischer Willensbildung und Entscheidungskompetenz in Verbindung zu bringen.

Leider haben heute schon viele Mitbürger dieser Sicht nichts oder wenig entgegenzusetzen, was auch Diana Johnstone beklagt. Viele neigen dazu, „alternativlose“ Ansagen dem demokratischen Diskurs vorzuziehen. Aus dieser Haltung heraus mag man sich früher einen „guten König“ gewünscht haben. Vor 100 Jahren hofften ähnlich Gläubige auf die allwissende kommunistische Partei, die als „Übergang“ zur klassenlosen Gesellschaft eine Diktatur des Proletariats errichten sollte. Und vor bald 50 Jahren forderten Einige (z. B. Rudolf Bahro) einen grünen Diktator zur Rettung der Welt; Sympathien in dieser Richtung sind auch heute bei Vielen nicht vergessen…

Solch elitäres Denken trifft sich politisch korrekt mit den Plänen des ebenso elitären World Economic Forum und positioniert sich gegen uneinsichtige Mitbürger. WEF & Co organisieren Kampagnen, um in vielen Städten und Ländern entsprechende Propaganda zu verbreiten (6). Das Fußvolk dieses Fortschritts gefällt sich als politischer Treibriemen in die demokratischen Institutionen hinein, um die Ziele der Global Player „von unten“ durchzusetzen  – oder auch nur die Akzeptanz dafür zu erhöhen; manche glauben dabei sogar an das Gute ihres Tuns, da es ja nun um die stakeholder, nicht mehr nur um die shareholder gehe und da sogar Frau von der Leyen den Green New Deal ausgerufen hat.

Dagegen brauchen wir Bürgergespräche außerhalb von interessengesteuerten NGO-Strukturen, Verständigung, Zuhören, Kompromisse schließen, bei denen nicht immer das vermeintlich „alternativlos Richtige“ Realität werden muss. Vor allem brauchen wir dezentrale, also demokratische Entscheidungsstrukturen. Das allein wäre schon ein Schritt dahin, grenzenlose Techniken zu beherrschen statt sich von deren zentral agierenden Maschinisten beherrschen zu lassen. Es gibt mehr als genug aktuelle Fragen demokratischzu klären, z.B.: Wie ist das Verhältnis von Home Office zur Büropräsenz zu regeln? wie das E-Learnig zur Unterrichtspräsenz, altersstufenspezifisch? Welche Entscheidungsfreiheiten sollen private Unternehmen für ihre internen Abläufe behalten und in welchem Maß dürfen staatliche Vorgaben die Gewerbefreiheit arbeitsschutzrechtlich einschränken? Welche persönlichen Daten wollen oder müssen wir unkontrolliert in den Äther schicken? Vor allem: Wie kann Bürgerwille politisch geltend gemacht werden?

Schon längst und unabhängig von neuen Techniken brauchen wir direktere Abstimmungsmöglichkeiten mit umfassenderen Kompetenzen - im Rahmen unserer demokratischen Institutionen, die wir nutzen und in diesem Sinne verbessern müssen statt sie an ferne Clouds oder nach Brüssel oder Washington DC abzugeben oder sie als „Diktatur“ zu missachten, wie einige gedankenfaule und geschichtsblinde Zeitgenossen das tun. Wie schützen wir uns lokal, regional, national vor den Entscheidungen von supranationalen Ebenen, seien es ferne Institutionen oder seien es die von elitären Lobbys geführten allgegenwärtigen NGOs?

Um die anstehenden Aufgaben im Sinne der Demokratie zu bewältigen - oder überhaupt nur zu erkennen(!), muss vor allem eine breite Volksbildung wiederaufgebaut werden. Manche sehen es schon als einen Teil der Global Governance, dass das öffentliche Bildungswesen verschlechtert wurde und wird. Ein wichtiger Schritt zur demokratischen Willensbildung und Entscheidungsfindung ist die Rekonstruktion der öffentlichen Schulen und Hochschulen  – als Bildungsanstalten! Dabei müssen nicht nur ethisch fundierte Geschichts- und Menschenkenntnis im Mittelpunkt stehen, sondern auch Naturwissenschaften und Technik umfassend darin eingebunden werden. Nur auf dieser Basis wird es möglich sein, nicht von „der Technik“, bzw. einer dahinterstehenden steuernden „Elite“ abhängig zu bleiben, sondern sich über alte wie neue Techniken demokratisch zu verständigen und sie menschengerecht zu nutzen.

Fußnoten
  1. „Männer und Frauen passen eben nicht zusammen.“
  2. Diana Johnstone in: https://www.seniora.org/wunsch-nach-frieden/demokratie/der-grosse-vorwand-fuer-eine-anti-utopie
  3. Sigfried Giedion: Die Herrschaft der Mechanisierung, Frankfurt 1982
  4. Klaus Schwab, Thierry Malleret: Covid 19: Der große Umbruch, Amazon 2020
  5. Hannes Hofbauer: Europa  – ein Nachruf, Wien 2020
  6. https://norberthaering.de/buchtipps/rezension-covid-19-the-great-reset-klaus-schwab/

Was ist der deutsche Beitrag zur «Wertegemeinschaft»?

Karl-Jürgen Müller
Die «Nachdenkseiten», eine Internetseite, die schon viele Jahre vom ehemaligen Kanzlerberater Willy Brandts, Albrecht Müller, betrieben wird, sind einer der Lichtblicke in der deutschsprachigen Medienlandschaft. Sie gehörten auch zu den wenigen, die nach der Eröffnungsrede der deutschen Kanzlerin Angela Merkel bei der Messe Gamescom in Köln nicht einfach zur Tagesordnung übergegangen sind, sondern kritische Fragen gestellt haben. Dort ist zu lesen:

«Videospiele verdienen als Kulturgut mehr Bedeutung, meint unsere Bundeskanzlerin. Sie macht sich offensichtlich keine Gedanken über den Geist, der unter uns herrscht und herrschen sollte. Und Skepsis gegenüber der Dauernutzung von Computerspielen hält sie wohl für eine Art von Kulturpessimismus. In ihrer Rede geht sie auch auf Gewaltspiele ein. Aber ihre Aussagen lassen erkennen, dass sie die Folgen dieses Teils des ‹Kulturgutes› Videospiel zwar als Stigma betrachtet, aber letztlich nicht ernst nimmt. Das kann etwas damit zu tun haben, dass in ihrem Wertesystem und in ihrer geistigen Ausrichtung die Erziehung zum Frieden und das Einüben friedlichen Verhaltens keine besondere Priorität hat […].»

Quelle: nachdenkseiten.de
http://www.nachdenkseiten.de/wp-print.php?p=39764

Wissenschaft auf Kriegskurs

Wissenschaft auf Kriegskurs

Wissenschaft hat dem Schutz, nicht der Vernichtung von Leben zu dienen

von Dr. Rudolf Hänsel

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