Seniora.org - Afghanistan

„Trauerspiel Afghanistan“: Zweiter Akt

Der Wertewesten führt seinen terroristischen Kolonialkrieg weiter. Mit anderen Mitteln.
Von Friedhelm Klinkhammer und Volker Bräutigam
Ist es Ihnen auch aufgefallen? Die Bundeswehr stellte in Afghanistan 20 Jahre lang eine Besatzertruppe von durchschnittlich 2500 Soldaten (Höchststand vor zehn Jahren: 5433 Soldaten; im März 2021 waren es noch knapp 1100). (1) Doch jetzt müssen, laut Außenminister Maas und Tagesschau, „mehr als 40 000 afghanische Ortskräfte der Bundeswehr“ (2) aus ihrem Heimatland heraus- und in Deutschland in Sicherheit gebracht werden. Pro Bundeswehrsoldat circa 17 Hiwis. Die ARD-aktuell-Hofberichterstatter fanden das keiner Nachfrage wert.  –

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Bei dem Bombenattentat am Flughafen Kabul „haben Terroristen des ‚Islamischen Staates‘ zahlreiche Afghaninnen und Afghanen sowie 13 US-Soldaten getötet“. (3) Wie viele Tote das „zahlreich“ bedeutet, bezifferte die Tagesschau nicht mal überschlägig. Dass darunter auch Menschen waren, die im Kugelhagel durchgeknallter US-Soldaten starben, verschwieg sie gleich ganz. Die GIs hatten nach der Explosion wahllos in die Menschenmenge geballert. (4)

823 Flüchtlinge in einem Flugzeug …

Dieses Bild muss man sich übers Bett hängen. Es zeigt, was möglich ist, wenn Not am Mann ist. Man muss nur wollen.
Christian Müller / 23.08.2021 - Infosperber

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823 Flüchtlinge, darunter 183 Kinder, sitzen hier im Innern einer C-17 Globemaster III
der United States Air Force, die am 15. August 2021 vom Hamid Karzai
International Airport von Kabul abgehoben hat  – ein neuer Rekord, wie das
«Air Mobility Command» stolz mitteilt. © Air Mobility Command

Dass jetzt Tausende von Flüchtlingen aus Afghanistan ausgeflogen werden müssen, haben die USA im Rahmen ihres NATO-Einsatzes im zwanzigjährigen Krieg in Afghanistan selber verursacht. Wie schön wäre es doch, wenn diese Transport-Kapazitäten auch dort eingesetzt würden, wo Menschen aus anderen Gründen in Not sind, zum Beispiel zum Transport von Lebensmitteln in Hunger-Gebiete!

Es fehlt nicht am Geld und es fehlt nicht an den technischen Möglichkeiten. Vom Flugzeug-Typ C-17 Globemaster III zum Beispiel gibt es  – in verschiedenen Armeen  – zusammen 276 Exemplare. Es fehlt nur am Willen, statt Krieg Frieden zu machen. Wo ist zum Beispiel die Friedensbewegung in Deutschland geblieben?

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Christian Müller © aw

Quelle: https://www.infosperber.ch/gesundheit/ernaehrung/823-fluechtlinge-in-einem-flugzeug/

Afghanistan: Chance für eine neue Epoche!

Interview mit Helga Zepp-Larouge
Helga Zepp-LaRouche und Stephan Ossenkopp diskutieren aus aktuellem Anlaß die Maßnahmen, die ergriffen werden müssen, um Frieden in Afghanistan und ein weltweites neues Paradigma für Aufbau und Entwicklung zu schaffen.

Dazu fanden gerade zwei wichtige internationale Konferenzen statt: Afghanistan nach der gescheiterten Regimewechsel-Ära: Ein Wendepunkt in der Geschichte, Internetkonferenz, 31. Juli 2021: https://schillerinstitute.com/de/konf...

Sind Sie endlich bereit, etwas über Wirtschaft zu lernen? Zum 50. Jahrestag von LaRouches visionärer Vorhersage vom 15. August 1971: https://www.larouchelegacyfoundation....

Für kommende internationale Konferenzen: https://schillerinstitute.com/ Helga Zepp-LaRouche - Afghanistan am Scheideweg: „Totenacker für Imperien“ oder Beginn einer neuen Ära?: https://bueso.de/afghanistan-scheidew...

Das Trauerspiel von Afghanistan 1859

Theodor Fontane

Der Schnee leis‘ stäubend vom Himmel fällt,
Ein Reiter vor Dschellalabad hält,
»Wer da!«  – »Ein britischer Reitersmann,
Bringe Botschaft aus Afghanistan.«

Afghanistan! Er sprach es so matt;
Es umdrängt den Reiter die halbe Stadt,
Sir Robert Sale, der Kommandant,
Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.

Sie führen ins steinerne Wachthaus ihn,
Sie setzen ihn nieder an den Kamin,
Wie wärmt ihn das Feuer, wie labt ihn das Licht,
Er atmet hoch auf und dankt und spricht:

»Wir waren dreizehntausend Mann,
Von Kabul unser Zug begann,
Soldaten, Führer, Weib und Kind,
Erstarrt, erschlagen, verraten sind.

Zersprengt ist unser ganzes Heer,
Was lebt, irrt draußen in Nacht umher,
Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt,
Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt.«

Sir Robert stieg auf den Festungswall,
Offiziere, Soldaten folgten ihm all‘,
Sir Robert sprach: »Der Schnee fällt dicht,
Die uns suchen, sie können uns finden nicht.

Sie irren wie Blinde und sind uns so nah,
So laßt sie’s hören, daß wir da,
Stimmt an ein Lied von Heimat und Haus,
Trompeter blast in die Nacht hinaus!«

Da huben sie an und sie wurden’s nicht müd‘,
Durch die Nacht hin klang es Lied um Lied,
Erst englische Lieder mit fröhlichem Klang,
Dann Hochlandslieder wie Klagegesang.

Sie bliesen die Nacht und über den Tag,
Laut, wie nur die Liebe rufen mag,
Sie bliesen  – es kam die zweite Nacht,
Umsonst, daß ihr ruft, umsonst, daß ihr wacht.

»Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan.«

Viel weniger bekannt als Fontanes Ballade ist Nina Hagens Vertonung derselben, hier das Live-Video (2001) auf Youtube, eine Entdeckung die ich der lange in Kabul tätigen Germanistin Susan Zerwinski verdanke.

Quelle: https://thruttig.wordpress.com/2019/04/10/zum-fontane-jahr-nur-einer-kam-heim-aus-afghanistan/

Demokratie unter Beschuss: Donald Trump und der apokalyptische Populismus

von Wendy Brown
Am 28. Juni 2017 hielt die US-amerikanische Politikwissenschaftlerin Wendy Brown die diesjährige Democracy Lecture der »Blätter«  – nach Thomas Piketty (»Blätter«, 12/2014), Naomi Klein (»Blätter«, 5/2015) und Paul Mason (»Blätter«, 5/2016). Vor rund 900 Zuhörern im »Haus der Kulturen der Welt« analysierte sie den Triumph des Trumpschen Autoritarismus als das Ergebnis einer populistischen Revolte »entthronter weißer Männer«.

Sie sagt u.a.:

«Beschuldigen nun all diese weißen Trump-Wähler Minderheiten und Migranten für ihre eigene empfundene Erniedrigung oder den Niedergang des Landes? Nein. Allerdings machte es ihnen die Trump-Kampagne allzu leicht, eine Verdrängung der eigentlichen Ursachen ihrer Lage vorzunehmen  – ganz im Sinne von Nietzsches Überlegungen zum Ressentiment oder jenen Freuds zur narzisstischen Kränkung. Sie verlangen geradezu nach einem beliebigen Objekt, auf das die eigene Erniedrigung und das eigene Leid projiziert werden können.»

Oder an anderer Stelle:

«Ich beginne mit den „ängstlichen Autoritären“. Wer von autoritärer Herrschaft angezogen wird  – das zeigen sozialwissenschaftliche Studien  – verspürt tiefere Ängste als der Rest der Wählerschaft. Die Autoritären fürchten insbesondere die Unordnung und die Veränderungen, die etwa vom Feminismus, von queeren Menschen oder vom Multikulturalismus ausgelöst werden, aber auch von technologischen Entwicklungen, vom Finanzsektor und von der Globalisierung. Aber sie fürchten auch Fremdartigkeit und Bedrohungen, etwa in Gestalt des sogenannten Islamischen Staates oder von Migranten.

https://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2017/august/demokratie-unter-beschuss-donald-trump-und-der-apokalyptische-populism

Der ewige Tod aus Amerika – Afghan-American Interviews

Der ewige Tod aus Amerika  – Afghan-American Interviews

von Mohammed Daud Miraki, MA, MA, PhD, Freier afghanisch amerikanischer Wissenschaftler  – Dezember 2002

„Hätten sie uns auf einmal umgebracht, wäre es nicht so schlimm. Aber die Amerikaner haben nicht nur uns heute Lebenden, sondern auch alle kommenden Generationen unseres Volkes, unseren Kindern und Kindeskindern, das von Gott gegebene Menschenrecht genommen: das Recht auf Leben. Sie töten uns auf alle Ewigkeiten hinaus.“

Die Schande des Westens

Rede auf der Friedensdemonstration in München am 1. September 2021
von Jürgen Rose*

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Jürgen Rose (Bild zvg)

Sehr geehrte Versammelte, liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde!

Vorgestern durfte die Welt erleben, dass endlich der letzte westliche Besatzungssoldat Afghanistan verlassen hat  – fluchtartig fast genau zwanzig Jahre, nachdem das US-amerikanische Imperium der Barbarei nebst dessen in Treue fest ergebenen Nato-Vasallen einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen das Land am Hindukusch und seine Menschen entfesselt hatten. Diesem Menschen- und Völkerrechtsverbrechen fielen in den letzten zwanzig Jahren Abertausende afghanischer Männer, Frauen, Kinder und Alte zum Opfer  – ermordet, verstümmelt, vergewaltigt, gefoltert  – und dies vielfach gerade auch durch diejenigen, die von vermeintlich zivilisierten, demokratischen Nationen entsandt worden waren mit dem Auftrag, Afghanistan Menschenrechte, Demokratie, Freiheit und Wohlstand zu bringen.

Gegen den Angriffskrieg und für den «Staatsbürger in Uniform»

Jürgen Rose plädiert für die Achtung des Rechts in der deutschen Aussen- und Verteidigungspolitik

von Karl Müller

Als ein Oberst der deutschen Bundeswehr in Afghanistan Anfang September letzten Jahres alles daran setzte, um zwei entführte Tank­lastwagen und vor allem die Menschen um diese Lastwagen herum von einem US-amerikanischen Kriegsflugzeug bombardieren zu lassen, war dies kein tragischer Ausrutscher einer sonst um rechtlich einwandfreies Verhalten bemühten Armee im Auslandeinsatz. Eher war es die Spitze eines Eisbergs, den man als schrittweise Aushöhlung der Achtung vor dem Recht in der deutschen Aussen- und Verteidigungspolitik bezeichnen muss.

Gemeinwohl oder Staatsraison?

Gedanken zum Frieden im Globalzeitalter
von Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hans Köchler*
Ich beginne meine Ausführungen mit einem Caveat: Immer dann, wenn das Gemeinwohl  – im Sinne der «hehren Ziele der Menschheit»  – in Situationen beschworen wird, in denen es um realpolitische Interessendurchsetzung  – die so oft bemühte Staatsraison  – geht, ist Vorsicht geboten. Dies lehrt uns die Geschichte bereits seit den Zeiten von Alexander dem Grossen.

Hans Koechler
Hans Köchler (Bild hanskoechler.com)

Tarnung von Machtpolitik unter dem Deckmantel von «Gemeinwohl»

Für die Zwecke unserer Analyse verweise ich auf zwei Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit: Reden, die zwei Präsidenten der Vereinigten Staaten  – Vater und Sohn  – vor drei bzw. zwei Jahrzehnten gehalten haben. Im Golf-Krieg 1991 verkündete Präsident Bush senior mit grossem Pathos eine «Neue Weltordnung», in der sich unterschiedliche Staaten und Völker im gemeinsamen Anliegen («common cause») zusammenfinden sollten, das allumfassende Streben der Menschheit nach Frieden, Sicherheit und Freiheit auf Dauer zu verwirklichen (State of the Union Message vom 29. Januar 1991). Ein Jahrzehnt später sprach Präsident Bush junior vom Kampf der ganzen Welt  – der «Zivilisation» schlechthin  – um Fortschritt, Pluralismus, Toleranz und Freiheit (Address to the Nation vom 20. September 2001).

GroKo-Imperialismus

Ein Vertrag zur Ausweitung der Kampfzone
Autor: U. Gellermann - 08. Februar 2018
Viele Tage des Brütens machen aus einem faulen Ei keinen strahlend schönen Schwan. Auch wenn die Mütter und Väter des GroKo-Vertrages sich jetzt aufplustern, auch wenn sie ihr unansehnliches Entlein jetzt als garantiert echten Schwan verkaufen wollen. Der Vertrag klingt an vielen Stellen so, als sei er mit dem Schellenbaum der Bundeswehrkapelle geschrieben worden: Klirrend vor lauter "Sicherheit", was immer nur das Stichwort für mehr Unsicherheit durch mehr Rüstung bedeutet.

Falls naive Leute angenommen hatten, es gäbe ein neues, kluges Wort zu Afghanistan  – zu jenem immer währenden Test-Gelände für das zähe militärische Scheitern des neudeutschen Imperialismus auf dem Weg zur Weltmacht im Schlepptau der USA  – der irrt: Zwei Mal kommt das Wort Afghanistan im GroKo-Papier vor. Und in beiden Fällen ist das altdeutsche "immer feste druff" durch das neudeutsche "weiter so" ersetzt: "Wir sind überzeugt, dass Afghanistan weiter unterstützt werden muss", schreiben Merkel, Schulz & Co und auch: "In Afghanistan wollen wir . . . unverändert . . . fortsetzen." Aber auch: ". . . Zahl der eingesetzten Soldatinnen und Soldaten zum Schutz der Ausbilder erhöhen." Kein Zeitplan für ein Ende des deutschen Exportkriegs. Kein Warum oder Wohin. Nebenbei lesen wir vom fernen Land Mali. Und natürlich will die deutsche Export-Import-Armee dort bleiben: "Mission MINUSMA in Mali wird fortgesetzt".

Den gewöhnlichen Kommentatoren des Schulz-Wortbruchs  – nie wollte er doch ein Amt in einer Regierung Merkel, jetzt wird er Außenminister  – erfährt man, Schulz sei für den Außen-Job bestens geeignet, weil er doch schon so lange EU-Diäten bezogen habe. Und dann liest man jene Stellen im GroKo-Vertrag, die sich auf die EU beziehen und erbleicht. Die Vertragspartner wünschen sich sehnlichst ein "angemessen ausgestattetes Hauptquartier der EU zur Führung der zivilen und militärischen Missionen". Und sie wollen, dass die "Planungsprozesse innerhalb der EU effizienter abgestimmt und mit denen der NATO harmonisiert werden". Das wird die Eingeborenen aber freuen, wenn sie künftig missioniert werden.

Quelle: Rationalgalerie
http://www.rationalgalerie.de/home/groko-imperialismus.html

Heute gibt alles Thierry Meyssan Recht

»Heute gibt alles Thierry Meyssan Recht« wäre (liebe Lehrerinnen und Lehrer...!) eine Lektion im Geschichtsunterricht wert
Thierry Meyssan Réseau Voltaire International
Am Tag der Attentate hat der Immobilienentwickler Donald Trump auf dem New Yorker TV-Kanal 9 die offizielle Version des Einsturzes der Türme als "Lüge" bezeichnet. Später engagierte er sich in der Politik und wurde Präsident der Vereinigten Staaten. Zusammen mit seinem Freund General Michael T. Flynn hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, Licht in den 11. September zu bringen. Er hat die öffentliche Meinung der USA gespalten, aber sein Ziel überhaupt nicht erreicht.

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Geschätzte Leserin, geschätzter Leser,
Unser Webmaster und Freund Christian Hostettler hat zum wichtigen Text von Thierry Meyssan, der tatsächlich in die Geschichtsstunden der Schulen und Hochschulen gehört, einen Hinweis geschrieben, den wir Ihnen hier gerne zur Kenntnis bringen.
Herzlich Margot und Willy Wahl

Hinweis »Heute gibt alles Thierry Meyssan Recht«:

Wie lässt sich unabhängiger Journalismus von Lobby-, Konzernjournalismus und Hofpresse unterscheiden?  – Welchen Stimmen darf und sollte ich zuhören, welchen weniger?  – Eine Möglichkeit, seine Medienkompetenz zu stärken, ist der kritische Rückblick:

  • Welche Kritiker und Mahner bekamen später recht, wer scheint damals mehr gewusst zu haben als andere?
  • Was sagen uns diese Stimmen heute und von wem werden sie dabei weiter bekämpft?  –

Im konkreten Fall:

Sollen wir 2021 der BBC vertrauen, welche beispielsweise 2001 zu früh den Einsturz des Salomon Brothers Hochhauses (WTC 7) vermeldete oder einem mutigen Journalisten (und ausgewiesenen Kenner der arabischen Welt), der damals die Ereignisse früh kritisch beleuchtete und eine Debatte anstiess, die bis heute andauert?

Thierry Meyssan brachte bereits kurz nach den Anschlägen von 2001 sein Buch »11. September 2001. Der inszenierte Terrorismus. Auftakt zum Weltenbrand?« (Editio de Facto, Kassel 2002), heraus. Zahlreiche weitere Publikationen zum Thema folgten. Seine Voraussagen sind heute Geschichte, aller Schimpf und Schande aus den Redaktionen der NATO Pressehäuser ARD/ZDF, Süddeutsche, Zeit u.a. zum Trotz.

Lassen wir uns von dem etwas antiquierten Erscheinungsbild seines Blogs »Réseaux Volitaire« (www.voltairenet.org) ebensowenig beirren wie von der Qualität der deutschen Übersetzung seiner Texte: Angesichts der Wichtigkeit Meyssans Themen und der Gründlichkeit seiner Analysen sind diese Nebensächlichkeiten bestenfalls Zeichen für den bedenklichen Zustand einer Presse, wo hochkarätige Journalisten wie Meyssan in den »Öffentlich-Rechtlichen« praktisch nicht mehr zu finden sind und Wikipedia auch in seinem Fall von einem Verschörungstheoretiker zu berichten weiss (aber wie wir wissen ist dies ein Grund mehr, hinzuhören!).

»Heute gibt alles Thierry Meyssan Recht« wäre (liebe Lehrerinnen und Lehrer...!) eine Lektion im Geschichtsunterricht wert, mit der Fragestellung: Wie wird sich wohl der Rückblick auf die Jahre rund um den »Event201« und die Corona Krise einst gestalten? Werden wir Menschen die kommenden 19 Jahre besser zu nutzen verstehen als die vergangenen zwanzig nach dem Attentat vom Herbst 2001?  – Haben wir dazugelernt um endlich zuzugeben, dass der Täter uns nahesteht?

Christian Hostettler

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(Réseau Voltaire International )

Heute gibt alles Thierry Meyssan Recht

Ende 2001 veröffentlichte ich eine Reihe von Artikeln über die Attentate vom 11. September 2001 und dann ein Buch im März 2002 [1]. Es wurde in 18 Sprachen übersetzt und eröffnete eine weltweite Debatte, die die Wahrhaftigkeit der offiziellen US-Narrative in Frage stellte. Die internationale Presse weigerte sich jedoch, meine Argumente zu diskutieren, und startete eine Kampagne, die mich des "Amateurismus" [2], der "Verschwörungstheorie" [3] und des "Negationismus" [4] bezichtigte.

Heute gilt es, der faschistischen Gesinnung keinen Millimeter nachzugeben

von Karl-Jürgen Müller
In Adolf Hitlers «Mein Kampf» ist zu lesen:

«Die Psyche der breiten Masse ist nicht empfänglich für alles Halbe und Schwache.» Die Masse liebe «mehr den Herrscher als den Bittenden und fühlt sich im Innern mehr befriedigt durch eine Lehre, die keine andere neben sich duldet, als durch die Genehmigung liberaler Freiheit; sie weiss mit ihr auch meist nur wenig anzufangen und fühlt sich sogar leicht verlassen. […] So sieht sie nur die rücksichtslose Kraft und Brutalität ihrer zielbewussten Äusserungen, der sie sich endlich immer beugt.»

Karl-Jürgen Müller ist Lehrer in Deutschland. Er unterrichtet die Fächer Deutsch, Geschichte und Gemeinschaftskunde.

In Treue fest: NATO-Mitglied Tagesschau

Die USA ziehen in Afghanistan den Schwanz ein, aber ARD-aktuell vermeidet den Begriff „verdiente Niederlage“
Von Friedhelm Klinkhammer und Volker Bräutigam
Die Tagesschau übertrug seine Lüge im O-Ton: „Um zu verdeutlichen, worum es wirklich geht, habe ich davon gesprochen, dass unsere Sicherheit auch am Hindukusch verteidigt wird. Deutschland ist sicherer, wenn wir zusammen mit Verbündeten und Partnern den internationalen Terrorismus dort bekämpfen, wo er zu Hause ist, auch mit militärischen Mitteln“, behauptete der damalige Verteidigungsminister Peter Struck, SPD, am 20. Dezember 2002 im Bundestag. (1) Jetzt verkündet seine fünfte Nachfolgerin im Amt, Annegret Kramp-Karrenbauer, CDU: „Wir haben immer gesagt, wir gehen gemeinsam rein, wir gehen gemeinsam raus". (2) Na fein. Beide Zitate sind in jeder Hinsicht epochal: In ihrer mörderischen Dreistigkeit ebenso wie in ihrer niederträchtigen Verlogenheit. Von der Dummheit soll hier erst später die Rede sein.

Kinder als unbeweinte Opfer der Kriegsverbrechen Bushs

von Michael Haas

Die Folter hat unter den vielen Kriegsverbrechen der Bush-Administration das größte Aufsehen erregt. Aber diejenigen, die Bushs "Krieg gegen den Terror" unterstützen, haben die Foltervorwürfe nicht beeindruckt. Noch schlimmer als die Folterungen sind die Morde an mindestens 50 Gefangenen in Abu Ghraib, Afghanistan, und in Guantánamo; aber auch diese illegale Todesstrafe ohne Gerichtsurteil für angebliche Terroristen hat die Hartherzigen kalt gelassen.

Wenn aber Kinder misshandelt werden, ist es schwieriger, das zu akzeptieren. Das bestgehütete Geheimnis unter allen Kriegsverbrechen Bushs ist die Tatsache, dass er Tausende von Kindern einsperren und foltern ließ und ihnen Rechte vorenthalten hat, die ihnen nach den Genfer Konventionen und verwandten internationalen Abkommen zugestanden hätten. Sowohl der Kongress als auch die Medien haben es seltsamerweise versäumt, das Einsperren von Kindern als Kriegsverbrechen zu brandmarken.

In der islamischen Welt werden diese Untaten aber nicht totgeschwiegen.

Offener Brief an Oberst Thorsten Poschwatta

Warnung Willy Wahls (2007) an den Oberst des Tornadogeschwaders Immelmann über die Gefahr, ein Kriegsverbrechen in Afghanistan zu begehen.
Willy Wahl, 13. März 2007

Oberst Thorsten Poschwatta
Aufklärungsgeschwader 51 Immelmann
Kai-Uwe-von-Hassel-Kaserne
Bennebecker Chaussee
24848 Kropp

Zürich, 13. März 2007

Bitte um Aufklärung aller Piloten sowie der Mannschaft, die für den Einsatz in Afghanistan vorgesehen sind über die rechtliche Tragweite dieses Einsatzes.: Die Piloten müssen wissen, dass sie sich auf dem Weg zum Internationalen Gerichtshof in Den Haag befinden, wenn sie dem Befehl Folge leisten! Und sie sollen wissen, dass sie den Befehl verweigern können, analog dem Vorbild von Major Florian Pfaff.

Sehr geehrter Herr Poschwatta,

in tiefer Sorge um das weitere Wohlergehen der Piloten, die für den geplanten Einsatz in Afghanistan vorgesehen sind, bitte ich Sie, allen Beteiligten den beigelegten Artikel zur Kenntnis zu bringen zusammen mit einer Kopie meines Briefes an Sie. Mir liegt sehr daran, dass jeder der jetzt als Tornadopilot oder Teammitglied nach Afghanistan geschickt wird, sich genau über die Rechtslage in Kenntnis gesetzt hat und weiss, dass dieser Einsatzbefehl weder vom Grundgesetz noch vom Völkerrecht gedeckt ist.

Der Abgeordnete Dr. Willy Wimmer hat bereits vor Wochen erklärt, dass

„die Tornado-Piloten, die nach dem Willen der Bundesregierung nach Afghanistan gehen sollen, damit auf dem Weg zum Internationalen Strafgerichtshof nach Den Haag sind“.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Zivilgesellschaft ein Kriegsverbrechertribunal einrichten wird, um alle Verantwortlichen für die völkerrechtwidrigen Kriege der letzten Jahre und die Verantwortlichen für die Verstösse gegen das Grundgesetz zur Rechenschaft zu ziehen.

Bitte um Aufklärung auch der Ehefrauen der Piloten

Darüberhinaus bitte ich Sie, sehr geehrter Herr Oberst Poschwatta, auch die Ehefrauen der Piloten über die juristische Brisanz des Einsatzes ihrer Männer in Kenntnis zu setzen und auf die Möglichkeit hinzuweisen, dass ihre Männer den Befehl verweigern können, ja geradezu verweigern müssen. Siehe dazu was das  Bundesverwaltungsgericht befindet:

"Die Streitkräfte sind als Teil der vollziehenden Gewalt ausnahmslos an 'Recht und Gesetz' gebunden"

Die Causa Florian Pfaff wird Ihnen bekannt sein:

(Der 2. Wehrdienstsenat des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig hat den Soldaten freigesprochen, weil dem Soldaten ein Dienstvergehen nicht nachzuweisen war. Ein Verstoß gegen die Gehorsamspflicht (§ 11 Abs. 1 Soldatengesetz) liege nicht vor. Der Senat hat entschieden, dass in der konkreten Lage das Grundrecht der Freiheit des Gewissens nach Art. 4 Abs. 1 GG durch den Befehl nicht verdrängt werde. Dieser sei deshalb für den Soldaten unverbindlich gewesen. Der Soldat habe die Ernsthaftigkeit seiner Gewissensentscheidung glaubhaft dargetan. Im vorliegenden Fall sei die gebotene gewissensentlastende Konfliktlösung durch eine anderweitige Verwendung des Soldaten erfolgt. Der Soldat könne sich auf das Grundrecht der Gewissensfreiheit nach Art. 4 Abs. 1 GG ungeachtet dessen berufen, dass er keinen Antrag auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer nach Art. 4 Abs. 3 GG gestellt habe. Denn auch Berufssoldaten stünde das Grundrecht der Gewissensfreiheit nach Art. 4 Abs. 1 GG zu. Die Streitkräfte seien als Teil der vollziehenden Gewalt ausnahmslos an "Recht und Gesetz" (Art. 20 Abs. 3 GG) und insbesondere an die Grundrechte uneingeschränkt gebunden. Davon könnten sie sich nicht unter Berufung auf Gesichtspunkte der militärischen Zweckmäßigkeit oder Funktionsfähigkeit freistellen.)

Ich bitte Sie, mir den Erhalt dieses Schreibens zu bestätigen und verbleibe

mit vorzüglicher Hochachtung
Willy Wahl

Eine Antwort erhielt ich - wie erwartet - nicht.

Zur Entlastung des Herrn Oberst Poschwatta - der nur ein ganz kleiner Bauer im grösseren geopolitischen Schachspiel ist - lese man den Beitrag von Jens Loewe bei Heise hier

Theodor Fontane: «Das Trauerspiel von Afghanistan»

Die Afghanen erleben Krieg nicht erst seit 30 Jahren. 1839 marschierten die Briten ein. Auf der Flucht verloren sie 14'500 Leute.
Urs P. Gasche / 16.08.2021 - Infosperber
Einmal mehr verjagen afghanische Volksgruppen westliche Truppen. Jetzt waren und sind es die Nato-Streitkräfte unter US-Führung. 32 Jahre vorher, 1989, zogen sich nach zehn Kriegsjahren die sowjetischen Truppen zurück. Die USA hatten die afghanischen islamistischen Taliban logistisch und militärisch gegen die sowjetischen Besatzer unterstützt und stark gemacht.

Afghanistan Krieg Flucht Englaender Kabul

Nato-Krieg in Afghanistan forderte über eine halbe Million Tote

Ein Blick auf die jüngste Geschichte macht den US-Abzug aus Afghanistan nachvollziehbar. Es sind nicht die Regierung Joe Bidens und dieser Abzug, welche das Desaster verursacht haben.

Krieg bedeutet für die Bevölkerungen meistens das noch schlimmere Schicksal als unter der Willkür eines Diktators oder unter religiösen Fundamentalisten zu leben. Dem strategisch interessant gelegenen Afghanistan wurden schon im 19. Jahrhundert Kriege vom Ausland aufgezwungen. Den russischen Zaren drängte es über Afghanistan nach Indien und die Briten wollten Russland von Afghanistan fernhalten. Deshalb marschierten sie im Jahr 1839 in Kabul ein. Doch schon drei Jahre später flohen die britischen Besatzer vor einem Aufstand. Der Rückzug von 4’500 britischen und indischen Truppen sowie 10’000 Hilfskräften, Frauen und Kindern endete für alle ausser einigen wenigen mit dem Tod. Die Briten liefen den Afghanen bei ihrem Durchzug durch die Khurd-Schlucht hinter Kabul in eine Falle. Als einziger Europäer schaffte es Armeearzt William Brydon bis Dschalalabad in Richtung Pakistan.

Ein weiterer Versuch, Afghanistan unter britische Kontrolle zu bringen, war der Krieg 1878-1880. Und auch dem Ersten Weltkrieg, im Jahr 1919, griffen die Briten noch einmal ein, diesmal nur für kurze Zeit. Am 8. August 1919 wurde der Friede von Rawalpindi geschlossen.

*****

Theodor Fontane schrieb 1859 das Gedicht Das Trauerspiel von Afghanistan, das Brydons Ankunft in Dschalalabad nach seiner Flucht aus Kabul im Jahr 1880 schildert. Hier ein Auszug:

Der Schnee leis stäubend vom Himmel fällt,
Ein Reiter vor Dschellalabad hält,
„Wer da?“  – „Ein britischer Reitersmann,
Bringe Botschaft aus Afghanistan.“

Afghanistan! Er sprach es so matt,
Es umdrängt den Reiter die halbe Stadt,
Sir Robert Sale, der Kommandant,
Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.

Sie führen ins steinerne Wachthaus ihn,
Sie setzen ihn nieder an den Kamin,
Wie wärmt ihn das Feuer, wie labt ihn das Licht,
Er atmet hoch auf und dankt und spricht:

„Wir waren dreizehntausend Mann,
Von Kabul unser Zug begann,
Soldaten, Führer, Weib und Kind,
Erstarrt, erschlagen, verraten sind.

Zersprengt ist unser ganzes Heer,
Was lebt, irrt draußen in der Nacht umher,
Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt,
Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt.“

Sie bliesen die Nacht und über den Tag,
Laut, wie nur die Liebe rufen mag,
Sie bliesen  – es kam die zweite Nacht,
Umsonst, dass ihr ruft, umsonst, dass ihr wacht.

Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan.

*****

Anleitung für fremde Soldaten in Afghanistan

Im Jahr 2005 kam der Film «Die Neunte Kompanie» des russischen Regisseurs Fjodor Bondartschuk in die Kinos und wurde zum internationalen Erfolg. Er kann hier in der deutschsprachigen Version in voller Länge angeschaut werden.

Weiterführende Informationen

Infosperber zog am 26. April 2021 Bilanz des zwanzigjährigen Nato-Krieges.

George W. Bush, «Mission Accomplished»(Speech 2003, die ganze Rede im Wortlaut auf CBSNews).

Der Nato-Krieg in Afghanistan

Seit 2001 führt die Nato unter Führung der USA in Afghanistan einen «Krieg gegen den Terror».

Quelle: https://www.infosperber.ch/politik/welt/theodor-fontane-das-trauerspiel-von-afghanistan/

 

Uranwaffen-Einsatz in Afghanistan

von Frieder Wagner
Im Mai 2002 entsandte das Uranium Medical Research Center (UMRC), eine NGO aus Kanada unter Leitung von Prof. Dr. Asaf Durakovic, ein Forschungsteam nach Afghanistan. Das UMRC-Team begann seine Arbeit, indem es zunächst einige hundert Menschen identifizierte, die an Krankheiten oder medizinischen Zustandsbildern litten, die jene klinischen Symptome widerspiegeln, die als charakteristisch für eine radioaktive Verstrahlung gelten. Um zu untersuchen, ob diese Symptome die Folge einer Strahlenkrankheit sind, wurden Urinproben und Proben des Erdbodens gesammelt, die in ein unabhängiges Forschungslabor nach England gebracht wurden.

Buch Frieder Wagner Todesstaub
ISBN 978-3-85371-452-2

Das UMRC-Forschungsteam fand so sehr schnell erschreckend viele afghanische Zivilisten mit akuten Symptomen einer radioaktiven Vergiftung, die einhergingen mit chronischen Symptomen einer inneren Urankontamination, einschliesslich Missbildungen bei Neugeborenen. Bewohner vor Ort berichteten von grossen, dichten, blau-schwarzen Staub- und Rauchwolken, die seit 2001 bei Bombardierungen immer wieder an den Einschlagstellen aufstiegen, verbunden mit einem beissenden Geruch, gefolgt von einem Brennen in den Nasenhöhlen, im Hals und den oberen Atemwegen.

Warum der Westen weder die Welt noch Afghanistan retten kann - Teil I

Schatten und blinde Flecken im Liberalismus
Verena Tobler Linder - Sept. 2021
Am 21.8.21 titelte Eric Gujer, Chefredaktor der NZZ, seinen Leitartikel zu Afghanistan: „Der Westen kann Welt nicht retten!“ Gegen den „Rausch der Werte“ empfiehlt er mehr Bescheidenheit und Nüchternheit: ein Chefredaktor, der lernt? Was wäre das für ein Glück! Die Frage, was der Westen denn über sich selbst und die arme Welt zu lernen hätte, ist im Folgenden in drei Teile gegliedert. Zuerst zeige ich, was der Wirtschaftsliberalismus ausblendet und auf diese Weise in vielen armen Ländern jede konstruktive Entwicklung verhindert. Afghanistan war jedoch eine Art Sonderfall. Zweitens lässt sich an diesem Land konkretisieren, wie die blinden Flecken im liberalen Wertekanon in ein Desaster geführt haben. Zum Schluss die Frage: Was tun, wenn der Westen die Welt nicht retten kann?
Um der Transparenz willen, drei Bemerkungen zu meiner politischen Position und zum Quellenmaterial.
  • Als Altlinke habe ich mich nie gegen den Markt gestellt, aber auch nie an die kapitalistische Dreifaltigkeitslehre geglaubt: grenzenlose Märkte, grenzenlose Ressourcen, grenzenlose Freiheit. Stattdessen nehme ich die Struktur und Dynamik auf der gesellschaftlichen Ebene genau so ernst wie jene auf der Ebene von einzelnen Individuen - wohlwissend, dass ich mir damit jenes Paradox einhandle, das der Liberalismus vermeidet, indem er Probleme individuen-zentriert konstruiert und löst.
  • Meine Darlegungen basieren teils auf Beobachtungen und Erfahrungen, die ich bei meiner Arbeit in armen Ländern[i] und in der beruflichen Auseinandersetzung mit Personen machen durfte, die von den weltwirtschaftlichen Rändern in die Schweiz geflohen oder immigriert sind. Anzumerken ist, dass ich von den traditionalen Paschtunen aus Afghanistan und in Pakistan, mehr gelernt habe als aus Büchern und an Universitäten. Auch wenn das oft ein schmerzlicher und nicht immer ungefährlicher Lernprozess war, machte er mir bewusst:
  • Entwicklung ist ein komplexer Prozess  – voller Ungleichgewichte und Widersprüche. Die laufende Hyperglobalisierung überlagert die alten Strukturen und Dynamiken, konfrontiert ständig mit Neuem und weitet gleichzeitig die Kluft zwischen den grossmächtigen gesellschaftlichen Vorgängen und den Sichtweisen und Einstellungen von einzelnen Personen oder Organisationen bis zum Geht-nicht-mehr aus. Mitten in diesem Tohuwabohu nun also mein Versuch, einige systembedingte Aspekte herauszuarbeiten.

1. Die liberale Weltwirtschaft  – ihre Voraussetzungen, ihre Folgen, ihre Schatten

Zuerst zur Struktur und Dynamik der liberalen Weltwirtschaft. Aussen vor lasse ich die bekannten und längst beklagten historischen Voraussetzungen und Folgen des einst europa-zentrierten Wirtschaftens: neue Kontinente erobern, mit der eigenen Überschussbevölkerung besiedeln, Kolonialherrschaft, Sklaverei, zahllose Kriege bis hin zu den zwei Weltkriegen. Doch die wichtigste Voraussetzung für die historische Entwicklung hin zur weltweiten Vormachtstellung des Westens war und ist der zunehmend ausgreifende und überlegene energetisch-technologische Machtapparat mit all den Waffen und immer grossräumigeren Transport-, Kommunikations- und Kontrollmitteln. Industrialisierung und Wissenschaft, beide vom Kapital angetrieben, haben diesen Apparat entwickelt und laufend effektiver gemacht. Selbstverständlich gehören auch die Organisationskapazität und Legiferierungsmacht dazu, wie sie sich am mächtigeren Pol jeweils herausbilden.

Zwar ist die liberale Weltwirtschaft in vielerlei Hinsicht problematisch. Hier picke ich aber nur jene zwei Lehrsätze heraus, die dazu beitragen, dass sich die Ungleichgewichte zwischen Nord und Süd stetig vertiefen:

11. Der Freihandel und die Komparativen Kostenvorteile - das Rückgrat des Wirtschaftsliberalismus

Der Freihandel erlaubt Produktivitätssteigerungen durch internationale Arbeitsteilung und treibt so Wachstum und Konsum an. Gleichzeitig werden Transportwege und Lieferketten länger und die Machtkonzentration im globalen Oben nimmt zu. Und die Ungleichgewichte zwischen hoch entwickelten und armen Staaten vertiefen sich - das stelle ich zur Diskussion. Abgestützt und legitimiert wird der Freihandel durch die Theorie der Komparativen Kostenvorteile: Riccardo hat behauptet, der Freihandel bringe für beide Seiten Vorteile. Das ist aber nur dann der Fall, wenn die befassten Unternehmen - und dahinter deren Mutterländer - einigermassen gleich ausgerüstet sind. Andernfalls wird, wer schwächer oder kleiner ist, von den Grosskonzernen bzw. Grossmächten auf und aus dem Markt geschlagen oder verschluckt. Liberale nennen das Wettbewerb! Für arme Länder ist es die bleibende Katastrophe! Denn treffen auf dem Freien Markt zwei ungleiche Wirtschaftsakteure aufeinander, so geht derjenige als Sieger hervor, der über mehr Kapital und die bessere Technologie - sei’s in Form der Ausrüstung oder des Güterangebots  – verfügt und der mit der überlegenen Organisationskapazität und mehr wissenschaftlich-technischem Know How aufwarten kann.[ii]

Damit zum ersten grossen Schatten der Weltwirtschaft, der zweite wird erst im Schlusskapitel thematisiert. Während der Kapitalismus systembedingt wachsende Ungleichentwicklung schafft, treibt der Freihandel unter Ungleichen ständig das voran, was ich als „Vertikale Integration“ bezeichne: Arme Staaten werden in Produktionsnischen gezwungen, in denen sie als Zulieferer für die bereits hoch entwickelten Länder fungieren. Gehandelt wird mit Produkten, die im reichen Teil der Welt entweder nicht vorkommen oder aber, weil arbeitsintensiv[iii], für die Produktion in hochentwickelten Ländern zu teuer sind.

12. „Vertikale Integration“ ist entwicklungspolitisch falsch!

Vertikale Integration“ nimmt die vielfältigsten Formen an. Zunächst seien nur vier davon erwähnt:

  • als Export von Landwirtschaftsprodukten durch eine Vielzahl von Kleinproduzenten: z. B. Kakao oder Kaffee, meist aus extensiver Flächenbewirtschaftung; die Risiken tragen die unabhängigen ProduzentInnen.
  • als Export von industriellen Produkten durch Konzerne: Holz, aber auch Baumwolle, Kautschuk, Palmöl  – meist aus Plantagenbewirtschaftung: Diese verbraucht riesige Landflächen und bringt dem armen Land relativ wenige und extrem abhängige Arbeitsplätze.
  • als Export von Rohstoffen und seltenen Erden: i. d. R. von internationalen Grosskonzernen abgebaut und exportiert. Stellt sich eine Regierung dagegen, wird, wie z. B. in Bolivien, dafür gesorgt, dass sie verschwindet.
  • als Export von Arbeitskräften:Von Regierungen oft gefördert oder massenhaft von Einzelnen unternommen. 

Die „Vertikale Integration“ behindert horizontale wirtschaftliche und soziale Verfechtungen, ja verhindert diese systematisch. Denn im Rahmen von vertikalen Produktionsstrukturen  – von Güter-, Kapital- und Geldflüssen - entstehen „vor Ort“ weder Gewerbebetriebe und Kleinindustrien noch zusätzliche Arbeitsplätze. Dasselbe gilt für die Emigration: Zwar bringen die Remittances den Entsendefamilien mehr Einkommen - Leistungen, die im Rahmen der traditionalen Familiensolidarität erbracht, aber primär für den Konsum verbraucht werden.

Auf diese Weise können sich jedoch arme Staaten nicht entwickeln. Das Gegenteil tritt ein: Die Emigrierten und deren Geldsegen sind vertikal integriert: Sie und ihre Lieben extrem abhängig von der sozioökonomischen und politischen Situation in den bereits hoch entwickelten reichen Staaten, wo die Emigranten nun ihre Arbeitskraft verkaufen.

Bleiben horizontale wirtschaftliche und soziale Verflechtungen aus, so hat das schwerwiegende Folgen:

1. Arme Staaten stecken in einer Traditionsfalle. Es können sich keine modernen, d.h. monetär basierten Solidarsysteme herausbilden, denn überfamiliale Solidarinstitutionen wie Kranken- und Arbeitslosenversicherungen, Alters- und Invalidenrenten entstehen dort, wo die Bevölkerungsmehrheit eine formelle Arbeit hat.

2. Es kann sich keine moderne Demokratie herausbilden. Denn eine solche setzt dreierlei voraus: Erstens eine Bevölkerungsmehrheit, die im Rahmen von vielschichtigen, aber horizontalen wirtschaftlichen Verflechtungen formelle Erwerbseinkommen erzielen kann; zweitens: monetär organisierte staatliche Leistungen und soziale Institutionen - von den SteuerzahlerInnen bzw. aus Lohnabgaben finanziert. Drittens: Regierung und Parlament können, von unten und innen getragen und mitfinanziert, auch von unten und innen kontrolliert werden.

Ein strukturbewusster Rückblick in die eigene Geschichte würde zeigen: Die Regierungen in Europa wurden einst von der arbeitenden und steuerzahlenden Bevölkerungsmehrheit gezwungen, Rechenschaft abzulegen. Demgegenüber sind die heutigen Regierungen „vor Ort“ von aussen und oft aus dem globalen Hochoben getragen. Sie finanzieren sich und ihren Devisenbedarf über die Exportwirtschaft: Es werden Abgaben auf die Produkte der KleinproduzentInnen erhoben; Exportbewilligungen an transnationale Konzerne verkauft; Regierende werden zu Teilhabern, ja sogar zu Gründern und Besitzern von Grosskonzernen. Und so lebt dann der Grossteil dieser Politkaste „bequem und üppig“ von Tantiemen und Schmiergeldern bis an ihr Lebensende.

Damit sind schier alle Sünden benannt, die vom Westen beklagt werden: Arme Staaten haben korrupte Regierungen, die sich nicht ums Wohl der Bevölkerung, erst recht nicht um ihre Ärmsten kümmern. Stattdessen wird hemmungslos in die eigenen Taschen gewirtschaftet, das eigene Volk gebeutelt und ausgebeutet.

13. Zum Sonderfall Afghanistan - bis in die 1960er Jahre war dort vieles noch ganz anders!

Die Völker Afghanistans, darunter viele kriegerische Bergstämme, hatten sich über Jahrhunderte erfolgreich gegen die Kolonialisierung und Vereinnahmung durch den Westen gewehrt. In zentralen gesellschaftlichen Belangen noch vormonetär und damit traditional organisiert, konnte sich aber nie ein richtiger Territorialstaat herausbilden. Zwar stellten die zahlenmässig gewichtigsten Paschtunen[iv] eine Art Regionalkönig.

Doch anders als z. B. in Lateinamerika, wo mit dem Kolonialismus grossflächig kapitalistische und extern orientierte Strukturen etabliert und die Indigenen entweder vernichtet oder marginalisiert wurden, blieb Afghanistan ein Vielvölkerstaat, auf dessen Territorium die einzelnen Völker stolz und relativ souverän - mit nahräumlichen und horizontal integrierten Regeln und Strukturen - auf der Basis von ihrer jeweiligen Stammesordnung überlebten.

Erst 1964 begann sich das zu ändern. König Sahir Shah, aus der Paschtunen-Dynastie der Mohammedsa, war machtgierig und gab sich weltoffen. Er nutzte den Kalten Krieg, um von allen Seiten Hilfe zu mobilisieren. Die USA und UdSSR liessen sich gern dafür einspannen, denn auch Entwicklungshilfe lässt sich als Vehikel für die Vertikale Integration nutzen  – ist quasi deren fünfte Form! Nicht durchwegs, aber des Öftern!

Mit dem Geldfluss von aussen und oben zogen Machtmissbrauch und Korruption in die Hauptstadt ein: Kabul mutierte zur westlichen Insel und auf dem Dach der Intercontinental Hotels frönten die Herren und Damen der winzigen afghanischen Oberschicht dem Jazz und Alkohol. Im krassen Gegensatz dazu lebten 80% der Bevölkerung, 90% davon Analphabeten, weit weg vom Fluss der Hilfsgelder und jenseits der Moderne.

 Konkret: Während in Afghanistan die sozialen Institutionen und Rollen grossmehrheitlich ausserhalb der globalen Kapitalzirkulation, also vormonetär organisiert blieben, residierten die westlich orientierten Herrschaften in den Städten und lebten dort, zusammen mit ihrer Dienerschaft und den zuliefernden Händlern, vornehm und modern vom Fluss der Hilfsgelder und ihrem anderweitig akkumulierten Reichtum.[v]

Die Anmassungen und Zumutungen dieser abgehobenen Oberschicht, die in den späten 60er Jahren die Politik zu dominieren begann, wurde von zwei Seiten harsch kritisiert: Zum einen von den Islamisten, die sich für die Landbevölkerung, die Tradition und den Islam stark machten, zum andern von den Kommunisten, die sich für Umverteilung, Modernisierung und Frauenrechte einsetzten. 1973 wurde der König abgesetzt. Nach vielen weiteren Turbulenzen übernahmen 1978 die Kommunisten die Macht in Kabul mit einem Militärputsch.

Damit begann der Untergang: Afghanistan trudelte in einen 40jährigen Krieg. Die Islamisten organisierten gegen die gottlosen Russen „ihren“ Jihad, unterstützt von den Saudis und den USA. Die USA bekämpften den Kommunismus und förderten deshalb die Traditionalisten, lange bevor die UdSSR einmarschierte. Der trickreiche Brzezinski, von Präsident Carter zum National Security Adviser ernannt, wollte „der UdSSR ihren Vietnamkrieg zu schenken“.[vi] Der Waffen- und Dollarfluss aus dem globalen Hochoben trugen dazu bei, dass sich die Islamisten in immer zahlreichere Gruppen und Warlords aufsplitterten.

Die UdSSR hielt dagegen. Sie unterstützte die sozialistische Regierung in Kabul und deren Programm  – darunter: eine Landreform, ein Burka-Verbot, das Schulobligatorium auch für Mädchen, die Alphabetisierung der Frauen.

Anlässlich eines Lesekurses für Frauen kam es zu einer heftigen Attacke in Herat: Traditionalisten verbrannten 50 russische Experten und eine unbekannte Zahl von Afghanen bei lebendigem Leib. Aber auch die kommunistischen Führer rivalisierten entsprechend ethnischer Zugehörigkeit. 1979 schickte Russland Truppen nach Afghanistan, um die Zentralregierung und deren sozialistisches Programm zu stabilisieren.

Erst nachdem die UdSSR sich zurückgezogen hatte, kamen die Taliban kurzzeitig an die Macht... bis dann am 9.11.01 die Twin Towers durch einen Angriff der Al-Qaida zerstört wurden. Die Strafaktion erfolgte rasch und mit schwerem Geschütz!

Doch die NATO, die USA und deren Verbündete wähnten, in Afghanistan liessen sich Demokratie und Frauenrechte von aussen und oben etablieren: eine extrem strukturblinde Intervention, die das Desaster in Afghanistan über weitere zwei Dekaden verlängern und vertiefen sollte.

Ich will hier nicht die Hunderttausende Toten auflisten, darunter unzählige Zivilpersonen, Frauen und Kinder. Seit meiner Arbeit in der Afghan Refugee Operation für das HCR (UN-Flüchtlingskomissariat) weiss ich, wie unzuverlässig Zahlen und Statistiken in Notzeiten sind: von allen Seiten, auch von der Uno, aufgebläht bzw. untertrieben oder ganz zum Verschwinden gebracht. Sicher ist nur: Es sind viel zu viele, die auf allen Seiten einen unnötigen Tod starben!  

Nämlich mit welchem Resultat? Laut Asiatischer Entwicklungsbank nimmt Afghanistan auf der Liste der weltweit ärmsten Länder heute Platz 7 ein. Nicht weniger als 75% des Kabuler Regierungsbudgets wurde durch die internationale Hilfe bereitgestellt. Laut Weltbank machte das 43% der Gelder aus, die in der Wirtschaft Afghanistans zirkulierten - etwas, was die Korruption endemisch machte: In der Afghanischen Armee, mit 88 Billionen US-Dollar gefördert und ausgebaut, gab’s unzählige Geistersoldaten; von der Polizei willkürlich Festgenommene wurden gegen Schmiergelder freigelassen.

Viele der Angestellten im Ausbildungs- und Gesundheitssektor waren ebenfalls von aussen und oben finanziert. Und so ist Afghanistan zu einem Musterbeispiel dafür geworden, dass und wie die Vertikale Integration auch über Hilfsprogramme vorangetrieben werden kann.

Bis heute fehlen dem Land die tragenden Strukturen für eine gelingende Modernisierung: jene wirtschaftliche, finanzielle und soziale Basis in Form einer horizontalen Verflechtung. Zwar haben die westlichen Besatzer Erwerbsarbeitsplätze geschaffen, aber nur für privilegierte Minderheiten. Damit weitete sich die Kluft zwischen der ländlichen Bevölkerung und den Armen einerseits, den Fachkräften und Gebildeten andererseits erneut.

Von aussen und oben finanziert und nach westlichem Vorbild moduliert, wurde im okkupierten Afghanistan kaum Rücksicht auf die vormonetären Institutionen und Rollen genommen, mit denen die dortige Bevölkerung bis heute mehrheitlich überlebt. Mangelnde Rücksichtnahme galt nicht nur für die Westmächte, sondern auch für einen Teil jener AfghanInnen, die von den Besatzern finanziert und in den Dienst genommen wurden.

Willig kollaborierten sie mit den Grossmächten: Es gab Erwerbsarbeit, aber auch Hilfsgelder, die in die eigene Tasche gesteckt wurden. Viele wurden reich, einige sogar sehr reich, während die afghanische Bevölkerung weiter verarmte und das Leben für die meisten immer elender wurde. Früher waren in Afghanistan viele arm, dennoch konnte man würdig überleben. Mit den Hilfsgeldern von aussen und oben war’s damit vorbei. Motasim, der einstige Finanzminister der Taliban, kommentierte 2019 den neuerlichen Siegeszug der Taliban so:

„Die Fehler der Amerikaner nützten uns. Sie schikanierten die Leute, wir rekrutierten sie.“
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[i] In Bangladesh, Pakistan und der Grenzregion im Südosten von Afghanistan, Liberia, Kamerun, Mozamik und im Sudan.

[ii] Aus dieser Falle konnten sich bislang nur die Tigerstaaten und Grossreiche wie China, Indien etc. retten: alte Staaten, die seit Jahrhunderten Schrift, Geld, Buchhaltung, Staatsleistungen kannten und eine vielfältige berufliche Arbeitsteilung herausgebildet hatten. Es gibt Ausnahmen: z. B. Kleinstaaten wie Botswana, wo die ethnisch relativ homogene Bevölkerung heute von Diamantenrenten lebt. Asien dagegen konnte mit vormodernen Staaten aufwarten: oft Jahrtausendende alt und mit professionneller Arbeitsteiligkeit.

[iii] Als Beispiel: Bangladesh mit seinen Textilfabriken, in denen zu Tiefstlöhnen Billigkleider für die weniger Reichen in den reichen Staaten hergestellt werden.

[iv] Sigrist, Ch.: Das Stammesrecht der Paschtunen. In: Berliner Institut für vergleichende Sozialforschung (Hg.): Revolution in Iran und Afghanistan, Frankfurt am Main 1980: 264-279. Steul, W.: Paschtunwali und Widerstand. In: Berliner Institut für vergleichende Sozialforschung. Ibd.1980: 251-263.

[v] Auch im traditional organisierten Afghanistan gab es bereits Reiche: z. B. Händler oder in manchen Gebieten hatte sich Grossgrundbesitz entwickelt.

[vi] Müller, Chr: „Die CIA war schon vor den Russen in Afghanistan“, Infosperber, 28.08.2021

WEITERLESEN:

Warum der Westen weder die Welt noch Afghanistan retten kann - Teil II

Schatten und blinde Flecken im Liberalismus
Verena Tobler Linder - Sept. 2021

2. Der liberale Wertekanon  – und seine blinden Flecken

Ich erinnere mich: 2001 forderten Feministinnen über eine Mail-Kampagne den US-Präsidenten G. W. Bush dazu auf, Truppen nach Afghanistan zu schicken, um im weit entfernten Hindukusch die Frauen zu befreien. Machtpolitische Interessen, die es zweifellos ebenfalls gab, bei Seite gestellt: Mit einer Demokratie westlicher Prägung und den Frauenrechten hatten die Westmächte ihren Interventionskarren gewaltig überladen. Nicht etwa, weil beides nicht wünschbar wäre. Aber es war ein Projekt, das  – aus strukturellen Gründen und aufgrund der zahlreichen Flecken im liberalen Wertekanon  – zum Scheitern verurteilt war.

Warum sich die Idee der Demokratie zerschlagen hat, ist rasch erklärt: Die drei wichtigen Voraussetzungen dafür wurden bereits benannt  –  in Afghanistan war und ist bis heute keine einzige davon erfüllt. Zwar gab’s auch im traditionalen Setting demokratische Formen der Entscheidungsfindung und Beschlussfassung. Aber Frauen waren von der Loya Jirga[i] ausgeschlossen. In modernen Demokratien hingegen sind die Frauen den Männern gleichgestellt.

Unsere modernen Frauenrechte sowie die Geschlechtergleichstellung stellen jedoch auf beides ab: Zum einen auf die eingangs genannte Voraussetzung, die dem Westen seine Vormachtstellung  in der Weltwirtschaftsordnung eingebracht hat: der energetisch-technologische Machtapparat, den er nach aussen zum Einsatz bringen konnte. Zum andern setzt die moderne Geschlechtergleichstellung aber gleichzeitig voraus, dass die energetisch-technologischen Hochleistungsinstrumente auch nach innen, also im eigenen Land, zum Einsatz kommen.

Am Beispiel Afghanistans kann ich zeigen, wie wirtschaftliche, soziale und politisch-rechtliche Faktoren zusammenhängen und damit gleichzeitig die blinden Flecken im liberalen Wertekanon illustrieren.

21. Erster blinder Fleck: Die Kernaufgaben sind weltweit verbindlich organisiert!

Als Kernaufgaben bezeichne ich jene vier Aufgabenbereiche, die in allen Gesellschaften verbindlich geregelt sind: Produktion und Konsum, Schutz und Sicherheit, Solidarität und Umverteilung,[ii] Erziehung und Ausbildung. Diese Kernaufgaben sind zwar weltweit verbindlich, aber kontextspezifisch organisiert. Im Kontrast zum westlichen Wohlfahrtsstaat, wo diese Kernaufgaben - bis auf die Hausfrauenarbeit - auf monetärer Basis organisiert sind, waren sie im traditional orientierten Afghanistan vormonetär organisiert und sind das grossteils bis heute geblieben.

Zuerst zu den Spezifika einer Gesellschaft mit modern bzw. monetär organisierten Kernaufgaben

In einem Land, das im Zentrum der liberalen Weltwirtschaftsordnung situiert ist, heisst das konkret:

1. In der Produktion ist Schwerarbeit entweder verschwunden oder sie wird - wie im Strassenbau, in der Bauwirtschaft oder Kehrichtabfuhr, auf Ozeanschiffen und in Container-Hafen - nach wie vor von starken Männern ausgeführt.

2. Schutz- und Sicherheitsaufgaben sind dank grossflächiger staatlicher Präsenz relativ ungefährlich: Mit effizienten Waffen ausgerüstet, zu zweit oder zu dritt unterwegs, stellen auch Polizistinnen ihren Mann. In extrem gefährlichen und kraftheischenden Situationen werden jedoch bis heute selten Frauen vorgeschickt. Das gilt nicht nur im Krieg, sondern auch in Gefängnissen, wenn dort ein gefährlicher Straftäter rebelliert.

3. Neben den alt bekannten Frauenberufen wie Sekretärin, Buchhalterin, Verkäuferin ist eine wachsende Zahl von Erwerbsarbeitsplätzen zu haben, die keine Spitzenmuskelkraft erfordern: im Ausbildungs-, Gesundheits-, Dienstleistungssektor und Sozialbereich. Es kommen unzählige Erwerbsmöglichkeiten dazu, die sich uns Frauen im Therapie-, Freizeit-, Reise-, Kunst- und Kultursektor bieten  – ob staatlich oder privat finanziert, ist egal.

4. Die einst für Europa typische Hausfrauenrolle ist obsolet geworden. Schweizer Wohnungen und Häuser sind mit Elektrizität, fliessendem Wasser, Heizungen und unzähligen Haushaltgeräte ausgestattet: Kochherde, Waschmaschinen, Staubsauger, Geschirrspüler; Fertigmenüs und Büchsen sparen Arbeit und Zeit. Und last but not least ist: Was in Europa einst Hausfrau war, ist längst mit medizinischer Technologie wie Pillen, Tampons oder Binden ausgerüstet. D.h.: soziale Rollen sind weitestgehend nicht mehrbiologisch vorgegeben! Aber erst wenn und wo Frauen die Mittel haben, ihre Biologie zu kontrollieren, können sie sich problemlos und verlässlich an den von ihnen gewünschten Arbeiten beteiligen.

Bravo, für „all das“ haben unsere Frauenbewegungen gekämpft! Dennoch einige kritische Fragen dazu:

  • Wie weit wurde uns Frauen aber „all das“ in letzter Instanz durch die Entwicklung eines versierten energetisch-technologischen Macht- und medizinischen Kontrollapparats ermöglicht?
  • Weshalb fällt die Verbindung zwischen dem energetisch-technologischen Machtapparat und der Frauenbefreiung aus dem Raster der weiblichen Selbst- und Fremdwahrnehmung hinaus?
  • Wo sind die Feministinnen, die über die konkrete Gestalt und historische Abfolge nachdenken, in der die gesellschaftlich zentralen Energielieferanten aufgetreten sind bzw. einander abgelöst haben?[iii]

Im Kontrast dazu die vormonetär organisierten Kernaufgaben am Beispiel von Afghanistan

  • Wo ein Territorialstaat weder Schutz noch Sicherheit leistet, sind für diese gefährliche Arbeit die Stämme, Clans, Familien, aber durchwegs die Männer zuständig. Sie sind das vielerorts bis heute geblieben. Denn weder von aussen und oben finanzierten Streitkräfte noch eine korrupte Polizei erbringen diese Leistungen. Auch ums moderne Recht stand’s am Hindukusch schlecht: Viele staatliche Richter waren korrupt; und Gerichte, die nach westlichen Wert- und Verfahrensmassstäben urteilen, werden der Situation „vor Ort“ weder im Sinne der Rechtsobjekte noch der Rechtssubjekte gerecht. Afghanistan ist zwar ein Vielvölkerstaat, war aber nie ein rechtsfreier Raum: die Ordnung wurde von den Stämmen und dem Traditionsrecht geregelt.
  • Solidarität ist, ohne staatlich finanzierte Solidarinstitutionen, nur im Rahmen der Familie und Clans zu haben. Nahräumliche Solidarpflichten gab’s im Dorf und in der Nachbarschaft. Solidarität zwischen alt und jung gibt’s in Form der Generationenrollen. Für überfamiliale Solidarität hingegen sorgte die Religion - in Afghanistan über den Islam und die Moscheen organisiert. Nota bene gilt weltweit: Wo immer einem Staat die monetäre Basisstruktur fehlt, um Solidarinstitutionen für alle[iv] zu etablieren, bleiben für die Bevölkerungsmehrheit die Religionszugehörigkeit und religiösen Gebote überlebenswichtig: Sie vermitteln überfamiliale Ordnungs- und Solidarvorstellungen. So wird im Islam über den Zakat (Abgabe für die Bedürftigen) von reich zu arm umverteilt. Es gibt Ausnahmen: Staatsangestellte sind seit langem in den Geldkreislauf integriert, inzwischen auch die gebildeten Ober- und Mittelschichten. Die deprivierten Armen hingegen halten sich, vorab in Schwarzafrika, zunehmend an Sekten.
  • Die Produktion ist, ohne moderne energetisch-technologische Infrastruktur und Apparatur, entlang der Geschlechtszugehörigkeit aufgeteilt. Und wo das staatliche Gewaltmonopol fehlt, aber Land, Wasser, Grossvieh, Vorräte überlebenswichtig sind, haben für deren Schutz ebenfalls die Männer zu sorgen  – auch das stärkt deren Position! Und wo das Draussen, wie in weiten Teilen Afghanistans, gefährlich ist, obliegt die Nahrungsmittelproduktion auf Acker, Feld, Wiese und Weide - anders als z. B. in Schwarzafrika - ebenfalls den Männern.
  • Weibliche Personen auf dem Land sind, aufgrund der fehlenden Sicherheit im Aussenraum, in Haus und Hof tätig. Dort sorgen sie bis heute pflichtgemäss für Säuglinge, Kleinkinder, Kinder. Frauen sind zudem für die enorm zeitaufwändige und kunstwürdige Nahrungsmittelzubereitung verantwortlich: Diese nimmt 8 bis 12 Stunden in Anspruch - das Mehl wird selber gemahlen, das Brot selber gebacken  – nix Migros, nix Coop! Erst recht weder Lidl noch Aldi!So arbeiten zwar viele Afghaninnen länger als die Männer, doch sind die Letzteren auch in Haus und Hof zu den gefährlichen und extrem kraftaufwendigen Arbeiten verpflichtet.

Was mich aber irritiert? Dass so viele der modern ausgerüsteten Frauen kaum mehr erkennen, was es heisst, wenn die moderne Medizintechnologie fehlt, um die biologischen Prärogativen zu kontrollieren. Das Frauenleben v o r der Pille sah früher auch bei uns oft so aus: Im gebärfähigen Alter war frau entweder schwanger oder hatte einen Säugling oder ein Kleinkind zu stillen. Die Stillzeit nahm mindestens 2, oft 3, ja 4 Jahre in Anspruch  – bis frau erneut schwanger wurde und der Zyklus von neuem begann: eine Art Dauerbeschäftigung![v] Für viele Frauen an den weltwirtschaftlichen Rändern ist das bis heute der Fall.

22. Zweiter blinder Fleck: Sämtliche Gesellschaften bilden Kernrollen heraus!

Ich bin sicher, Heinrich Popitz würde mir rechtgeben: Es gibt soziale Rollen, zu denen der Zugang beliebig war oder ist. Aber ohne dass bestimmte soziale Rollen verbindlich sind und entsprechend gelernt werden, gibt es keine Gesellschaft. Die sozialen Rollen, über die dafür gesorgt wird, dass die vier Kernaufgaben optimal erfüllt werden, heissen bei mir „Kernrollen“: Sie sorgen in allen Gesellschaften dafür, dass die einzelnen Gesellschaftsmitglieder ihre unelastischen Grundbedürfnisse verlässlich stillen können. Kernrollen sind deshalb in traditionalen und in modernen Gesellschaften verbindlich und für ihre jeweiligen InhaberInnen obligatorisch. Deshalb nun zum Kontrast:

In Afghanistan sind die Geschlechts-, Generationen- und Verwandtschaftsrollen verbindlich,

Konkret - die Primärrollen sind jene Kernrollen, die den Gesellschaftsmitgliedern formell vorgegeben sind. Formell meint: eindeutig, klar und rechtsverbindlich vorgeschrieben. Mit Ausnahmen gilt sogar die Pflicht zur Ehe und zur Elternschaft. Denn wer am Rande der Weltwirtschaft lebt und deshalb ohne AHV ist, wird im Alter von seinen Kindern versorgt. Nota bene ein wichtiger Grund dafür, das Homosexualität in manchen armen Staaten verpönt, ja sogar formell verboten ist.[vi] Und obwohl die Genderrollen - ohne die energetisch-technologische Apparatur, wie sie uns in den Kapitalzentren zur Verfügung steht - entsprechend dem weiblichen und männlichen biologischen Vermögen und Unvermögen ausgestaltet sind, gibt es bedeutsame Ausnahmen. In Albanien und im Irak z. B. gab’s die Institution der eidgebundenen Jungfrau. In Familien ohne männlichen Nachkommen bzw. Schutz konnte eine Frau die Männerrolle ausüben:[vii] Aufgaben ausser Haus übernehmen, sich in Männerkleidern mit den Männern versammeln und ein Gewehr tragen. Um das Rollengefüge nicht durcheinander zu bringen, war sie aber gezwungen, ein zölibatäres Leben zu führen. Auch in einer afghanischen Grenzregion habe ich, mitten unter den Männern, eine grosse Frau mit einem Gewehr entdeckt: „Yes this may happen among us“, wurde mir lakonisch erklärt.

  • Im westlichen Wohlfahrtsstaat sind die Erwerbs- und Berufsrollen zu den Kernrollen geworden:

Hierzulande sind die Sekundärrollen verbindlich und formell - eindeutig, klar und rechtsverbindlich  – vorgegeben und jeweils für jene vorgeschrieben, die sie grad praktizieren. Mit Erwerbsarbeit und AHV „gesegnet“, sind die Individuen bei uns auch nicht mehr gezwungen, zu heiraten oder eigene Kinder haben. Zwar können wir unsere Berufsrolle mehr oder weniger frei wählen, müssen aber den Beruf oft über viele Jahre erlernen und eine staatlich anerkannte Prüfung ablegen. Nachher sind wir, wann immer wir beruflich tätig sind, auf die erworbenen Kenntnisse angewiesen und an Berufsregeln und Berufsethos gebunden. Jedoch nicht die westlichen Werte haben uns diese Freiheiten gebracht, sondern das Geld bzw. die Kapitalzirkulation, die energetisch-technologischen Apparaturen und, eng damit verbunden, die grossflächig vernetzte Sozialstruktur und hoch ausdifferenzierte Arbeitsteilung.

23. Dritter Blinder Fleck: Die Taliban und der Westen haben ein hierarchisches Kernrollengefüge!

Mit Ausnahme von wenigen Völkern, in denen gejagt und gesammelt wird, haben alle Gesellschaften, wenn auch mehr oder weniger, ein hierarchisches Kernrollengefüge  – denn das stabilisiert!

  • In Afghanistan haben wir es mit einer patriarchalen Primärrollenhierarchie zu tun:

Männer haben i. d. R. (!) mehr Gewicht und mehr Energie und werden deshalb zur Übernahme jener Kernaufgaben verpflichtet, die gefährlich sind und Spitzenmuskelkraft erfordern. Die Welt ist in das Draussen und das Drinnen aufgeteilt: deshalb haben Männer im Aussenraum mehr zu sagen als Frauen. Auch die Generationenrollen sind hierarchisch organisiert: Die dortigen Alten haben i. d. R. mehr Wissen in Form von Erfahrung und deshalb auch mehr zu sagen als die Jungen und geniessen sogar den Respekt der Letzteren. Frauen  haben als Mütter von zahlreichen Kindern eine relativ gute Position. Als Hauswirtschafterinnen haben sie das Sagen und üben, wenn sie älter sind, als Hausherrinnen Macht über die Grossfamilie und über all ihre Schwiegertöchter aus. Obwohl Afghanistan effektiv patriarchal ist und Frauen den Männern nach- und untergeordnet werden, üben sie als Mütter von Söhnen einen beachtlichen Einfluss auf die gesellschaftlichen und politischen Aktivitäten der Männer im Grossverband und im Grossraum aus.[viii]

  • Moderne Gesellschaften wie die Schweiz haben auch ein hierarchisches Erwerbs- und Berufsrollengefüge!

Unsere Berufsrollen sind sogar extrem hierarchisiert: Kopfarbeit und AkademikerInnen werden viel besser entlohnt und höher geachtet als Putzfrauen und Coiffeusen oder die banale männliche Hand- oder Muskelarbeit. Fragt sich allerdings, ob ein Professor der Altphilologie und die Professorin an der Kunstakademie systemrelevanter sind als ein Kehricht- oder Strassenarbeiter, eine Krankenschwester oder Volksschullehrerin. Dass wir während der Pandemie die Krankenschwestern beklatschen, war rührend. Aber ich bin überzeugt: Die Strukturverwöhnung, die wir hierzulande den Gebildeten und Hochausgebildeten - und zwar inzwischen unabhängig von deren Geschlecht - angedeihen lassen, hat nur noch wenig mit Systemrelevanz zu tun. Unsere Bildungshierarchie ist nur zu einem kleinen Teil funktional i. S. von überlebenswichtigen Kenntnissen und Praktiken. Weit mehr dient sie dazu, das Herrschaftssystem zu stabilisieren. From muscles to brains  – von daher weht uns Frauen der Duft der grossen neuen Freiheiten und erwirken wir uns das Recht auf ein Platzhirschposition.

Das Kernrollen-Drama in Kürze: Während im armen Teil der Welt die Primärrollen noch verbindlich und obligatorisch sind, wurden im reichen Teil die monetär organisierten Berufs- und Erwerbsrollen zu den Kernrollen gemacht. Indes konnten hierzulande die Geschlechtsrollen aufgelöst werden. Zuerst von den Damen mit Brain  – nota bene dank Hort und Krippe oder „notfalls“ einem Kindermädchen, später unterstützt von Schwulen, Lesben und all den Regenbogen-Queers. Aber auch für die Schweiz gilt, dass vorab jene sozialen Schichten an den traditionalen Geschlechtsrollen festhalten, die für den gewichtigen Teil ihres Einkommens nach wie vor auf die Muskelenergie und den Mut der Männer angewiesen sind. An den weltwirtschaftlichen Rändern aber habe auch ich gelernt: Sollte eines Tages unsere „Schöne neue Welt“, basierend auf der Kapitalzirkulation und einer Vielzahl an energetisch-technologischen Apparaten, zusammenbrechen, such’ ich mir rasch einen starken Tarzan.

 

[i] Das sind traditionelle Grossversammlungen der Stämme, die der Streitschlichtung und Konsensfindung dienten.

[ii] Die ersten drei Kernaufgaben sind darauf gerichtet, dass die Gesellschaftsmitglieder ihre unelastischen Grundbedürfnisse befriedigen können, bei der letzten Kernaufgabe handelt es sich um die Reproduktion - sowohl eine biologische als auch soziale Notwendigkeit.

[iii] Vgl. dazu: Morris, I.: Beute, Ernte, Öl. Wie Energiequellen Gesellschaften formen, München 2020. Der Titel zeigt jedoch, was durcheinandergerät: An die Stelle der Form, in der sich die Menschen die überlebenswichtige Energie zuführen, als Beute bei Jägern und Sammlern oder als Ernte bei den sesshaften Bauern, zaubert Morris plötzlich die Energie, die wir modernen Menschen dafür einsetzen, um zu Nahrungsmitteln zu kommen. Ein Bruch, für den er - als Liberaler - blind ist. Denn Beute und Ernte stellen nur oder primär auf menschliche Muskelkraft an, die Moderne hingegen primär auf Maschinen, die von künstlicher Energie angetrieben werden: Dampf, Elektrizität, Erdöl. Es wäre interessant zu fragen, welche Bedeutung jeweils der Männernmuskeln zukam, die i. d. R. zur grösseren Spitzenenergieleistungen fähig sind als wir Frauen.

[iv] Die westliche Geschichtsvergessenheit irritiert. Denn bevor Europas Staaten monetär basierte Solidarinstitutionen organisieren konnten, sorgten die Religion und Kirchen qua Barmherzigkeit für überfamiliale Solidarität. Interessant, dass mit Luther die Umorientierung hin zum Staat begann und das z.Z. der Bauernkriege und als für den im zunehmenden Fern- und Grosshandel notwendigen Geldbedarf in Silber- und Kupferminen geschürft wurde. So hat Luther nicht das Kapital und den Staat, aber die Bauern verraten.

[v] Ausnahmen waren manchmal Oberschichtsfrauen, die sich eine Amme leisten konnten.

[vi] Bei den Paschtunen sind aber Homosexuelle nicht verpönt, sondern als Barbiere oder Musiker oder verkleidet als Tänzerinnen tätig. Aber auch sie geniessen den Schutz der bewaffneten Männer.

[vii] Tobler Linder, V.: Wenn Frauen in Männerrollen steigen: Von der Geschlechter- zur Berufsrollenhierachie. In: Brander, S. u.a. (Hg.): Geschlechterdifferenz und Macht. Reflexion gesellschaftlicher. Reflexion gesellschaftlicher Prozesse. Freiburg Schweiz 2001: 187 –207.

[viii] Bei den traditional orientierten Paschtunen hatten Frauen wichtige Ausgleichsfunktionen: Sie konnten nämlich einen Krieg erzwingen oder aber Frieden stiften und organisieren. Während es den Männer in spezifischen Situationen vorgeschrieben war, ihrem Erzfeind zu verzeihen und ihn zu schonen, lag’s dann in der Macht einer Frau, ihn trotzdem, mit dem Gewehr ihres Gatten, zu töten.

Warum der Westen weder die Welt noch Afghanistan retten kann - Teil III

Schatten und blinde Flecken im Liberalismus
Verena Tobler Linder - Sept. 2021
Ich frage deshalb: Wie wär’s mit einer Neuen Aufklärung? Eine Aufklärung, die endlich die Schatten erkennt und benennt, welche die ungeheuerliche Entwicklung in Europa samt seiner Aufklärung für die restliche Welt gebracht hat? Eine Aufklärung, die fragt, wie die expandierende und weltweit immer ungleichere Kapitalakkumulation, die uns dank unserem energetisch-technologischen Machtapparat möglich wurde, gezähmt und umgestaltet werden kann? Und zwar so, dass das Leben auf diesem Planeten bewahrt werden kann und die Menschen sich weltweit miteinander  – nämlich qua Teilhabe und Teilnahme und ohne die unsinnige Einwegmigration in die globalen Zentren - versöhnen können?

3. Was tun, wenn der Westen die Welt nicht retten kann?

Eric Gujer hat recht: Der Westen kann die Welt nicht retten, so lange er die zwei grossen Schatten ausblendet, die er mit seiner Weltwirtschaftsordnung und dem energetisch-technologischen Machtapparat geschaffen hat. Der eine wurde bereits benannt: die gewaltige Ungleichentwicklung zwischen reichen und armen Staaten. Der zweite Schatten, eng mit dem ersten verbunden, ist noch gewaltiger und verheerender: Denn wir leben nicht im Anthropozän, sondern im Kapitalozän! Klimaerwärmung, sinkende Biodiversität, Umweltzerstörung, riesige Migrationsströme sind einer Weltwirtschaft geschuldet, die vom eingangs erwähnten Dreifaltigkeitsphantasma angetrieben wird: grenzenlose Freiheit, grenzenloses Wachstum, grenzenlose Ressourcen!

Ich will zum Schluss den Chefredaktor der NZZ ein wenig in Schutz nehmen: Die Liberalen sitzen nicht allein auf dem Karren, der in Richtung Abgrund rollt. Sämtliche Parteien - die Rechte, die Mitte samt der SP und den Grünen  – alle hocken sie auf diesem Gefährt. Und unentwegt wird weiter in Richtung des grenzenlosen Weiterwachsens gesteuert, auch wenn dieser Wahnwitz parteispezifische Schattierungen annimmt. Wahnwitz, weil wir alle zusammen in einen Teufelskreis verstrickt sind. Aber vielleicht bringt uns ja der Versuch, einige der folgenden Fragen zu beantworten, zurück zur Raison?

  • Warum werden die Ordnungsvorstellungen „vor Ort“ an den Rechtsverfassungen der Schweiz gemessen  – einem Land, das drei Planeten verbraucht? Wenn’s in den USA sechs sind, macht das den Massstab nicht besser!
  • Weshalb prüfen wir nicht, wie weit unsere Rechtsverfassung, der liberale Wertekanon, einzelne Menschenrechte in den globalen Ungleichgewichten und unserem De-Luxe-Lebensstandard und Überkonsum wurzeln?
  • Weshalb sehen wir in der wachsenden Einwegmigration in die USA, in die EU und in die Schweiz die Bestätigung dafür, dass wir im Westen die richtigen Werte haben?
  • Warum fragen wir stattdessen nicht nach den sozioökonomischen Ursachen und den langfristigen Konsequenzen dieser Einwegmigration?
  • Wozu bilden wir uns ein, die Welt werde - durch den Ablasshandel, den wir derzeit mit der Asylpolitik und Migrationspolitik betreiben - ausgeglichener und gerechter? Das Gegenteil ist der Fall!

Abschliessend jedoch zwei Fragen, für die ich die Antwort nur zu skizzieren kann. Um mehr handelt es sich nicht.

31.  Wie liesse sich denn ein globalen Ausgleich und ökologische Nachhaltigkeit herstellen?

Angeregt von der Lektüre „Grenzen des Wachstums“ (Club of Rome, 1972) beschäftigt mich als Altlinke seit Dekaden die Frage, ob der Kapitalismus letztlich Ausdruck einer Grenzenlosigkeit ist, die in allem Leben steckt. In der hellen Variante als Ewigkeitssehnsucht, in der dunklen als jene grenzenlose Gefrässigkeit, die, aufgerüstet mit unserem energetisch-technologische Machtapparat, zu vielfältigen Formen eines ökologischen und sozialen Kollaps führt.

Verständlich, wenn viele Menschen dem Nationalstaat misstrauen und jenem Nationalismus, der so viel Unheil anrichtete, weil er die eigenen Interessen über alles stellte, und dessen Überlegenheitsanspruch direkt zum Rassismus führt. Aber weil soziale und ökologische Nachhaltigkeit zusammengehören, können wir den behutsamen und achtsamen Umgang mit der menschlichen und mit der nicht-menschlichen Natur vermutlich n u r  im Rahmen eines konkreten und begrenzten Territoriums lernen. Im Licht einer Verantwortung, welche die Voraussetzungen und Folgen von Produktion und Konsum in einem heimatlichen Territorium, an dessen Ressourcen und seinen Menschen, beobachten kann und verstehbar macht, so dass man daran lernen kann und die nötigen Anpassungen möglich werden. Werner Vontobel hat dazu, zusammen mit einem Autor aus dem Bolo-Bolo-Kreis, das kleine, aber kluge Buch Eine Ökonomie der kurzen Wege geschrieben.[1]

Im Kapitel zur Weltwirtschaftsordnung habe ich etwas ausgespart, das zum zweiten Schatten gehört: Neben den sozialen Schäden, welche die Exportproduktion in armen Ländern anrichtet, sind mit der „Vertikalen Integration“ auch Landraub, Monokulturen und massive ökologische Schädigungen verbunden. So konnten in den letzten 50 Jahren die Menschen, die in den globalen Kapitalzentren residierten, denjenigen in weit entfernten armen, aber friedlichen Regionen schier alles wegfressen. Oder aber sich z. B. sogar von einem Sozialamt einen Ferienflug nach Thailand finanzieren lassen. Nicht Neid steckt hinter dieser kritischen Bemerkung - im Gegenteil: Solidarität und Fürsorge sind unverzichtbar, aber nicht grenzenlos und phantasmagorisch, sondern machen Sinn im konkreten Nahraum. Gleichzeitig ist aber auch weltweite Solidarität wichtig und unverzichtbar. Am besten würde sie aber wohl so operationalisiert: Kein Mensch hat das Recht auf einen ökologischen Fussabdruck, der die biologisch produktive Fläche übersteigt, die ihm auf diesem Planeten für seinen Lebensstil und Lebensstandard zusteht.[2]

Zwar wird für manche Güter auch künftig der Welthandel nötig sein. Die entscheidenden Fragen aber lauten: Für welche Produkte ist das nötig? Und wie werden Produktion und Handel organisiert, damit sowohl in den Herkunftsländern als auch in den abnehmenden Gesellschaften das gewährleistet ist, was ich als „Horizontale Integration“ bezeichne. Vor Ort ist das unter drei Bedingungen erreichbar:

  • Der Westen verzichtet auf seine kriegerische Interventionen, mit der er bislang n u r  Chaos angerichtet hat, genauso wie auf seine Regime-Change-Politik, mit der er sich bislang grenzenlose Märkte zu seinen Gunsten gesichert und geschaffen hat.
  • Der Westen verzichtet auf jene Formen der Entwicklungshilfe, mit er bislang die Vertikale Integration vorangetrieben hat. Entwicklungszusammenarbeit kann ein paar Voraussetzungen und einige Rahmenbedingungen für Entwicklung bereitstellen: Brücken und Strassen bauen, arme Staaten darin unterstützen, ihre Staatsaufgaben besser zu organisieren, darunter auch Bildung und Berufsausbildung. Entwickeln können sich arme Staaten jedoch nur, wenn die Weltwirtschafts- bzw. Welthandelsregeln endlich so verändert werden, dass auch „vor Ort“ eine Horizontale Integration und eine Staatsaufbau von unten und von innen erfolgen kann. Das hätten EntwicklungsexpertInnen endlich laut und deutlich und ehrlich zu bekennen, statt ihr Entwicklungsbusiness weiterhin so zu betreiben, dass primär ihre Organisation und deren Mitarbeiterschaft davon besser leben.
  • Der Westen verzichtet künftig auf den Brain Drain aus der armen Welt und hört auf, die Migration als Lösung der globalen Ungleichgewichte zu feiern. Er stellt den Ablasshandel ein, wie er derzeit über die Migrations- und Asylpolitik betrieben wird. Sicher, die Menschen brauchen Arbeit, sie brauchen Schutz, sie brauchen Rechte! Aber das Engagement dafür ist schief, wenn es von aussen und oben kommt und die Verhältnisse „vor Ort“ am sozial und ökologisch überrissenen De-Luxe-Standard der Kapitalzentren gemessen werden. Menschen sind künftig allerorts dafür verantwortlich, dass auf dem Territorium, in dem sie leben, soziale und ökologische Nachhaltigkeit zum Tragen kommen. Und wir in der Schweiz werden unsere Gürtel enger schnallen müssen. Höchste Zeit, dass wir uns in jene Richtung bewegen, in der wir den achtsamen Umgang mit der menschlichen und mit der nicht-menschlichen Natur erlernen, die wir auf unserem begrenzten Territorium zur Verfügung haben. Und so wär’s dringend abgezeigt, die Migration zu einem beidseitigen und horizontalen Lernprozess umzugestalten.

32. Aber weshalb ist, was eigentlich klar und einfach ist, kaum einsehbar und so schwer veränderbar?

Grenzenlose Kapitalakkumulation und die grenzenlose Gefrässigkeit der Individuen: die beiden gehören zusammen! Sind es diese beiden Blinden Flecken, die wir uns mit der Weltwirtschaftsordnung und dem liberalen Wertekanon eingehandelt haben, die uns derzeit zum grenzenlosen Moralisieren verleiten?

Das wäre tragisch und, wie uns das Afghanistan zeigt, nicht nur desaströs, sondern sogar monströs!

1. In unserer Strukturverwöhnung messen wir die fremden Anderen nicht nur laufend und arrogant an unseren De-Luxe-Standards, sondern wir konstruieren sie vermessen als „Die Bösen“.

„Minderwertig“ ist nicht besser: Denn wo wäre da denn der Unterschied zum Rassismus, mit dem die Kolonialisten einst die vormonetäre Lebensweise erklärten und ihre zivilisatorische Mission rechtfertigten?

2. Strukturblind, ja strukturverleugnend versuchen wir den Menschen „vor Ort“ unsere Staats- und Rechtsverfassung aufzuzwingen, obwohl dort - für die Bevölkerungsmehrheit! - jede wirtschaftliche und soziale Basis fehlt.

3. Wir schicken im Namen der Frauen- und Menschenrechte unsere Armeen und Soldaten hin, um jene, die ausserhalb oder am Rande der Kapitalzirkulation überleben, zu disziplinieren und ihnen unsere Regeln zu verpassen: Regeln, mit denen die dortige Bevölkerungsmehrheit derzeit nicht überleben kann.

4. Aufgrund des hoch überlegenen Waffenarsenals entsteht ein ungleicher und äusserst unfairer Krieg!

5. Wer mit Bomben, Helikoptern, Fernleitsystemen, Drohnen gegen Männer kämpft, die barfuss gehen oder Flip-Flops tragen, die mit Gewehren und selbstgebastelten Bomben ausgerüstet sind, sät Terror.

6. So machen wir aus Tribalisten schliesslich Terroristen: Suizid-Attentäter, die nicht nur weit entfernt „vor Ort“ zuschlagen, sondern die diesen ungleichen Krieg auch nach Europa und in die USA tragen.

Kurz: So krumm, wie die Dinge derzeit laufen, machen wir uns mit unseren neokolonialen und imperialen Anstrengungen den organisierten und engagierten Teil der  Menschen an den weltwirtschaftlichen Rändern  – von Afghanistan über Mali und Kamerun bis nach Mozambik und Somalia  – zum Feind: Sie werden uns, aus strukturellen Gründen, zu unguter Letzt bekämpfen. Nicht, weil unser De-Luxe-Lebensstandard für sie nicht begehrenswert wäre, sondern mit gutem Grund: Weil man mit westlichen Werten „vor Ort“ nicht überleben kann, so lange dort das energetisch-technologischen Instrumentarium, die wirtschaftlichen Strukturen für monetär finanzierte soziale Institutionen und eine ausreichende Zahl an Erwerbsarbeitsplätzen und Berufsrollen fehlen  – all das, worüber wir in Zentren der liberalen Weltwirtschaftsordnung so reichlich und selbstherrlich verfügen.

Nein, weder die liberale Weltwirtschaft noch die liberale Wertordnung kann die Welt retten!

Die Frage aber, ob der Westen mit Blick auf die arme Welt überhaupt lernfähig wird, beschäftigt mich seit langem. Strukturorientiertes Denken ist eine Kunst: eine doppelte Herausforderung und eine zwiefache Zumutung!

  • Eine doppelte Herausforderung, weil wir erstens auf zwei Ebenen zu denken haben: auf jener der Gesellschaft bzw. der Kollektivs und auf jener der einzelnen Individuen; weil wir es zweitens mit unzähligen und vielfältigen Faktoren zu tun haben, die nicht nur zusammenzudenken, sondern auch noch zu gewichten sind.
  • Eine zwiefache Zumutung, weil wir zum einen, sobald wir Individuen und Kollektive auseinanderhalten, mit Paradoxien konfrontiert sind: mit Widersprüchen, die nicht lösbar sind. Zum andern, weil in der Schweiz alle, Einheimische und Immigrierte, zu jener Crème de la Crème gehören, die von den globalen Ungleichgewichten profitiert und deshalb die eigenen Schatten ausblendet. Und das umso heftiger, je moralischer wir sind.

Ich frage deshalb: Wie wär’s mit einer Neuen Aufklärung?

Eine Aufklärung, die endlich die Schatten erkennt und benennt, welche die ungeheuerliche Entwicklung in Europa samt seiner Aufklärung für die restliche Welt gebracht hat? Eine Aufklärung, die fragt, wie die expandierende und weltweit immer ungleichere Kapitalakkumulation, die uns dank unserem energetisch-technologischen Machtapparat möglich wurde, gezähmt und umgestaltet werden kann? Und zwar so, dass das Leben auf diesem Planeten bewahrt werden kann und die Menschen sich weltweit miteinander  – nämlich qua Teilhabe und Teilnahme und ohne die unsinnige Einwegmigration in die globalen Zentren - versöhnen können?

Die wichtigste Voraussetzung für die neue Aufklärung wär’s wohl, zu erkennen, dass zwar Moral unverzichtbar, aber so nötig wie schrötig ist. Denn die fremden Anderen haben nur selten „keine Moral“, sondern i. d. R. nur eine „andere Moral“. Und das aus guten Gründen  – das haben mich die Paschtunen gelehrt. Doch um zu dieser Erkenntnis zu kommen, müssten wir lernen, mit der schlichten Tatsache umzugehen: Wir Menschen halten - weltweit und seit eh und je - sowohl die Moralität der jeweils eigenen Gesellschaft, sofern diese denn internalisiert wurde, als auch unsere höchst persönliche Moral narzisstisch und aggressiv besetzt .

Und grad das macht sie so unglaublich nett, all diese Menschen, Männer und Frauen, und gleichzeitig oft so anmassend arrogant und strukturblind!

 

[1] Frohofer, F., Vontobel, W.: Eine Ökonomie der kurzen Wege. Von der Marktwirtschaft zur Bedarfswirtschaft. Zürich 2021.

[2] Walter Schiesser, langjähriger Inlandredaktor der NZZ, hat als Umweltpionier bereits vor Dekaden in diese Richtung gedacht.

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