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«Es ist möglich!»

Zum Lebenswerk von Beat Richner, Kinderarzt
von Erika Vögeli
27. September 2018
In Beat Richner verlieren wir alle einen gross­artigen Menschen, einen wunderbaren Botschafter der humanitären Schweiz, einen unabhängigen Denker und unbeugsamen Kämpfer für die Anerkennung des Rechts eines jeden Menschen auf die für ihn notwendige, korrekte medizinische Behandlung ohne jeden Abstrich. «Ich bin Gefangener meines Gewissens»,1 schrieb er einmal, weil die Not der Kinder in einem armen Land, zerstört von Krieg und Gewaltherrschaft, ihn anrührten, ihn aufforderten zu handeln und etwas zu tun. Er hat das getan  – hingebungsvoll, ausdauernd, mit zäher Hartnäckigkeit, denn «das Leben eines Kindes ist ein Universum», und in armen Ländern ist das Sterben eines Kindes nicht einfacher, «der Bezug der Mutter zum Kind [ist] überall auf der Welt der kostbarste menschliche Kontakt überhaupt. Und ein Bruch dieses engsten Kontaktes, eine Verletzung des engsten Vertrauens, den Menschen miteinander haben können, fügt überall den gleichen unsäglichen Schmerz zu». Und: «Es gibt nichts mehr als Leben im Leben.»

Man ahnt in diesen Sätzen ein wenig von dem, was Beat Richner die Kraft gab, den Kampf mit den täglichen Anforderungen, mit sich und den Widrigkeiten der Situation und all den Hindernissen, die man ihm in den Weg stellte, jeden Tag erneut aufzunehmen: als Arzt, als Fundraiser, als Ausbildner, als Leiter der Spitäler, als «Hüttenwart, der für Disziplin und Hygiene sorgt» und als «Polizist, der gegen die Korruption kämpft».2

Beat Richner mit Kind im Spital

Das Lebenswerk

Beat Richner, geboren am 13. März 1947, schloss seine Ausbildung zum Kinderarzt 1973 ab. Und er war es gerne: «Ich liebe ja meinen Beruf als Kinderarzt und würde im nächsten Leben wieder denselben wählen.»

Daneben pflegte er sein geliebtes Cellospiel: Sein Debut als «Beatocello», als Cello spielender Musiker und Musikclown, gab er schon 1967 am Polyball (dem jährlichen Ball an der Eidgenössischen Technischen Hochschule ETH in Zürich), weitere Auftritte folgten, und ab 1972 engagierte ihn der Schweizer Kabarettist und Schauspieler Roland Rasser regelmässig in seinem Theater am Spalenberg in Basel. Dass es ihm dereinst auch helfen würde, seine Botschaft zu verbreiten und sein Anliegen zu unterstützen, wusste er damals noch nicht.

1974/75 arbeitete Beat Richner als Arzt und Leiter einer Mission des Schweizerischen Roten Kreuzes im Kinderspital Kantha Bopha in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh. Die Invasion der Roten Khmer setzte diesem Engagement ein jähes Ende und zwang Beat Richner zur Rückkehr in die Schweiz, wo er zunächst seine Stellung am Kinderspital Zürich wiederaufnahm. 1980 eröffnete er gemeinsam mit einem Kollegen eine eigene Praxis in Zürich.

Nach Krieg, tödlicher Herrschaft durch die Roten Khmer und Bürgerkrieg kam es im Juni 1991 endlich zum Waffenstillstand und dann zum Pariser Friedensvertrag vom 23. Oktober 1991. Der König und die Übergangsregierung von Kambodscha wandten sich an Beat Richner und baten ihn, das Kinderkrankenhaus in Phnom Penh (damalige Kapazität: 68 Betten) wieder aufzubauen und dessen Führung zu übernehmen.

Schweren Herzens verliess er seine Kinderarztpraxis in Zürich und reiste nach Kambodscha. Dass es so viele Jahre werden würden, ahnte er wohl kaum.

Das wiederaufgebaute Spital Kantha Bopha I wird 1992 von Prinz Norodom Sihanouk und dem Leiter der Uno-Übergangsverwaltung für Kambodscha eingeweiht. 1993 folgen Umbau und Inbetriebnahme eines weiteren Gebäudes mit Chirurgie, zwei Operationssälen und drei Abteilungen. 1994 wird ein weiteres benachbartes Gebäude zu einer grossen Intensivstation mit zwei weiteren Abteilungen umgebaut.

Dann folgt 1995 die Grundsteinlegung für Kantha Bopha II   – das erste Spital war mit täglich über 1000 ambulanten Patienten und 350 Spitalaufenthalten schon völlig überbelegt. König Norodom Sihanouk stellte dazu Land des königlichen Palastes in Phnom Penh zur Verfügung. Eingeweiht wurde Kantha Bopha II am 12. Oktober 1996, wiederum mit König Sihanouk und Bundespräsident Jean-Pascal Delamuraz.

Das dritte Spital eröffnete am 31. März 1999 in Siemreap, in der Nähe des Tempels von Angkor   – einer Touristenattraktion, bei der Beat Richner gerne Cello spielte und nebenbei Spendengelder sammelte… So wie schon in den ersten Spitälern ist auch hier die Behandlung für jedes Kind kostenlos. Es umfasst eine grosse Station für ambulante Patienten und umfangreiche Einrichtungen für die Pflege hospitalisierter Kinder sowie für die korrekte Behandlung lebensbedrohlich erkrankter Kinder. Bauweise und Gestaltung des neuen Spitals Jayavarman IV (Kantha Bopha III) widerspiegeln die sieben Jahre laufender Erfahrung mit den Spitälern in Phnom Penh.

Wie die Stiftung Kinderspital Kantha Bopha Dr. Beat Richner schreibt, könnte es weltweit als Modell für den Bau und die Organisation eines Krankenhauses dienen, das unter ähnlichen Bedingungen geführt werden muss.

In Jayavarman IV werden im Jahr 2000 eine Kinderchirurgie und ein Computertomograph eingeweiht, 2001 folgt die Einweihung einer Maternité, die helfen soll, künftig die Übertragung einer mütterlichen HIV-Infektion auf das Kind zu verhindern, 2002 die Einrichtung eines Konferenz- und Ausbildungszentrums. Seit 2002 hat Beat Richner dort wöchentlich, jeden Samstag, ein Konzert gegeben   – bis zum Jahr 2009 schon über 500 Konzerte, die jährlich fünf bis acht Millionen Dollar an Spenden einbrachten. 2005 wurde Jayavarman IV nochmals erweitert, so dass dort weitere 350 Betten zur Verfügung stehen.

Als Kantha Bopha I bis 2004 nicht nur zu klein, sondern auch dringend renovationsbedürftig geworden war, begann man mit der Errichtung von Kantha Bopha IV, das im Dezember 2005 eingeweiht werden konnte. Während ein Gebäude von Kantha BophaI weiter genutzt werden konnte, wurden die beiden anderen erneuert. Das neue Spital hat 555 Betten, 4 Operationsräume, 2 Intensivstationen, ein umfassend ausgerüstetes Labor mit Blutbank, eine Abteilung mit einem Röntgenapparat, 4 Ultraschallgeräten und einem Computertomographen, dazu eine grosse Apotheke, eine Station für ambulante Patienten und ein Präventionszentrum. Gedeckt werden konnten die Kosten für all das nicht zuletzt dank der Aktion «Zwänzgernötli», die von zahlreichen Schulkindern und Menschen aus der ganzen Schweiz unterstützt wurde.

Schon bald war auch dieses Krankenhaus dem Ansturm an kranken Kindern nicht mehr gewachsen   – 2006 hat die Zahl der kleinen Patienten, die hospitalisiert werden mussten, um 50 Prozent zugenommen. So beschloss die Stiftung den Bau von Kantha Bopha V, das Ende 2007 seiner Bestimmung übergeben werden konnte. Die Kosten für die neun Einheiten mit je 34 Betten, das Präventionszentrum, die Station für Prävention, Röntgengeräte, Ultraschall, das Durchleuchtungsgerät, die Labors, der Konferenzraum und die medizinische Bibliothek beliefen sich auf neun Millionen US-Dollar. 2008, 2011, 2012 und 2014 folgten vier Erweiterungen von Jayavarman VII.

Nicht wegzudenken ist auch die ausgezeichnete ärztliche Ausbildung, die an den Spitälern geleistet wird, an denen der grösste Teil der kambodschanischen Ärzte ausgebildet wird. Beat Richner legte Wert darauf, dass die Mitarbeiter der Kliniken in allen Bereichen in erster Linie aus Kambodscha stammen: Ende 2017 beschäftigte die Stiftung in den fünf Spitälern «rund 2500 einheimische Mitarbeiter. Nebst Dr. med. Peter Studer als Leiter der Kantha Bopha Spitäler (CEO und Vizepräsident) ist Dr. Denis Laurent (COO und französisch-kambodschanischer Doppelbürger) als einziger ausländischer Angestellter in Kambodscha für die Stiftung tätig.» Und dies alles beim weltweit besten Verhältnis von Kosten und Heilungsrate. «Kantha Bopha ist korruptionsfrei, eine Insel von Gerechtigkeit und sozialem Frieden in Kambodscha.»3

Ein Modell   – nicht nur für arme Länder

Wie die Stiftung festhält, ist Kantha Bopha zu einem «hochgeachteten Modell für ganz Südostasien geworden. Es zeigt, wie leistungsfähig direkte medizinische und humanitäre Hilfe   – das heisst, korrekte und nicht durch Korruption behinderte Medizin, verbunden mit gezielter Langzeit-Ausbildung   – sein kann, sowohl bei der behandelnden wie präventiven Medizin und in der Forschung.»

Bis 2017 wurden in den Spitälern 16,3 Millionen Patienten ambulant und über 1,9 Millionen schwerkranke und schwer verunfallte Kinder in Spitalpflege behandelt. Unzählige Kinder erblickten dort das Licht der Welt, und noch vielen mehr schenkte er ein «morgen», wie es in einem Lied in dem berührenden Trauervideo (aufgeschaltet auf der Homepage der Stiftung)4 heisst.

Das sind nur die äusseren Fakten einer immensen menschlichen Leistung. Man kann sich verneigen davor und zur Kenntnis nehmen, was mitmenschliches Gefühl, Gerechtigkeitssinn und eine unbeugsame menschliche Entschlusskraft vermögen. Manchmal hat man Beat Richner Kompromisslosigkeit und mangelnde Diplomatie vorgehalten. Aber seine Überzeugung, dass ärztliche Hilfe nicht an arm und reich gebunden werden darf und dass daher richtige Medizin für alle ohne Ausnahme ein Gebot der Achtung vor der Menschenwürde ist, duldet keinen Kompromiss. Und das ist gut so. Ohne sie wäre er nicht Beat Richner gewesen, und ohne sie gäbe es Kantha Bopha wohl auch nicht.

Denn ohne diese innere Unbeugsamkeit hätte er kaum die Kraft gehabt, nicht nur allen internationalen Organisationen und zahlreichen offiziellen Stellen, die das alles als «Luxus» ablehnten, der Indolenz auch der Reichen in Kambodscha und dem permanenten Kampf um das finanzielle Überleben dieses Werkes zum Trotz weiterzuarbeiten.

Natürlich gab es auch Weggefährten und Unterstützer von Anfang an: Ärzte und andere Fachleute, die mitzogen und auch bei seiner Erkrankung wieder einsprangen, die Schweizer Illustrierte, die das Projekt von Anfang an begleitete und immer wieder zu Spenden aufrief, die jährliche Galaaufführung des Zirkus Knie und die Schweizer Bevölkerung und Wirtschaft, die Beat Richner über all die Jahre mit ihren Spenden die Treue hielt und ihn zum ersten Schweizer des Jahres wählte.

Mittlerweile verdoppelte auch die kambodschanische Regierung 2016 ihren Beitrag auf 6 Millionen und seit 2017 generieren 2 Dollar pro Eintritt in die berühmten Tempelanlagen von Angkor Wat zusätzliche 5 bis 6 Millionen Dollar. Private Spenden nehmen auch in Kambodscha zu, und die Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) steuert weiterhin jährlich 4 Millionen Franken bei.

Aber leicht war es nicht. Auch 2017 wurde über die Hälfte des Budgets aus Spenden aus der Schweiz gedeckt.  «Betteln» war hart. Beat Richner fragt sich in seinem 2009 erschienenen Buch Ambassador: «Ein Traum, der sich gelohnt hat? Ja, ganz sicher, das war und ist es wert, ein Traum aber auch, der bei mehr Menschlichkeit der Reichen und Mächtigen hätte leichter geträumt werden können. Es war hart. Und es ist heute noch hart.» (S.  105)

Wir dürfen es aber nicht bei guten Wünschen und Bewunderung für Beat Richner belassen: Ehren kann man dieses Werk zum einen, indem man ihm die verdiente internationale Achtung und Unterstützung gewährt   – und dadurch, dass die Schweizer Bevölkerung, viele Einzelne mit grösserem oder kleinerem Geldbeutel, ihre stille aber bisher deutliche und stetige Unterstützung weiter leisten und bei den nachkommenden Generationen das Mitgefühl und die Achtung für diese Leistung wecken und pflegen. Es ist das mindeste, was wir tun können.

Gerade junge Menschen kann sein Beispiel ermutigen: «Es ist möglich!» wie er einmal formulierte   – menschliches Mitgefühl, gepaart mit innerer Festigkeit und Tatkraft kann Berge versetzen. Beat Richner hat es vorgemacht   – es gibt viele Orte und Gelegenheiten, sein Vorbild nachzuahmen.   

1    Richner, Beat. Ambassador. Zwischen Leben und Überleben. Zürich 2009
2    vgl. Schweizer Illustrierte Online vom 9.9.2018
3    Jahresbericht 2017 der Stiftung: http://www.beat-richner.ch/pdf/Jahresberichte/Jahresbericht2017/Jahresbericht2017D.pdf#page=8&zoom=auto,741,672
4    www.beat-richner.ch 

Quelle: https://www.zeit-fragen.ch/de/ausgaben/2018/nr-22-25-september-2018/es-ist-moeglich.html

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