Wir verbrennen keine Bücher, das nicht, aber…

Wir verbrennen keine Bücher, das nicht, aber…

A.L. Kennedy

A. L. Kennedy, Jahrgang 1965, lebt in Glasgow.

Die Schottin ist auch bei uns bekannt geworden durch Romane wie «Day», «Gleissendes Glück» oder «Also bin ich froh». Der hier abgedruckte Text ist ein Ausschnitt aus ihrer Dankesrede für den erstmals vergebenen Eifel-Literaturpreis 2008.

In Grossbritannien haben wir die letzten Jahrzehnte damit verbracht, unser Bildungssystem zu zerstören, sodass mehr und mehr Kinder die Schule mit unzulänglichen Kenntnissen ihrer eigenen Sprache verlassen. Die jungen Leute, die von unserem staatlichen Bildungssystem abhängig sind, werden grundlegend geschädigt durch dieses System, das ins Leben gerufen wurde, um Geld einzusparen, um wenig beachtete Menschen zu verwahren, um Schwäche und Verletzlichkeit anzuerziehen, ein System, das mehr und mehr testet und misst und immer weniger lehrt. 

Wir hatten früher Bibliotheken, in denen jedermann nicht nur die Bücher finden konnte, nach denen er suchte, sondern auch, o Wunder, Vergnügen und Unterhaltung. Ich bin so vielen Briten begegnet, die eine mässige Ausbildung genossen haben und die einfach zur örtlichen Bibliothek gegangen sind, um zu lesen  – um erfüllter und reicher zu sein. Wir haben unser Bibliothekswesen zerstört, wir haben unsere eigenen Bücher entfernt, Gebäude geschlossen und Öffnungszeiten reduziert. Wir verbrennen keine Bücher, das nicht, aber wir lassen sie still und leise verschwinden.

Fast völlig taub für die Welt

In Grossbritannien gehören unsere Verlage grösstenteils riesigen Konzernen innerhalb noch grösserer Korporationen mit noch grösseren Gesellschaften  – Unternehmen, die wenig oder gar kein Interesse daran haben, die Kultur unserer Nation zu bewahren und zu fördern oder sie dem Rest der Welt zugänglich zu machen.

Lektoratsentscheidungen werden immer öfter von Männern und Frauen getroffen, die unter enormem kommerziellem Druck stehen, die nicht genug Zeit haben, das zu tun, was sie einst liebten, von Menschen, die es sich nicht länger leisten können, Risiken auf sich zu nehmen, um uns dieses Vergnügen zu bereiten. Mehr und mehr werden uns Bücher angeboten, die mit guter Literatur nichts gemein haben, Bücher, die von Prominenten und Klatschgeschichten handeln, mit farbloser und knapper, vorhersehbarer Handlung.

Unsere Buchhandlungsketten sind inzwischen so marktbeherrschend, dass sie vorgeben können, welche Bücher sich verkaufen, welche Bücher erfolgreich sind, wie der Einband auszusehen hat und wie weit der Preis für ein Buch heruntergesetzt sein sollte. In vielen grossen britischen Buchhandlungen wird man kaum Dichtung oder Kurzgeschichten finden  – klassische Bände, die noch vor ein paar Jahren im Regal zu finden waren, müssen mit grosser Wahrscheinlichkeit bestellt werden.

Weniger als zehn Prozent der Bücher, die jedes Jahr in Grossbritannien veröffentlicht werden, sind Übersetzungen. Wir sind gegenüber dem Rest der Welt genauso wie gegenüber der Fülle und Vielfalt unserer eigenen Stimmen fast vollständig taub. Unsere Medien  – wie die Medien so vieler vermeintlich fortschrittlicher westlicher Länder  – haben ihr Personal radikal reduziert, verlieren ihre Leserschaft, Zuschauer, Zuhörer und Werbepartner und widmen Büchern noch nicht mal ein Minimum an Berichterstattung. Es ist für einen Gedichtband oder ein ernstes literarisches Werk mehr als wahrscheinlich, zwar herausgegeben, aber niemals besprochen zu werden, sondern einfach zu verschwinden.

All dies führt dazu, dass wir einsamer, ängstlicher und anfälliger für Manipulation durch Werbung, Journalisten und Politiker werden. Nicht zufällig führen wir in Grossbritannien gerade einen Krieg gegen fast all die Werte, welche wir während des Kampfes gegen den Nationalsozialismus geschworen haben zu verteidigen. Nicht zufällig erleben wir eine Häufung von Jugendkriminalität und Selbstzerstörung, und ebenso wenig zufällig lässt unsere Bevölkerung es zu, in einem Netz aus Überwachung, Freiheitsentzug, Schulden, Fettleibigkeit und Vollrausch gefangen zu sein.

Wenn ich mir mein Land ansehe, denke ich oft an das Werk von Rafael Lemkin, der das Wort «Genozid» erfand. Er prägte dieses Wort in Kenntnis des türkischen Genozids, und bevor seine eigene Familie von den Nazis umgebracht worden war. Zuvor gebrauchte er die beiden Worte «Barbarei» und «Vandalismus», um die Vorläufer des Genozids zu beschreiben  – das langsame und entsetzliche Voranschreiten, das die künstlerische Ausdrucksfreiheit, die Freude, die Würde der Schöpfung, den Beweis von Menschlichkeit und Identität und das kulturelle Erbe einer Bevölkerung auslöscht -, jenen Prozess also, der den Menschen immer weniger menschlich und dann unmenschlich macht, sodass er zerstört werden kann.

Leser verteidigen, was sie lieben

Lemkin sprach von einem «koordinierten Plan mit unterschiedlichen Abläufen, der auf die Zerstörung von essenziellen Lebensgrundlagen der nationalen Gruppen abzielt mit dem Ziel, die Gruppen an sich zu vernichten». Unsere Sprache, unsere Erzählungen und unsere Fähigkeit, uns auszudrücken, sind ebensolche essenziellen Lebensgrundlagen. Mir ist klar geworden, dass wir uns in Grossbritannien gerade Selbstvernichtung und Selbstzerstörung zu eigen machen.

Dies wird nicht von äusseren Einflüssen verursacht  – wir sind dabei, immer unmenschlicher zu werden -, und dieser Trend breitet sich mehr und mehr in der so genannten modernen Gesellschaft aus. Worte können dieser Entmenschlichung einfach, schön und kraftvoll entgegentreten. In ganz Grossbritannien haben sich Literaturfestivals und Lesegruppen ausgebreitet. Leser suchen sich, angesichts fehlender Unterstützung durch die Medien, unabhängige Buchläden, kaufen Bücher im Internet, verteidigen so, was sie lieben.

"Lesen hat etwas in sich, was von Natur aus gut ist"

Leser praktizieren die Kunst des Lesens, die Kunst, anderen Menschen zuzuhören. Das ist die Anwendung von Fantasie, der Kraft, die uns erlaubt, uns eine andere Regierung oder Gesellschaft als die gegenwärtige vorzustellen  – eine neue Arbeit, ein neues Leben oder nur eine neue Gewohnheit  – sie erlaubt uns, unser Schicksal zu beeinflussen. Literatur erinnert uns daran, dass andere Menschen genauso interessant, menschlich, komplex und unersetzlich sind wie wir selbst. Dies bedeutet, dass Lesen etwas in sich hat, was, wie ich sagen würde, von Natur aus gut ist.

Quelle: © Tages-Anzeiger, 21.06.2008; Seite 57ges

Bücher, Großbritannien, Bildung, Schule & Bildung, Literatur

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