kontertext: Wieder mal: Durchseuchung als beste Medizin!

The Great Barrington Declaration sorgt für medialen Wirbel. Dabei ist sie ein Ladenhüter. 13 Gründe für ein gesundes Misstrauen.
Alfred Schlienger* / 20. Okt 2020  –INFOsperber
22. Oktober 2020
Auf den ersten Blick hat die Barrington-Erklärung etwas Verführerisches: Diejenigen, die während der Corona-Pandemie nicht schutzbedürftig sind, sollen sofort wieder ein normales Leben führen dürfen, so lautet die Kernbotschaft der drei Professoren der Elite-Universitäten Oxford, Harvard und Stanford. Besonders gefährdete ältere Menschen seien abzuschirmen und damit vor einer Ansteckung zu schützen. Kurz: Vergesst all die mühsamen, staatlich verordneten Eindämmungsmassnahmen gegen Covid-19, Herdenimmunität unter den Fitten und Starken ist die Lösung.

«Wir kommen politisch sowohl von links als auch von rechts und aus der ganzen Welt und haben unsere berufliche Laufbahn dem Schutz der Menschen gewidmet», heisst es gleich zu Beginn der Erklärung. Wie erfreulich: Endlich etwas Hochkarätiges, Überparteiliches, selbstlos Menschenfreundliches zu diesem schrecklichen Virus. Mehrfach wird auch betont, dass die Beibehaltung der gegenwärtigen Anti-Corona-Massnahmen zu irreparablen Schäden führe, von denen «die Arbeiterklasse», «junge Menschen» und generell «die Unterprivilegierten» am schlimmsten betroffen sein werden. Ein Dokument also, in dem Mitmenschlichkeit, Wissenschaftlichkeit und Solidarität mit den Schwächsten eine glückliche Synthese eingehen   – könnte man meinen.

Infosperber hat die Erklärung vor wenigen Tagen vorgestellt, mit einem Link zum Unterschreiben eingeladen und in zwei dürren Kurzsätzen darauf hingewiesen, dass es auch Kritiker gibt. Das hat mich neugierig gemacht.

Bitte genauer hinschauen!

Wenn man sich durch die entstandene Debatte wühlt, entdeckt man schnell, dass es eine ganze Kaskade von Fragwürdigkeiten gibt hinter dieser Great Barrington Declaration. Hier eine Auswahl:

1. Sie enthält   – man stellt es mit ungläubigem Erstaunen fest   – keinen einzigen wirklich neuen Gedanken. Insbesondere, was den konkreten und praktikablen Schutz der vulnerablen Gruppen betrifft, bleibt die Erklärung erschreckend vage. Sie definiert nicht einmal, wer zu den Schutzbedürftigen gehört.

2. Für eine Herdenimmunität müssten etwa 70 Prozent der Bevölkerung erkranken. Derzeit rechnen verschiedene europäische Länder mit einem aktuellen Durchseuchungsgrad von etwa 8 bis 10 Prozent. The Guardian schreibt: «Es werden Behauptungen über die Herdenimmunität aufgestellt, die nicht durch vorhandene wissenschaftliche Beweise gestützt werden.»

3. Die Durchseuchungs-Strategie wurde schon zu Beginn der Pandemie diskutiert   – und schnell verworfen. In Europa dachten die Niederlande, Grossbritannien und Schweden darüber nach, diesen Weg zu gehen. Aber sie verliessen ihn, als ihre Fall- und Todeszahlen in die Höhe schnellten. Die Infektionen erfassten anders als geplant auch die Alten und Verletzbaren.

Schwerwiegende Langzeitfolgen

4. Das Virus sei für die Jungen und Fitten keineswegs harmlos, schreibt Sir Robert Lechler, der Präsident der britischen Academy of Medical Sciences. Auch sie können schwer erkranken   – und selbst bei leichten Verläufen Langzeitfolgen davontragen wie chronische Erschöpfung, mentale Einbussen, anhaltende Atembeschwerden oder Herzprobleme.

5. Es ist auch noch keineswegs gesichert, wie lange ein Infizierter nach überstandener Krankheit überhaupt immun ist   – und wie schwer eine zweite Ansteckung ausfallen kann.

6. Kritiker der Durchseuchungs-Strategie betonen: In vielen Ländern, welche die Pandemie relativ gut bewältigen   – wie etwa Japan, Vietnam, Südkorea und Neuseeland   – werde das Virus nicht einfach wild laufen gelassen, in der Hoffnung, dass Asthmatiker und ältere Menschen zwölf Monate lang einen Ort finden, an dem sie sich verstecken können. Diese Länder würden die Strategie «Testen und Verfolgen» anwenden. Damit würden die Folgen neuer Ausbrüche verringert.

Eine groteske und inhumane Strategie

7. Die «Scientific Advisory Group for Emergencies» (SAGE) ist eine Gruppe von Wissenschaftlern, die die britische Regierung und die Öffentlichkeit u.a. in Pandemie-Fragen berät. In ihrem jüngsten SAGE-Report zur Barrington-Erklärung kommt sie zum Schluss: «Diese Strategie funktioniert nicht und sollte auch nicht ausprobiert werden.» Ihre Ziele seien für die nationale und die globale öffentliche Gesundheit gefährlich. Die «groteske Strategie» komme einer «Ausmerzung von Kranken und Behinderten» gleich.

8. Zu ähnlichen Einschätzungen kommen zahlreiche weitere internationale Fachleute.

Karl Lauterbach, Epidemiologe und SPD-Gesundheitsexperte: «Die Herdenimmunität würde in Deutschland 400 000 Menschen das Leben kosten   – mindestens.» Dieser Weg sei «komplett unethisch». Prof. Sir Robert Lechler, der oberste britische Mediziner, schreibt: «Wir können nicht ganze Bereiche der Gesellschaft wegschließen, weil andere ihr Leben "wie gewohnt" leben wollen», und er nennt den Barrington-Ansatz «unethisch und einfach nicht machbar». Und auch Prof. Friedemann Weber, Virologe an der Universität Giessen, findet klare Worte: «Zu denken, man müsste einfach die Pandemie einmal durch die Population rasen lassen und die Älteren alle wegsperren, das ist komplett unrealistisch und inhuman.»

9. Zudem: Eine Durchseuchungs-Strategie würde das Gesundheitssystem mit grösster Wahrscheinlichkeit total überlasten.

Wer unterschreibt die Erklärung?

10. Die Barrington-Erklärung wird vor allem unter Gegnern und Skeptikern der Corona-Massnahmen   – oft im begeisterten und beschwörenden Mitmach-Tonfall   – verbreitet. Bis jetzt (Stand 17.10.2020) haben rund 10'500 Wissenschaftler, 29'000 praktizierende Mediziner und über eine halbe Million «besorgte Bürger» die Erklärung online unterschrieben   – allerdings ohne jede Kontrollfunktion. Man kann mehrfach und mit Fantasie- oder Spassnamen unterzeichnen, wie etwa «Dr. Person Fakename», «Dr. Johnny Bananas, Arzt für harte Summen» oder «Dr. I. P. Freely» (I pee freely), also, «Ich pinkle frei» und viele andere mehr, die auf der Liste figurieren. Reiner Spass von selbsternannten Wissenschaftlern? Martin McKee, Professor für European Public Health an der London School of Hygiene and Tropical Medicine, glaubt eher, dass hinter der fehlenden Kontrolle Kalkül steckt. Je länger die Liste der angeblichen wissenschaftlichen Unterstützer, desto mehr sieht es danach aus, als befürworte tatsächlich ein beträchtlicher Teil der Scientific Community den Weg zur Herdenimmunität. Das Gegenteil ist der Fall.

Wer steckt dahinter?

11. Die Barrington-Erklärung resultierte aus einem Treffen von Wissenschaftlern, Politikern und Journalisten am American Institute for Economic Research (AIER) in Great Barrington, Massachusetts. AIER ist ein ultralibertärer Thinktank und gehört zum Netzwerk der zahlreichen Denkfabriken, die vom Imperium der erzkonservativen Koch-Brüder mitfinanziert werden. Die Koch-Brüder zählen zu den zehn reichsten Männern der Welt. (Zu den Koch Brothers hat Richard Aschinger im September 2019 auf Infosperber ein sehr erhellendes Porträt veröffentlicht.) AIER verfügt zudem über Beteiligungen in der Höhe von 285 Mio US-Dollar in Mineralöl- und Tabakkonzernen und veröffentlicht regelmässig Studien in seinen Interessensbereichen.

Die Süddeutsche Zeitung schreibt dazu:

«Erklärtes Ziel des Think Tanks ist es, eine „wirklich freie Gesellschaft“ zu fördern, "mit freien Märkten und einer begrenzten Regierung". Anders ausgedrückt: Das AIER will die öffentliche Meinung manipulieren   – für eine ungezügelte Wirtschaft. Zum Thema Klimawandel hat das Institut schon mehrere Berichte herausgegeben, allesamt verharmlosend.»

Das hat doch zumindest eine Interessenslogik.

Was, bitte sehr, sagt das über die Wissenschaft   – und die Medien?

12. Das fragt sich auch der britische Guardian: «Es ist eine traurige Parabel darüber, was passiert, wenn schlechte Wissenschaft von zwielichtigen ideologischen Interessen kooptiert wird. (…) Die Geschichte sagt uns, was passiert, wenn schlechte Wissenschaft von Unternehmensinteressen eingesetzt wird. Die Tabak-, Öl- und Zuckerindustrie hat immer wieder Einzelgänger-Wissenschaftler eingesetzt, um den wissenschaftlichen Konsens über die negativen Auswirkungen des Rauchens, des Klimawandels und des Zuckerkonsums zu untergraben   – und damit auch Medien überlistet, die zu oft ihre kritischen Fähigkeiten auf der Suche nach „Gleichgewicht“ aufgeben.»

Und der oben bereits zitierte Sir Robert Lechler doppelt nach: «Da COVID-19 das grösste Problem unserer Gesellschaft ist, kann der Rat glaubwürdiger Experten leicht politisiert werden. Wissenschaftler tragen hier eine starke Verantwortung und müssen dafür sorgen, dass die Öffentlichkeit nicht nur Zugang zu den neuesten verlässlichen Beweisen hat, sondern auch an der Erstellung dieser Beweise beteiligt war. Dies gilt insbesondere dann, wenn die von ihnen geteilten Ansichten dazu verwendet werden könnten, Massnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit zu untergraben. Außergewöhnliche Aussagen zu COVID-19-Massnahmen sollten nur mit soliden Beweisen und großer Sicherheit gemacht werden.»

13. Ein Trost liegt, wie so oft, in der Dialektik. Die Barrington-Erklärung vom 4. Oktober hat auch die Fraktion der verantwortungsvollen Wissenschaftler auf den Plan gerufen. Nur elf Tage später stellten sie über die renommierte Fachzeitschrift The Lancet ihre entschiedene Gegenposition zur Durchseuchungs-Strategie ins Netz: Das John Snow Memorandum. Bekannte Schweizer Forschende wie Christian Althaus (Uni Bern), Isabella Eckerle (Uni Genf) oder Emma Hodcroft (Uni Basel) gehören zu den Unterzeichnenden. Der Tages-Anzeiger berichtete am 16. Oktober darüber, mit einem Link zum Volltext-Memorandum. Infosperber hat am 18. Oktober den Wortlaut des John Snow Memorandums veröffentlicht und mit einem Link zum Unterschreiben eingeladen.

Und jetzt?

Die Barrington-Erklärung ist eine multiple Mogelpackung. Es bleibt das nicht geringe Erstaunen, dass ausgerechnet Infosperber ihr so kritiklos und zur Unterzeichnung einladend aufgesessen ist.

Klar, in einer Demokratie muss über so einschneidende Massnahmen, wie sie Covid-19 verursacht, diskutiert werden. Aber bitte auf einem seriösen, belastbaren Niveau. Auch die Behauptung, dass der Widerstand gegen die Corona-Massnahmen überideologisch sei und von links und rechts und aus allen Schichten mit den verschiedensten Menschenbildern komme, ist ein verharmlosender Mythos. Wenn man ordnet und gewichtet, ist offensichtlich, dass populistische, rechte und markthörige Kreise   – und deren Interessen   – den Ton angeben. Man muss hier gar nicht an die politischen Galionsfiguren dieser «Bewegung» erinnern.

Und: Es gibt auch eine offensichtliche politische Logik hinter dem Ganzen. Es geht einflussreichen Interessensgruppen letztlich darum, die Bedeutung des Staates zu minimieren. Der Leitartikler in der NZZ vom Samstag, 17. Oktober, behauptet für die Corona-Zeit keck: «Das Übermass an Staat hat dem Bürgersinn geschadet.» Das kann man auch ganz anders sehen. Selten habe ich die Mitverantwortlichkeiten von uns allen für unser Gemeinwesen so stark und verbindlich erlebt wie in diesen Zeiten.

Corona nervt, ermüdet, ist supermühsam. Dagegen helfen weder Ausgrenzungs- noch Free-Rider-Phantasien. Wir müssen das schon gemeinsam durchstehen. Solidarisch. Alle zusammen.

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Stellungnahme von Infosperber

upg. Infosperber hat sowohl die «Great Barrington Erklärung» wie auch das «John Snow Memorandum» in vollem Wortlaut veröffentlicht und jeweils auf wichtige Einwände und auf die Urheberschaft hingewiesen.

Bei der «Great Barrington Erklärung» haben wir einleitend über die indirekte Finanzierung durch das «rechtskonservative Koch Think Tank Network» informiert und darauf auch verlinkt. Wir wiesen auch darauf hin, dass es «die meisten Epidemiologen und Virologen für unverantwortlich halten», auf ein Containment mit Tracing und Quarantänen zu verzichten. Zudem verlinkten wir auf Experten, welche die «Great Barrington Erklärung» kritisieren.

Beim «John Snow Memorandum» haben wir einleitend über finanzielle Beziehungen einiger Autoren mit Pharmakonzernen, welche Impfstoffe herstellen, informiert. Wir wiesen auch auf einige Vorbehalte von Gegnern der Containment-Politik hin.

Diese Einbettungen haben es der Leserschaft erlaubt, sich über «Barrington» und «Snow» eine eigene Meinung zu bilden.

Urs P. Gasche

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

*Alfred Schlienger, Theater- und Filmkritiker, u.a. für die «Republik»; ehem. Prof. für Literatur, Philosophie und Medien an der Pädagogischen Hochschule; Mitbegründer der Bürgerplattform Rettet-Basel!; lebt in Basel.

Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann (Redaktion, Koordination), Silvia Henke, Mathias Knauer, Guy Krneta, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Martina Süess, Ariane Tanner, Rudolf Walther, Christoph Wegmann, Matthias Zehnder.

Quelle: https://www.infosperber.ch/Artikel/Gesundheit/kontertext-Wieder-mal-Durchseuchung-als-beste-Medizin

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