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Crompond, New York, Juli 1947 Von Rudolf Rocker - übernommen von anarchistischebibliothek.org
27. November 2025

Rudolf Rocker "Nationalismus und Kultur" - Die Entscheidung des Abendlandes


Vorwort des Autors zur ersten deutschen Ausgabe 1947
Rudolf Rocker (1873 - 1958)

Vorwort zum 1949 auf deutsch erschienenen Buch - Die englische Ausgabe erschien 1937
Dieses Werk, das bereits in verschiedenen Sprachen erschienen ist, war zunächst für einen deutschen Leserkreis bestimmt. Es sollte im Herbst 1933 in Berlin erscheinen, allein die furchtbare Katastrophe, die über Deutschland gekommen war und die folgerichtig in eine Weltkatastrophe ausmündete, setzte jeder freien Behandlung sozialer Probleme in meinem Heimatland ein jähes Ende.

 
Rudolf Rocker (1873 Mainz - 1958 New York)

Daß ein Werk wie dieses im sogenannten Dritten Reiche keinen Platz finden konnte, war selbstverständlich. Standen doch die Gedankengänge, die hier vertreten wurden, im schärfsten Gegensatz zu allen geistigen Voraussetzungen, die der Idee des totalitären Staates zugrunde lagen. Der wahnwitzige Versuch, alle geistigen und sozialen Lebensäußerungen eines Volkes auf den Takt einer politischen Maschine abzustimmen und alles menschliche Tun und Denken der Staatsräson zu unterordnen, mußte unwiderruflich zum Rückfall in die brutalste Barbarei führen, da jede geistige Kultur ohne freien Willensausdruck überhaupt undenkbar ist.

Der Niedergang der Literatur im Dritten Reiche, das Festlegen der Wissenschaft auf einen öden Rassenfatalismus, der alle ethischen Grundsätze durch ethnologische Begriffe ersetzen zu können glaubte, der Verfall des Theaters, die Vergewaltigung der öffentlichen Meinung, die Kneblung der Presse und aller anderen Organe des freien Meinungsausdrucks, die Verwilderung der Gerichtsbarkeit und allen Rechtswesens, die schamlosen Judenverfolgungen, die an die schlimmsten Auswüchse des Mittelalters gemahnten, die rücksichtslose Unterdrückung der gesamten Arbeiterbewegung, die Einmischung des Staates in die intimsten Beziehungen der Geschlechter, die Beseitigung jeder politischen und religiösen Gewissensfreiheit, die namenlosen Greuel der Konzentrationslager und eines allmächtigen Polizeisystems, der politische Mord im Dienste des Staates, die Vertreibung der wertvollsten Elemente aus Deutschland, die seelische Vergiftung der Jugend durch eine vom Staate betriebene Propaganda des Hasses und der Unduldsamkeit, der stete Appell an die niedrigsten Instinkte der Masse durch ein skrupelloses Demagogentum, dem der Zweck jedes Mittel heiligte, die ständige Bedrohung des Friedens in Europa, die schließlich zur größten Katastrophe führte, von der die Menschheit bisher befallen wurde, eine innerlich verlogene, auf die bewußte Täuschung von Freund und Feind berechnete Politik, die weder Rechtsgrundsätze noch geschlossene Verträge achtete - dies alles waren die unvermeidlichen Ergebnisse eines Systems, dem der Staat alles, der Mensch nichts war.

Täuschen wir uns nicht, diese neueste Reaktion, die noch lange nicht überwunden ist und der durch die Unsicherheit der bestehenden Wirtschaftsbedingungen und eine immer wachsende Zentralisation des politischen Lebens der Weg geebnet wurde, ist nicht zu vergleichen mit den periodischen reaktionären Rückfällen, wie sie die Geschichte jedes Landes vorübergehend aufzuweisen hat.

Es ist die Reaktion als Prinzip, die Reaktion gegen die Kultur überhaupt, die Reaktion gegen alle geistigen und sozialen Errungenschaften der letzten dreihundert Jahre, die jede Freiheit des Gedankens zu ersticken droht und deren Trägern die brutale Gewalt zum Maßstab aller Dinge wurde. Es ist der Rückfall in ein neues Barbarentum, dem alle Voraussetzungen einer höheren gesellschaftlichen Kultur fremd sind und dessen Vertreter dem fanatischen Glauben huldigen, daß alle Entscheidungen im nationalen und internationalen Leben der Völker mit dem Schwerte ausgetragen werden müssen.

Ein geistloser Nationalismus, der alle natürlichen Bindungen des gemeinschaftlichen Kulturkreises grundsätzlich ignoriert, hat sich zur politischen Religion dieser neuesten Tyrannei im Gewände des totalitären Staates entwickelt und schätzt den Wert des Einzelwesens lediglich auf den Nutzen ein, der dem politischen Machtapparat daraus erwächst.

Die Folge dieser aberwitzigen Auffassung ist die Mechanisierung des gesamten öffentlichen und privaten Lebens, in dem der einzelne bloß noch Rad oder Schraube einer alles nivellierenden Staatsmaschine ist, die zum Selbstzweck wurde und deren Lenker weder ein privates Recht noch irgendeine Meinung tolerieren, die sich den Grundsätzen des Staates nicht bedingungslos unterwirft.

Der Begriff des Ketzertums, der den dunkelsten Perioden der menschlichen Geschichte entsprungen ist, wurde von den Trägern des totalitären Staates aller Richtungen ins Politische übertragen und wirkt sich in den fanatischen Verfolgungen aller aus, die sich der neuen politischen Kirche nicht unterwerfen wollen und die Achtung vor menschlicher Würde und Freiheit des Tuns und Denkens noch nicht verloren haben.

Eine allmächtige Staatspolizei, wie die Gestapo und ihre verwandten Ableger in anderen totalitären Staaten, ersetzt heute die Rolle der Inquisition, die in vergangenen Jahrhunderten über die «Reinheit des Glaubens» oder, wie man es heute nennt,   – die «rechte Linie»   – wachte und jede Abweichung mit Liquidation und Kerker bedroht. (Das Wort Liquidation ist besonders hübsch gewählt und ungemein charakteristisch für die Ideengänge unserer Totalitären.)

Es ist eine verhängnisvolle Selbsttäuschung, zu glauben, daß solche Erscheinungen sich nur in bestimmten Ländern auswirken können, welche durch die besondere Veranlagung ihrer Bevölkerung dazu geeignet sind. Dieser Afterglaube an kollektive geistige und seelische Eigenarten von Völkern, Rassen und Klassen, dem man heute im Ausland häufig, besonders den Deutschen gegenüber, begegnet, hat schon viel Unheil angerichtet und verstellt uns jeden tieferen Einblick in die Entwicklungsvorgänge sozialer Erscheinungen. Die engen Beziehungen der verschiedenen Menschengruppen desselben Kulturkreises bringen es mit sich, daß Ideen und Bewegungen nicht an die politischen Grenzen besonderer Staaten gebunden sind und überall zur Herrschaft gelangen können, wo sie durch die Zuspitzung sozialer Lebensverhältnisse begünstigt werden.

Diese Bedingungen aber sind heute in vielen Ländern gegeben, die durch den Krieg und seine furchtbaren Auswirkungen heimgesucht wurden und wo verzweifelte, moralisch und physisch zermürbte Völker nur allzu leicht geneigt sind, Einflüsterungen Folge zu leisten, die sie ohne große Widerstände dem Verhängnis ausliefern können und es zum Teil schon getan haben.

Das Reich Hitlers, das tausend Jahre währen sollte, ist zwar heute bloß noch eine Trümmerstätte, doch der Geist oder Ungeist, der diese Stätten einst belebte, ist noch lange nicht geschwunden, denn Machtpolitik und organisierte Selbstsucht eines bis auf die Spitze getriebenen Nationalismus ziehen noch immer ihre Kreise, wenn auch die Rollen heute vertauscht sind.

Unser heutiges Wirtschaftssystem und die immer wachsende zentralistische Gliederung auf allen Gebieten des politischen und sozialen Lebens haben der totalitären Reaktion in jeder Weise Vorschub geleistet, bis sie uns endlich zum furchtbaren Verhängnis wurde. Sie haben das Gesamtinteresse der menschlichen Gemeinschaft den Sonderinteressen schmaler Schichten geopfert und die natürlichen Beziehungen zwischen Mensch und Mensch systematisch untergraben.

Auf diese Weise wurde der gesellschaftliche Organismus in seine einzelnen Bestandteile aufgelöst und das soziale Empfinden des Einzelwesens abgestumpft und in seiner freien Entfaltung behindert. Während die Gesellschaft in jedem Lande nach innen hin in feindliche Klassen gespalten wurde, wurde der gemeinschaftliche Kulturkreis nach außen hin in feindliche Nationen zerteilt, die sich stets mißtrauisch und häufig haßerfüllt gegenüberstehen und durch ihre ununterbrochenen Kämpfe die Fundamente des gesellschaftlichen Zusammenlebens fortgesetzt erschüttern.

Es ist unsinnig, die Lehre vom Klassenkampf, welche Bedeutung man ihr immer beimißt, für diesen Zustand der Dinge verantwortlich zu machen, solange man keinen Finger rührt, um die wirtschaftlichen Voraussetzungen, welche dieser Lehre zugrunde liegen, zu beseitigen und die soziale Entwicklung in andere Bahnen zu lenken. Ein System, das in allen seinen Lebensäußerungen das Wohl und Wehe breiter Volksschichten und ganzer Nationen den wirtschaftlichen und politischen Machtinteressen kleiner Minderheiten zum Opfer darbringt, mußte notwendigerweise alle sozialen Bindungen lockern und zu einem fortgesetzten Kampf aller gegen alle führen. Wer sich dieser Einsicht verschließt, dem werden die großen Probleme, welche die Zeit uns gestellt hat, stets unverständlich bleiben. Ihm bleibt lediglich die brutale Gewalt als letzter Ausweg, um einen Zustand aufrechtzuerhalten, der durch die Entwicklung der Dinge moralisch längst gerichtet ist.

Wir haben vergessen, daß die Wirtschaft nicht Selbstzweck, sondern nur ein Mittel ist, um dem Menschen seine materielle Existenz zu sichern und ihm die Segnungen einer höheren geistigen Kultur zugänglich zu machen. Wo die Wirtschaft alles und der Mensch nichts ist, dort beginnt das Reich eines rücksichtslosen Wirtschaftsdespotismus, der in seinen Auswirkungen nicht minder verhängnisvoll ist als jeder politische Despotismus. Beide ergänzen sich gegenseitig und werden aus derselben Quelle gespeist.

Die Wirtschaftsdiktatur der Monopole und die politische Diktatur des totalitären Staates entspringen denselben asozialen Bestrebungen, deren Träger für die große ethische Bedeutung der menschlichen Arbeit überhaupt kein Verständnis besitzen und sich vermessen, die ungezählten Äußerungen des gesellschaftlichen Lebens dem mechanischen Tempo einer toten Maschine unterzuordnen und organisches Werden in starre Formen zu pressen, die jede Entwicklungsmöglichkeit künstlich verhindern.

Solange man nicht den Mut aufbringt, dieser Gefahr ins Auge zu blicken und sich einer Entwicklung der Dinge zu widersetzen, die uns unwiderruflich neuen sozialen Katastrophen entgegentreiben muß, helfen auch die besten Verfassungen nichts, und alle gesetzlich garantierten Rechte des Bürgers verlieren ihre ursprüngliche Bedeutung. Das erkannte bereits Daniel Webster, einer der Vorkämpfer des amerikanischen Liberalismus, wenn er sagte:

«Auch die freieste Regierung kann nicht lange bestehen, wenn die Tendenz der Gesetze eine sich in immer rascherem Tempo vollziehende Ansammlung der sozialen Reichtümer in den Händen kleiner Minderheiten begünstigt und die breiten Massen des Volkes arm und abhängig bleiben.»

Seitdem hat die wirtschaftliche und politische Entwicklung in Europa Formen angenommen, die auch die schlimmsten Befürchtungen einzelner weit übertroffen haben und sich heute zu einer Gefahr verdichten, deren Tragweite kaum zu ermessen ist. Diese Entwicklung in der Richtung zu einem öden Staatskapitalismus, der mit den ursprünglichen Zielen des Sozialismus auch nicht die geringste Gemeinschaft besitzt, und die wachsende Macht einer geistlosen politischen und sozialen Bürokratie, welche das Leben des Menschen von der Wiege bis zum Grabe reglementiert und bevormundet, haben das solidarische Zusammenwirken der Menschen und das persönliche Freiheitsgefühl des Einzelwesens grundsätzlich unterbunden und der Bedrohung der menschlichen Kultur durch die Tyrannei des totalitären Staates in jeder Weise den Weg geebnet.

Die beiden Weltkriege und ihre furchtbaren Auswirkungen, die selber nur die Folgen der politischen und wirtschaftlichen Machtbestrebungen innerhalb des bestehenden Gesellschaftssystems gewesen sind, haben diesen Prozeß der geistigen Entmündigung und der Erschlaffung des sozialen Empfindens in hohem Grade beschleunigt. Der Schrei nach dem Diktator, der aller Not der Zeit ein Ende machen sollte, war nur das Ergebnis dieser seelischen und geistigen Entartung einer aus tausend Wunden blutenden Menschheit, die das Vertrauen in sich selbst verloren hatte und daher von angeblichen Übermenschen, die in der Wirklichkeit nur Untermenschen waren, erhofften, was nur durch den Zusammenschluß der eignen Kräfte zu erzielen ist.

Daß man dieser katastrophalen Entwicklung der Dinge, trotz aller furchtbaren Erfahrungen, sogar heute noch so wenig Verständnis entgegenbringt und vielfach bereit ist, neuen Rattenfängern Folge zu leisten, nachdem die alte Pfeife ihre lockende Kraft kaum verloren hat, ist nur ein Beweis, daß jene Kräfte, die Europa einst vom Fluche des fürstlichen Absolutismus befreit und der gesellschaftlichen Entwicklung neue Bahnen gewiesen hatten, bedenklich schwach geworden sind und das lebendige Handeln ihrer großen Vorgänger bloß noch in der Überlieferung feiern.

Es war das große Verdienst der liberalen Gedankenströmungen der vergangenen beiden Jahrhunderte und der aus ihnen hervorgegangenen großen sozialen Volksbewegungen, daß sie die Macht der absoluten Monarchie gebrochen hatten, die jahrhundertelang jeden geistigen und sozialen Fortschritt lähmte und den Machtgelüsten ihrer Träger das Leben und Wohlergehen der Völker opferte. Der Liberalismus jener Periode war die Empörung des Menschen gegen das Joch einer unerträglichen Gewaltherrschaft, die keine Menschenrechte achtete und ganze Völker nur als Herden behandelte, die gerade gut genug waren, vom Staate und den herrschenden Kasten gemolken zu werden.

Deshalb erstrebten seine Vertreter einen sozialen Zustand, der die Macht des Staates auf ein Minimum begrenzen und seinen Einfluß auf die Gebiete des geistigen und kulturellen Lebens ausschalten wollte   – eine Tendenz, die in den bekannten Worten Thomas Jeffersons ihren Ausdruck fand: «Jene Regierung ist die beste, die am wenigsten regiert.»

Heute aber stehen wir einer Reaktion gegenüber, die alle Machtansprüche der absoluten Monarchie weit in den Schatten stellt und bereit ist, dem nationalen Staat jede Sphäre menschlicher Betätigung auszuliefern und alle Errungenschaften, die durch jahrhundertelange Kämpfe unter den größten Opfern erzielt wurden, bedingungslos preiszugeben.

Wie für die Theologie der verschiedensten Religionsbekenntnisse Gott alles und der Mensch nichts ist, so ist für diese moderne politische Theologie heute die Nation alles und der Bürger nichts. Und wie sich hinter dem Willen Gottes stets die Machtansprüche privilegierter Kasten verborgen hielten, so muß auch heute der Wille der Nation als Vorwand herhalten, um den brutalen Gelüsten eines neuen Machthabertums, das sich berufen fühlt, diesen Willen in seinem Sinne zu deuten und den Völkern aufzuzwingen, als äußere Verputzung zu dienen.

Auf diese Weise entstanden in Europa, aber auch in einer ganzen Reihe süd- und zentralamerikanischer Länder die Machtgebilde eines neuen Absolutismus, denen alle menschlichen Erwägungen fremd sind, die weder Rechtsgrundsätze noch persönlichen Meinungsausdruck respektieren und die man am besten als moderne Gangsterstaaten bezeichnen könnte.

Es war die Aufgabe dieses Werkes, den verschlungenen Pfaden dieser seltsamen Entwicklung nachzugehen und ihre Wurzeln bloßzulegen. Daß ich dabei auch manches andere Gebiet berühren mußte, um die Gestaltung und Bedeutung des modernen Nationalismus und seiner Beziehungen zur Kultur klar herauszuarbeiten, war selbstverständlich für den inneren Zusammenhang der Dinge. Wieweit mir dies gelungen ist, darüber muß der Leser selbst entscheiden.

Die ersten Ideen zu dieser Arbeit kamen mir geraume Zeit vor dem ersten Weltkriege und fanden zunächst ihren Ausdruck in einer Serie von Vorträgen und später in einer Reihe schriftlicher Abhandlungen, die in verschiedenen europäischen Zeitschriften veröffentlicht wurden. Durch eine lange Internierung zur Zeit des ersten Weltkrieges und später durch mannigfache literarische Arbeiten wurde die Vollendung des Werkes immer wieder unterbrochen, bis ich endlich kurz vor dem Machtantritt Hitlers das letzte Kapitel fertigstellen und mein Buch für den Druck vorbereiten konnte. Dann kam die sogenannte nationale Revolution über Deutschland, die mich wie so viele andere zwang, ins Ausland zu flüchten, wobei ich nichts anderes retten konnte als das Manuskript dieser Arbeit.

Da ich auf die Veröffentlichung des umfangreichen Werkes, dem dazu noch der Leserkreis in Deutschland gesperrt war, nicht mehr rechnen durfte, so hatte ich bereits die Hoffnung aufgegeben, daß es in absehbarer Zeit überhaupt erscheinen könnte. Mit diesem Gedanken mußte ich mich eben abfinden wie mit so vielem anderen, das mit dem Leben im Exil verbunden ist. Schließlich waren ja die kleinen Ungelegenheiten eines enttäuschten Schriftstellers viel zu bedeutungslos der großen Not der Zeit gegenüber, unter deren Joch Millionen Menschen ächzen mußten.

Da trat plötzlich eine unerwartete Wendung ein. Auf einer Vortragsreise durch die Vereinigten Staaten und Kanada kam ich mit einer Menge alter und neuer Freunde in Berührung, die sich lebhaft für meine Arbeit erwärmten. Ihrer selbstlosen Tätigkeit hatte ich es hauptsächlich zu verdanken, daß die erste englische Ausgabe 1937 in New York erscheinen konnte, der bereits ein Jahr vorher eine spanische Ausgabe in Barcelona vorausging. So wurde das Werk im Laufe der Jahre in fünf verschiedene Sprachen übertragen, während der deutsche Originaltext bisher unveröffentlicht blieb.

Um so freudiger begrüße ich nun die Gelegenheit, das Werk einem deutschen Leserkreise unterbreiten zu können. Möge es der Sache der Freiheit in der alten Heimat gute Dienste leisten in dieser Not der schweren Zeit und im Kampfe für ein neues Menschentum, damit das Dichterwort sich einst erfülle:

«Das ist der Weisheit letzter Schluß:

Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,

Der täglich sie erobern muß.

Und so verbringt, umrungen von Gefahr,

Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr.

Solch ein Gewimmel macht ich sehn,

Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.»

Crompond, New York, Juli 1947
Rudolf Rocker

Hervorhebungen seniora.org

Biographie

1873 - Am 25. März wird Rudolf Rocker in Mainz unter sehr armen Verhältnissen geboren. Der Vater arbeitet als Buchdrucker.
In jungen Jahren arbeitet er als Buchbinder. Wird von seinem Onkel Rudolf Naumann den Sozialdemokratischen Gruppen vorgestellt. Reist zu Fuß durch Europa.

1890 - Tritt der oppositionellen Partei Die Jungen bei aus der er im Oktober 1891 ausgeschlossen wird.

1893 - Ist gezwungen Deutschland im Zuge der bismarckschen Gesetze zu verlassen und begibt sich nach Frankreich wo er die ersten Kontakte mit französischen Anarchisten hat.

1895 - Kommt in London an.

1896 - Lernt Englisch und Jiddisch, um mit jüdisch-englischen Gruppen zu arbeiten und beginnt für den Arbeter Fraynd (Arbeiterfreund) zu schreiben.

1898 - Begibt sich nach Liverpool, um mit Dos Freie Vort zusammenzuarbeiten, das vom 29. Juli bis 27. September 1898 herauskommen wird. Er akzeptiert die Einladung dazu den Arbeter Fraynd herauszugeben wofür er bis 1914 arbeitet. Die Zeitung wird bis 1932 herauskommen. Sie war von 1895 an tendenziell anarchistisch geworden.

1900 - Entwickelt in Arbeter Fraynd in 25 Abhandlungen seine kritischen Thesen zum historischen Materialismus. Das Magazin Germinal wird veröffentlicht, das der Zeitung beigelegt wird. Dies repräsentiert die ideologische Reifung von Rocker in Richtung einer Art Neukropotkinismus.

1907 - Nimmt am Kongress in Amsterdam teil

1908 - Unterbrechung der Veröffentlichung von Germinal.

1912 - Nach einem langen Streik wird der Arbeter Fraynd zur Tageszeitung.

1914 - Wird in ein Internierungslager gesperrt.

1919 - Kehrt nach Berlin zurück und organisiert die FAUD (Freie Arbeiter Union Deutschlands), die sich bis zum Anbruch der Nationalsozialisten hält.

1922 - Ist einer der Mitbegründer der revolutionären Syndikalisten AIT und bleibt dabei eine der Schlüsselpersonen.

1928 - Lernt in Berlin Durruti und Ascaso kennen.

1933 - Nationalismus und Kultur ist beinahe fertiggestellt und könnte in Deutschland veröffentlicht werden, wozu es vorgesehen war.

1936 - Ray E. Chase vervollständigt die englische Übersetzung der ersten Arbeit Rockers.

1937 - Die englische Ausgabe von Nationalismus und Kultur erscheint.

1949 - Die deutsche Ausgabe von Nationalismus und Kultur erscheint.

1958 - Rudolf Rocker stirbt am 19. September in Crompond, New York.

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“Rudolf Rockers Buch Nationalismus und Kultur ist ein wichtiger Beitrag zur politischen Philosophie … Ich hoffe, es wird in den Ländern, in denen unvoreingenommenes Denken noch nicht illegal ist, viele Leser finden.” Bertrand Russel

“Es freut mich aufrichtig, dieses bedeutende, tief fundierte und geistig reiche Buch zu besitzen, und ich möchte wünschen, dass es in viele Hände all über die Welt hin gelangt.” Thomas Mann

“Ich finde das Buch ausserordentlich originell und aufklärend. Es werden in demselben viele Tatsachen und Zusammenhänge in neuartiger Weise überzeugend beleuchtet.” Albert Einstein

Mehr zum Buch finden Sie hier

Titel: Nationalismus und Kultur
AutorIn: Rocker, Rudolf
Themen: Deutsche Philosophie, Herrschaft, Kultur, Nationalismus, Politik, Religion, Staat, Wille zur Macht
Datum: 1949
Quelle: Entnommen aus: "Rudolf Rocker - Nationalismus und Kultur", Unruhen Publikationen, Amsterdam, Februar 2015.
Bemerkungen: Originaltitel: "Die Entscheidung des Abendlandes", 1949;
"Nationalism and Culture", Los Angeles, 1937.
Einleitung zur italienischen Ausgabe: "Nazionalismo e Cultura", Catania, 1977.