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28.04.2026 Von Raïs Neza Boneza* - übernommen von zeit-fragen.ch 34. Jahrg. Nr. 9
30. April 2026

Rohstoffe, Geopolitik und die Lieferkette des Völkermords


Raïs Neza Boneza (Bild zvg)

Hören wir auf, uns hinter einer Sprache zu verstecken, die ihren Sinn längst verloren hat. Diese vertrauten Phrasen   – recycelt, aufpoliert und wiederholt   – klären nichts mehr; sie verwischen die Verantwortung.
Hier gibt es nichts von Natur aus Verwirrendes, nichts so Kompliziertes, dass es sich dem Verständnis entzieht. Es als «komplex» zu bezeichnen oder Regionen als «fragil» zu etikettieren, erklärt die Realität nicht   – es mildert sie ab. Es schafft Distanz. Es verwandelt etwas Konkretes und Verantwortbares in etwas Vages und Unfassbares.

Und vor allem handelt es sich hier nicht um eine dieser sorgfältig ausgearbeiteten diplomatischen Geschichten, die darauf abzielen, das Publikum zu beruhigen und den Schein zu wahren. Es geht nicht darum zu beruhigen   – es soll klar und deutlich gezeigt werden, ohne das Polster der Beschönigungen.

Das ist Logistik. Ein System. Eine Pipeline. Eine Lieferkette.
Effizient. Optimiert. Globalisiert. Rohstoffe gehen rein. Leichen kommen raus.
Gewinne zirkulieren.
Und irgendwo dazwischen   – klimatisiert, gut gekleidet, die Sprache der «Diplomatie» fliessend beherrschend   – sitzen die Menschen, die all das möglich gemacht haben, geben Erklärungen ab und verbuchen den Völkermord stillschweigend als Posten in der Bilanz. [Hervorhebung seniora.org]

Beginnen wir im Sudan.

Die RSF1 sind nicht einfach eines Tages aufgewacht und haben beschlossen, aus Spass an der Freude Greueltaten zu industrialisieren. Sie wurden dazu befähigt. Bewaffnet. Finanziert. Hier kommen die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) ins Spiel   – ein Land, das es irgendwie geschafft hat, die seltene Kunst zu perfektionieren, sowohl ein Fünf-Sterne-Urlaubsziel als auch der «FedEx» der Kriege anderer zu sein.
    Die Vereinbarung war in ihrer Hässlichkeit fast schon schön:

  • Waffen, Geld und Logistik fliessen hinein.
  • Gold kommt aus den von den RSF kontrollierten Minen.
  • Dieses Gold wird veredelt, zu Geld gemacht und höflich umbenannt, weit weg vom Geschrei.

Siebzig Prozent des sudanesischen Goldes. Es fliesst in der ersten Klasse durch diese Pipeline. Veredelt, bereinigt und wiedergeboren auf den globalen Märkten, wo niemand unbequeme Fragen nach Fingerabdrücken stellt.
    Wenn Sie sich jemals gefragt haben, wie Völkermord aussieht, wenn man ihn durch Excel jagt, dann ist es genau das: saubere Spalten, Aufwärtstrends und absolut keine Erwähnung von Massengräbern. Dann tat die Geopolitik das, was Geopolitik immer tut: Sie langweilte sich und wandte sich anderen Dingen zu.
    28. Februar. Der Iran und Israel beginnen, Raketen wie giftige Valentinstagsgeschenke hin und her zu schiessen. Plötzlich haben die VAE grössere Sorgen als ihr sudanesisches Investitionsportfolio. Die Versorgungswege versiegen. Die Fronten verschieben sich. Und wir alle werden an eine einfache Wahrheit erinnert: Selbst Völkermord hängt von guter Logistik und finanziellen Versorgungskanälen ab: Keine Lastwagen, keine Kugeln. Keine Kugeln, kein «komplexer Konflikt».

ZF 09 Grafik Boneza

Aber im Sudan geht es nicht nur um Gold. Es geht um Geographie.

Ein Korridor. Ein Engpass. Ein Ort, an dem man beobachten, abfangen oder stillschweigend umleiten kann, was auch immer zwischen dem Iran, Gaza und überall sonst fliesst.
    Das erklärt die Besessenheit von der Angleichung. Von der «Stabilität». Davon, sicherzustellen, dass der Sudan nahtlos in die sich ausweitende Architektur normalisierter Beziehungen passt. Daher war ein Sudan, der die Flagge der Abraham-Abkommen schwenkt, so begehrenswert.
    In der Tat! Die Abraham-Abkommen, die Ihnen die Vereinigten Staaten im Jahr 2020 beschert haben. Vermarktet als «Frieden». Geliefert wie ein Ausverkauf. Kleingedrucktes inklusive.
    Der Deal war einfach: Arabische Staaten normalisieren ihre Beziehungen zu Israel. Israel erhält Legitimität, Spione und Waffenmärkte. Die VAE erhalten glänzende Militärtechnologie und westliche Gütesiegel. Und Palästina? Palästina erhält eine wunderschön illustrierte Broschüre über Koexistenz   – gedruckt, während in Echtzeit Häuser abgerissen werden.
    Vor den Abkommen verschaffte die arabische Opposition   – so uneinheitlich sie auch war   – den Palästinensern ein gewisses Mass anEinfluss. Danach? Dieser Einfluss verschwand schneller als eine Pressemitteilung nach einem Bombenanschlag.
    Frieden ist sehr profitabel, wenn man die Menschen entfernt, die er eigentlich schützen soll.

Nun zoomen Sie heraus. Denn die Architektur ist skalierbar.

Willkommen im Kongo. Gleiches Drehbuch. Andere Besetzung:

  • Ruanda unterstützt seine Stellvertreter, die bewaffnete Gruppe M23, und deren Verbündete sichern sich mineralreiches Land, zum Beispiel aus dem Gebiet um Rubaya …
  • Die Zivilbevölkerung trägt die Kosten   – Vergewaltigung, Vertreibung, das übliche Vokabular, das höflich unter «humanitäre Belange» eingeordnet wird.
  • Und unter all dem Chaos: Coltan, Kobalt, Lithium, Gold oder Niob … die Mineralien, die das Herzstück Ihres Handys, Ihres Laptops, Ihrer gesamten technologischen Leistungsfähigkeit, Ihrer digitalen Existenz und Ihrer gesamten grünen Revolution bilden   – werden abgebaut.

Und dann? Über Ruanda gewaschen. Exportiert in die Vereinigten Arabischen Emirate, nach Asien, in die USA und nach Europa. Warum ein funktionierendes Geschäftsmodell stören?
    Gerade wenn man denkt, der moralische Tiefpunkt könne unmöglich noch tiefer sinken, schlägt jemand ein «Friedensabkommen» vor. Auftritt Donald Trump, der eine Vereinbarung aushandelt, die man nur als «Mineralien-für-Frieden»-Abkommen bezeichnen kann. Diplomatischer Code für: «Wir werden Druck auf die Täter ausüben   – ganz sanft, mit einer Feder   –, während wir dafür sorgen, dass der Abbau reibungslos weitergeht.»
    Die Soldaten des ruandischen Präsidenten Kagame werden, trotz gut dokumentierter Verbindungen zu Greueltaten und gross angelegten Massakern an kongolesischen Zivili-sten, nicht als Verdächtige, sondern als Partner behandelt. Als Friedenspartner.
    Dieser Ausdruck verdient einen eigenen Flügel im Museum der dreisten Euphemismen.

Also, lassen Sie uns die Punkte verbinden, da dieses Thema offensichtlich immer noch umstritten ist.

Dasselbe Netzwerk: rüstet Sudans RSF aus, profitiert von sudanesischem Gold, kauft israelische Waffen, profitiert von der politischen Architektur, die Palästina an den Rand drängt, wäscht kongolesische Mineralien, die unter blutigen Bedingungen für ihre «grüne Wende» abgebaut wurden.
    Verschiedene Kontinente. Dieselbe Tabelle. Ein Kreislauf. Eine Franchise. Mit Regionalmanagern. Das ist kein Zufall. Das ist Absicht.
    Und dann hebt unweigerlich jemand die Hand und sagt:
    «Aber was ist mit dem Konflikt in Nigeria?» Oder im Niger, oder in Mali … in Mosambik? Venezuela? Oder Kuba? «Aber was ist mit den Christen?» «Aber was ist mit …»
    Als ob es sich um getrennte Themen handelte. Als ob die Welt nicht ein einziger, miteinander vernetzter Marktplatz wäre, auf dem Leid lediglich nach Regionen kategorisiert wird, um die Bestandsverwaltung zu vereinfachen.
    Hier ist die unbequeme Wahrheit: Es handelt sich nicht um konkurrierende Tragödien. Es sind koordinierte Ergebnisse. Wenn Menschen also «Free Palestine» sagen, ist das kein isoliert schwebender Slogan. Es ist auch ein Druckpunkt. Denn Palästina steht ebenfalls im symbolischen und politischen Zen-trum dieser Maschinerie   – an dem Ort, an dem Normalisierung, Militarisierung und Profit am aggressivsten miteinander verschmolzen und öffentlich gerechtfertigt wurden.
    Ziehen Sie an diesem Faden. Ziehen Sie richtig fest daran. Der Rest beginnt sich aufzulösen. Die Abkommen. Die Bündnisse. Das bequeme Schweigen. Und plötzlich wirkt die Lieferkette gar nicht mehr so stabil.
    Aber natürlich würde das etwas Radikales erfordern. Kein weiterer Gipfel. Keine weitere sorgfältig formulierte Erklärung über «tiefe Besorgnis». Nur eine einfache Handlung:
    Das System beim Namen nennen.
    Und sich   – gemeinsam, hartnäckig   – weigern, weiterhin zu kaufen, was es verkauft. Und nie wieder sein Kunde zu sein. Das Abonnement kündigen. Für immer. •

1 Die Rapid Support Forces (RSF) sind eine paramilitärische Gruppe im Sudan, die bis zu dessen Sturz dem Kommando von Präsident Umar al-Baschir unterstand und danach an der Militärregierung beteiligt war. Seit Mitte April 2023 versuchen die RSF, die Kontrolle über das Staatsgebiet des Sudan zu erlangen; an vielen Orten im Land greifen sie Einrichtungen der sudanesischen Streitkräfte und deren Regierung an. Analysten gehen von geschätzten 70 000 bis 100 000 RSF-Kämpfern im Sudan aus. Die RSF entstanden 2013 und bestehen grösstenteils aus der arabisch-nationalistischen Dschandschawid-Miliz, die im Darfur-Konflikt auf seiten der sudanesischen Regierung kämpfte und dabei für zahlreiche Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen verantwortlich gemacht wird. Ihr Kommandeur ist Generalleutnant Mohammed Hamdan Daglo. (Anm. d. Red.)

Quelle: https://rboneza.substack.com vom 22.4.2026

(Übersetzung Zeit-Fragen)

* Raïs Neza Boneza wurde 1979 in Zaire (heute Demokratische Republik Kongo) geboren. Er lebt derzeit in Norwegen, wo er als Friedensforscher und -aktivist tätig ist. Davor lebte er im Osten und Westen der Demokratischen Republik Kongo, in Ruanda, Burundi und Uganda. Er hat sieben afrikanische Sprachen sowie verschiedene europäische Sprachen gelernt. Mit einem der Begründer der Friedensforschung, Johan Galtung, hat er zusammengearbeitet. Neben seiner Tätigkeit als Berater und Dozent für verschiedene NGOs und Institutionen auf der ganzen Welt ist er Mitbegründer von Transcend Global, einem Netzwerk, das sich für Frieden, Entwicklung und die Umwelt einsetzt. Ausgewählte Werke: Peace By African’s Peaceful Means (2005), ISBN 978-1-5934-4099-2; Nomad, sounds of exile (2006), ISBN 978-1-4116-0990-7; Nomad, a refugee poet (2019), ISBN 978-0972699617; White Eldorado, Black Fever (2019), ISBN 978-8-2998-5413-9; Black Emeralds (2020), ISBN 978-8-1825-3034-8; Formless. Poetry (2024), ISBN 978-1779331519

(Graphik www.slworld.com)

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