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21. Februar 2026

Rede von Premierminister Patrice Eméry Lumumba anlässlich der Feier zur Unabhängigkeit des Kongo, Léopoldville (Kinshasa), 30. Juni 1960


Wer Menschenwürde verwirklichen will, ist des Todes
Patrice Eméry Lumumba (Bild Wikipedia)

Dokument in Erinnerung an den politischen Mord an Patrice Lumumba (17. Januar 1961)

Patrice Lumumba Independence Day Speech (June 30, 1960)

Kongolesen und Kongolesinnen,
mit dem heutigen Tag siegreiche Mitkämpfer für unsere Unabhängigkeit.
Ich begrüsse Sie im Namen der kongolesischen Regierung.

Euch alle, meine Freunde, die ihr unermüdlich an unserer Seite gekämpft habt, bitte ich, diesen 30. Juni 1960 zu einem bedeutenden Datum zu machen, das ihr unauslöschlich in euren Herzen bewahrt, ein Datum, dessen Bedeutung ihr euren Kindern mit Stolz vermitteln werdet, damit auch sie die glorreiche Geschichte unseres Kampfes für die Freiheit ihren Kindern weitergeben.
    Denn diese Unabhängigkeit des Kongo, wie sie heute im Einvernehmen mit Belgien verkündet wird, einem befreundeten Land, mit dem wir von gleich zu gleich verkehren   –  sie wurde, und das kann kein Kongolese, der dieses Namens würdig ist, jemals vergessen   – im Kampf errungen [anhaltender Beifall], in einem täglichen Kampf, einem leidenschaftlichen und idealistischen Kampf, in einem Kampf, der alle unsere Kräfte forderte, unsere Entbehrungen, unsere Leiden, unser Blut.

Auf diesen Kampf, geprägt von Tränen, Feuer und Blut, sind wir aus tiefstem Herzen stolz, denn es war ein edler und gerechter Kampf, ein unverzichtbarer Kampf, um der entwürdigenden Versklavung ein Ende zu setzen, die uns durch Gewalt aufgezwungen wurde. Das, was unser Schicksal war, während der 80 Jahre Kolonialherrschaft, unsere daher rührenden Verwundungen sind noch zu wach und zu schmerzhaft, als dass wir sie aus unserer Erinnerung verbannen könnten. Wir haben die zermürbende Arbeit gekannt die uns aufgezwungen wurde, im Austausch für einen Lohn, der uns nicht erlaubte, unseren Hunger zu stillen noch uns anständig zu kleiden noch zu behausen noch unsere Kinder so grosszuziehen, wie es geliebten Menschen gebührt.

Wir haben die Ironie, die Beleidigungen und die Schläge erlebt, die wir morgens, mittags und abends erdulden mussten, weil wir Neger waren. Wer könnte vergessen, dass man einen Schwarzen mit «du» ansprach, natürlich nicht wie einen Freund, sondern weil das ehrerbietige «Sie» nur den Weissen vorbehalten war? Wir haben erlebt, wie wir unseres Landes beraubt wurden im Namen von sogenannten Gesetzen, die nichts anderes legitimierten als das Recht des Stärkeren. Wir haben erlebt, dass das Gesetz nie dasselbe war, je nachdem, ob es sich um einen Weissen oder einen Schwarzen handelte   – nachsichtig für die einen, grausam und unmenschlich für die anderen. Wir haben das unerträgliche Leid derjenigen erlebt, die wegen ihrer politischen Ansichten oder religiösen Überzeugungen verbannt wurden, die in ihrem eigenen Land ins Exil geschickt wurden und deren Schicksal in Wirklichkeit schlimmer war als der Tod selbst. Wir haben erlebt, dass es in unseren Städten prächtige Häuser für Weisse und baufällige Hütten für Schwarze gab, dass ein Schwarzer weder in Kinos noch in Restaurants oder in sogenannten europäischen Geschäften zugelassen war, dass ein Schwarzer im Schiffsbauch reiste, zu Füssen des Weissen in seiner Luxuskabine.

Wer wird jemals die Erschiessungen vergessen, bei denen so viele unserer Brüder ums Leben kamen, oder die Kerker, in welche diejenigen brutal geworfen wurden, die sich dem Regime der Ungerechtigkeit, der Unterdrückung und der Ausbeutung nicht mehr unterwerfen wollten? [lebhafter und anhaltender Applaus]

Dies alles, meine Brüder, haben wir zutiefst durchlitten. Aber all das, sagen wir, die wir durch die Wahl eurer gewählten Vertreter damit betraut wurden, unser geliebtes Land zu führen, wir, die wir in unserem Körper und in unserem Herzen unter der kolonialistischen Unterdrückung gelitten haben, wir sagen euch laut und deutlich: All das ist nun vorbei.

Die Republik Kongo ist mit dem heutigen Tag ausgerufen, unser geliebtes Land liegt nun in den Händen seiner eigenen Kinder. Gemeinsam, meine Brüder, meine Schwestern, werden wir einen neuen Kampf beginnen, einen erhabenen Kampf, der unser Land zu Frieden, Wohlstand und Grösse führen wird. Gemeinsam werden wir soziale Gerechtigkeit schaffen und dafür sorgen, dass jeder gerechte Entlohnung für seine Arbeit erhält [Beifall].

Wir werden der Welt zeigen, was der schwarze Mensch leisten kann, wenn er in Freiheit arbeitet, und wir werden aus dem Kongo ein Zentrum mit Ausstrahlungskraft für ganz Afrika machen. Wir werden darauf achten, dass Grund und Boden unserer Heimat wirklich ihren Kindern zugute kommen. Wir werden alle einstigen Gesetze überprüfen und neue schaffen, welche gerecht und edel [nobles   – von edler Gesinnung] sind. Wir werden der Unterdrückung des freien Denkens ein Ende setzen und dafür sorgen, dass alle Bürger in den Genuss der grundlegenden Freiheiten kommen, wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vorgegeben sind [Applaus]. Wir werden jede Form von Diskriminierung wirksam beseitigen und jedem den Platz einräumen, der ihm auf Grund seiner Menschenwürde, seiner Arbeit und seinem Engagement für das Land gebührt. Wir werden Frieden herstellen   – nicht den Frieden der Gewehrläufe und Bajonette, sondern den Frieden, der aus den Herzen kommt und vom guten Willen [Applaus].

Um all dies zu erreichen, liebe Mitbürger, seien Sie versichert, dass wir dabei nicht nur auf unsere enormen Kräfte bauen können und unsere immensen Reichtümer, sondern auch auf die Mithilfe zahlreicher weiterer Länder, deren Mitarbeit wir gerne entgegennehmen, immer wenn sie loyal ist und nicht versucht, uns irgendeine Politik aufzuzwingen [Applaus]. In diesem Bereich hat Belgien, das endlich den Sinn der Geschichte verstanden hat, nicht versucht, sich unserer Unabhängigkeit zu widersetzen, und ist bereit, uns seine Hilfe und Freundschaft zu gewähren. In diesem Sinne wurde gerade ein Vertrag unterzeichnet zwischen unseren beiden gleichberechtigten und unabhängigen Ländern. Ich bin sicher, dass diese Zusammenarbeit für beide Länder von Nutzen sein wird. Was unsere Seite betrifft, so werden wir weiterhin wachsam bleiben und die frei zugestandenen Vereinbarungen respektieren.

So wird der neue Kongo, unsere geliebte Republik, die meine Regierung schaffen wird, sowohl innenpolitisch als auch aussenpolitisch ein reiches, freies und prosperierendes Land sein. Damit wir dieses Ziel ohne Verzögerung erreichen, bitte ich Sie alle, die Gesetzgeber und Bürger des Kongo, mir mit aller Kraft zu helfen. Ich bitte Sie alle, die Stammesstreitigkeiten zu vergessen, die uns erschöpfen und uns im Ausland in Verruf bringen könnten. Ich bitte die parlamentarische Minderheit, meiner Regierung durch konstruktive Opposition zu helfen und sich strikt an die gesetzlichen und demokratischen Wege zu halten.

Ich bitte Sie alle, keine Opfer zu scheuen, um den Erfolg unseres grossartigen Vorhabens sicherzustellen. Schliesslich bitte ich Sie, das Leben und Eigentum Ihrer Mitbürger und der in unserem Land lebenden Ausländer bedingungslos zu respektieren. Wenn das Verhalten dieser Ausländer zu wünschen übrig lässt, wird unsere Justiz sie unverzüglich aus dem Hoheitsgebiet der Republik ausweisen. Wenn ihr Verhalten hingegen gut ist, muss man sie in Ruhe lassen, denn auch sie arbeiten für den Wohlstand unseres Landes.

Die Unabhängigkeit des Kongo ist ein entscheidender Schritt zur Befreiung des gesamten afrikanischen Kontinents [Applaus].

Majestät, Exzellenzen, meine Damen und Herren, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, meine Brüder und Schwestern unserer Rasse, meine Brüder im Kampf   – das ist es, was ich Ihnen im Namen der Regierung sagen wollte, an diesem herrlichen Tag unserer vollständigen und souveränen Unabhängigkeit [Lebhafter und lange anhaltender Applaus].

Unsere starke, nationale, volksnahe Regierung soll zum Wohle dieses Landes sein. Ich fordere alle kongolesischen Bürger, Männer, Frauen und Kinder, auf, sich entschlossen an die Arbeit zu machen, um eine prosperierende Volkswirtschaft aufzubauen, die unsere wirtschaftliche Unabhängigkeit festigen wird.

Ehre den Kämpfern für die nationale Freiheit! Es lebe die Unabhängigkeit und Einheit Afrikas! Es lebe der unabhängige und souveräne Kongo! [anhaltender Applaus] •

Quelle : Patrice Eméry Lumumba. Discours à la cérémonie d’indépendance congolaise, Lépopoldville (Kinshasa), 30. Juni 1960 (vollständiger Text); Übersetzung Horizons et débats, nach dem Wortlaut der auf Französisch gehaltenen Originalrede auf youtube/AfricaMuseum/Discours à la cérémonie d’indépendance congolaise, Léopoldville, 30. Juni 1960, (konsultiert 28. Januar 2026)

Einfügung der Rede bei youtube von seniora.org

Wer Menschenwürde verwirklichen will, ist des Todes 

pk. Was PatriceLumumba am 30. Juni 1960 nicht wusste, vielleicht ahnte: Schon im Vorfeld der Unabhängigkeitsfeier hatte die belgische Regierung ihre traditionell bestehenden Kontakte mit den neokolonialistischen traditionellen Kräften innerhalb des Kongo intensiviert und inoffiziell, über ihre Geheimdiplomatie, ausgebaut. Diese waren vor allem wirtschaftlich motiviert, insbesondere durch die bestehenden Kanäle zu den dominierenden kongolesischen Schichten der Provinzen Süd-Kasai und Katanga. Sie gelten bis zum heutigen Tag als Regionen mit ertragreichen Mineralien, vor allem Kupfer (Katanga) und Diamanten (Süd-Kasai). Brüssels hauptsächlicher kongolesischer Gewährsmann zur Wahrung seiner Interessen auch im neuen Kongo war Moïsé Tshombe.

Er entstammte einer führenden Familie der katangischen Kupfer-Dynastie. Auf Grund seiner direkten Beziehungen zu den im Kongo lange führenden Bergbau-Gesellschaften, vor allem der belgischen Union minière du Haut Katanga, wurde er zum Gewährsmann der neokolonialistischen Kräfte, die auch im neuen Kongo ganz andere Ziele verfochten als Lumumba. Tshombe war in den USA in einer Methodisten-Schule ausgebildet worden, bewunderte die USA und hatte in Katanga eine antikommunistische Bewegung gegründet. Zur Zeit der Unabhängigkeitserklärung wurde er deren Präsident, dann Präsident der Provinz. Nur neun Tage nach Lumumbas Amtsantritt verkündete Tshombe die Unabhängigkeit Katangas und bekämpfte die Zentralregierung, bald einmal auch militärisch. Dies war die Ursache für blutige Kämpfe, die als Kongo-Wirren bis zu Mobutus zweitem und endgültigen Militärputsch im November 1965 andauerten.

Auf Grund seines entschiedenen Auftretens an der Feier vom 30. Juni 1960 waren die belgische Regierung, ihre amerikanischen Berater und beide Geheimdienste zur Auffassung gekommen, dass Lumumba «neutralisiert» werden musste, was sie von diesem Tag an verdeckt und zielstrebig verfolgten: die Ermordung von Lumumba (Allan Dulles, Chef der CIA, an die belgische Regierung: «Die Entfernung von Lumumba ist unser Haupt-Ziel», Telefax vom 26. August 1960, De Witte, S. 403.)

In internen Weisungen wurde der Begriff «Entfernung» (éloignement) bald einmal durch «Unschädlich-Machen», dann «Liquidation», dann «physische Liquidation», also Ermordung ersetzt.

Schon am 14. September verdrängten die gemeinsam vorgehenden Geheimdienste Belgiens und der USA mit ihren Machenschaften (darunter auch Bestechung) Lumumba aus seinem Amt und ersetzten ihn durch den willfährigen Kasa-Vubu.

Wegen massiver Proteste in der Hauptstadt und in anderen Städten befürchteten sie eine triumphale Rückkehr Lumumbas. Einen Tag später putschten Einheiten der Armee auf Befehl eines damals wenig bekannten Sese Seku Mobutu gegen Lumumba. Mobutu handelte schon damals im Auftrag der CIA. Es war ihm gelungen, sich Lumumbas Vertrauen zu erschleichen, so dass dieser ihn in Unkenntnis von dessen wahrer Mission zum Oberbefehlshaber der kongolesischen nationalen Armee gemacht hatte. Wenig später setzte diese Lumumba unter «Schutzhaft» (10. Oktober). Schliesslich, nach einem vereitelten Fluchtversuch, lieferten sie ihn am 17. Januar 1961 denen aus, die ihm den Krieg erklärt hatten, dem katangischen Militärregime unter Tshombe und dessen Schattenkabinett von belgischen Offizieren, Geheimdienstleuten und Beratern.

Diese letzteren waren es, die Lumumba zusammen mit zwei ihm treu gebliebenen Ministern, Maurice M’Polo und Joseph Okito, in der Nacht vom 17. auf den 18. Januar 1961 in der Nähe von Elisabethville (heute Lubumbashi) erschiessen liessen, nach Tolerierung unsäglicher Misshandlungen an den wehrlosen drei Gefangenen den ganzen Tag über. Ein Exekutions-Kommando der Katanga-Gendarmen führte dies durch, unter belgischem Kommando und im Beisein von Tshombe, weiteren Regierungsmitgliedern Katangas, Offizieren, katangischer Polizei und belgischen Geheimdienstoffizieren sowie Armeeangehörigen.

Anderntags melden die offiziellen Radiosender den Tod Lumumbas und seiner zwei Getreuen. Später hiess es, sie seien bei erneuter Flucht in einem Dorf erkannt, dann von Dorfbewohnern angegriffen und erschossen worden. Weder Ort noch Täter noch Motiv wurden genannt. Am Tag nach der Erschiessung muss am Erschiessungsort eine kleine Einsatzgruppe die behelfsmässig verscharrten Leichen ausgraben und in einem mitgeführten Bottich mit Schwefelsäure völlig auflösen. Von den drei Ermordeten sollte keine Spur bleiben   – doch ein Mitbeteiligter hatte sich einen Zahn von Lumumba eingesteckt. Er wird später an seiner Goldfüllung als echt identifiziert und seiner Witwe übergeben.

Lumumbas Leidensweg (und der zahlloser in den sogenannten Kongo-Wirren umgekommener Soldaten und Söldner) dokumentiert beispielhaft die grenzenlose Skrupellosigkeit der Kololnialherrschaft Europas und seiner damaligen Schutzmacht USA. 

Ludo de Witte hat Lumumbas Weg in seiner immensen und soliden Recherchearbeit nachgezeichnet. Bis heute streitet die belgische Regierung die Beteiligung an diesem politischen Mord ab, allerdings wenig überzeugend, wie jede Seite des gut dokumentierten Buches belegt. Ursprünglich 1999 auf Flämisch erschienen, war es kurze Zeit später auch in französischer, deutscher und englischer Sprache erhältlich   – heute ist es vergriffen. 

Quelle: De Witte, Ludo. «L’assassinat de Lumumba», Paris (éd. Karthala) 2000, ISBN 2-84586-006-4;

Die französische, deutsche und englische Version in Übersetzung des flämisch verfassten Originaltextes ist vergriffen und nicht neu aufgelegt, aber antiquarisch erhältlich. Deutsche Version: De Witte, Ludo. «Regierungsauftrag Mord. Der Tod Lumumbas und die Kongo-Krise», Leipzig, Forum Verlag 2001; ISBN 9783931801090; englische Version: De Witte, Ludo. «The Assassination of Lumumba»; ISBN 9781839767913

Die Schweizer Neutralität während des Zweiten Weltkrieges

Leserbrief

Peter Küpfer kommt das Verdienst zu, auf eine sehr wichtige Ausstellung im Schloss Morges aufmerksam gemacht zu haben (Zeit-Fragen Nr. 3 vom 3.2.2026). Die Ausstellung beleuchtet das Wirken der internationalen Geheimdienste in der Schweiz, und zwar speziell zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Die Schweiz war vor allem nach 1940 mit der Besetzung Frankreichs durch deutsche Truppen in ihrer Existenz eminent bedroht. Der Bundesrat hatte gleich nach dem Kriegsausbruch 1939 zusammen mit der Generalmobilmachung die integrale Neutralität der Schweiz erklärt. 

Die Schweiz musste noch mehr als während des Ersten Weltkrieges eine Balance zwischen Anpassung und Widerstand finden, besonders punkto Neutralität. Beiden Seiten, also den Alliierten (vor allem Grossbritannien, den USA und auch der Sowjetunion) und den Achsenmächten (Italien und Deutschland) musste die Schweiz Zugeständnisse machen, die an die Schmerzgrenze gingen. Auf alliierter Seite war das, und das zeigt die Ausstellung in Morges anschaulich auf, die Duldung des Wirkens der alliierten Geheimdienste von der Schweiz aus. Die Schweiz konnte damals als «Drehscheibe» der Geheimdienste bezeichnet werden. Die Schweiz profitierte aber selber sehr von diesen Kontakten, erfuhr Details zu den deutschen Angriffsplänen und konnte dementsprechend ihre Verteidigung danach ausrichten. Andererseits musste die Schweiz besonders gegenüber Hitler-Deutschland ebenso empfindliche Abläufe billigend in Kauf nehmen. Auch hier verletzte die Schweiz neutralitätsrechtliche Grundlagen, indem sie für Kriegsmateriallieferungen Staatskredite an Deutschland und Italien gewährte und den Transitverkehr zwischen Deutschland und Italien nur ungenügend kontrollierte. Das hat allerdings nichts mit der vom Bundesrat heute geforderten «flexiblen Handhabung der Neutralität» zu tun, sondern war der spezifischen äusserst schwierigen historischen Situation geschuldet. Die Schweiz musste beiden Seiten etwas geben, um zu überleben!

Dieser Balanceakt fand zusammen mit der Réduit-Strategie von General Guisan im Gegensatz zum Zaudern des damaligen Bundesrates (v.a. Pilet-Golaz) in der Bevölkerung breite Zustimmung. Die Schweizer Bevölkerung gewann im Zeichen der «Geistigen Landesverteidigung» eine nie geahnte Stärke, die mögliche Kriegsgegner abschreckte. Genau einen solchen antitotalitären Konsens benötigt unsere Eidgenossenschaft auch heute wieder. Das wird möglich mit der breiten Unterstützung der Neutralitätsinitiative!

Dr. phil. René Roca, Forschungsinstitut direkte Demokratie

Lumumbas historische Rede alarmierte westliche Geheimdienste

Patrice Eméry Lumumba (1925  –1961), der erste und wohl bisher einzige nach demokratischen Regeln legal eingesetzte Regierungschef des nachkolonialen Kongo, war Hoffnungsträger einer ganzen Generation, nicht nur für die Kongolesen, sondern für viele freiheitlich Denkende und Kolonialismuskritiker in der ganzen Welt. Er war Ende Juni 1960 vom eben durch freie Wahlen konstituierten Parlament und dem Senat zum Ministerpräsidenten der neu gegründeten Demokratischen Republik Kongo gewählt worden. Schon eine Woche nach seiner Wahl fand im Nationalpalast die Gründungsfeier statt (nach 80 Jahren Kolonialstatus als «Freistaat Kongo», dann «Belgisch-Kongo»)   – im Beisein des amtierenden belgischen Königs Baudouin und hoher Repräsentanten der belgischen Regierung und ihrer Kolonialarmee sowie von Politikern, Diplomaten, Militärs, auch Journalisten aus der ganzen Welt. 

Am Anfang sprach der König und stellte die belgische Kolonialzeit verherrlichend als die historische Phase dar, in der das ehemalige rückständige Land die Wonnen des westlichen Lebensstils kennen und schätzen gelernt habe und damit Anschluss fand an die europäische Kultur. Von den damals üblichen drastischen Strafmassnahmen gegen alle, die gegen diese europäisch-überhebliche Staatsdoktrin handelten, war in seiner Ansprache nicht die Rede. Danach ergriff Staatspräsident Kasa-Vubu das Wort. Er machte sich zum afrikanischen Echo der Worte des belgischen Königs und verdankte mit Eifer das Wirken Belgiens als Schutzmacht.

Dann geschah das Ungeheure. Der Parlamentspräsident gab, ohne dass dies im offiziell mit Belgien ausgemachten Protokoll vorgesehen gewesen wäre, das Wort an Ministerpräsident Lumumba. Wie Augenzeugen später berichteten, erbleichte der König und erstarrten die Gesichter der anwesenden Würdenträger der ehemaligen Kolonialmacht. Schon bald aber erklang aus den Reihen der afrikanischen Gäste zuerst zögernder, dann immer mächtigerer Beifall für den mutigen Redner, so wie es auf dem authentischen Mitschnitt der Rede zu hören ist. Am Schluss erntete Lumumba stürmischen und anhaltenden Beifall. Seine Rede war nicht nur die Richtigstellung der ideologieträchtigen Verdrehungen seiner beiden Vorredner, sondern eine zündende Basis für sein Regierungsprogramm. Seine Hauptbotschaft: Ziel des neuen Kongo unter seiner Regierung ist es, die Menschenwürde, auf die alle Menschen Anrecht haben, nach Kräften zu fördern, und zwar gegenüber allen Kongolesinnen und Kongolesen, nicht nur einigen.

Peter Küpfer

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