Müssen nun wirklich alle “Charlie” sein?

Einige relativierende Stimmen zum Massaker von Paris und anderswo

Ich bin NICHT Charlie

Okay, damit das klar ist. Ich bin kein Moslem. Ich bin gegen Terrorismus.

Ich bin nicht einmal für die Todesstrafe. Ich verachte Takfirismus. Ich lehne Gewalt als politisches oder ethisches Argument ab. Ich unterstütze voll und ganz die Freiheit der Rede, kritische Rede und Humor eingeschlossen.

Aber heute morgen bin ich ganz sicher NICHT Charlie.

Quelle:
http://www.vineyardsaker.de/analyse/ich-bin-nicht-charlie/

Warum ich am Sonntag in Frankreich nicht demonstrieren würde

GROSSE DEMONSTRATION IN PARIS AM SONNTAG GEGEN DEN TERRORISMUS

ein Kommentar von Barbara

  1. Als der französische Auβenminister Fabius sagte, dass die Jihadisten der Nusra-Front gute Arbeit in Syrien leisteten, wo sie Tausende unschuldiger Menschen töten, hat man niemanden dagegen auf der Straβe demonstrieren sehen, um zu zeigen, dass man dagegen war.
  2. Als Hollande im Elysée-Palast den syrischen Chef dieser Terroristen empfangen hat, gab es niemanden, der auf die Straβe gegangen ist, um zu sagen, dass er nicht damit einverstanden war.
  3. Als Frankreich die Elfenbeinküste bombardiert und dabei Tausende Leute massakriert hat, wer hat da in Frankreich dazu aufgerufen, um Nein zu diesen Massakern zu sagen?
  4. Als Frankreich Libyen bombardiert und dort den Terrorismus installiert hat, demonstrierte in Frankreich auch niemand gegen diese Barbarei.

Der Terrorismus wird also akzeptiert und ist gut, wenn er von Frankreich gegen andere Länder ausgeht, und er ist schlecht, wenn Frankreich von seinem eigenen Terrorismus, den es selbst kreiert hat, eingeholt wird?

Nein, ich bin nicht Charlie und würde nicht dafür demonstrieren gehen, auch wenn ich mit den Angehörigen mitfühle. Doch als Angehöriger würde ich mich zu Tode ärgern, wenn ich erleben müsste, dass der Tod eines Familienmitglieds so heuchlerisch ausgeschlachtet wird.

Quelle:
https://www.jungewelt.de/2015/01-09/008.php

Willy Wimmer 9. 01. 2015

Gegen jeden Terror

In dem Maße, wie wir die Opfer in Paris beklagen, dürfen wir nicht verkennen, in welch erschreckendem Umfang wir zu Massenmorden rund um den Globus beitragen (…)
Fallen wir hinter »Nürnberg« deshalb zurück, weil die mit uns verbündeten Vereinigten Staaten von Amerika den Krieg wieder zum Normalfall machen werden, wie es bis zum Ersten Weltkrieg gang und gäbe gewesen ist? Verweigern wir uns in Zukunft dem, was in der Charta der Vereinten Nationen postuliert worden ist, weil unser »Lager« den Durchmarsch will und sich die globalen Strukturen schon dafür zurechtgelegt hat? Soll das Beispiel der Vereinigten Staaten mit einem überdimensionierten Militärapparat zu Lasten der Gesellschaft auf uns übertragen werden, um eine Neuauflage des Militarismus und der damit verbundenen gesellschaftlichen Verwerfungen erleben zu müssen?

»Frieden statt NATO«, dieses Thema der Rosa-Luxemburg-Konferenz am Samstag im Berliner Urania-Haus, zielt auf das Herz und den Verstand der Bevölkerung. Der Januar dieses neuen Jahres soll und muss in diesen Fragen verantwortlich beginnen und den notwendigen Kontrapunkt zu jenem Treffen in München setzen, bei dem mit der angeblichen Sicherheitskonferenz nur die Politik der schiefen Ebene fortgesetzt werden soll.

Auszug aus Harold Pinters Nobelpreisrede 2005

(…) Die größte Show der Welt

Ich behaupte, die Vereinigten Staaten ziehen die größte Show der Welt ab, ganz ohne Zweifel. Brutal, gleichgültig, verächtlich und skrupellos, aber auch ausgesprochen clever. Als Handlungsreisende stehen sie ziemlich konkurrenzlos da, und ihr Verkaufsschlager heißt Eigenliebe. Ein echter Renner. Man muss nur all die amerikanischen Präsidenten im Fernsehen die Worte sagen hören: „das amerikanische Volk“, wie zum Beispiel in dem Satz:

„Ich sage dem amerikanischen Volk, es ist an der Zeit, zu beten und die Rechte des amerikanischen Volkes zu verteidigen, und ich bitte das amerikanische Volk, den Schritten ihres Präsidenten zu vertrauen, die er im Auftrag des amerikanischen Volkes unternehmen wird.“

Ein brillanter Trick. Mit Hilfe der Sprache hält man das Denken in Schach. Mit den Worten „das amerikanische Volk“ wird ein wirklich luxuriöses Kissen zur Beruhigung gebildet. Denken ist überflüssig. Man muss sich nur ins Kissen fallen lassen. Möglicherweise erstickt das Kissen die eigene Intelligenz und das eigene Urteilsvermögen, aber es ist sehr bequem. Das gilt natürlich weder für die 40 Millionen Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, noch für die 2 Millionen Männer und Frauen, die in dem riesigen Gulag von Gefängnissen eingesperrt sind, der sich über die Vereinigten Staaten erstreckt.

Den Vereinigten Staaten liegt nichts mehr am low intensity conflict. Sie sehen keine weitere Notwendigkeit, sich Zurückhaltung aufzuerlegen oder gar auf Umwegen ans Ziel zu kommen. Sie legen ihre Karten ganz ungeniert auf den Tisch. Sie scheren sich einen Dreck um die Vereinten Nationen, das Völkerrecht oder kritischen Dissens, den sie als machtlos und irrelevant betrachten. Sie haben sogar ein kleines, blökendes Lämmchen, das ihnen an einer Leine hinterher trottelt, das erbärmliche und abgeschlaffte Großbritannien.

Kriminelle Ungeheuerlichkeit

Was ist aus unserem sittlichen Empfinden geworden? Hatten wir je eines? Was bedeuten diese Worte? Stehen sie für einen heutzutage äußerst selten gebrauchten Begriff  – Gewissen? Ein Gewissen nicht nur hinsichtlich unseres eigenen Tuns sondern auch hinsichtlich unserer gemeinsamen Verantwortung für das Tun anderer? Ist all das tot? Nehmen wir Guantanamo Bay. Hunderte von Menschen, seit über drei Jahren ohne Anklage in Haft, ohne gesetzliche Vertretung oder ordentlichen Prozess, im Prinzip für immer inhaftiert. Diese absolut rechtswidrige Situation existiert trotz der Genfer Konvention weiter. Die sogenannte „internationale Gemeinschaft“ toleriert sie nicht nur, sondern verschwendet auch so gut wie keinen Gedanken daran. Diese kriminelle Ungeheuerlichkeit begeht ein Land, das sich selbst zum „Anführer der freien Welt“ erklärt. Denken wir an die Menschen in Guantanamo Bay? Was berichten die Medien über sie? Sie tauchen gelegentlich auf  – eine kleine Notiz auf Seite sechs. Sie wurden in ein Niemandsland geschickt, aus dem sie womöglich nie mehr zurückkehren. Gegenwärtig sind viele im Hungerstreik, werden zwangsernährt, darunter auch britische Bürger. Zwangsernährung ist kein schöner Vorgang. Weder Beruhigungsmittel noch Betäubung. Man bekommt durch die Nase einen Schlauch in den Hals gesteckt. Man spuckt Blut. Das ist Folter. Was hat der britische Außenminister dazu gesagt? Nichts. Was hat der britische Premierminister dazu gesagt? Nichts. Warum nicht? Weil die Vereinigten Staaten gesagt haben: Kritik an unserem Vorgehen in Guantanamo Bay stellt einen feindseligen Akt dar. Ihr seid entweder für uns oder gegen uns. Also hält Blair den Mund.

Ein Banditenakt

Die Invasion des Irak war ein Banditenakt, ein Akt von unverhohlenem Staatsterrorismus, der die absolute Verachtung des Prinzips von internationalem Recht demonstrierte. Die Invasion war ein willkürlicher Militäreinsatz, ausgelöst durch einen ganzen Berg von Lügen und die üble Manipulation der Medien und somit der Öffentlichkeit; ein Akt zur Konsolidierung der militärischen und ökonomischen Kontrolle Amerikas im mittleren Osten unter der Maske der Befreiung, letztes Mittel, nachdem alle anderen Rechtfertigungen sich nicht hatten rechtfertigen lassen. Eine beeindruckende Demonstration einer Militärmacht, die für den Tod und die Verstümmelung abertausender Unschuldiger verantwortlich ist.

Wir haben dem irakischen Volk Folter, Splitterbomben, abgereichertes Uran, zahllose, willkürliche Mordtaten, Elend, Erniedrigung und Tod gebracht und nennen es „dem mittleren Osten Freiheit und Demokratie bringen“.

Wie viele Menschen muss man töten, bis man sich die Bezeichnung verdient hat, ein Massenmörder und Kriegsverbrecher zu sein?

Einhunderttausend? Mehr als genug, würde ich meinen. Deshalb ist es nur gerecht, dass Bush und Blair vor den Internationalen Strafgerichtshof kommen. Aber Bush war clever. Er hat den Internationalen Strafgerichtshof gar nicht erst anerkannt. Für den Fall, dass sich ein amerikanischer Soldat oder auch ein Politiker auf der Anklagebank wiederfindet, hat Bush damit gedroht, die Marines in den Einsatz zu schicken. Aber Tony Blair hat den Gerichtshof anerkannt und steht für ein Gerichtsverfahren zur Verfügung. Wir können dem Gerichtshof seine Adresse geben, falls er Interesse daran hat. Sie lautet Number 10, Downing Street, London.

Der Tod spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle. Für Bush und Blair ist der Tod eine Lappalie. Mindestens 100.000 Iraker kamen durch amerikanische Bomben und Raketen um, bevor der irakische Aufstand begann. Diese Menschen sind bedeutungslos. Ihr Tod existiert nicht. Sie sind eine Leerstelle. Sie werden nicht einmal als tot gemeldet. „Leichen zählen wir nicht“, sagte der amerikanische General Tommy Franks. (…)

Politik, Terrorismus, Frankreich, Politik & Wirtschaft, Menschenrechte

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