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01. 07. 2026 Von Andrej Bezrukow - übernommen von globalaffairs.ru
23. August 2026

Andrej Bezrukov: Der neue Krieg und was wir tun sollten


Andrej Bezrukow ist Präsident des Verbandes für den Export technologischer Souveränität, Professor am Lehrstuhl für angewandte Analyse internationaler Probleme der MGIMO des russischen Außenministeriums, Oberst des Nachrichtendienstes (im Ruhestand), Mitglied des Präsidiums des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik.

(Red.) Der Autor des Artikels. Andrej Bezrukov, ist ein kühler Analytiker der russischen Gegebenheiten und äußert sich immer wieder zu möglichen Entwicklungen seines Landes. Schon im Juni Jahres hatte er auf dem Petersburger Wirtschaftsforum mit einer fulminanten Rede Aufsehen erregt, die er praktisch aus dem  Stegreif hielt.
Im folgenden Artikel geht er auf eine Vielzahl von Fragen ein, vor denen die russische Gesellschaft steht: Das Verhältnis zu den USA, Wirtschaft, Bildung, Demografie, Möglichkeiten und Notwendigkeiten der Verlagerung des Schwerpunktes des Landes nach Sibirien, die Rolle Chinas, nachhaltige wirtschaftliche Souveränität. Die Aufzählung ist nicht vollständig. Die größte Herausforderung dabei: Alle diese Aufgaben muss Russland praktisch gleichzeitig lösen, und das unter den Bedingungen gewaltiger Sanktionen und eines Krieges, den der Westen im besten Falle ewig am Laufen halten will.
Der Duktus des einleitenden Absatzes zeigt, dass der Beitrag für das russische Publikum geschrieben wurde, was dem Leser einen im Westen inzwischen seltenen Einblick erlaubt.(rbz)

Dieser Beitrag mag beängstigend wirken und Sorge um unsere Zukunft wecken. Doch nicht über die Herausforderungen zu sprechen, vor denen Russland steht, bedeutet, den Feinden in die Hände zu spielen, sich selbst zu täuschen und dringende Entscheidungen aufzuschieben. Wir stehen vor einer objektiven Realität, die sich nicht dadurch ändern wird, dass wir sie ignorieren.

Wir sind in eine Phase einer weiteren totalen Neugestaltung der Welt eingetreten   – eine Zeit nicht des Wohlstands, sondern des Überlebens. Das kommende Zeitalter mit seinen revolutionären Technologien, anderen Regeln und neuen Menschen untergräbt die Systeme der vergangenen Epoche. Es gibt praktisch kein Land, das sich nicht in einem Zustand tiefgreifender, schmerzhafter Umwälzungen befände. Im Westen herrscht eine durch den Niedergang ausgelöste Destabilisierung: Das Recht wird missachtet, der gesellschaftliche Konsens bröckelt, die Politik verwandelt sich in eine Farce. Im Osten herrscht eine durch Wachstum ausgelöste Destabilisierung, die die ständegesellschaftlichen Strukturen aufbricht: Bildung führt zu einem Rückgang der Geburtenrate, die Mittelschicht wächst, die Ambitionen der Länder und Politiker steigen.

Bereits in den nächsten Jahren wird Russland mit drei Herausforderungen konfrontiert sein, von denen jede einzelne das Land destabilisieren könnte.

(1) Der Machtwechsel von einer Generation zur nächsten, der im russischen „vertikalen“ Verwaltungssystem schon immer besonders komplex war.

(2) Der sich beschleunigende Wandel der technologischen Grundlagen der Weltwirtschaft könnte für uns einen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit bedeuten.

(3) Die unvermeidliche blutige Neuverteilung der Einflusssphären auf der Weltbühne fordert von Russland bereits jetzt große Opfer.

In einer Zeit epochaler Veränderungen wird die militärische Konfrontation zum Katalysator einer wissenschaftlich-technischen Revolution, die den Wettlauf um die Position in der Welt im neuen technologischen Zyklus einleitet. Wir stehen ganz am Anfang eines technologischen Sprungs, der eine radikale Aufrüstung ankündigt.

Genauso wie Radio, Panzer und Flugzeuge, die während des Ersten Weltkriegs aufkamen, erst zwanzig Jahre später, auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs, ihr volles Potenzial entfalteten. An der Front beobachten wir ständige Innovationen bei den Waffen und den Taktiken ihres Einsatzes. Doch der neue Krieg besteht nicht nur aus der nächsten Technologiegeneration. Seine Methoden und Ziele   – als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln   – ergeben sich aus der aktuellen Demografie, einer sich grundlegend gewandelten gesellschaftlichen Mentalität und anderen wirtschaftlichen Realitäten.

Wenn es unmöglich ist, den Geist des Wandels wieder in die Flasche zu stecken, muss man lernen, sich mit ihm anzufreunden. Wenn man das Segel geschickt steuert, kann man auch gegen den Gegenwind segeln. Unsere Aufgabe ist es, die langfristigen Entwicklungsziele des Landes mit der Stärkung seiner Fähigkeit zu verknüpfen, nicht in den Flammen zu verbrennen, die die Winde der Geschichte mit sich tragen.

Was für den Westen und Russland auf dem Spiel steht

Dem Westen droht in dieser neuen Ära der Verlust der Fähigkeit, globale Finanz-, Informations-, Logistik- und politische Systeme zu steuern. In den letzten achtzig Jahren haben ihm die Durchsetzung vorteilhafter Spielregeln und manchmal auch regelrechter Raubzüge die Möglichkeit verschafft, über seine Verhältnisse zu leben. Doch die militärisch-technologische Vorherrschaft des Westens und seine Fähigkeit, durch „Soft Power“ Einfluss auszuüben, gehören der Vergangenheit an. Als Nächstes stehen der Verlust des Finanzmonopols und der Kontrolle über die globalen Marktplätze bevor. Und darauf folgt ein drastischer Rückgang des Wohlstands und eine soziale Explosion, die diejenigen, die an der Macht sind, unweigerlich hinwegfegen wird.

Die einzige reale Alternative für die westlichen Eliten, die sich selbst in die Falle getrieben haben, ist der Krieg als Chance, die Verluste zu rechtfertigen und die Macht noch ein wenig länger zu erhalten. Und wenn sie Glück haben   – ihre Konkurrenten aufzuhalten und ein System der weltweiten Kontrolle auf der Grundlage neuer digitaler Technologien aufzubauen. Diese Logik hat bereits zu Kriegen in der Ukraine und im Iran geführt.

Für die Vereinigten Staaten stellen diese Kriege eine einzigartige Gelegenheit dar, noch einmal das zu tun, was sie im 20. Jahrhundert bereits zweimal getan haben   – die Europäische Union und Russland mit deren eigenen Händen zu schwächen sowie China und andere aufstrebende Länder Eurasiens zu destabilisieren, indem sie einen solch außergewöhnlichen Anlass nutzen, um die Idee der amerikanischen „Stadt auf dem Hügel“ neu zu beleben . Für Westeuropa ist die Mobilisierung gegen einen äußeren Feind die einzige Möglichkeit, die Führungsspitze an der Macht zu halten, die vom Kurs des gesamteuropäischen Projekts abgekommen ist. Wenn man bedenkt, wie sich die US-Führung im Iran und in Lateinamerika verhält und wie die EU-Bürokraten bereit sind, die Feindseligkeit gegenüber Russland über jede politische und wirtschaftliche Logik zu stellen, sollten wir uns auf das Schlimmste vorbereiten.

Aufhalten können sie entweder die unüberwindbare militärische Stärke ihrer Gegner oder die Angst vor der garantierten Vernichtung in einem nuklearen Inferno. Die Chancen auf ein „kontrolliertes“ Zurücktreten der Führung tendieren gegen Null   – alle Vereinbarungen, Regeln und mit ihnen die letzten Reste an Vertrauen und Vorhersehbarkeit sind zerstört.

Und sollte sich der Westen dennoch entschließen, alles auf eine Karte zu setzen, wird er einen hinterhältigen und heuchlerischen Schlag ausführen.

Für Russland ist der Krieg in der Ukraine ein Kampf um die Beseitigung einer existenziellen Bedrohung aus dem Westen. Er erfordert den Einsatz aller personellen und materiellen Ressourcen, denn nur ein eindeutiger Sieg wird Russland zufriedenstellen.

Denn der Kern des Konflikts liegt keineswegs in der Festlegung neuer Einflussgrenzen in Osteuropa, wie es den Anschein haben mag. Es geht vielmehr darum, ob der kollektive Westen Russland seinen Willen aufzwingen kann. Wenn nicht, ist der Verlust seines Einflusses unvermeidlich.

Das Problem Russlands in diesem Konflikt besteht darin, dass es allein dasteht. Die Mehrheit der Weltbevölkerung, die unserem Land wohlgesonnen ist, hat ihre gemeinsamen Interessen noch nicht erkannt. Das Ziel des Iran beschränkt sich auf das bloße Überleben. China und Indien versuchen um jeden Preis, einen direkten Konflikt mit dem Westen zu vermeiden, in der Annahme, dass ihre Zeit als Führungsmächte von selbst kommen wird. Für China verschafft die anhaltende Verwicklung der USA in Konflikte noch ein wenig Ruhezeit zur Festigung seiner Position; gleichzeitig profitiert Peking von Lieferungen an kriegführende Länder und Preisnachlässen auf russische Rohstoffe.

Innerhalb Russlands haben sich zahlreiche Probleme angestaut   – angefangen bei einem sozioökonomischen Modell, das den heutigen Herausforderungen nicht mehr gewachsen ist und das Potenzial für innovatives Wachstum nicht entfalten lässt, bis hin zu einer erstarrten Bürokratie, die jede Initiative bremst. Die Erfordernisse des Krieges bieten eine Chance für die Transformation des Systems, das dem Land in den 1990er Jahren aufgezwungen wurde und über genügend Nutznießer in den oberen Schichten der Gesellschaft verfügt, die unter Friedensbedingungen jegliche Veränderungen blockieren können. Wenn sich Russland nicht für den Sieg mobilisiert, stellt sich die Frage nach seinem Überleben. Mobilisierung bedeutet in erster Linie, die Welt und sich selbst neu zu begreifen, das Verwaltungssystem neu zu ordnen und nach Menschen und Lösungen zu suchen, die zum Sieg im Krieg der Zukunft führen. Und den Krieg der Zukunft kann man nicht gewinnen, ohne das Russland der Zukunft aufzubauen.

Neugestaltung der Welt

Die Kriege in der Ukraine und am Persischen Golf sind nur die erste Etappe des beginnenden Kampfes um die Neugestaltung der Welt. Sein nächster Schauplatz wird aller Wahrscheinlichkeit nach der Südosten des eurasischen Kontinents sein, wo alle wesentlichen Voraussetzungen zusammenkommen:

·    der Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten und der VR China um die Vorherrschaft auf dem vielversprechendsten Markt der Zukunft, der sich von der Türkei und dem Iran bis nach Indochina und Indonesien erstreckt;

·    das explosive Wachstum der Volkswirtschaften der Länder der Region, des militärischen Potenzials und der Rüstungsindustrie vor dem Hintergrund umstrittener historischer Grenzen und religiös-ethnischer Durchmischung;

·    das Vorhandensein einer großen Zahl junger Menschen in der Region sowie die wachsenden Ambitionen der politischen Führer.

Groß-Eurasien entwickelt sich zur wichtigsten Wirtschaftsregion der Welt, in der neue Handelsbeziehungen, Logistikkorridore und Finanzsysteme entstehen, die dem Westen nicht unterliegen und langfristig die von ihm aufgebaute globale Infrastruktur übertreffen und ersetzen könnten.

Ziele und Charakter des Krieges

Wurden frühere Kriege meist zur Kontrolle von Territorien und Ressourcen geführt, so verfügt heute kein Land mehr über die für eine solche Aufgabe erforderlichen Millionen-Armeen. Ein realistisches Ziel ist nun nur noch die Destabilisierung des Gegners, die Untergrabung seiner Ressourcenbasis und die Schaffung einer Situation, in der er seinen Widerstand nicht mehr aufrechterhalten kann.

Bedeuten die Erfahrungen der Ukraine und des Irans, dass der demografische und technologische Wandel bereits zu Kriegen der Zermürbung, Desorganisation und Demoralisierung geführt hat? Zu Kriegen geringerer Intensität, die jedoch permanent andauern und aus einer Reihe von Angriffen in verschiedenen Bereichen mit einer ganzen Palette von Mitteln und Methoden bestehen? Kriege, die von ebenso andauernden Verhandlungen begleitet werden, deren Ziel nicht die Eroberung von Gebieten oder ein Regimewechsel ist, sondern die Aufhebung von Zöllen oder die Einstellung von Projekten, die den Flusslauf verändern? Kriege, in denen Handel und Kampfhandlungen gleichzeitig stattfinden, beides direkt und über Stellvertreter?

Wenn man sich die Destabilisierung des Gegners zum Ziel setzt, werden die Lebenserhaltungssysteme und die Strukturen der gesellschaftlichen Steuerung zu Hauptzielen   – und damit auch die Schlüsselpersonen in diesen Systemen. Komplexe, hochtechnologische Industriebetriebe, insbesondere solche, die für die Verteidigung arbeiten, können nicht in großer Zahl errichtet werden und sind daher verwundbar. Eine moderne Gesellschaft, der wichtige Einrichtungen in den Bereichen Energie, Verkehr oder Kommunikation fehlen, kann nicht normal funktionieren.

In einer Welt, in der komplexe Technologien, Kompetenzen und Innovationen immer mehr an Wert gewinnen, wird der Mensch zum wichtigsten Kapital. Und zu einer Ressource, die endlich ist.

Angesichts niedriger Geburtenraten sind menschliche Verluste kaum zu ersetzen. Und sie sind doppelt schmerzhaft, wenn das Opfer eine Person ist, die ein Schlüsselelement des Innovationsprozesses, des Entscheidungssystems oder ein wichtiger Akteur des Wirtschaftslebens darstellt   – kurz gesagt: eine große nationale Investition in Bezug auf Bildung und einzigartige, unersetzbare Erfahrung. In der Praxis, beispielsweise in Israel und den USA liegt der Fokus offensichtlich auf der vollständigen Zerstörung der lebenswichtigen Infrastruktur und der physischen Beseitigung des wertvollsten „menschlichen Kapitals“ des Gegners   – Wissenschaftler, Militärführer, Meinungsführer, prominente Staatsmänner. Der Kern der Kostspieligkeit des Humankapitals liegt nicht nur darin, dass Soldaten durch Roboter ersetzt werden müssen. Sieg oder Niederlage werden davon abhängen, wer mehr Menschen unter sein Banner versammeln kann, vor allem talentierte und handlungsfähige, eigene wie fremde. Wer sie besser zu Geduld und Selbstaufopferung motivieren kann.

Ein Zermürbungskrieg ist vielschichtig und betrifft zahlreiche Bereiche; die traditionellen Streitkräfte erfüllen dabei nur eine von vielen Aufgaben. Parallel dazu werden Cyberkriege sowie informations- und ideologische Kriege geführt, Handels- und Wirtschaftskriege mit Sanktionen und Exportbeschränkungen, Finanz- und diplomatische Kriege, die sich bereits auf Sport und Kultur ausgeweitet haben. Während die Armee Soldaten tötet und die Geheimdienste Führungskräfte ausschalten, demoralisieren Journalisten und Blogger die Gesellschaft und untergraben ihr Gefüge. Die überwiegende Mehrheit der Kriegführenden sind formal gesehen Zivilisten ohne die gewohnte Hierarchie und Disziplin, motiviert durch Ideen, Geld und Ambitionen. Die Unterscheidung zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten verliert ihren Sinn   – sei es ein Beamter, der Sanktionen verhängt, an deren Folgen Tausende von Kindern sterben werden, oder ein Betrüger in einem Callcenter, der Rentner ausraubt   – der Kern ihrer Handlungen unterscheidet sich in nichts von den Taten derjenigen, die im Nürnberger Prozess wegen Völkermordes verurteilt wurden, oder von denen einfacher Plünderer.

Die Strategie des Gegners

Angesichts der russischen nuklearen Überlegenheit versuchen die Staats- und Regierungschefs westlicher Länder zu verhindern, dass der Konflikt mit Russland zu einer offenen Auseinandersetzung eskaliert, in der unserem Land kein anderer Ausweg bliebe, als Atomwaffen einzusetzen. In den letzten zehn Jahren haben führende Denkfabriken des Westens aktiv Mechanismen für den Einsatz kleiner Schritte ausgearbeitet   – die Schaffung von „vollendeten Tatsachen“, von denen jede für sich genommen vom Gegner als nicht würdig einer harten gewaltsamen Reaktion angesehen wird. Auf der Grundlage der Ergebnisse von Simulationen unter Verwendung der „Spieltheorie“ [1], die in diesen Denkfabriken durchgeführt wurden, nutzt der Westen die in den russischen Eliten vorherrschende Überzeugung aus, dass unsere Ressourcen angeblich unerschöpflich und unsere Gesellschaft stabil seien, was es ermöglicht, harte, riskante und unpopuläre Entscheidungen immer wieder aufzuschieben. Dieses „langsame Kochen des Frosches“ gibt dem Westen die Möglichkeit, den Ukraine-Konflikt in eine für ihn vorteilhafte Richtung zu lenken und dabei inakzeptable Risiken zu vermeiden[2].

Ihr Ansatz ist eine Kombination aus der Strategie des „Wolfsrudels“ (Schaffung von Problemen an den Grenzen, die Ressourcen und Aufmerksamkeit ablenken, indem Satellitenstaaten gegeneinander aufgehetzt werden) und der Strategie der „tausend kleinen Schnitte“[3]   – Drohnenangriffe, Blockaden von Handelswegen, Sprengungen von Tankern, spektakulären Terroranschlägen und Morden. Die NATO-Führer rechnen damit, dass sich im Verlauf eines „permanenten Krieges“ bei Russland Ermüdungserscheinungen häufen und die Ressourcen erschöpft werden, was angesichts einer schwächelnden Wirtschaft und technologischen Rückständen zu einer Überlastung und einem inneren Zusammenbruch führen wird. Sie gehen davon aus, dass Russland nach 2028 erneut in eine „demografische Krise“ geraten wird, was sich auf die Leistungsfähigkeit der Streitkräfte auswirken wird.

Gleichzeitig schindet der Westen Zeit, verbreitet widersprüchliche Informationen über seine Absichten und spielt mit Russland   – ebenso wie mit dem Iran   – das traditionelle Spiel von „gutem und bösem Polizisten“ . Während Europa und Israel die Rolle der außer Kontrolle geratenen Kriegstreiber übernehmen, täuschen die Vereinigten Staaten Verhandlungen vor und bieten als „Zuckerbrot“ Abkommen an, die niemand einhalten kann und will. Im Westen geht man trotz aller dort bestehenden Meinungsverschiedenheiten von Folgendem aus: Je länger der Krieg in der Ukraine andauert, desto mehr Zeit haben sie, ihr militärisch-industrielles Potenzial zu mobilisieren und einen Angriff auf Russland auf einer neuen konzeptionellen und technologischen Ebene vorzubereiten.

Herausforderungen eines neuen Krieges für Russland

Neutralisierung der Nuklearstreitkräfte

Der wichtigste Abschreckungsfaktor für den Westen ist unser Nuklearpotenzial. Seine Wirksamkeit wird bislang als Postulat angenommen. In den kommenden Jahren wird der Gegner, allen voran die USA, jedoch zwei Hauptwege zur „Nullung“ der russischen Nuklearstreitkräfte erproben.

Erstens   – durch den Aufbau eines Systems im Weltraum zur Überwachung und Vernichtung russischer Raketen in allen Abschnitten ihrer Flugbahn. Nach vier Jahrzehnten rückt das Projekt „Sternenkrieg“ nun in technologische Reichweite.

Der zweite besteht in der Zerstörung von Entscheidungszentren und Trägersystemen für Atomwaffen   – U-Boot-Stützpunkte, Flugplätze, Abschusssilos   – mittels eines koordinierten Überraschungsangriffs unter Einsatz von unbemannten Kampfmitteln und Sabotage- und Aufklärungsgruppen, die heimlich auf russischem Territorium angesammelt wurden. Als Vorbild dient die britisch-ukrainische Operation „Spinnennetz“. Der Einschleusung solcher Geräte ins Land über das eigene Agentennetz ist eine weitaus weniger komplexe Aufgabe als die Entwicklung eines Weltraumschirms.

Zerstörung kritischer Infrastruktur und des Humanpotenzials

Die Kriegshandlungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass die bestehende kritische Infrastruktur kaum Überlebenschancen in einem Krieg hat, in dem Drohnen Tausende von Kilometern zurücklegen und mit zentimetergenauer Präzision gesteuert werden. Darüber hinaus verfügen nicht nur Staaten, sondern auch kriminelle Kartelle und terroristische Gruppen bereits über solche Fähigkeiten. Doch noch bevor es zur militärischen Phase kommt, unternimmt der Gegner alles, um die russische Fähigkeit zum Aufbau, zur Verbesserung und zur Wiederherstellung der Infrastruktur zu untergraben   – durch Einfuhrverbote für Ausrüstung, die Beschränkung finanzieller Ressourcen und technologischen Sabotage.

Für die Tötung von Menschen steht mittlerweile eine ganze Reihe neuer Mittel und Geräte zur Verfügung   – von Drohnen bis hin zu „harmloser“ Haushaltselektronik und Telefonen, die in der Lage sind, eine Person überall aufzuspüren und ihr mit Sprengstoff, Gift, Strom oder etwas anderem, das in den kommenden Jahren entwickelt werden wird. Die Vernichtung iranischer Militärangehöriger und Wissenschaftler durch Israel stützte sich auf die Kontrolle der Telekommunikationsinfrastruktur, in die die amerikanischen und chinesischen Entwickler ihrer Kerntechnologien Möglichkeiten eingebaut hatten, über die man nur spekulieren kann. Alle Mobiltelefone, Router, Mobilfunkmasten und Überwachungskameras können von außen gesteuert werden, was in Verbindung mit den Möglichkeiten zur Analyse der ständig gesammelten Daten jeden Menschen zur Geisel macht, insbesondere diejenigen, die für den Gegner von Wert sind.

Komplexer Angriff auf Steuerungssysteme

Die Vereinigten Staaten unternehmen besondere Anstrengungen zur Entwicklung neuer Methoden und Technologien der Aufklärung und Steuerung auf der Grundlage künstlicher Intelligenz, die es ermöglichen, Informationen aus allen verfügbaren Quellen sofort zu verarbeiten und komplexe, hybride Operationen in Echtzeit zu leiten, um mögliche Aktionen der Gegner zuvorzukommen.

Der Schwerpunkt liegt auf Überraschung und Täuschung des Gegners sowie auf der Ablenkung seiner Aufmerksamkeit, um den Entscheidungsprozess zu stören und ihn auf eine falsche Fährte zu führen.

Der Gegner geht davon aus, dass die strenge vertikale Entscheidungshierarchie in Russland durch die Notwendigkeit überlastet sein könnte, auf eine Vielzahl von Problemen zu reagieren, die gleichzeitig in verschiedenen Bereichen auftreten, was zu einer Lähmung des Entscheidungsprozesses und zum Zusammenbruch der Steuerung führen würde. Angesichts der Uneinheitlichkeit und mangelnden Eigeninitiative, die wir in verschiedenen Ministerien und Behörden beobachten, kann man ihm kaum einen Mangel an Logik vorwerfen.

Bei einem überraschenden Angriff, der   – wie im Iran   – im Zuge intensiver Verhandlungen erfolgen könnte, ist mit einem Cyberangriff auf Kommunikationssysteme und kritische Infrastrukturen zu rechnen, in denen der Feind im Laufe vieler Jahre zweifellos zahlreiche Schadprogramme eingeschleust hat. Die in den USA entwickelten Systeme auf Basis künstlicher Intelligenz haben bereits einzigartige Fähigkeiten bei der Aufdeckung und Ausnutzung von Schwachstellen in der Informationsinfrastruktur unter Beweis gestellt. In den Medien und sozialen Netzwerken wird zu dieser Zeit eine „alternative Realität“ eines Machtvakuums geschaffen, um die Wirtschaft lahmzulegen und Panik auszulösen.

Offensichtlich werden zum Zeitpunkt des Angriffs Saboteure, die sich illegal im Land aufhalten, sowie über soziale Netzwerke rekrutierte Dummköpfe und Aussteiger aktiviert, die bereit sind, zu sprengen, in Brand zu setzen und zu töten. Man rechnet damit, dass es innerhalb Russlands aufgrund der erheblichen Migration aus zentralasiatischen Ländern eine mental fremde, geldmotivierte Bevölkerungsgruppe gibt, die   – ähnlich wie afghanische Migranten im Iran   – zum Ziel von Rekrutierungen und zum „Verbrauchsmaterial“ für einen Angriff von innen werden könnte.

Biologische Kriegsführung und Bioterrorismus

In den kommenden Jahren werden wir zudem mit einer noch komplexeren Herausforderung konfrontiert sein   – der biologischen Kriegsführung.

Während chemische Waffen, die vor über hundert Jahren aufkamen, aufgrund ihrer Wahllosigkeit keine breite Anwendung fanden, können biologische Waffen (angesichts der enormen Fortschritte in der Genetik) gezielt eingesetzt werden   – gegen eine bestimmte ethnische Gruppe, Rasse, einen bestimmten genetischen Typ, Menschen, die bestimmte Medikamente einnehmen, und so weiter. Sie können nicht nur auf die menschliche Bevölkerung abzielen, sondern auch auf eine langsame, nicht sofort erkennbare Untergrabung der Landwirtschaft und der Ökosysteme von Konkurrenten.

Im Gegensatz zu Atomwaffen ist eine internationale Kontrolle über die Entwicklung tödlicher Viren und Bakterien   – insbesondere wenn diese unter der Schirmherrschaft eines Staates erfolgt   – praktisch unmöglich. Darüber hinaus können tödliche Viren sogar von einer einzelnen Person hergestellt werden, die über die erforderlichen Fähigkeiten und die notwendige Ausrüstung verfügt. Die Covid-Pandemie hat die Verwundbarkeit des Menschen gegenüber modifizierten, bisher unbekannten Viren und die geringe Bereitschaft der Gesellschaft, diese zu bekämpfen, aufgezeigt. Die Biolabore, die die USA rund um Russland errichtet haben, sowie die Versuche, genetische Informationen in unserem Land zu sammeln, lassen keinen Zweifel an den Absichten des Gegners.

Was sollen wir tun?

Den Krieg als neue Normalität akzeptieren

Der Weltkrieg ist bereits im Gange, irgendwo „schleichend“, um uns herum jedoch offen. Es ist sinnvoll, davon auszugehen, dass das Schlimmste noch vor uns liegt. In einem Artikel, den ich vor mehr als zehn Jahren verfasst hatte[4], warf ich die Frage auf, ob eine neue Sichtweise auf die Verteidigungsfähigkeit des Landes erforderlich sei   – als systemische Widerstandsfähigkeit gegenüber allen Arten von Angriffen, wobei militärische Bedrohungen nur einen Teil des gesamten Spektrums an Problemen ausmachen, die unsere Gegner verursachen können. Jetzt, zehn Jahre später, brauchen wir noch dringender einen umfassenden strategischen Dialog darüber, wie der neue Krieg aussehen wird und was neue Technologien mit sich bringen.

Wie die „RAND Corporation“ feststellt, wird der Krieg zu einem Dauerzustand und sich über Jahrzehnte hinziehen[5]. Unabhängig davon, ob er Russland direkt betrifft, wie derzeit, oder es nur am Rande berührt, indem er auf andere Regionen übergreift, wird mehr als eine Generation von Russen Teil oder Zeuge der größten Umgestaltung der Welt sein. Deshalb müssen wir nach Wegen suchen, wie wir mit dem Krieg LEBEN können. So beunruhigend dies für jeden von uns persönlich auch klingen mag, werden wir in den nächsten ein oder zwei Jahrzehnten eine „Kriegsgesellschaft“ sein. In der Realität des Krieges zu existieren bedeutet nicht, „zu überleben“, sondern weiter voranzuschreiten und das Land und die Zukunft auf eine andere Art und Weise aufzubauen. Die Entwicklung der Wirtschaft, des Humankapitals und der Verwaltungsinstitutionen muss erstens die Realität von morgen berücksichtigen und zweitens auf den Sieg hinarbeiten   – im weitesten Sinne des Wortes.

Zu hoffen, dass alles bald vorbei sein wird und man zum alten Leben zurückkehren kann, bedeutet, sich etwas vorzumachen.

Nach viereinhalb Jahren des Ukraine-Konflikts ist es an der Zeit, organisatorisch und vor allem mental auf die Kriegsebene umzuschalten.

Die Führungssysteme neu überdenken

Ohne das Bewusstsein für und die Akzeptanz der neuen Realität sowie eine Umstellung der Denkweise ist es unmöglich, Russland auf neue Herausforderungen vorzubereiten und ein Führungssystem aufzubauen, das proaktiv agieren, die Initiative ergreifen und den Gegnern das eigene Spiel aufzwingen kann. Wenn die Erfolgskriterien in einem langen Zermürbungskrieg folgende sind:

·    die Fähigkeit, zahlreiche Schläge auszuhalten, ohne die Steuerbarkeit zu verlieren,

·    Reaktionsflexibilität,

·    Initiative und Offensivkraft,

dann erfordert der Umbau des Führungssystems einerseits ein starkes oberstes Führungs- und Koordinierungsorgan   – den STAB   – und andererseits eine Dezentralisierung und Delegation von Verantwortung, die sich auf Initiative und Selbstkoordination von unten stützt. Ein solches System wird nur funktionieren, wenn gegenseitiges Vertrauen herrscht und es sich auf Menschen stützt, für die der Dienst am Vaterland über persönlichen und behördlichen Interessen steht.

Ein langwieriger Krieg erfordert ein anderes Wirtschaftsmodell, das in der Lage ist, die Stabilität des Landes und seine Verteidigungsfähigkeit in Zeiten der technologischen Revolution zu gewährleisten. Die Grundsätze eines solchen Modells ergeben sich sowohl aus unseren eigenen als auch aus den weltweiten Erfahrungen.

Dabei handelt es sich um ein beschleunigtes Wirtschaftswachstum, das einerseits eine planmäßige Entwicklung von Schlüsselbranchen vorsieht, deren Aufgabe darin besteht, die Souveränität in den für das Land wichtigsten technologischen Bereichen zu sichern, andererseits aber auch die maximale Förderung des privaten, innovativen Unternehmertums durch eine radikale Entbürokratisierung und die Abschaffung von Gesetzen, die die Initiative hemmen.

Dazu gehört ein souveräner Rubel, der sich auf den inneren Reichtum Russlands stützt, ein dynamischer inländischer Kapitalmarkt und ein zweigleisiges Finanzsystem, das in der Lage ist, die Finanzierung großer bahnbrechender Technologie- und Infrastrukturprojekte sicherzustellen und die Inflation unter Kontrolle zu halten. Es ist an der Zeit zu begreifen, dass das Finanzsystem des Westens feindlich gesinnt ist und ein Bruch mit ihm unvermeidlich ist. Die Welt zerfällt bereits vor unseren Augen in mehrere konkurrierende wirtschaftlich-technologische Räume, die nach ihren eigenen Regeln funktionieren.

Ein Umdenken, die Fähigkeit, sich selbst und die Welt mit „neuen Augen“ zu sehen   – das ist ein schmerzhafter, komplexer Prozess. Die Menschen sehnen sich nach einfachen und schnellen Lösungen, die Machtinstitutionen nehmen Veränderungen nur schwer an, und die bestehenden Wirtschaftsmodelle sowie Personalentscheidungen haben einflussreiche Verfechter.

Umstrukturierung der kritischen Infrastruktur

Die Erfahrungen aus den laufenden Kriegen erfordern einen neuen Ansatz beim Aufbau kritischer physischer und informationstechnologischer Infrastruktur. Öllager, Pumpwerke, Stromerzeugungs- und -verteilungsanlagen sowie Rechenzentren müssen unterirdisch verlegt oder in einer befestigten Anlage errichtet werden, wie dies bei Kernkraftwerken der Fall ist.

Die Verkehrs- und Energieinfrastruktur muss als dezentrales Netzwerk ohne Konzentration auf große Knotenpunkte aufgebaut werden. Gleiches gilt für einzigartige Produktionsstätten, die zudem in einer anderen, vorzugsweise abgelegenen Region dupliziert werden müssen. Die Bauvorschriften sollten die Einrichtung von Schutzräumen in Kellerräumen vorsehen, wie es in der UdSSR der Fall war und wie es in Israel gehandhabt wird.

Was die kritische Informationsinfrastruktur betrifft, so erfordert die Gewährleistung eines akzeptablen Sicherheitsniveaus den vollständigen Austausch ausländischer Kommunikationsgeräte und Software in Schlüsselsystemen. Die Umstellung auf einheimische Betriebssysteme, die nach dem Prinzip „Vertrauenswürdigkeit“ („secure by design“) aufgebaut sind, muss abgeschlossen werden. Dies wird Zeit in Anspruch nehmen, doch schon jetzt kann man sich auf die souveräne Kontrolle der wichtigsten Knotenpunkte und Kanäle konzentrieren.

Die Bedrohung durch biologische Waffen zwingt nicht nur zu einer radikalen Überarbeitung des Systems der Gesundheits- und Epidemieüberwachung, sondern wirft auch die Frage nach einer dezentralen Verteilung der Bevölkerung auf, den Übergang zu Flachbau sowie eine gleichmäßigere Verteilung der Bevölkerung über das Staatsgebiet.

Eine Welt, in der Drohnen dominieren, wird höchstwahrscheinlich eine „totale“, multitechnologische Luftabwehr erfordern, mit einem Netzwerk aus bodengestützten und luftgestützten Radarsystemen entlang der Grenzen und rund um strategische Objekte. Es liegt auf der Hand, dass die Komplexität eines umfassenden Infrastrukturschutzes dazu führen wird, die Zersplitterung der Zuständigkeiten zu beseitigen und eine einheitliche Fachbehörde für den physischen und informationstechnischen Schutz zu schaffen   – so wie es die Amerikaner bereits vor einigen Jahren getan haben.

Werden diese Maßnahmen kostspielig sein? Zweifellos. Doch wie wir aus bitterer Erfahrung gelernt haben, ist der Preis für den Verlust eines strategischen Bombers oder einer Glasfaserfabrik in keiner Weise mit den Kosten für einen Stahlbetonbunker oder ein an einem Flugzeug montierten Radarsystem zu vergleichen. Noch weniger akzeptabel ist das Risiko, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt die Kommunikations- und Energieversorgungssysteme „zusammenbrechen“, der Verkehr zum Erliegen kommt oder eine neue Pandemie Millionen von Menschenleben in unseren Metropolen fordert, in denen Quarantänemaßnahmen nicht greifen werden.

Aus Sicht der Zukunft Russlands sind solche Kosten unvermeidbare Investitionen. Zu Beginn eines neuen Technologiezyklus muss ohnehin eine neue Infrastruktur geschaffen werden, und deren Aufbau wird einen Multiplikatoreffekt für das Wachstum haben.

Um den Erhalt der Bevölkerung zu gewährleisten, die Lebensqualität zu verbessern und die Geburtenrate zu steigern, wird es so oder so notwendig sein, die Menschen aus den „Menschenkäfigen“ in den Megastädten in komfortablere, flachbebaute Siedlungen umzusiedeln. Selbst ohne Berücksichtigung der Kriegsrisiken muss der Staat Sibirien und den Fernen Osten zügig entwickeln, die infrastrukturelle Vernetzung des Landes ausbauen und die Energieversorgung, Verkehr und Kommunikation auf neue Technologien umzustellen. Ohnehin muss das Problem der technologischen Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit gelöst werden   – es gilt, einen strategischen, langfristigen staatlichen Auftrag zu formulieren, der das Wachstum russischer Unternehmen ankurbelt.

Armee und Gesellschaft integrieren

Ein multidimensionaler Krieg, in dem das ganze Land kämpft, sowie der deutliche Trend zur gegenseitigen Durchdringung von militärischen und zivilen Technologien erfordern eine radikale Neubewertung der Frage, was eine Armee ausmacht, sowie der Beziehungen zwischen Armee und Gesellschaft.

Die Realität des Krieges lässt die Grenze zwischen den Streitkräften und der übrigen Bevölkerung, wie sie zu Zeiten Clausewitz bestand, verschwimmen.

Die Notwendigkeit, Probleme zu lösen, die „vor Ort“ gereift sind, zwingt Menschen auf beiden Seiten dazu, Risiken einzugehen, etablierte Praktiken und sogar Gesetze zu verletzen. Während es in der Ukraine angesichts der allgemeinen Schwäche der staatlichen Strukturen für relativ junge Führungskräfte einfacher ist, ad-hoc-Lösungen zu finden, ist die Entwicklung neuer Formen der Zusammenarbeit in Russland nach wie vor ein mühsamer Prozess. Dies wird durch unsere historische Tradition noch verschärft, in der die militärische Ausbildung von der zivilen getrennt ist und die Karriere eines Offiziers „hinter dem Zaun“ verläuft.

Ich verweise noch einmal auf einen Artikel, der bereits über zehn Jahre alt ist: „Die Streitkräfte müssen sich in das künftige umfassende Verteidigungssystem einfügen, in dessen Rahmen die Zusammenarbeit mit nichtmilitärischen Akteuren aufgebaut werden muss. Der Aufbau aller Kompetenzen für einen multidimensionalen Krieg innerhalb der Streitkräfte selbst ist sinnlos   – es müssten dann Strukturen geschaffen werden, die bereits bestehende staatliche Behörden oder private Unternehmen duplizieren würden. Dafür reichen weder die personellen noch die finanziellen Mittel aus.

Die Lösung des Problems liegt in einer tiefgreifenden Integration der Streitkräfte und der übrigen Gesellschaft sowie in der doppelten Ausrichtung vieler Strukturen. Es gilt, Wege zu finden, militärische und zivile Ressourcen und Kompetenzen so zu verknüpfen, dass Antworten auf Sicherheitsherausforderungen gewährleistet sind und die Kosten für die Gesellschaft auf einem akzeptablen Niveau gehalten werden. Dies setzt die Einbindung der Eliten aus Wissenschaft, Technik und Medien in das System der multidimensionalen Verteidigung voraus. Die Armee wird etwas „ziviler“, während die zivilen Behörden etwas „militärischer“ werden. Das heißt, die Armee muss sich so weit wie möglich in die Gesellschaft integrieren, und die Gesellschaft muss sich als Teil der Armee verstehen. In vielen Bereichen werden Fachleute, obwohl sie Zivilisten sind, zusätzliche Verteidigungsaufgaben übernehmen und dafür eine Vergütung erhalten. Gerade der Einsatz des gesamten Spektrums an Mitteln und die Fähigkeit zum gemeinsamen Handeln sind der Schlüssel zum Erfolg.“

Der Prozess der Integration von Militär und Zivilbereich findet bereits spontan, „von unten“, statt, in Bereichen wie der Raumfahrt, der Drohnen- und der Informationstechnologie. Marketplace-Plattformen ergänzen die militärische Logistik. In diesem Prozess stoßen wir jedoch systematisch auf die Tatsache, dass militärische Entwicklungen, Beschaffungen und die Produktion auf eine derart spezifische Weise verwaltet werden, dass es an der Zeit ist, darüber nachzudenken, wie man unter Wahrung der Geheimhaltung allen Prozessen Flexibilität verleihen kann, wie ein schneller Austausch von Technologien und Fachkräften zwischen dem zivilen und dem militärischen Sektor gewährleistet werden kann und wie die Militärwissenschaft und die Militärwirtschaft besser in den Kontext der technologischen Entwicklung eingebunden werden können. Da bahnbrechende technologische Lösungen für die Verteidigung mittlerweile außerhalb des Rüstungskomplexes entstehen und schnell veralten können, gilt es zudem zu klären, welche Geheimnisse geschützt werden müssen und welche hingegen unbedingt weitergegeben werden sollten. Wenn wir talentierte junge Menschen für militärische Entwicklungen gewinnen wollen, ist es an der Zeit, darüber nachzudenken, wie wir statt einer „Verschärfung der Kontrollen“ den Schwerpunkt auf die Verbesserung der Qualität der Personal- und Agentarbeit legen können.

In Aufklärung und Spionageabwehr investieren

In der modernen Kriegsführung rücken Informations- und Spionagearbeit in den Vordergrund. Die Qualität ihrer Organisation wird zum wichtigsten Erfolgsfaktor. Direkt an der Front hängt die Wirksamkeit militärischer Operationen vollständig von der Lagebeurteilung und der Zielerfassung ab. Auf strategischer Ebene ist es ohne die Fähigkeit, die Lage und die Pläne des Gegners richtig einzuschätzen, und ohne einen nahtlosen Entscheidungsprozess unmöglich, die Initiative zu ergreifen und dem Gegner das eigene Spiel aufzuzwingen. Die kommenden Jahre werden von der Führung des Landes erhebliche Aufmerksamkeit für die Geheimdienste und Investitionen in deren Tätigkeit erfordern.

Aus technologischer Sicht gilt es, Aufklärungs- und Steuerungssysteme aufzubauen, die auf globaler Ebene und in Echtzeit alle Informationsströme integrieren können   – vom Internet über den Weltraum bis hin zu Agenten-Netzwerken   –, um Entscheidungen präventiv treffen zu können.

Der menschliche Faktor war und bleibt jedoch das Wichtigste in der Aufklärung und Spionageabwehr. Ohne sorgfältige Auswahl, kompromisslose Ansprüche, die Förderung der persönlichen und beruflichen Entwicklung jedes einzelnen Mitarbeiters sowie die Schaffung einer besonderen Kultur werden sich die Geheimdienste nicht von anderen bürokratischen Strukturen unterscheiden, die ihre Macht zur Lösung eigener Probleme nutzen.

Die Pläne des Gegners, Russland von innen heraus zu untergraben, erfordern besondere Aufmerksamkeit beim Aufbau der Geheimdienstarbeit. Dies bedeutet in erster Linie die Wiederbelebung eines dichten Netzwerks von Bezirksbeamten, eine radikale Erhöhung ihrer Bezüge, eine drastische Reduzierung der „Papierberichte“ sowie die Konzentration auf die Zusammenarbeit mit freiwilligen Helfern und Agenten in Bevölkerungsgruppen, die dem Einfluss des Gegners ausgesetzt sind, darunter auch in Migrantendiasporas.

Man darf nicht abwarten, bis sich in den Nachbarländern Stützpunkte bilden, von denen aus Angriffe auf Russland geführt werden. Es ist notwendig, Unterstützer im Voraus zu organisieren und Eliten, die Jugend sowie potenzielle Führungskräfte aktiv auf die eigene Seite zu ziehen.

Wie bereits geschrieben, stellt sich unter den Umständen, in denen der Feind terroristische Methoden einsetzt, „die Aufgabe, den Gegner zu desorganisieren und Bedrohungen an jedem Ort der Welt zu beseitigen. Es gilt, präventiv zu handeln, diejenigen zu kaufen, die sich kaufen lassen, und diejenigen zu beseitigen, die nach einer Warnung nicht innehalten“ . Dazu muss der Staat über alle notwendigen Einflussmittel verfügen, wie beispielsweise die Gruppe „Wympel“, die vom legendären Leiter des illegalen Geheimdienstes des KGB der UdSSR, Juri Drozdow, gegründet wurde.

Aufhören, zu versuchen, anderen zu gefallen

Eines der Hauptprobleme in den Beziehungen Russlands zu seinen Gegnern ist, dass man keine Angst mehr vor uns hat.

Unser Verhalten in den letzten Jahren hat sie davon überzeugt, dass Russland sich seiner inneren Schwäche bewusst ist und sich daher nicht zu einer Eskalation entschließen wird. In den Köpfen der „Sieger des Kalten Krieges“ haben sich seit den 1990er Jahren drei Thesen fest verankert, auf denen die gesamte westliche Politik aufbaut:

(1) Russland wird weiter schwächer werden.

(2) Die russischen Eliten lassen sich spalten.

(3) Russland und China werden nicht an einem Strang ziehen.

Ich wage zu behaupten: Hätte unser Land in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum verzeichnet, hätte sich der Westen nicht dazu entschlossen, den Wettstreit um die Ukraine auf die militärische Ebene zu verlagern. Viele europäische Länder, insbesondere Deutschland und Frankreich, hätten es vorgezogen, sich für lukrative Verträge anzustellen.

Seit Beginn des Ukraine-Konflikts haben unsere Erklärungen zu „roten Linien“   – ohne angemessene Reaktion auf die systematische Eskalation   – den Westen nur in seiner Ansicht bestärkt, dass Russland nicht über ausreichende Ressourcen verfügt und es der russischen Führung an Einigkeit mangelt. Dies bestätigt in ihren Augen die anhaltenden Versuche, sich mit Trump zu einigen, selbst wenn es kein Entgegenkommen seitens der USA gibt. Im Lager der Feinde findet das Argument, dass Russland sich aus moralischen Gründen bei den Mitteln der Kriegsführung einschränkt, keinen Anklang, zumal die Aktionen Israels und der USA alle bisherigen Tabus aufgehoben haben.

Westliche, vor allem britische Geheimdienste haben im Laufe des Konflikts eine Strategie eskalierender terroristischer Provokationen entwickelt. Einige davon werden von der Ukraine durchgeführt, andere, wie die Sprengung der „Nord Stream“, direkt von ihnen selbst. Wir hingegen nehmen eine defensive Haltung ein und geben die Initiative weiterhin ab.

Ohne eine angemessene Reaktion wird ihre Strategie dazu führen, dass die Einsätze auf ein unzulässiges, existenzielles Niveau eskalieren, insbesondere wenn plötzlich Atomwaffen oder biologische Kampfstoffe zum Einsatz kommen sollten. Die russische militärische und politische Führung muss einen neuen konzeptionellen Ansatz entwickeln, der die westliche Strategie der Aushöhlung der „roten Linien“ durchbricht. Damit der Gegner die Lust verliert, „Superprovokationen“ zu inszenieren, muss er sich selbst als Geisel fühlen. Zu den verwundbarsten Stellen gehören, wie die Erfahrungen aus dem Iran-Krieg gezeigt haben, Gastanker, Gasempfangsterminals, private Satellitenkonstellationen und Rechenzentren westlicher Finanzunternehmen. In erster Linie sollten diejenigen darunter leiden, die die Aggressivität des Westens lenken und finanzieren   – eine Konfrontation mit Russland muss zu einem äußerst unrentablen Unterfangen werden.

Raubtiere sind von Natur aus rational und vermeiden Konflikte mit den Starken. Ihre Pläne zerfallen, sobald sie die Initiative und ihren Handlungsspielraum verlieren.

Wenn man bedenkt, wie Europa den harten Widerstand des Iran aufgenommen hat und wie das Thema des „gefürchteten nordkoreanischen Regimes“ aus den amerikanischen Narrativen verschwunden ist, nachdem dieses die Fähigkeit erlangt hatte, den USA echten Schaden zuzufügen, ist es an der Zeit, dass wir aufhören, „die Guten“ zu spielen. Wir sollten damit beginnen, „den Bedrohenden mit Bedrohung zu begegnen“, indem wir zusätzlich zum Konzept der „garantierten gegenseitigen Vernichtung“ auf nuklearer Ebene das Konzept der „Verursachung inakzeptablen Schadens“ auf nicht-nuklearer Ebene in unser Arsenal aufnehmen. Wie man so schön sagt: „Wer mit Wölfen lebt, muss wie ein Wolf heulen.“ Kriege werden um den Sieg geführt, und der Sieger schreibt die Geschichte.

Dieser Beitrag wurde für die Diskussion auf der XXXIV. SVOP-Versammlung vorbereitet.

Autor: Andrej Bezrukow, Präsident der Vereinigung für den Export technologischer Souveränität, Professor am Lehrstuhl für angewandte Analyse internationaler Probleme der MGIMO des russischen Außenministeriums, Oberst im Geheimdienst (im Ruhestand), Mitglied des Präsidiums des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik

Krieg: Wozu ist er nach wie vor notwendig?

Jennifer Cavana

Wer nicht versteht, wie sich der Krieg verändert hat, und weiterhin nach vernichtenden Siegen und der Erreichung ehrgeiziger politischer Ziele durch militärische Gewalt strebt, wird in einen langwierigen Konflikt hineingezogen, erschöpft sein und keine guten Auswege mehr haben.

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Fußnoten

[1] Vgl.: Altman D.W. Red Lines and Faits Accomplis in Interstate Coersion and Crisis. Cambridge, MA: Massachusetts Institute of Technology, 2015. 182 S.; Altman D.W. Advancing without Attacking: The Strategic Game around the Use of Force // Security Studies. 2018. Bd. 27. Nr. 1. S. 58  –88; Mazarr M.J. Mastering the Gray Zone: Understanding a Changing Era of Conflict // Strategic Studies Institute, U.S. Army War College Press. 02.12.2015. URL: https://ssi.armywarcollege.edu/SSI-Media/Recent-Publications/Article/3998635/mastering-the-gray-zone-understanding-a-changing-era-of-conflict/ (Zugriff am: 11.06.2026).

[2] Sechser, T.S., Fuhrmann, M. „Nuclear Weapons and Coercive Diplomacy“. Cambridge: Cambridge University Press, 2017. 343 S.

[3] Lichatschowa, A.B., Tschuprijanowa, P.I. Die Taktik der „tausend kleinen Schnitte“: Von Sanktionen zu Sabotageakten und Provokationen // Russland in der Weltpolitik. 2026. Bd. 24. Nr. 3. S. 93  –106.

[4] Bezrukow A.O. Der multidimensionale Krieg und die neue Verteidigungsstrategie // Russland in der Weltpolitik. 2014. Bd. 12. Nr. 5. S. 47  –56.

[5] Peering into the Crystal Ball: Holistically Assessing the Future of Warfare. Santa Monica, CA: RAND Corporation, 2020. 20 S.

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#Großer Krieg #Krieg #Neue Weltordnung #Ukraine-Krise

Inhaltsverzeichnis

Die Notwendigkeit der Wahl

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Die verkehrte Welt

Krieg: Wozu braucht man ihn noch?

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DOI: 10.31278/1810-6439-2026-24-4-10-31

Der neue Krieg und was wir tun sollen

Andrej Bezrukow

DOI: 10.31278/1810-6439-2026-24-4-32-49

Weltkrieg: Der Weg zum Sieg

Sergej Karaganow

DOI: 10.31278/1810-6439-2026-24-4-50-62

Perspektiven und strategische Folgen des Einsatzes von Drohnen

Dmitri Grafow

DOI: 10.31278/1810-6439-2026-24-4-63-78

Luftabwehr für den hybriden Krieg

Alexander Timokhin

DOI: 10.31278/1810-6439-2026-24-4-79-90

Cogito, ergo sum

Die beispiellosen Veränderungen durch künstliche Intelligenz überstehen

Jaroslaw Kusminow, Jekaterina Krutschinskaja

DOI: 10.31278/1810-6439-2026-24-4-92-109

„Realitätsdefizit“

Alexander Girinski

DOI: 10.31278/1810-6439-2026-24-4-110-124

Das Jahrzehnt der Post-Wahrheit: Ein endloser Kampf um den gesunden Menschenverstand?

Juri Kolotaev

DOI: 10.31278/1810-6439-2026-24-4-125-130

Die Vorratskammern der Sonne

Die globale Energieordnung 2040: Konturen eines entstehenden Systems

Schamil Enikejew

DOI: 10.31278/1810-6439-2026-24-4-132-163

Die Agenda für nachhaltige Entwicklung nach 2030: Mögliche Weggabelungen

Igor Makarow

DOI: 10.31278/1810-6439-2026-24-4-164-182

Die nächste Wachstumsschwelle: Eine Synthese aus Energiewirtschaft, Technologie und Finanzen

Nelson Wong

DOI: 10.31278/1810-6439-2026-24-4-183-189

Die Verlagerung des Zentrums der wirtschaftlichen Aktivität Russlands nach Osten

Fjodor Tschernitsyn

DOI: 10.31278/1810-6439-2026-24-4-190-204

Ist der Westen noch der Westen?

Eine neue europäische Ordnung oder fortschreitende Eurosklerose?

Dmitri Efremenko

DOI: 10.31278/1810-6439-2026-24-4-206-228

Theologie der Realpolitik

Iwan Kochetdykow, Andrej Serebritsch

DOI: 10.31278/1810-6439-2026-24-4-229-254

Rezensionen

Strategische Stabilität in einer instabilen Welt

Alexander Saweljew, Olga Alexandrija

DOI: 10.31278/1810-6439-2026-24-4-256-261

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