Für Jugendliche ist Covid-Ansteckung harmloser als eine Impfung

«Jugendliche brauchen keine Impfung zum Schutz gegen Covid», sagt Professor Peter Kremsner, Spezialist für Infektionskrankheiten.
Urs P. Gasche / 22.07.2021 / infosperber
22. Juli 2021
«Für Jugendliche gibt es kaum einen Grund, sich impfen zu lassen». Darüber informierte Infosperber schon am 10. Juni. Am 12. Juli analysierte Infosperber die neusten Daten und kam erneut zum Schluss: «Es gibt wenig gute Gründe für Jugendliche, sich impfen zu lassen». Der individuelle Nutzen fehle und der gesellschaftliche Nutzen sei minim. Ausgenommen sind nur Jugendliche, die an schwerwiegenden Erkrankungen leiden oder stark übergewichtig sind. Sie riskieren nach einer Ansteckung einen schwierigeren Verlauf. Sämtliche Kinder, welche in Grossbritannien an Covid-19 sogar starben, litten an schweren Vorerkrankungen.

Obwohl Behörden, einige Experten und Medien Druck auf Jugendliche ausüben, sich impfen zu lassen, mahnen unterdessen auch Professor Philip Tarr von der Klinik für Infektiologie des Kantonsspitals Basel-Land sowie Professor Peter Kremsner vom Universitätsklinikum Tübingen zur Zurückhaltung beim Impfen von Jugendlichen. 

Grossbritannien gegen Impfung von 12- bis 15-Jährigen

Der britische Gesundheitsminister hat sich gegen eine generelle Impfung von Teenagern ausgesprochen. Nur Jugendliche mit schweren Vorerkrankungen sollen sich impfen lassen. Das berichtete Reuters am 17. Juli.
Die gleiche Haltung hat in Deutschland die Ständige Impfkommission STIKO eingenommen.

«Über seltene, potentiell schwere Nebenwirkungen ist noch keine Aussage möglich»

Mit rund zwei Dutzend anderer Autorinnen und Autoren ging Infektionsspezialist Philip Tarr der Frage nach: «Sollen wir Kinder und Jugendliche gegen Covid-19 impfen?» Am 17. Juli erschien der Befund im Online-Magazin «Primary and Hospital Care»

«Der individuelle Nutzen für Kinder und Jugendliche ist   – wenn überhaupt vorhanden   – sehr klein, weil sie sehr selten schwere Covid-19-Verläufe haben.» Umso sicherer müssten deshalb die Impfungen sein. Doch bei Kindern und Jugendliche sei die Sicherheit der mRNA-Impfstoffe «ungenügend dokumentiert». Zu «seltenen, potentiell schweren Nebenwirkungen und Langzeitnebenwirkungen» sei «noch keine Aussage möglich».* 

Die Einschätzung von Professor Philip Tarr deckt sich mit den Aussagen, welche Professor Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission in Deutschland, in einem Interview mit der «taz» gemacht hatte:

«Je geringer die Gefährdung durch die Krankheit, desto sicherer muss die Impfung sein.» Das leuchte jedem ein. «Wenn die Kinder und Jugendlichen ein sehr geringes Krankheitsrisiko haben, dann müssen wir auch verdammt sicher mit der Impfung sein … Schon [insgesamt] ein Dutzend Fälle ernsthafter Nebenwirkungen stellt die Impfung bei Kindern in Frage.»

Impfung führt zu mehr Nebenwirkung als eine Erkrankung an Covid-19

Professor Peter Kremsner vom Universitätsklinikum Tübingen, der sich selber als Arzt bereits drei Impfdosen verabreichte, erinnerte am 14. Juli im ZDF bei Markus Lanz (ab Minute 55) daran, dass «Covid-19 eine Krankheit des Alters ist». Deshalb fuhr Kremsner fort: «Wenn die allermeisten der über 50-Jährigen und sehr viele der über 40-Jährigen geimpft sind, dann haben wir es geschafft.» 

Einen individuellen Nutzen hätten Jugendliche von einer Impfung keinen. Zwar könne die Impfung Jugendlicher zu einer Herdenimmunität beitragen. Doch für diesen Zweck hofft Kremsner vorerst «auf etwas besser verträgliche Impfstoffe».  

Denn selbst der «sehr gute Impfstoff von Pfizer/Biontech verursache bei fast allen Jugendlichen Nebenwirkungen, während eine Ansteckung mit Sars-Cov-2 lediglich bei 10 bis 50 Prozent der Jugendlichen zu schwachen Symptomen führe. Eine natürliche Immunisierung [durch Ansteckung] könne zur Herdenimmunität ebenfalls beitragen.

Bereits am 20. Juni stellte Professor Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission in Deutschland, in einem Interview mit der «taz» fest, dass eine Grippe Kinder und Jugendliche stärker treffe als eine Ansteckung mit Covid-19. 

«Junge können ungeimpfte Ältere anstecken»

Ein Risiko, wenn Jugendlichen nicht geimpft sind, sieht Anne Lévy, Direktorin des Bundesamts für Gesundheit, «wenn die Ansteckungen von den Jungen auf Ungeimpfte der älteren Generationen überspringen und somit die Hospitalisationen wieder stark ansteigen». Das erklärte sie am 18. Juli in der NZZ am Sonntag. Obwohl aber die Zahl der positiv Getesteten besonders unter den Jüngeren wieder stark steigt, haben die Spitaleinweisungen bisher nur leicht zugenommen.

Ein Grund kann sein, dass nicht nur geimpfte Ältere vor einer schweren Erkrankung geschützt sind, sondern auch alle ungeimpften Älteren, die vom Virus unbemerkt infiziert wurden oder die an Covid-19 erkrankten und wieder gesund sind. Zur Herdenimmunität trägt in jedem Fall nicht nur der Durchimpfungsgrad bei, wie heute vielfach suggeriert wird. Ganz verschwinden wird das Virus nach Ansicht der meisten Virologen nicht.

Personen, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können, müssen die gleichen Schutzmassnahmen beachten, ob nun 10 oder 80 Prozent der Jugendlichen geimpft sind. Sie wissen bei Begegnungen ja nicht, wer geimpft ist.

Die deutsche Gesellschaft für Kinder  – und Jugendmedizin erklärte am 21. April 2021:

«Es fehlen Daten, dass zwischen den Infektionen bei Kindern und Jugendlichen und der Überlastung der Intensivstationen und den schweren und tödlichen Verläufen der älteren Erwachsenen ein Zusammenhang besteht.»

Und in einem Interview mit Infosperber erklärte Professor Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, am 11. Juni 2021: 

«Kinder und Jugendliche spielen wahrscheinlich eher eine untergeordnete Rolle im Pandemiegeschehen. Es ist nicht belegt, dass Infektionen in dieser Altersgruppe zu einer Überlastung von Intensivstationen führen … Ich halte es nicht für gerechtfertigt, gesunde Kinder und Jugendliche generell gegen Covid-19 zu impfen.»

Jedenfalls ist der gesellschaftliche Nutzen, falls sich möglichst alle Jugendlichen impfen lassen, eher gering.

➜ Ältere Personen, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können oder die sich nicht impfen lassen wollen, müssen zu ihrem Schutz die gleichen Vorsichtsmassnahmen beachten, ob nun 10 oder 80 Prozent der Jugendlichen geimpft sind. Bei Begegnungen wissen sie ja nicht, welche Jugendlichen   – und auch welche Erwachsenen   – ansteckend sein könnten.
Um sich vor schweren Erkrankungen zu schützen, müssen diese ungeimpften Älteren   – vor allem solche mit Vorerkrankungen   – die Gesellschaft in geschlossenen und ungenügend belüfteten Räumen vermeiden sowie generell Abstand halten, Masken tragen und Hygiene einhalten.
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Weiterführende Informationen

Prof. Klaus Stöhr: Wir haben bisher keinen Impfstoff für 10- bis 19-Jährige, dessen Nutzen das Risiko überwiegt  

Verwerfliche Anreize sollen Jugendliche zum Impfen bringen (1)

Wenig gute Gründe für Jugendliche, sich impfen zu lassen (2)

Professor Thomas Mertens: Eine Grippe trifft Kinder und Jugendliche stärker als Covid-19

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*Im Folgenden die ungekürzte Zusammenfassung der Autorinnen und Autoren um Professor Philip Tarr:

1. Die bei Kindern/Jugendlichen noch nicht etablierte Sicherheit der mRNA-Impfstoffe erinnert uns an unseren ärztlichen Auftrag (primum nihil nocere).
2. Kinder sollen bei jeder Impfung vor allem einen persönlichen Nutzen haben. Eine «Herdenimmunität» gehört aktuell nicht zu den Impfzielen von BAG/EKIF. Die Impfung der Kinder und Jugend­lichen ist aktuell nicht indiziert, um die Risiko­gruppen zu schützen[1], sie ist nicht nötig, um die Impfziele von BAG/EKIF zu erreichen, und sie ist nicht nötig, um die Kinder/Jugendlichen vor Ansteckungen zu schützen, wie die Erfahrungen aus ­Israel zeigen[2];[3].
3. Der geringe individuelle Nutzen bei gesunden Kindern/Jugendlichen rechtfertigt aktuell keine generelle COVID-19-Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche. Siehe auch zwei prägnante Darstellungen dieses Sachverhalts von Urs P. Gasche auf Infosperber[4];[5]. Bei Kindern/Jugendlichen mit Risikofaktoren für einen schweren Verlauf kann die Abwägung zwischen Nutzen und Risiko klarer für die Impfung ausfallen. 
4. Wer sich impfen lassen möchte, sollte die Impfung bekommen können. Die COVID-19-Impfung soll also für Kinder/Jugendliche auf ihren und den elterlichen Wunsch möglich sein, insbesondere bei relevanten Vorerkrankungen. Dieses Vorgehen wird nicht nur von der EKIF[6], sondern auch in der neuesten Aktualisierung der COVID-19-Impfempfehlung der deutschen ständigen Impfkommission (STIKO) empfohlen[7].
5. Das Thema der COVID-19-Impfung von Kindern/Jugendlichen verlangt eine sorgfältige öffentliche Diskussion[8]. Wie bei allen Impfungen in dieser Altersgruppe muss für den Entscheid das Alter, die Urteilsfähigkeit und der Wille des Kindes/Jugendlichen einbezogen werden. 
6. Da die Kinder/Jugendlichen für die SARS-CoV-2-Übertragung eine untergeordnete Rolle spielen, dürfen ihnen aus der Nichtimpfung keine gesellschaftlichen Nachteile erwachsen. Wir unterstützen die Bestrebungen der EKIF explizit, dass die Impfung bei unter 16-Jährigen keine Voraussetzung für den Besuch von gesellschaftlichen Anlässen sein soll. 
7. In der Impfkommunikation soll auf mögliche übertriebene COVID-Ängste der erwachsenen Bevölkerung und der Eltern eingegangen und diese abgebaut werden. Es wäre unethisch, Kinder/Jugendliche v.a. wegen der Ängste der Erwachsenen zu impfen. Wir begrüssen daher die bisherigen Bemühungen der EKIF für eine nuanciere, transparente und faire Impfempfehlung und Aufklärung der Kinder und Jugendlichen sehr.

FUSSNOTEN

[1] Obaro S. COVID-19 herd immunity by immunisation: are children in the herd? Lancet Infectious Diseases 1.6.2021. https://www.thelancet.com/journals/laninf/article/PIIS1473-3099(21)00212-7/fulltext
[2] Our World in Data. Israel: Confirmed COVID-19 cases by age group. Zugriff am 13.6.2021. https://ourworldindata.org/grapher/israel-COVID-19-cases-by-age
[3] Milman O, Yelin I, Aharony N, et al. Community-level evidence for SARS-CoV-2 vaccine protection of unvaccinated individuals. Nature Medicine 2021. https://doi.org/10.1038/s41591-021-01407-5
[4] Gasche UP. Für Jugendliche gibt es kaum einen Grund, sich impfen zu lassen. 10.6.2021. https://www.infosperber.ch/gesundheit/public-health/fuer-jugendliche-gibt-es-kaum-einen-grund-sich-impfen-zu-lassen/
[5] Gasche UP. Eine Grippe trifft Kinder und Jugendliche stärker als COVID-19. 20.6.2021. https://www.infosperber.ch/gesundheit/public-health/eine-grippe-trifft-kinder-und-jugendliche-staerker-als-COVID-19/
[6] Bundesamt für Gesundheit. Impfempfehlung für mRNA-Impfstoffe gegen COVID-19. Stand 22.6.2021. https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/krankheiten/ausbrueche-epidemien-pandemien/aktuelle-ausbrueche-epidemien/novel-cov/information-fuer-die-aerzteschaft/covid-19-impfung.html
[7] Ständige Impfkommission (STIKO)-Empfehlung zur COVID-19-Impfung. Aktualisierung vom 10. Juni 2021. Epidmiologisches Bulletin 2021; 23: 3-8. https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2021/Ausgaben/23_21.pdf?__blob=publicationFile
[8] Deutsches Netzwerk Evidenz-basierte Medizin e.V. 19.5.2021. Impfung von Kindern und Jugendlichen gegen SARS-CoV-2 verlangt einen sorgfältigen öffentlichen Diskurs. https://www.ebm-netzwerk.de/de/veroeffentlichungen/nachrichten/stellungnahme-impfung-kinder-jugendliche

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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Quelle: https://www.infosperber.ch/gesundheit/public-health/fuer-jugendliche-ist-covid-ansteckung-harmloser-als-eine-impfung/

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