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05.12.2025 Von Martin Leo - Eine Leserzuschrift
5. Dezember 2025

Und nun will ich Euch mal etwas sagen


Aus der Originalausgabe des Buchs „Deutschland Deutschland über alles“ aus dem Jahr 1929 von Kurt Tucholsky.
Kurt Tucholsky (1890 bis 1935)

Tucho Deutschland OIP 3384328861

Er schrieb dort auf Seite 230 f.:

„Aus Scherz hat dieses Buch den Titel ‚Deutschland über alles‘ bekommen, jenen törichten Vers eines großmäuligen Gedichts. Nein, Deutschland steht nicht über allem und ist nicht über allem   – niemals. Aber   m i t   allen soll es sein, unser Land. Und hier stehe das Bekenntnis, in das dieses Buch münden soll:

J a,   w i r   l i e b e n   d i e s e s   L a n d.

Und nun will ich Euch mal etwas sagen:

Es ist ja nicht wahr, dass jene, die sich ‚national’ nennen und nichts sind als bürgerlich-militaristisch, dieses Land und seine Sprache für sich gepachtet haben. Weder der Regierungsvertreter im Gehrock, noch der Oberstudienrat, noch die Herren und Damen des Stahlhelms allein sind Deutschland. Wir sind auch noch da.

Sie reißen den Mund auf und rufen: „Im Namen Deutschlands…!“  Sie rufen: Wir lieben dieses Land, nur wir lieben es.“  Es ist nicht wahr.

Im Patriotismus lassen wir uns von jedem übertreffen   – wir fühlen international. In der Heimatliebe von niemand   – nicht einmal von jenen, auf deren Namen das Land grundbuchlich eingetragen ist. Unser ist es.

Und so widerwärtig mir jene sind, die   – umgekehrte Nationalisten   – nun überhaupt nichts mehr Gutes an diesem Lande lassen, kein gutes Haar, keinen Wald, keinen Himmel, keine Welle   – so scharf verwahren wir uns dagegen, nun etwa ins Vaterländische umzufallen. Wir pfeifen auf die Fahnen   – aber wir lieben dieses Land.

Und so wie die nationalen Verbände über die Wege trommeln  - mit dem gleichen Recht nehmen wir Fluss und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese: es ist unser Land. Wir haben das Recht, Deutschland zu hassen   – weil wir es lieben. Man hat uns zu berücksichtigen, wenn man von Deutschland spricht, uns: Kommunisten, junge Sozialisten, Pazifisten, Freiheitsliebende aller Grade; man hat uns mitzudenken, wenn ‚Deutschland‘ gedacht wird …  wie einfach, so zu tun, als bestehe Deutschland nur aus den nationalen Verbänden.

Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil von ihm sind wir.

Und in allen Gegensätzen steht   – unerschütterlich, ohne Fahne, ohne Leierkasten, ohne Sentimentalität und ohne gezücktes Schwert   – die stille Liebe zu unserer Heimat.“

Das hat Tucholsky geschrieben 1929 im Angesicht des herauf ziehenden Faschismus. 

Die Distanzierung vom mißbrauchten Wort „Patriotismus“ ist seiner Zeit geschuldet, ist berechtigt und nachvollziehbar. Die antikoloniale und antiimperialistische Bewegung gab dem Wort später eine ganz andere Färbung. Eigentlich aber sogar der Faschismus selbst, gegen den sich antifaschistische „patriotische Fronten“ formierten, die „Patriotismus“ neu formatierten. 

Was Tucholsky hier beschreibt, ist das, was ich selbst, angeregt durch den legendären portugiesischen KP-Generalsekretär Alvaro Cunhal und die PCP,   unter „linkem Patriotismus“ verstehe. Man begreift das besser in Portugal und auf Kuba und in vielen anderen Ländern, in denen Völker für ihre Souveränität streiten, aber nicht mehr und noch nicht in Deutschland.

Deutschland ist  immer noch gespalten. Die Erscheinungsformen  haben sich geändert , die Inhalte aber nicht. Was früher braun und zutiefst nationalistisch war, gibt sich heute grün, "internationalistisch" und "antifaschistisch" , aber spricht genauso der Eroberung und Zerstückelung Russlands und der Beherrschung anderer Völker das Wort. 

"Der andere Teil sind wir": Das sind auch heute alle, die für ein friedliches und demokratisches Deutschland eintreten, dessen Souveränität die seiner Bevölkerung ist und die weder durch fremde Mächte noch durch seine herrschende Klasse eingeschränkt wird.

M. L.

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Martin Leo, g
eb. 1955 in Frankfurt/Main, Diplom-Politologe, 26 Jahre leitende Tätigkeit in der Unterbringung und Betreuung von Flüchtlingen und Wohnungslosen in Hamburg, lebt seit 2018 ausschließlich in Portugal, kandidierte bei Kommunalwahlen zweimal für das linke Wahlbündnis "CDU"