«Was ich nötig hatte, waren Lehrer»

Das ist wohl die Gretchenfrage: das Wirken der Person in der Institution Schule.
Von Carl Bossard*,
11. Juli 2020
Schuljahresschluss ist immer auch Abschied von Lehrerinnen und Lehrern. Wie haben sie im Alltag gewirkt? Ihr persönliches Denken und Schüleraussagen verraten entscheidende Gelingensbedingungen der Praxis.

"Was hinterlasse ich?“, fragt ein Lehrer, der in Pension geht. 40 Jahre lang hat er an der gleichen Institution mit Leib und Seele gewirkt hat. Das ist heute nichts Selbstverständliches mehr. Falsche Anschmiegsamkeit und geländegängige Anpassung waren seine Sache nicht. Wer ihm gegenübertrat, spürte eine gewisse Strenge, empfand etwas Forderndes.

Beim Abschied nach den wichtigsten Themen in seinem Berufsalltag gefragt, meint er überraschend: „Kränkungen   – unabsichtliche Verletzungen, die wir unseren Schülerinnen und Schülern zufügen.“ Wer so redet, dem ist bewusst: Er erteilt nicht einfach Mathematik oder Deutsch, er lehrt nicht irgendein Fach. Nein, er unterrichtet junge Menschen. Und ein Zweites ist ihm klar: Vor den Kindern und Jugendlichen steht ein Mensch   – mit all seinen Stärken und Schwächen zugleich.

Die Gretchenfrage im Schulalltag

Im unerwarteten Satz schimmert eine pädagogische Grundhaltung auf. Sie leitete das langjährige Wirken dieses Lehrers: Er suchte zielgerichtete Unterrichtsarbeit mit mitmenschlichem Einfühlungsvermögen zu verbinden oder humanistische Grundverpflichtung mit fachlicher Konsequenz in Einklang zu bringen. Er wollte wirken, wollte „einen Mehrwert“ erreichen, wollte zu Aha-Erlebnissen führen. Das tat er   – bei Generationen von Jugendlichen, die zu ihm in den Unterricht kamen. Der Erfolg seines Engagements hatte nur einen Indikator: das Lernen seiner Schüler. Doch sibyllinisch fügt er bei: „Würde ich gern zu mir in die Schule gehen?“

Das ist wohl die Gretchenfrage: das Wirken der Person in der Institution Schule. Personen geben der Institution ihren Wert. „Auf den Lehrer, auf die Lehrerin kommt es an!“, heisst es in der Professionsliteratur, seit es sie gibt. „Ich bin superwichtig!“, titelte DIE ZEIT nach Erscheinen der berühmten Studie von John Hattie.[1] In grossen Lettern stand da geschrieben: „Kleine Klassen bringen nichts, offener Unterricht auch nicht. Entscheidend ist: der Lehrer, die Lehrerin.“ Und die Qualität des Unterrichts, sei beigefügt.

Haltung und Leidenschaft

Lehrerinnen und Lehrer bringen ihre Persönlichkeit in den Unterricht ein und nicht einfach ihr Wissen oder ihre „professionelle Kompetenz“.[2] Die Qualität des Unterrichts hängt von der Lehrperson ab. Ihre Expertise, ihre Haltung, ihre Leidenschaft sind entscheidend   – und auch, ob sie bereit ist, die Wirksamkeit ihres Handelns zu überprüfen. Eben: „Wie wirke ich? Und ginge ich gerne zu mir in die Schule?“ Es reicht nicht aus, dass eine Lehrperson viel weiss und methodenmodern geschult ist. Sie muss auch fähig sein, mit ihren Schülern eine Beziehung aufzubauen und sie weiterbringen zu wollen.

Eine solche Lehrerin hatte die 16-jährige Chayenne Wiederkehr aus Stäfa. Sie schaffte den Sprung von der Sekundarschule B, der früheren Realstufe, direkt ans Gymnasium, berichtete die Sonntagszeitung in einem einfühlsamen Porträt.[3] Die Schülerin bestand auch die strenge Probezeit. Diesen unüblichen Schritt verdankte sie ihrer Lehrerin. Sie „hat mein Potenzial sofort erkannt und mich enorm gefördert.“ Das Geheimnis dieser Pädagogin: Sie verband intensives, themenbezogenes Lernen ihrer Schülerin mit einem hohen Mass an personenorientierter Lehrersteuerung. Das wirkte.

„Was ich hingegen nötig hatte, das waren Lehrer“

Was schülerzentrierte Lehrerinnen und Lehrer mit beseelter Leidenschaft vermögen, das skizziert der Schriftsteller Lukas Bärfuss. In seiner „Ode an die Lehrer“ schreibt der Träger des renommierten Georg-Büchner-Literaturpreises: „Ich hasste die Schule, aber ich liebte meine Lehrer. Das ist etwas seltsam, ich weiss. Aber grundsätzlich kein Widerspruch.“[4]

Seine „schulische Karriere war […] nicht gerade das, was man erfolgreich nennt“, bekennt Bärfuss. Nach neun Unterrichtsjahren verliess er die Schule und jobbte. Freimütig räumt er ein:

„Ich brauchte keinen Stundenplan, ich brauchte keinen Lehrplan. Ich brauchte keine Pulte, ich brauchte keine Prüfungen.   – Was ich hingegen nötig hatte, das waren Lehrer.“

"Die Begeisterung meines Lehrers weckte meine eigene Begeisterung“

Lehrer wie beispielsweise diesen Stellvertreter in der siebten Klasse: „Ein Mann mit Bart, der uns Gedichte vorlas. Nicht etwa, weil sie im Lehrplan standen. Er las uns Gedichte vor, weil er Gedichte liebte. Gedichte waren ihm wichtig. Lebenswichtig! Und er teilte im Grunde auch keine Gedichte mit uns. Er teilte seine Liebe, er teilte seine Leidenschaft.“

Dank diesem Pädagogen konnte sich der spätere Dichter Bärfuss einige Gedichte merken: ‚Harlem‘ von Ingeborg Bachmann oder Rainer Maria Rilkes ‚Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen‘. Dies deshalb, „weil ich spürte, wie diese Gedichte unseren Lehrer berührten, und diese Berührung wollte ich auch erleben. Die Begeisterung meines Lehrers weckte meine eigene Begeisterung.“ Diese Leidenschaft für den pädagogischen Auftrag resultiert aus der Leidenschaft für die Welt; sie entspringt einem lebendigen Interesse an der Sache und am jungen Menschen. Davon ist Bärfuss zutiefst überzeugt.

„Weil er uns mit seiner Leidenschaft ansteckte“

„Sie war bis zum letzten Schultag mit Begeisterung Lehrerin.“ Das hört man oft und las es auch in diesen Tagen zwischen den Schuljahren. Oder dann heisst es: „Er stand gerne und mit Leidenschaft im Schulzimmer.“ Nicht „auf den Lehrer“ allein kommt es also an, auch nicht „auf die Lehrerin“, sondern auf die Begeisterungsfähigkeit der Lehrpersonen, auf ihre pädagogische Leidenschaft.

Sie stellt die entscheidende Gelingensbedingung der Praxis dar. Nicht umsonst sagt der Schriftsteller Thomas Hürlimann von seinem Physiklehrer Pater Kassian in der Klosterschule Einsiedeln: „Er war ein exzellenter Lehrer, weil er uns mit seiner Leidenschaft ansteckte. [….] Er verstand es, sogar mich für physikalische Vorgänge und Formeln zu begeistern.“[5]

Noch akzentuierter tönt es bei Lukas Bärfuss: „Ich weiss nicht, was aus mir geworden wäre, wenn meine Lehrer ihre Leidenschaften nicht mit mir geteilt hätten.“[6] Er brauchte „ihre Leidenschaften, ihre Begeisterung“. Und er wiederholt:

„Eine Schule hätte ich nicht gebraucht. Aber ohne Lehrer wäre ich ärmer.“

Carl Bossard
*Carl Bossard, Dr. phil., war Direktor der Kantonsschule Alpenquai Luzern und Gründungsrektor der Pädagogischen Hochschule PH Zug.

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[1] Martin Spiewak (2013), Ich bin superwichtig!, in: DIE ZEIT, 03.01.2013, S. 55.
[2] Jürgen Oelkers (2009), Die Persönlichkeit im Lehrberuf und wie man sie bildet, Msc. unpubl., S. 2.
[3] Rico Bandle (2020), Sie schaffte es von der Sek B direkt ans Gymnasium, in: Sonntagszeitung, 28.06.2020, S. 21.
[4] Lukas Bärfuss (2018), Stil und Moral. Essays. München: btb Verlag, S. 152. [Zeichensetzung angepasst]
[6] Bärfuss, a.a.O., S. 155.

Quelle: https://www.journal21.ch/was-ich-noetig-hatte-waren-lehrer

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