Johann Heinrich Pestalozzi: «Zählen und Rechnen ist der Grund aller Ordnung im Kopfe …»

Johann Heinrich Pestalozzi: «Zählen und Rechnen ist der Grund aller Ordnung im Kopfe …»

Auszug aus der Begutachtung verschiedener Mathematik-Lehrmittel der Primar- und der Oberstufe

Arbeitsgruppe «Mündige Lehrer», Zeit-Fragen 2011

Lehrkräfte im Oberstufen-, Gymnasial- oder Berufsschulbereich weisen seit längerem darauf hin, dass neu eintretenden Schülern die notwendigen schulischen Kenntnisse und Fähigkeiten fehlen, um den Anforderungen der neuen Stufe zu genügen. In den 90er Jahren  – so berichtet eine Berufsschullehrerin  – konnten die ehemaligen Sonderschüler in ihren Klassen besser rechnen als die meisten von ihren Schülern heute in der Regelklasse.

Die heutigen Schüler sind jedoch nicht anders als die Schüler vergangener Zeiten. Ihr Gehirn verfügt über dieselben Fähigkeiten, und entsprechend sind sie mathematisch genauso bildungsfähig wie frühere Schüler  –wenn die Lehrmittel gut sind.

Naheliegend war daher, heutige Lehrmittel mit früheren Lehrmitteln zu vergleichen.

Erstaunlicherweise waren weder Lehrmittelverlage (Kt. Zürich/Kt. Bern) noch Pädagogische Hochschulen (Kt. Zürich/Kt. Bern) in der Lage, diese bisherigen schweizerischen Lehrmittel zur Verfügung zu stellen. Entweder führten sie kein zugängliches Archiv oder machten geltend, wie im Falle der Pädagogischen Hochschulen, «keinen Archivierungsauftrag für Lehrmittel» zu haben. So waren gewisse Lehrmittel lediglich über ein Schulmuseum zugänglich. Entsprechend ist die Auswahl auf einzelne Kantone eingeschränkt. Gerne würden wir alle Schweizer Lehrmittel seit den frühen 60er Jahren einbeziehen.

Erfahrene Lehrkräfte von allen Stufen (Unterstufe, Mittelstufe, Oberstufe und Gymnasialstufe) haben zum Fach Mathematik die vorhandenen Lehrmittel stufenübergreifend gesichtet, untersucht und begutachtet. Auffallend war, dass ältere Lehrmittel, die von erfahrenen Lehrkräften entwickelt worden waren, von gut bis sehr gut beurteilt wurden. Diese Lehrmittel führen die Kinder entsprechend ihrer Entwicklung in adäquaten Schritten sorgfältig in die Mathematik ein  – von der Anschauung bis zur abstrakten Vorstellung. Auf diesen Grundlagen erfolgt dann der weitere mathematische Aufbau, bei dem die Schüler Freude und Interesse für dieses Fach entwickeln können  – weil sie es verstehen.

Der Bundesrat hat im August 2010 auf Grund des Nachwuchsmangels in den Naturwissenschaften und der Medizin die Lage überprüfen lassen und das Resultat in einer sogenannten MINT-Studie festgehalten. Damit sind die Berufsgattungen gemeint, die auf einer mathematischen Grundlage fussen, wie Mathematiker, Informatiker, Naturwissenschaftler, Techniker. Wir bleiben aber dabei, vom Nachwuchs in Naturwissenschaften und Medizin zu sprechen, da der letztere Bereich sonst leicht vergessen geht.

Im folgenden werden einige der untersuchten Lehrmittel vorgestellt. Die vollständige Begutachtung kann bei der Arbeitsgruppe bestellt werden.

Unterstufe: 1. –3. Klasse

Der Mathematikunterricht der Unterstufe  – und hier insbesondere in der 1. Klasse  – entscheidet darüber, ob sich Kinder mit Freude und Interesse der Mathematik zuwenden und sich dann in späteren Jahren einem der gewerblichen oder Hochschulberufe zuwenden, die Freude und Sicherheit in Mathematik verlangen. Der Aufbau des Zahlenraumes mit den Grundrechnungsarten und Operationen muss sorgfältig, logisch und folgerichtig erfolgen, sonst können kein logischer Zahlbegriff und kein Zahlverständnis entstehen. Nur durch das Verstehen wird das Selbstvertrauen im Kind gelegt, und es wird sicher, sich in der Mathematik zurechtzufinden und darin «zu Hause» zu sein.

Dem Aufbau und Inhalt dieser ersten Lehrmittel kommt also zentrale Bedeutung zu.

Diese Lehrmittel entscheiden darüber, ob Freude am Fach und an der Lösung von anspruchsvolleren mathematischen Aufgabenstellungen entsteht oder ob Mathematik für Kinder zu einem «Horrorfach» wird und entsprechend ihre ganze Berufswahl sehr stark einschränkt.

Zu einem guten Lehrmittel gehört auch eine kindgerechte Anleitung  – heute eine Selbstverständlichkeit. Die Bedeutung des Lehrers ist für das Vorankommen im Unterricht äusserst wichtig: Er muss eine Beziehung zu jedem Schüler haben und wissen, wo dieser steht und wann er Hilfe benötigt. Es muss sein Ziel sein, in allen diese Freude zu wecken  – sonst versucht der Schüler es gar nicht. Alle sollten mit der Klasse mithalten können. Die sogenannten modernen Lehrformen wie «individualisierender Unterricht» oder «Wochenplan» lassen nicht nur in der Übungs- sondern auch in der Einführungsphase viele Kinder allein mit ihren Fragen. Sie sitzen oft stundenlang herum, und das Gefühl, Mathematik nicht zu verstehen, schleicht sich bald ein.

Wir beschränken uns hier aus Platzgründen auf eine Auswahl von Lehrmitteln, die einen guten bis ausgezeichneten Unterricht gewährleisten.

«Rechenfibel», Staatlicher Lehrmittelverlag Bern, 1954 –1980

Die Rechenbücher für die 1. –3. Klasse aus dem Lehrmittelverlag Bern dienten über lange Jahre der rechnerischen Grundausbildung. Wie damals auch in anderen Kantonen waren die Schüler mit diesem Grundstock gut vorbereitet für den Übertritt in die 4. Klasse. Dieses Lehrmittel eignet sich mit seinem strukturierten, logischen Aufbau und den sachbezogenen, kindgerechten Begleitthemen ausgezeichnet für die Unterstufe. Es ist kleinschrittig aufgebaut: Nie werden zwei Rechnungsarten auf einmal eingeführt oder Neues uneingeführt in die Übungsphase eingebaut. Dies hat zur Folge, dass die Schüler stets genügend Zeit haben, neue Problemstellungen aufzunehmen, zu verstehen und zu integrieren. Der Zehnerübergang wird genau gezeigt und geübt  – dass jedes Kind selber herausfinden soll, wie es über den Zehner rechnet, ist Blödsinn und führt nachweisbar zu vielen Misserfolgen. Nur durch Erfolgserlebnisse entstehen beim Kind Sicherheit, Selbstvertrauen und Freude am Lernen.

Dieses Lehrmittel könnte mit geringem Aufwand neu aufgelegt werden.

Exemplarisch soll das Buch der 1. Klasse etwas genauer beschrieben werden, damit der sorgfältige, kohärente Aufbau ersichtlich wird.

Die Schülerfibel ist durch das A5-Format sehr handlich für die Schüler. Die Lehrer­fibel, im gleichen Format, ist etwas umfangreicher, da zu jeder Seite im Schülerbuch Vorschläge zum Unterrichten stehen.

Das Erfassen der ersten Zahlenbegriffe erfolgt an realen Gegenständen aus dem Alltag der Kinder: Bleistifte, Holztiere, Blumen, Kinder usw. bevor dann das Zählen von konkreten Symbolen wie Batzen, Dreiecken oder Vierecken aus Karton zu den abstrakten Zahlen führen.

Diese 3 Schritte  – vom Anschaulichen zum Konkreten bis zu den abstrakten Zahlen  – werden bei jedem neuen Rechnungsschritt konsequent eingehalten und ermöglichen dadurch jedem Kind, die Aufgaben zu begreifen.

Jede Zahl im Zahlenraum 1 –20 wird mit einer Geschichte anhand eines Zählbildes (z.B. Blumenwiese mit Tieren am Bach) eingeführt und besprochen. Durch die Bilder entsteht eine Vorstellung, bevor die abstrakte Zahl gelernt wird: z.B. 1: Sonne, 2: Kinder spielen mit 2 Bällen usw. Die Schüler suchen selber passende Zahlenbilder wie 2 Arme, 2 Augen usw. Sie zeigen, malen oder legen die Gegenstände; erst dann legen sie Zählmarken (z.B. 2 Kartonbatzen) als Symbole daneben, bevor sie die Zahl 2 dazuschreiben.

Zuzählen und Wegzählen werden ebenfalls durch kleine Erzählungen mit Bildern aus dem realen Leben eingeführt: Auf einer Blume naschen 2 Bienen, eine dritte fliegt dazu.

Oder: An einer Erdbeerpflanze mit drei Beeren schnappt ein Vogel eine weg. Die Kinder erfinden weitere Geschichten, zeichnen oder legen die Gegenstände, sprechen aus, was passiert. Erst dann werden die Symbole hinzugelegt und die Operationszeichen +,  – , = gezeigt und gelernt. Wenn sie dann die Rechnung in Ziffern schreiben, also 3  – 1 = 2, dann haben sie ein Bild, eine Vorstellung in sich.

Zu jedem neuen Schritt gibt es viel Übungsmaterial, das sorgfältig schrittweise vom Einfachen zum Schwierigeren aufgebaut ist. Die Kinder können so lange üben, bis sie schmunzeln müssen und dann finden: Das kann ich jetzt aber schon gut, jetzt will ich weiterfahren.

Vier Operationsformen  – Zuzählen, Wegzählen, Ergänzen, Zerlegen  – werden Schritt für Schritt im Zahlenraum 1 bis 10 während eines halben Jahres gelernt, geübt und gefestigt. Darauf aufgebaut wird der Zahlenraum 10 bis 15, später 15 bis 20, methodisch genau so vom Erlebnisbereich des Kindes ausgehend wie oben beschrieben. Viele wichtige Übungen folgen, um Ähnlichkeiten in den Zahlenräumen 1 bis 10 und 10 bis 20 zu erkennen: 2 + 4 = ?; 12 + 4 = ?; 5  – 3 =  ?; 15  – 3 = ?

Auch hier lächeln nach dem Üben die Kinder und sagen: Ich muss gar nicht mehr rechnen, ich kann es einfach hinschreiben. Ganz wichtig ist die sorgfältige Einführung des Zehnerübergangs, bildet er doch die Grundlage für die weitere Arbeit im 100er- oder 1000er-Raum in der 2./3. Klasse. Zuerst werden vorbereitend Ergänzungen auf 10 ausführlich geübt: Peter hat 6 Nüsse, wie viele muss er noch sammeln, bis er 10 Nüsse hat? Oder: Von 17 Vögeln fliegen wie viele weg, bis nur noch 10 auf dem Draht sitzen?

Mit der Fadenspulschachtel wird der Übergang des Zehners erklärt und geübt. Die Kinder ordnen Spulen in Zehner-Schachteln und berichten: Es sind nur noch 9 blaue und 2 rote Spulen. Die erste Schachtel wird gefüllt. In der 2. Schachtel ist nur 1 Spule: 9 + 1 + 1 = 11 9 + 2 = 11

Das Überschreiten wird solange mit den Spulen geübt, bis das Kind die Zehner mühelos und selbständig vervollständigt. Mit der Guezlischachtel wird das Überschreiten des Zehners rückwärts geübt.

10 Guezli liegen in einer Schachtel, 3 in der zweiten. 4 Kinder essen ein Guezli: Achtung: immer zuerst die angefangene Schachtel leeren, also: 13  – 3  – 1 = 9 13  – 4 = 9

Die Schüler schreiben lange Zeit bei jeder Aufgabe die lange und die kurze Rechnung dazu.

Dieser sorgfältige Aufbau ermöglicht jedem Kind, sich im Zahlenraum 1 bis 20 zurechtzufinden, sicher zu werden und dann auch Freude an neuen, kniffligeren Aufgaben zu entwickeln. In der 2. Klasse kann es beim Aufbau des Zahlenraums 1 bis 100 auf das Verstandene und Geübte zurückgreifen und mutig neue Problemstellungen in Angriff nehmen.

Mittelstufe: 4. –6. Klasse

Die Mittelstufe sollte durch die Festigung der Rechenfertigkeit beim Schüler Sicherheit und Geläufigkeit entwickeln, damit die Grundlage für das folgerichtige, kohärente Denken gelegt ist. Dies ist für die weitere Bewältigung des auch komplexeren Stoffes auf der Oberstufe von grösster Bedeutung. Leider müssen wir in der Praxis feststellen, dass der Anschluss im Fach Mathematik an die weiterführenden Schulen bei weitem nicht mehr gewährleistet ist.

Da bereits auf der Unterstufe beim Rechenweg heute nach Bertelsmann mehr Gewicht auf Kreativität als auf das strukturierte mathematische Denken gelegt worden ist und ein für alle geltendes, grundlegendes Verfahren vielfach sträflich vernachlässigt worden ist, treten auf der Mittelstufe gravierende Mängel im Leistungsstand zutage.

Nicht zu unterschätzen sind die Auswirkungen, die im Gemüt des Kindes auftreten: Schüler verlieren den Mut, sich neuen Anforderungen zu stellen, beginnen zunehmend, den gestellten Aufgaben auszuweichen, sie haben bereits das Gefühl, dass sie den Stoff eh nicht bewältigen werden. Ein Teil dieser Schüler beschränkt sich dabei nicht auf das Ausweichen, sondern beginnt zunehmend den Unterricht zu stören. Zudem sind die Schüler durch die individualisierenden Lernmethoden bereits darauf eingefuchst, eigene Wege zu gehen. Viele lassen sich nur widerwillig vom Lehrer anleiten. Bei der Beurteilung der Lehrmittel auf der Mittelstufe haben wir Mittelstufenlehrer mit über dreissig Jahren Praxistätigkeit von dieser zusätzlichen Hypothek abgesehen.

Wir haben die Lehrmittel so begutachtet, wie wenn die Schüler mit einem normalen Stand und Lernverhalten in die Mittelstufe kämen. In der Praxis sind heute die besten Fachleute der Didaktik und Methodik gefragt, die extrem sich auswirkenden Mängel zu beheben. Glücklich, wer als Lehrer seine langjährige, intensivste Tätigkeit mit genauer Reflexion und Arbeit nun als Grundlage der «Reparatur» benutzen kann. Solche Büchlein aus dem Klett-Verlag bieten keine Hilfe, schon gar nicht bei dieser für die Schüler und deren Lernverlauf wichtigen Korrektur.

Rechnen: 4. –6. Klasse, Lehrmittel­verlag des Kantons Zürich, Dr. R. Honegger etwa 1950 bis 1978

Die Mathematikbücher der Mittelstufe von Dr. Honegger sind Arbeits- und Übungsbuch in einem Buch. Hervorragend ist die Anleitung für die Schüler, zum notwendigen Rechenverständnis zu kommen. Die Rechenerkenntnis wird in einzelnen Schritten herbeigeführt, das folgerichtige Denken wird angeleitet, und zum Schluss stehen hinreichend Aufgaben zur Verfügung, die Sicherheit und Geläufigkeit ermöglichen. Besonderer Wert gelegt wird auf die Besinnung auf die Grundlagen der Zahlbegriffe und Rechenvorgänge. Dann folgt aber auch der wichtige nächste Schritt: das Üben. So muss nach Honegger der Steigerung der Rechenfertigkeit grösste Aufmerksamkeit geschenkt werden, weil das hinreichende, gedächtnismässig verfügbare rechnerische Wissen absolut notwendig ist für die Entwicklung einer neuen Rechenerkenntnis. Erst das Beherrschen der Grundlagen setzt geistige Kraft frei für die Bewältigung der Denkansprüche, die komplexere Aufgaben erfordern.

In allen drei Mathematiklehrmitteln der Mittelstufe wird deshalb besonders im reinen Zahlenrechnen auf eine Normierung des Verfahrens Wert gelegt. Der erste Schritt wird genau dargestellt (ohne die verwirrenden sieben Schlaufen mit Umwegen in den heutigen Lehrmitteln), was auch jedem Schüler das Verständnis ermöglicht.

Das reine Kopfrechnen und das fixierende Kopfrechnen, bei dem eine Aufgabe bleibend visuell sichtbar dargestellt ist, sind in diesem Lehrmittel im Lernvorgang zentral eingebaut. Der Schüler trainiert dadurch die Vorstellungskraft einer Zahl, lässt Bilder entstehen und erhält so den äusserst wichtigen Begriff, die Vorstellung einer Zahl.

Oberstufe 7. –9. Klasse

Die Lehrer der Oberstufe übernehmen seit längerer Zeit viele Schüler, die mangelhaft bis schlecht auf die neuen mathematischen Anforderungen vorbereitet sind. Vieles wurde in der Primarschule zwar aufgegriffen, vielleicht auch durchgearbeitet, jedoch nicht gefestigt. So sind Schüler dann nicht in der Lage, einen Bruch zu kürzen, einfache Gleichungen zu lösen oder einfachste Multiplikationen im Kopf zu bewältigen usw. Oftmals müssen Lehrer Dinge erklären, die bereits Handwerkszeug sein müssten. Ein zügiges Arbeiten wird entsprechend behindert, und wertvolle Unterrichtszeit geht verloren.

Vielen Schülern gelingt es nicht, in der Oberstufe diese Defizite aufzuholen mit den entsprechenden tragischen Folgen für die Berufswahl. So berichtete ein Lehrling, der seine Optikerlehre abbrechen musste, folgendes: Er habe den Beruf gewählt, weil in seiner Familie starke Sehprobleme bestünden. Daher habe er diesen helfenden Beruf ergriffen. Mangelhafte mathematische Kenntnisse hätten jedoch dazu geführt, dass er in der Berufsschule mehr und mehr ins Hintertreffen geraten sei. Nun habe er die Lehre leider abbrechen müssen. Neben dem Schaden, den der Einzelne dabei erleidet, gilt es, auch ganz allgemein den Schaden für die schweizerische Volkswirtschaft ins Auge zu fassen. Immerhin war Bildung bis anhin einer unserer zentralen Rohstoffe …

Arithmetik und Algebra 1/2/3, Lehrmittelverlag des Kantons Luzern, Dr. Robert Ineichen, 1972 bis heute

Das Lehrmittel ist für Sekundarschulen und Progymnasien bestimmt. Alle drei Teile sind als Theorie und Arbeitsbücher gestaltet, die dem Schüler ein selbständiges Durcharbeiten erlauben. Die Sprache der Theorie ist für Schüler gut verständlich und doch mathematisch korrekt. Jedes Kapitel enthält zahlreiche Übungen. (Wobei es Kapitel gibt, für die man sich mehr Übungen wünschen würde.) Der Autor gibt im Vorwort an, dass er der Tendenz der Mathematisierung der «heutigen Zeit» (1972) Rechnung trägt. Dazu gehört auch die Verwendung der Mengensprache, die er aber nur dort anwendet, wo sie klärend und vereinfachend wirkt. Es ist dem Autor wichtig, dass sich der Schüler ein sicheres rechnerisches Können erwirbt. Damit begründet er das Aufgreifen von Inhalten, welche die Schüler eigentlich beherrschen müssten. Bewusst hat der Autor einen Bruch mit dem traditionellen Mathematikunterricht vermieden.

Abschliessend sei noch erwähnt, dass man dem Lehrmittel anmerkt, dass der Autor Lehrer am Technikum Luzern und an der Universität Fribourg war. Die Wahl der Beispielsaufgaben und die graphischen Darstellungen (häufig mit Millimeterpapier) zeigen, dass er den Wert einer guten Grundlage in der Mathematik für die Naturwissenschaften und Technik hoch einschätzt.

Nachwort

Diese Begutachtung befasst sich mit einigen guten bis sehr guten Schweizer Mathematiklehrmitteln für die 1. –9. Klasse. Soweit sie nicht mehr im Gebrauch sind, könnten diese mit geringen finanziellen Mitteln erneut aktualisiert und eingesetzt werden, allerdings nur durch geübte und erfahrene Praktiker, die wissen, wo die Schüler «hängenbleiben». Eine teure, aufwendige graphische Gestaltung, die zur mathematischen Qualität wenig bis gar nichts beiträgt, sollte künftig weggelassen werden. Das gleiche gilt für die Flut von ergänzendem Lehr- und Lernmaterial aus dem EU-Raum, mit denen unsere Schulhäuser überschwemmt werden. Dies würde der angespannten finanziellen Lage in allen Kantonen und Gemeinden sicherlich entgegenkommen.

Die Mängel im Bereich der technischen Berufe und der naturwissenschaftlichen Studiengänge und der Medizin lassen sich jedoch nicht nur auf die Lehrmittel zurückführen. Ebenso müssten die Bildungstheoretiker in den Erziehungsdirektionen und in den pädagogischen Hochschulen genauer unter die Lupe genommen werden, die mit ihren falschen Theorien (ebenfalls aus dem EU-Raum importiert) bezüglich Lernformen und Lehrerausbildung eine Lehrergeneration hervorgebracht haben, die unfähig ist, unsere Kinder auf den schulischen Stand zu bringen, den frühere Schülergenerationen hatten. Jeder Arbeiter würde seine Stelle verlieren, wenn er soviel «Ausschuss» produziert, wie es in unseren Schulen der Fall ist.

Dazu kommt, dass in den neuen Volksschulgesetzen und den neuen Lehrplänen in bezug auf den Unterricht bereits falsche Theorien eingeflossen sind, die dringend diskutiert werden müssten. So steht z.B. im neuen Zürcher Lehrplan, dass in der ersten Klasse die verschiedenen Platzhalter-Rechnungen nur aufgegriffen und nicht durchgearbeitet und schon gar nicht mehr gefestigt werden sollen. Wenn man hier Abhilfe schaffen will, müssen politisch Änderungen im Lehrplan ins Auge gefasst werden.

Wenn Lehrer in anderen Kantonen ähnliche Erfahrungen haben, freuen wir uns über Zuschriften und die Zusendung weiterer Lehrmittel. Mit vereinten Kräften schafft die Schweiz, die das Milizsystem gewohnt ist, die nötigen Korrekturen problemlos.

Fazit

Es gilt also, uns auf unsere eigenen Fähigkeiten zurückzubesinnen, qualitativ hochstehende Lehrmittel im Fach Mathematik zu aktualisieren und wieder zur Verfügung zu stellen. Mit qualitativ hochwertigen, logisch aufgebauten und nachvollziehbar gestalteten Lehrmitteln entwickelten unsere Kinder Grundfertigkeiten und Grundsteine für das spätere Haus der Mathematik, das bis in die Hochschulen hinauf weiter ausgebaut wird. Damit musste sich die Schweiz keine Sorgen über den Nachwuchs an ihren Hochschulen machen. Einen Vergleich mit anderen Ländern haben wir Schweizer noch nie scheuen müssen.

Die Schweiz braucht keinen Lehrmittel­import aus dem Euro-Raum (z.B. Klett-Verlag und Bertelsmann), der unsere Kinder zu mathematischen Analphabeten verkommen lässt und den Wirtschaftsstandort Schweiz als Konkurrenz schwächt.

Quelle: Zeit-Fragen. Arbeitsgruppe «Mündige Lehrer». Postfach. CH-8044 Zürich. E-Mail: redaktion@zeit-fragen.ch

Retten Sie mit uns die Schulkultur

Unter diesem Motto hat sich in Bern der Verein «Pro Schulmuseum Bern» gebildet. Einige pensionierte Lehrer und Lehrerinnen haben sich zum Ziel gesetzt, ihre Kräfte, ihr Können und ihr Herz der Volksschule weiterhin zur Verfügung zu stellen und damit in aufopfernder Freiwilligenarbeit «der Erhaltung des Kulturgedächtnisses» zu dienen. Gerade im Jahr der Freiwilligenarbeit hat uns der Besuch des Archivs des Schulmuseums und das Kennenlernen dieses immensen Einsatzes, der da geleistet wird, ausserordentlich beeindruckt.

Im Zweckartikel kommt das breite Tätigkeitsfeld des Vereins, der unterdessen eine Stiftung wurde, klar zum Ausdruck: «Das Schulmuseum Bern ist eine permanente Institution ohne gewinnbringende Ziele im Dienste der Volksschule und der Lehrerbildung. Es ist der Öffentlichkeit zugänglich. Das Museum sammelt, erwirbt, bewahrt und erforscht das Kulturgut der Schule und der Lehrerinnen  – und Lehrerbildung. Im Vordergrund stehen Lehrmittel, Unterrichtskonzepte, Medien, Einrichtungen und Unterrichtsprodukte. Das Museum organisiert Ausstellungen und stellt seine Objekte für Forschungszwecke zur Verfügung.»

Bezeichnende Ziele sind zudem, dass «Schulkulturobjekte der Beforschung zur Verfügung» gestellt werden oder die Aussicht besteht, «Studierende der PH Bern mit Zeitzeugen [zu] konfrontieren». Angesichts des nötigen privaten Einsatzes um der Rettung dieses kulturellen Gutes, bleibt der schale Eindruck zurück, ob denn die heutige Schulpolitik so wenig Interesse an ihrer eigenen Entwicklung bekundet, als dass sie die Spurensicherung einer eher zufällig entstandenen Initiative überlässt. Im Gegensatz dazu wird enorm viel Geld in die Entwicklung oft fragwürdiger Lehrmittel gesteckt, die zudem in sehr teuer aufgemachter One-way-Erscheinung daherkommen!

Jedenfalls sei allen Lesern der Besuch auf der Homepage www.schulmuseumbern.ch wärmstens empfohlen oder der Besuch des eigentlichen Schulmuseums im Haberhuus auf dem Schlossareal von Köniz BE.

Quelle:http://www.zeit-fragen.ch/index.php?id=567

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Schweiz, Schule, Pädagogik, Schule & Bildung, Didaktik, Mathematik

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