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06.05.1956 Von Friedrich Liebling alias Polybios - Erstveröffentlichung in der Zeitschrift: Freidenker Band (Jahr): 39 (1956) Heft 5
31. Januar 2026

Sigmund Freuds Leben und Werk (1956)


Eine Würdigung zu seinem 100. Geburtstag am 6. Mai 1956
Sigmund Freud - Bildquelle: psychology.tips

(Red.) Es ist dem Autor dieser schönen Würdigung gelungen, die atemberaubende Arbeit Sigmund Freuds in den Rahmen der kulturgeschichtlichen Erforschungen des Wissens so einzubetten, sodass die Bedeutung des Siegeszugs sowohl der Psychoanalyse, wie auch der Erkenntnis des Unbewussten, der Individualpsychologie Alfred Adlers und der Tiefenpsychologie insgesamt zur Verbesserung der Lebenswirklichkeit und Lebensumstände des Homo-sapiens gut verständlich zum Ausdruck kommt.(ww) 

Der Aufstieg der Wisssenschaften ist nicht zu Unrecht als ein grandioser Prozeß der Ernüchterung beschrieben worden, und in der Tat hat jedes Fortschreiten der wissenschaftlichen Erkenntnis die Menschheit um einige Illusionen beraubt und ihr anstelle wahnhafter Wunschgedanken nüchterne Wahrheitserkenntnis geschenkt.

Der europäische Mensch am Anbruch der Neuzeit mußte sich zunächst mit der epochemachenden Erkenntnis des Kopernikus abfinden, daß die Erde durchaus nicht der Mittelpunkt des Weltalls, sondern ein unbedeutender, winziger Wandelstern ist, der die ebenfalls relativ «kleine» Sonne umkreist.

Das 19. Jahrhundert wurde durch die Einsicht Darwins in die Abstammung des Menschen aus dem Tierreich erschüttert und hatte Mühe, die ursprüngliche «göttliche Herkunft» mit der Genealogie des Affenmenschen zu vertauschen: der große Engländer zwang der Menschheit ein Stück Selbstbescheidung auf, das zu ihren dogmatischen Offenbarungen im schärfsten Widerspruch stand.

An Darwins Werk schließen sich Entdeckungen an, die das Bewußtsein des Menschen entthronten und seiner konventionellen Moral und dem gesellschaftlichen Selbstbetrug den schwersten Schlag versetzen; Sigmund Freuds Erkenntnisse über die Bedeutung der Sexualität und des Unbewußten im menschlichen Seelenleben vollendeten ein halbes Jahrtausend europäischer Wissenschaftsentwicklung und revolutionierten unser Bild vom Menschen in einer derart umfassenden Weise, wie die Ideen des Kopernikus unser Bild vom Weltall verändert hatten.

Die bahnbrechendsten geistigen Errungenschaften unseres Jahrhunderts vollzogen sich in der Physik und in der Psychologie: Einsteins Relativitätstheorie schuf neue Auffassungen von Raum, Zeit, Masse und Energie; Freuds Psychoanalyse, aus der ärztlichen Praxis hervorgewachsen, gewann ihre weltweite Bedeutung durch ihren tiefen Einblick in die Gesetze der seelischen Entwicklung, die durch die tiefenpsychologische Forschung erstmals in den Umkreis eines fundamentalen Verstehens rückten.

Die Entdeckung der Psychologie als Wissenschaft

Es braucht heute nicht mehr bewiesen zu werden, daß die Psychoanalyse der Auftakt zu einer Seelen- und Menschenkenntnis ist, die für die Konsolidierung unserer gebrechlichen Kultur von größtem Nutzen sein wird; die üblen Anfeindungen der Freudschen Lehre von seiten des geistigen und politischen Konservativismus sind, zumindest teilweise, zum Verstummen gebracht worden, und Freud selbst hat den Siegeszug seiner Erkenntnisse in der Neuen und Alten Welt in vollem Umfang miterlebt.

Der Mann, der jahrelang auf einsamem Posten stand und entschlossen genug war, die einmal gewonnene Erkenntnis gegen Vorurteil und Unverstand der Menge zu verteidigen, sah sein anfänglich verachtetes Lebenswerk zu hoher Blüte aufsteigen und war selber bis zu seinem Tode für dessen inneres und äußeres Wachstum als unermüdlicher Vorkämpfer tätig. Der Ruhm, der ihm im Alter zuteil ward, vermochte ihn nicht darüber hinwegzutäuschen, daß noch unsäglich viel Arbeit für die irrende und leidende Menschheit zu leisten war: er hatte die Psychoanalyse zur Heilung einzelner nervöser Patienten geschaffen, aber unter seinen Händen wurde dieses Instrument der neurologischen Therapie zu Diagnose und Medikament einer Kultur, die füglich als eine neurotische bezeichnet werden darf.

Die Funde zur Neurosenlehre schöpfen bei weitem nicht den Genius der Freudschen Persönlichkeit aus; als einer der kühnsten Denker der Neuzeit nahm Freud den Neurotiker und seine Probleme lediglich zum Ausgangspunkt für Betrachtungen, in denen das Leben von Mensch und Menschheit tiefsinnige Deutung erfährt. Wenn irgendjemand, so verdient er den Titel des «philosophischen Arztes», den Nietzsche ankündigte, und von dem der Philosoph des «Willens zur Macht», selber einer der größten Entdecker im gesunden und kranken Seelenleben, erhoffte, er werde einer desorientierten Welt seelische und geistige Hygiene lehren.

In seiner autobiographischen «Selbstdarstellung» (1925) berichtet Freud, daß er sich zufällig und ohne besondere Neigung als Gymnasiast zum Studium der Medizin entschlossen habe; die Lektüre von Darwins Schriften sowie Goethes «Die Natur» begeisterten ihn für die Naturwissenschaften, für welche die Heilkunde ihm lediglich als ein Zugang erschien. Dementsprechend gehören Freuds frühe Arbeiten durchwegs der physiologischen und anatomischen Forschung an, in der er, was zumeist vergessen wird, Bedeutendes geschaffen hat.

Das Interesse an den neurotischen Erkrankungen entstand in dem jungen Arzt erst durch die praktische Nötigung, seiner Familie eine finanzielle Grundlage zu schaffen: widerstrebend verließ Freud das physiologische Laboratorium und wandte sich dem damals noch recht aussichtslos erscheinenden Bestreben zu, die Neurotiker durch irgendeine Therapie zu kurieren. Die um diese Zeit angewendeten Methoden der Elektrotherapie erwiesen sich bald als unbrauchbar, und auf der Suche nach neuen und besseren Heilmethoden gelangte Freud nach Paris, wo er durch Charcots Forschungen über die Hysterie bleibende Eindrücke empfing.

Bernheim und Liébault in Nancy führten ihn in die hypnotische Technik ein, und als er nach Wien zurückkam, begann er, seine Patienten mit Hilfe der Hypnose therapeutisch zu beeinflussen. Durch die Zusammenarbeit mit seinem Freunde Josef Breuer erfolgten die ersten Fortschritte in der Neurosenbehandlung; Breuer hatte die Beobachtung gemacht, daß manche hysterische Symptome verschwanden, wenn man den Patienten im hypnotischen Tiefschlaf dazu brachte, stark affektbetonte Erlebnisse aus Kindheitszeiten zu erinnern.

Auf dieser Grundlage wurde eine Theorie entwickelt, welche man «Katharsis» (Seelenreinigung) nannte; Freud und Breuer gingen von der Auffassung aus, daß «eingeklemmte» Affekte oder Gemütsbewegungen die seelischen Erkrankungen erzeugten: gelang es dem Arzt, die «verdrängten» seelischen Kräfte durch «Wieder-Erinnerung» freizumachen, so konnte die krankheitsverursachende Störung gutgemacht werden.Dabei war es auffallend, daß die verdrängten Erlebnisse einen sexuellen Charakter zu besitzen schienen; dies war einer der Anlässe, die Breuer zum Aufgeben der psychologischen Forschungen bestimmten: er scheute davor zurück, die unter gesellschaftlichem Tabu stehenden Probleme weiter abzuklären, und es blieb Freud vorbehalten, den grandiosen Fund auszuwerten.

Sein Vorgehen hierbei kann mit der Arbeitsweise eines Archäologen verglichen werden: die Bruchstücke an Erkenntnis, welche durch die Untersuchungen über Hysterien zutage gefördert wurden, ließen vermuten, daß man sich auf «gehaltvollem Boden» befand; und die Grabungen erwiesen sich ergiebiger als die kühnsten Erwartungen hatten erhoffen lassen, und an Freud, der sich erst später der Tragweite seiner Entdeckungen bewußt wurde, bewahrheitet sich Cromwells denkwürdiger Satz: «Nie steigt ein Mensch so hoch, als wenn er nicht weiß, wohin er geht».

In der «Traumdeutung» (1900) wurden die Fundamente zur psychoanalytischen Theorie und Praxis gelegt. In seiner Arbeit an den neurotischen Patienten war Freud darauf aufmerksam geworden, daß die Träume zur Symptomatik ihrer Urheber in einem dunklen Zusammenhang standen; das chaotische Traumerleben war Bestandteil des gesamten psychischen Prozesses, und die Vermutung drängte sich auf, daß hierin eine bestimmte Funktion oder Aufgabe liegen müsse. 

In ungewöhnlich mühsamer und langwieriger Forschungsarbeit sammelte Freud sein Material über die Träume; was bis anhin Gegenstand des Aberglaubens und der obskuren Zukunftsdeuterei gewesen war, wurde für ihn zum Ausdruck seelischer Tätigkeit während des Schlafes, die zwar mühsam zu entziffern, aber nicht prinzipiell unverständlich war. Die großen Dichter der Weltliteratur haben in ihren Schöpfungen des öfteren Träume eingeflochten und ihnen einen bestimmten Sinn verliehen, der durch den Fortgang der Handlung zum Ausdruck gebracht wird; durch Freuds Untersuchungen wurden die intuitiven Ahnungen der Dichter bestätigt, und der Traum erschien als ein sinnvolles Glied in der Kette seelischer Prozesse, das seinen Sinn sofort enthüllte, wenn es gelang, den Platz im Seelenleben anzugeben, wohin das Traumbild gehörte.

Da während des Schlafes Vernunft und Logik teilweise ausgeschaltet sind, verwandeln sich die Traumgedanken in scheinbar unzusammenhängende Bilder, die einer spezifischen Deutungstechnik bedürfen, um enträtselt zu werden. Freuds Theorie nannte den Traum eine Darstellung des «seelischen Unbewußten»: aus der Traumtiefe der Seele dringen unbewußte Wünsche und Bedürfnisse während des Schlafes ins Bewußtsein, uraltes und vergessenes Kindheitserleben vermischt sich mit gegenwärtigem Erlebnismaterial und beunruhigt den Träumer, der im Schlaf mit sich selbst konfrontiert wird. Setzt man die Erinnerungsbruchstücke des Traumes zusammen, so ergibt sich immer als Kristallisationspunkt des Traumgeschehens ein triebhafter Wunsch, der das Seelenleben in Unruhe versetzt und sich durch eindrückliche Traumbilder zur Sprache bringt.

Die Entdeckung des Unbewussten

Dabei zeigt sich mit aller Deutlichkeit, daß die seelischen Motive weit über das Bewußtsein hinausreichen und psychische Bereiche umfassen, in denen Erlebtes der Vergessenheit anheimgefallen ist und daher «unbewußt» genannt werden muß: in diesem «Unbewußten» aber sind die stärksten und nachhaltigsten seelischen Antriebe begründet, welche für die Lebenseinstellung, den Charakter und die Symptomatik eines Menschen von größter Bedeutung sind. Freuds Erforschung des Unbewußten bekam eine therapeutische Zielsetzung; wollte man die seelischen Mechanismen, die den Menschen häufig in Charakterstörungen oder Neurosen hineintreiben, auflösen, so mußte man sie der Kritik und Kontrolle des Bewußtseins unterstellen. Der Traum und seine Deutung galten Freud hierbei als «via regia», als Königsstraße zum Unbewußten: die Analyse der Träume wurde eines der ersten Hilfsmittel der psychoanalytischen Heilungsmethode.

Freud hatte auf seine «Traumdeutung» den stolzen Ausspruch geschrieben: «Wenn ich die Himmlischen nicht bezwingen kann, so werde ich die Unterwelt erschüttern» — in Wirklichkeit brachte die Traumdeutung, die bei uns Heutigen lange nicht mehr den Rang aus der psychoanalytischen Frühzeit einnimmt, einen Schlüssel zur Unterwelt des Seelenlebens, eine erste Aufklärung über psychische Tatsachen, die sich einer reinen Bewußtseinspsychologie entzogen. Was dem moralisierenden Bewußtsein nicht genehm war, trat im Halbdunkel des Traumes zutage: egoistische Triebe und Ängste, Sexualwünsche und Machtbegierde enthüllten sich durch den Traum, und die unbestechliche Psychoanalyse malte durch die Traumdeutung ein realistisches Bild des Menschen, das alle falschen Idealisierungen zerstörte.

Es wird immer einer der schönsten Beweise für Freuds geistige und moralische Unabhängigkeit bleiben, daß er die Analysen der «Traumdeutung» größtenteils an seinen eigenen Träumen durchführte: in seiner unbegrenzten Wahrheitsliebe schreckte er nicht davor zurück, dem wissenschaftlichen Interesse ein Stück seines intimsten Seelenlebens zu opfern und er besaß den Mut, einer unverständigen Welt Interpretationen zu eigenen Träumen vorzulegen, die alles andere als schmeichelhaft für den Träumer waren.

Das große Werk, das uns jetzt als der Grundstein unserer psychologischen Wissenschaft gilt, wurde bei seinem Erscheinen von den Fachkreisen überhaupt nicht beachtet oder mit spöttischen Bemerkungen abgetan; und doch hatte Freud nichts anderes getan, als eine uralte Einsicht der Dichter und der Volksweisheit mit wissenschaftlicher Exaktheit zu begründen: «Was dem Menschen nicht bewußt / Oder nicht bedacht / Durch das Labyrinth der Brust / Wandelt in der Nacht» (Goethe).

In ihrer Urform umfaßte die psychoanalytische Theorie eine Reihe von Postulaten, die sich aus praktischen Befunden und aus der sie verbindenden Spekulation ergeben hatten: das neurotische Symptom galt als Ergebnis eines seelischen Zwiespaltes zwischen Bewußtsein und Unbewußtem; infantile Triebwünsche und ihre Verdrängungen schufen die neurotische Symptomatik, waren aber auch verantwortlich für das Traumgeschehen, für sogenannte «Fehlleistungen» und alle pathologischen Phänomene überhaupt, die auf diese Weise als Überbleibsel unverarbeiteter Kindheitserlebnisse erschienen. In der Trieb- und Seelenentwicklung der frühen Kindheit fand die Psychoanalyse den Ursprung psychischer Gestaltungen: der spätere Lebenslauf eines Menschen in seinen mannigfaltigen Abwandlungen führte nach Freud auf ein Hauptmotiv zurück, nämlich auf das Schicksal der kindlichen Sexualität.

Kaum ein Befund der Psychoanalyse hat derart massive Anfeindungen erfahren wie die Lehre vom kindlichen Sexualtrieb — nach Freud ist Sexualität in weiterem Sinne eine Urtatsache des Menschenlebens, welche sich nicht nur im eigentlichen Sexualakt manifestiert, sondern sich als allgemeines Streben nach Lust bekundet. Schon bei der Geburt vorhanden, macht der Sexualtrieb, d. h. die Libido, eine eigentümliche und komplizierte Entwicklung durch: er heftet sich zunächst an die wichtigsten Funktionen des Körpers, wie Nahrungsaufnahme und Exkretion, an; nimmt später Triebkomponenten wie «Schau»- und «Zeigelust» in sich auf, und erreicht etwa im 5. bis 6. Lebensjahre einen frühen Höhepunkt sowohl des Umfanges als auch der Intensität.

In diesem Abschnitt des Kinderlebens glaubt Freud eine spezifische Konfliktsituation zu erkennen, in welcher das Kind genötigt sei, die Mutter als Objekt seiner Begierde aufzugeben und durch Identifikation mit den Eltern Gewissen und Moralität zu erlangen. Die Psychoanalyse, aus den Erfahrungen an neurotischen Menschen gewonnen, sah diesen Konflikt stark dramatisiert, indem die Erinnerungen der Neurotiker häufig von quasisexuellen Wünschen gegenüber der Mutter und von Haß- und Todesgedanken gegenüber dem Vater sprachen.

In Anlehnung an die griechische Sage von Oedipus, der den Vater erschlug und die Mutter heiratete, bezeichnete Freud die Kulmination der kindlichen Sexualentwicklung als Oedipuskomplex, und er war zeit seines Lebens der Meinung, daß jedes Kind durch diese Phase hindurch müsse, und daß der Neurotiker gerade an diesem Problem scheitere. An dieser Freudschen Auffassung hat dann die spätere Forschung manche Korrekturen anbringen müssen, vor allem in bezug auf die sexuelle Einkleidung dieses Phänomens: das Bleibende an dieser Formulierung ist wohl die Erkenntnis, daß die Beziehungen zu Vater und Mutter die Charakterstruktur des Kindes wesentlich determinieren.

In ihrer ersten Theorie stellte die Psychoanalyse den Sexualtrieben, die sich aus Teilströmungen aller lustbetonter Körperteile zusammensetzen, die Ichtriebe als Repräsentanten des Bewußtseins und seiner moralischen und ethischen Forderungen gegenüber; aus dem Konflikt beider Triebarten kamen die seelischen Störungen, die im Unbewußten lokalisiert waren. Scheiterte das Kind in bezug auf seine mitmenschlichen Beziehungen bereits in der frühesten Triebphase der Nahrungsaufnahme, so lief es Gefahr, der Melancholie anheimzufallen; an spätere Entwicklungen und Konflikte knüpfen Angst- und Zwangsneurose an, die Perversionen und die Homosexualität, die alle nicht auf die vererbte «Konstitution» zurückgeführt werden können, sondern vor allem in seelischen Verletzungen der Kindheitstage ihren Ursprung haben.

Freud hatte gefunden, daß viele seiner Patienten das Sexualproblem nicht gelöst hatten, und es drängte sich ihm der Zusammenhang auf, daß die Neurosen mit der Triebverdrängung unserer Kultur in Beziehung stehen: schon die Sexualerziehung des Kindes baut auf unglückseligen Voraussetzungen auf, und die religiöse Mentalität hindert die Menschen daran, von einer Naturtatsache natürlich zu sprechen.

Man hat der Psychoanalyse, hauptsächlich von religiöser Seite, vorgeworfen, daß sie «pansexualistisch» sei und alles auf die Sexualität zurückführe. Dieser Vorwurf ist ungerecht und hält einer genaueren Betrachtung nicht stand. Freud baute alle seine Theorien auf der Gegenüberstellung zweier Triebe auf, von denen der eine sexuell, der andere eher selbsterhaltend genannt werden muß: das alte Gegensatzpaar von Art- und Selbsterhältung kehrt in der psychoanalytischen Theorie wieder und erwacht zu neuem Leben.

In späteren Stadien sprach Freud von Objektlibido, die auf äußere Gegenstände oder Personen gerichtet ist, und von Narzißmus, der das Ich zum Ziel seiner Wünsche hat — in seinen letzten Lebensjahren schließlich formulierte er seine Lehre von Eros und Thanatos, vom Lebens- und vom Todestrieb: ersterer umfaßte alle Äußerungen der Liebe im weitesten Sinne und galt ihm als eine im Leben wurzelnde Tendenz zur Vereinigung alles Bestehenden, als harmonisierende Kraft, ebenso großartig zum Ausdruck kommend in den menschlichen Beziehungen wie in den Werken der Kunst, der Wissenschaft und der Sozietät (Sublimierung).

Mit der Entwicklung der Theorie wuchs auch die therapeutische Technik, und die Heilerfolge der Psychoanalyse haben viel dazu beigetragen, ihr Weltbedeutung zu verschaffen. Freud hatte frühzeitig die Hypnose aufgegeben und ersetzte sie durch eine eigentliche «Heilung durch den Geist» (Stefan Zweig): der Patient wurde von ihm aufgefordert, seine Alltagserlebnisse zu berichten, und daran anschließend Kindheitssituationen aus der Erinnerung heraufzuholen; der Psychotherapeut hatte dann die Aufgabe, Vergangenheit und Gegenwart deutend zu verbinden, d. h. dem Patienten zu zeigen, daß er unter unbewußten Motivationen stand, die seine bewußten Absichten und Pläne durchkreuzten.

Analyse der Träume, der Gedankengänge und natürlich auch des lebendigen Verhaltens des Patienten waren die frühen Anhaltspunkte der psychoanalytischen Therapie: nach Freuds Einsicht stellte sich zwischen Patient und Therapeut eine spezifische Gefühlsbeziehung her, die an uralte Gefühlssituationen anknüpfte und in ihrem positiven Gehalt als Vertrauen und Sympathie (Übertragung) den Patienten zu psychischen Anstrengungen veranlaßte, die seine Heilung beförderten.

Manches aus dieser psychoanalytischen Theorie und Technik des therapeutischen Vorgehens hat sich in der Zwischenzeit gewandelt: die Traumdeutung ist heute nur noch für orthodoxe Psychoanalytiker die «Königsstraße zum Unbewußten», und der berühmte psychoanalytische Diwan, auf dem der Patient «frei assoziieren» mußte, ist aus manchem Sprechzimmer verschwunden: wir ziehen es heute vor, den Patienten nicht als ein gleichsam vor uns liegendes Objekt zu analysieren, sondern nehmen die mitmenschliche Partnerschaft mit ihm auf, indem wir ihm gegenüber sitzen und mit ihm ein Gespräch führen; Freuds Interpretation der Gedankengänge seiner Patienten war Vorstufe unseres analytischen Verfahrens, aber auch ein wertvolles Hilfsmittel der Forschung, dem wir vieles zu verdanken haben.

Die Entwicklung der psychoanalytischen Theorie machte Freuds Einsamkeit ein Ende, und bald sammelte sich um ihn eine Schar von Schülern und Mitarbeitern, die sich rasch vermehrte. Einer der ältesten Mitarbeiter Freuds, Hanns Sachs, hat uns geschildert, aus welch geringfügigen Anfängen die psychoanalytische Bewegung hervorging: in Freuds Hörsaal an der Wiener Universität vereinigte sich eine kleine Schar von Getreuen, die den von der Fakultät wenig geschätzten Gelehrten auf seinem Wege begleiteten und sowohl von seiner Persönlichkeit als auch seinem Werk fasziniert waren.

Wien war das Zentrum der neuen Wissenschaft, und Wissenschafter wie Alfred Adler, Wilhelm Stekel, Otto Rank, Sandor Ferenczi usw. bildeten die Kerntruppe der Psychoanalyse, die sich gegen alle Widerstände durchzusetzen begann. Es war für die junge Lehre von größter Bedeutung, daß sich ein Psychiater vom Range Eugen Bleulers ihrer annahm und sie öffentlich verteidigte: damit trat auch die Klinik Burghölzli in die Reihen der psychoanalytischen Pioniere und wurde zu einer wichtigen Bastion in schwieriger Zeit.

Auch Bleulers Assistent C. G. Jung machte sich zu einem Vorkämpfer der Analyse, und als die «Internationale Psychoanalytische Vereinigung» 1910 in Nürnberg tagte, veranlaßte Freud, daß Jung zu deren Präsident gewählt wurde: Freud war zwar ein tiefgründiger Kenner des Seelenlebens, aber in der Einschätzung seiner Mitarbeiter ließ er sich manchmal täuschen, und so sah er auch darüber hinweg, daß Jung rassische und nationale Vorurteile hegte und eine Bahn einschlug, die in einen vagen Mystizismus religiöser Herkunft einmündete; natürlich fand Jung damit später den Beifall der konservativen und religiösen Kreise, aber er beraubte damit seine Lehre jedes ernsthaften wissenschaftlichen Fundamentes.

Härter als die Aussonderung Jungs (1912) aus der psychoanalytischen Bewegung traf Freud die Trennung von Alfred Adler, den er trotz aller Polemik zu seinen hervorragendsten Mitarbeitern rechnete. Adlers Konflikt mit Freud entstand aus theoretischen und therapeutischen Differenzen; mit scharfer Kritik wandte sich Adler gegen die übertriebenen Formulierungen der kindlichen Sexualität, zweifelte die Allgemeingültigkeit des Oedipus-Komplexes an und vertrat eine Lehre, die an Stelle des Sexualtriebes den «Willen zur Macht» und das «Gemeinschaftsgefühl» stellte; nach Adler war der Neurotiker nicht so sehr ein Opfer seiner Triebentwicklung, sondern weit eher ein durch die asoziale Kultur und ihre Erziehung in seinem Lebensmut geschädigter Mensch, der der menschlichen Gemeinschaft wiederum zugeführt werden mußte.

An diese Konzeption knüpften weitgehende soziale Schlußfolgerungen an. Adler stand der sozialistischen Idee nahe und war sich klar darüber, daß auch die gesellschaftlichen Verhältnisse geändert werden müssen, wenn man dem Einzelmenschen ein günstigeres Schicksal bereiten will: unsere am Machtwahn kranke Kultur infiziert durch ihre Erziehungsmethoden bereits die kindliche Seele, und Neurose und Psychose zeigen in starker Vergrößerung nichts anderes als die Kulturschäden, auf denen sie letzten Endes beruhen. 

Nach langwierigen Erörterungen trennte sich Adler von der Psychoanalyse und schuf seine Individualpsychologie, die viele Mängel der psychoanalytischen Betrachtungsweise überwand; man darf es heute, bei aller Wertschätzung von Freuds Genie, bedauern, daß Freud keinen Kompromiß mit Adler zu schließen vermochte: er war und blieb der Bürger, der sozialen Problemen relativ verständnislos gegenüberstand und mit einem tiefen Pessimismus auf Welt und Menschenleben blickte; daher auch seine falsche Einschätzung der menschlichen Natur und seine problematischen Konstruktionen, die Adler in bewundernswürdiger Weise aufgezeigt hat.

Der Siegeszug von Psychoanalyse, Individualpsychologie und Tiefenpsychologie nimmt seinen Lauf

Ab 1913 entwickelten sich also Psychoanalyse, Individualpsychologie und Komplexe Psychologie (die Lehre Jungs, die bald religiös zu werden begann) nebeneinander weiter; die psychoanalytische Bewegung breitete sich aus durch zahlreiche Publikationen Freuds und seiner Schüler, die bald in allen Ländern der Kulturwelt für die neue Lehre tätig waren. Der «Internationale Psychoanalytische Verlag» in Wien wurde zum Zentrum der publizistischen Aktivität; dort erschienen auch Periodika wie das «Zentralblatt für Psychoanalyse», die «Schriften zur Angewandten Seelenkunde», das «Jahrbuch der Psychoanalyse» und die Zeitschrift «Imago»: letztere war die Gründung von Freud, Rank und Sachs und enthielt die Arbeiten zur Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften; hier erschienen Freuds Forschungen zur Kulturpsychologie, die ihn mit zunehmendem Alter mehr und mehr in Anspruch nahmen und zu ebenso erstaunlichen wie revolutionären Resultaten führten.

Schon im Jahre 1912 schlug Freud eine Brücke zwischen Individual- und Völkerpsychologie, indem er in «Totem und Tabu» darauf hinwies, daß merkwürdige Übereinstimmungen zwischen dem Seelenleben des Kindes, des Neurotikers und des Primitiven bestehen. Der Totemglaube ist eine der ältesten Religionen der Menschheit: die primitiven Stämme belegen ein für jeden Stamm spezifisches Tier mit dem Attribut der Göttlichkeit und verbinden diese primitive Religiosität mit dem Verbot, das Totemtier zu töten und von ihm zu essen.

Ein weiteres religiöses Gebot dieser Kulturstufe schließt Ehen zwischen näheren Verwandten aus und setzt ein Tabu vor geschlechtliche Beziehungen innerhalb eines Clans: Freud vermutete, daß zwischen beiden religiösen Satzungen ein innerer Zusammenhang bestehe und formulierte seine Auffassung dahingehend, daß der Totem ein Symbol für den Urahnen des Clans bedeute. Einer Äußerung Darwins über die Horden der frühesten Menschheit folgend, postulierte Freud, daß der Oedipuskomplex an der ursprünglichen Religionsentstehung mitbeteiligt gewesen sei; von einem gewalttätigen Hordenvater bedrückt, sollten sich demnach die Urmenschen häufig zusammengetan und gemeinsam ihren Vater erschlagen haben, um sich in Besitz der Weiber zu setzen; die nach der Untat einsetzende Reue schuf dann moralische Reaktionsbildungen wie die Totemverehrung und das Gebot der Exogamie; man verbot sich nachträglich, was zum Anlaß des Mordes am Vater geworden war.

Wichtiger als diese Theorie, die sicherlich allzuviel Spekulation enthält, ist Freuds Beobachtung, daß die Religion mit dem Vaterkomplex wesentlich verwandt ist. In seiner Schrift «Die Zukunft einer Illusion» (1927) hat Freud diesen Faden aufgenommen und entscheidende Erkenntnisse zur Religionspsychologie geliefert. Er setzt zunächst ein beim empirischen Faktum, daß die Religion alle Anzeichen einer Zwangsneurose trägt, was man nur deshalb übersieht, weil die ganze Menschheit an dieser Neurose leidet.

Fast alle religiösen Konzeptionen zeigen den Charakter eines illusionären Denkens: man versteht diesen Umstand am besten, wenn man sich daran erinnert, aus welchen dürftigen Anfängen die Kultur hervorgewachsen ist. Der Mensch der Frühzeit war allseitig bedrängt durch die Gewalten von Natur und Menschenwelt: in seiner maßlosen Angst konnte er die Realität nicht ertragen und schuf sich illusionäre Wunscherfüllungen wie göttliche Vorsehung, Weiterleben nach dem Tode, gerechte Weltordnung usw., die deutlich das Signum eines Wunschdenkens tragen. Der Trost durch die Illusion wurde aber bezahlt durch den Verlust der Realitätseinsicht; wohl linderte die Religiosität die Ängste des Gläubigen vor manchen Naturkräften, aber sie überantwortete ihn den imaginären Ängsten der Hölle und des göttlichen Strafgerichtes, mit deren Hilfe die Kirche im Verein mit dem weltlichen Absolutismus die schlimmste Tyrannei über den Menschengeist errichtete.

Das magische Denken der Religion wurde abgelöst durch das wissenschaftliche Weltbild, das ein Produkt der intellektuellen Redlichkeit und des Mutes der Erkenntnis ist. Da aber die Kirche ihre Macht weiter behauptet und vor allem im Volke durch ihre weitreichende Organisation noch immer die geistige Führung behält, entsteht der üble Anachronismus, daß die Menschheit in der Blütezeit wissenschaftlichen Denkens noch unter dem Bann des Aberglaubens steht. 

Es ist unmöglich, sich in bezug auf dieses Faktum zu desinteressieren und etwa die «Einfalt der Menge» achselzuckend anzunehmen: die religiöse Geistigkeit enthält Fatalismus und Intoleranz, und die Menschen werden unfähig sein, die wahren Ursachen ihrer Leiden zu erkennen, solange sie auf die Hilfe der Gottheit hoffen. Die Religion ist die kostspieligste Illusion der Menschheit, und nichts hat den Kulturfortschritt so sehr aufgehalten wie die Herrschaft der Priester, die zugleich auch zur Askese, zur Weltflucht und Weltverleugnung, zur Sexualverdrängung mit der aus ihr erwachsenden Feindseligkeit und Aggressivität der Menschen usw. führte.

Die frühe Beeinflussung durch die Religion, deren Aussagen ohne Kritik hingenommen werden müssen, erachtete Freud als eine Denkhemmung, die eine Erstarkung der Denkfunktion verunmögliche. In einer Abkehr von den religiösen Illusionen erblickte er den ersten Schritt zum Aufbau einer echten Menschheitskultur:

«Dadurch, daß der Mensch seine Erwartungen vom Jenseits abzieht und alle frei gewordenen Kräfte auf das irdische Leben konzentriert, wird er wahrscheinlich erreichen können, daß das Leben für alle erträglich wird und die Kultur keinen mehr erdrückt. Dann wird er ohne Bedauern mit einem unserer Unglaubensgenossen sagen dürfen: ‚Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen‘.»

In dieselbe Richtung wie die religionspsychologischen Untersuchungen weisen auch Freuds kultur- und sozialpsychologische Arbeiten, von denen «Das Unbehagen in der Kultur», «Massenpsychologie und Ichanalyse», «Der Mann Moses und die monotheistische Religion» erwähnt werden sollen.

Diese hervorragenden Publikationen, mustergültig in der Schärfe und Logik ihrer Argumentation, sind von bewundernswürdigem Gehalt, aber sie leiden alle an dem Mangel, den wir bereits erwähnt haben und der noch einmal betont werden soll: Freud war ein Kind des 19. Jahrhunderts, und er brachte in seine Forschung die Axiome des kausalen, mechanistischen Denkens mit, mit dem die bürgerliche Gesellschaft den Aufschwung ihrer Technik und ihrer Wissenschaft eingeleitet hatte. Dabei erschien ihm der Mensch, ein Tier wie alle anderen Tiere, von seinen animalischen Trieben beherrscht, und er entwarf ein Bild des Menschen und seiner Kultur, in das allzu düstere Konzeptionen eingingen, weil er die gesellschaftlichen Faktoren übersah und menschliche Übelstände, die geschichtlich geworden sind, zur menschlichen Natur stempelte.

Die Bedeutung der Erziehbarkeit des Menschen wird durch die Individualpsychologie hervorgehoben

Adler und seine Individualpsychologie haben diesen Irrtum korrigiert: dadurch wurde uns gezeigt, daß der Mensch keine «reißende Bestie» ist, sondern daß die asoziale Welt (aus den Verlockungen einer von Not und Angst beeinflußten Frühzeit entstanden) das Individuum asozial macht. Die grenzenlose Erziehbarkeit des Menschen, von Freud bereits geahnt, wurde durch Adler zum Fundament der psychologischen Betrachtung gemacht.

Die letzten Lebensjahre Freuds waren überschattet durch die Zeitereignisse, in denen die Barbarei triumphierte, und die Menschheit wiederum sich dem wahnwitzigen Taumel der Gewalttätigkeit übergab. Nach dem Einmarsch der Deutschen in Oesterreich flüchtete Freud, infolge seiner jüdischen Abstammung und seiner «unrassischen Lehre» größten Gefahren ausgesetzt, nach England, wo er in London eine neue Heimstätte fand. An einem bösartigen Karzinom und den Folgen einer schwerwiegenden Operation leidend, war der Greis immer noch bemüht, seine Lehre auszubreiten, und bis in sein letztes Lebensjahr hinein förderte er seine therapeutische Arbeit und schuf seine kühnen Alters-Publikationen, in denen er seiner spekulativen Neigung freien Lauf ließ.

Er starb im Jahre 1949 im Alter von dreiundachtzig Jahren, unter den unsäglichen Schmerzen seiner Krankheit leidend, aber bis zum letzten Atemzug jegliches Palliativ verschmähend, das ihn über sein Leiden hätte hinwegtäuschen sollen. Im Sterben noch bewahrte er die Größe, die er im Leben gehabt hatte: es war für ihn immer das tiefste Anliegen gewesen, die Wahrheit zu ertragen, und auch angesichts des Todes hielt er die tapfere Entschlossenheit aufrecht, die kein Schmerz und keine Qual zu durchbrechen vermochten. Es mag hier der Ort sein, einen Blick auf den Charakter und die Persönlichkeit des Mannes zu werfen, der nicht nur einer der bedeutendsten Wissenschafter unseres Jahrhunderts, sondern auch einer der erstaunlichsten Menschen unserer Epoche gewesen ist:

In Freuds Wesensart vereinigten sich rastlose Energie, geniale Intuition und geistige Unabhängigkeit in einem denkwürdigen Maße, und Quantität und Qualität seiner Leistungen werden immer eines der erstaunlichsten Phänomene der Kulturgeschichte bleiben. Man schildert uns den großen Mann als einen gütigen und verstehenden Menschen, dem sein persönliches Leben wenig, die Ausbreitung seiner Lehre alles bedeutete. Er hatte das Glück, zunächst am Widerstand der stumpfen Welt zu scheitern, und in den Jahren der Einsamkeit lernte er auf die Verlockungen des Ruhmes und der gesellschaftlichen Anerkennung zu verzichten: sein mühevoller Kampf als Bahnbrecher im gefährlichsten Bereich kollektiver Vorurteile erinnert uns immer an Dürers unsterblichen Ritter, der an Tod und Teufel vorbei unbekümmert seines Weges zieht.

Die Vielseitigkeit seiner Interessen und seine schier unbegrenzte Belesenheit sicherten seiner Lehre von Anfang an das umfassende Konzept, und es ist Freud zu danken, daß die Tiefenpsychologie in kurzer Zeit auf alle Sphären des Kulturlebens Anwendung fand.

Vieles, was er fand und formulierte, ist durch den Fortgang unserer Erkenntnis verändert worden, und beim heutigen Stand unseres psychologischen Wissens besteht sein grandioses Verdienst darin, daß er — um ein Wort Hegels über Descartes zu wiederholen — «ein Anfang war». Anläßlich einer Sitzung der Wiener Gesellschaft für Psychoanalyse, die Freud, damals bereits in hohem Alter, präsidierte, eröffnete er die Diskussion mit einem Hinweis auf ein Bild des Malers Moritz von Schwind, das eine Episode aus dem Leben des heiligen Wolfgang darstellt: Man sieht darauf den Teufel, der sich in einem Vertrag mit dem Heiligen verpflichtet hat, die Steine zum Bau einer Kirche zu liefern und dann natürlich vom gottesfürchtigen Mann um seinen Lohn betrogen wird. Freud sagte hierzu:

«Mein Los war das des Teufels. Ich hatte die Steine aus dem Steinbruch zu beschaffen, so gut ich eben konnte, und war froh, wenn es mir gelang, sie irgendwie zusammenzusetzen, so daß etwas einem Gebäude Ähnliches daraus wurde. Ich mußte grobe Arbeit leisten und konnte sie nur im Groben vollenden. Jetzt ist die Reihe an Ihnen, und Sie können sich in Ruhe und Frieden in Ihre Aufgabe versenken und den Plan für ein harmonisches Gebäude entwerfen; das ist etwas, wozu ich nie Gelegenheit hatte.» 

In der Zwischenzeit hat die Tiefenpsychologie diese Forderung aufgenommen und ist zur großangelegten Kulturpsychologie geworden; in Freuds Beitrag aber verehrt sie immer noch ihren Ursprung und Ausgangspunkt, in dem sich ihre jetzige und zukünftige weltweite Bedeutung angekündigt hat. 

Zwischentitel von seniora.org

Friedrich Liebling

Friedrich Liebling
Friedrich Liebling (1893 bis 1982) war ein Psychologe aus der Wiener Schule für Tiefenpsychologie. Er gründete und leitete bis zu seinem Tod die Psychologische Lehr- und Beratungsstelle in Zürich. 


  • Quelle: Autor: Polybios - aus der Zeitschrift: Freidenker Band (Jahr): 39 (1956) Heft 5