Zum Hauptinhalt springen

Seniora.org unterstützen

06.08.2025 Von Vitalina Zittlau, Psychologin
6. August 2025

Russische wissenschaftlich-empirisch arbeitende Psychologen


Die wissenschaftlich-empirische menschliche Forschung geht ungebrochen weiter

(Red.) Unsere Leser wissen, dass es unser grosses Anliegen ist, die wesentliche Frage zu beantworten: Warum führt der Mensch Krieg, wo er doch eine Sozialnatur hat? Diese Frage kann nur auf wissenschaftlich-psychologischer Grundlage beantwortet werden. Nur wenn man weiss, wie der Mensch geworden ist, kann man verstehen, warum er das tut was er tut. Die Ursache ist weder ein nicht existierender Aggressionstrieb des Menschen, noch eine wie auch immer gedachte Vererbung des menschlichen Charakters. Alfred Adler hat klargestellt: Eine Vererbung im Psychischen gibt es nicht. Der Vererbungsgedanke ist obsolet. Aber Adler ist an unseren westlichen Universitäten unerwünscht, praktisch unbekannt. Offenbar gab und gibt es in Russland   – uns im Westen ebenfalls weitgehend unbekannte   – Psychologen, die diese Fragen auf wissenschaftlich empirischer Grundlage angehen und zu erfreulichen Forschungsergebnissen kommen. So freuen wir uns, einen Gedankenanstoss zur weiteren Forschung vorlegen zu können.(ww/am)

Kürzlich hat uns eine unserer geschätzten Leserinnen geschrieben und dabei herausragende Wissenschaftler aus dem Bereich der Psychologie erwähnt. Wir möchten diese Gelegenheit nutzen, um unserer Leserin zu danken und unseren Lesern diese im Westen nahezu unbekannten russischen bzw. sowjetischen Wissenschaftler vorzustellen. Es handelt sich um drei Psychologen, die etwa zur gleichen Zeit lebten und arbeiteten: Lew Semjonowitsch Wygotski (1896  –1934), Alexei Nikolajewitsch Leontjew (1903  –1979) und Alexander Romanowitsch Luria (1902  –1977). Wer waren sie?

Um eine Einschätzung und Einordnung dieser drei Wissenschaftler - auch in Beziehung zu unserer westlichen Psychologie - zu erhalten, haben wir uns an eine erfahrene Psychologin und profunde Kennerin sowohl der westlichen wie auch der russischen Psychologieszene gewandt. Sie hat uns in verdankenswerter Weise diese Arbeit für unsere Leser zur Verfügung gestellt.

Lew Semjonowitsch Wygotski (1896  –1934)

leistete einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung der Psychologie, insbesondere im Bereich der kindlichen Entwicklung, des Lernens und des Denkens. Er schuf und entwickelte wichtige psychologische Theorien, die einen enormen Einfluss auf die moderne Wissenschaft hatten. Die wichtigsten Ideen und „Entdeckungen” Wygotskis:

Sozio-kulturelle Entwicklungstheorie

Hauptgedanke: Die psychische Entwicklung des Kindes erfolgt im Rahmen sozialer Interaktion. Das Kind lernt und entwickelt sich durch die Kommunikation mit Erwachsenen und kompetenteren Gleichaltrigen. Kultur, Sprache und das soziale Umfeld prägen das Denken und Bewusstsein.

Kulturell-historische Theorie der psychischen Entwicklung

Wygotski behauptete, dass die Psyche des Menschen nicht nur biologisch, sondern auch historisch und kulturell geprägt ist. Er führte den Begriff der höheren psychischen Funktionen ein, die im Gegensatz zu den elementaren Funktionen (wie bei Tieren) unter Beteiligung der Gesellschaft entstehen. Wygotski vertrat die Ansicht, dass die Entwicklung des Bewusstseins und des Denkens des Menschen nicht isoliert stattfindet, sondern im Prozess der Kommunikation, des Lernens und der Interaktion mit dem kulturellen Umfeld geformt wird.

Alexei Nikolajewitsch Leontiev (1903  –1979)

Weggefährte von Lew Wygotski, Begründer des handlungsorientierten Ansatzes in der Psychologie und einer der Schöpfer der Handlungstheorie. Er machte keine Entdeckung im klassischen Sinne (wie die wissenschaftliche Entdeckung eines neuen Elements in der Natur), sondern entwickelte ein tiefgreifendes theoretisches System, das die Vorstellungen über die Psyche und das Denken des Menschen veränderte.

Die wichtigsten wissenschaftlichen „Entdeckungen” und Ideen von Leontiev:

1. Aktivitätstheorie

Hauptgedanke: Die Psyche wird im Laufe der Aktivität geformt und entwickelt sich weiter. Tätigkeit ist die aktive Interaktion des Menschen mit der Außenwelt, die auf das Erreichen eines Ziels ausgerichtet ist.

Jede Tätigkeit besteht aus: Motiv (warum ich das tue), Ziel und Handlung (was ich tue) sowie Operationen (wie ich es tue).

2. Entwicklung der Psyche als Ergebnis von Tätigkeit

Die Psyche von Tieren und Menschen entwickelt sich im Prozess der Anpassung und aktiven Aneignung der Umwelt.

Beim Menschen hat die Psyche einen gesellschaftlich-historischen Charakter   – sie wird in der Kultur und Gesellschaft geformt.

3. Der Begriff des persönlichen Sinns

Leontiev führte den Begriff des persönlichen Sinns ein   – wie ein Mensch eine Situation innerlich erlebt, wie sie für ihn persönlich bedeutsam ist und nicht nur objektiv.

Dies unterscheidet den Menschen von einer Maschine oder einem Tier.

4. Die Rolle der inneren und äußeren Aktivität

Leontiev zeigte, wie äußere Handlungen zu inneren werden können, d. h. zu Gedanken (Verinnerlichung). Umgekehrt können Gedanken in äußere Handlungen übergehen (Exteriorisierung).

A. N. Leontiev entdeckte, dass sich die Psyche des Menschen im Laufe seiner Tätigkeit entwickelt und dass gerade die Tätigkeit die Grundlage für die Bildung des Bewusstseins, des Denkens und der Persönlichkeit ist. Das Hauptwerk von A. N. Leontiev „Tätigkeit. Bewusstsein. Persönlichkeit” (geschrieben 1975) ist ein Schlüsselwerk, in dem er seine Theorie der Tätigkeit und ihre Rolle bei der Entwicklung des Bewusstseins und der Persönlichkeit des Menschen systematisch darlegte.

Hauptgedanke: Das Bewusstsein des Menschen und seine Persönlichkeit werden im Laufe der Tätigkeit geformt und entwickelt. Leontiev betrachtet die Tätigkeit nicht nur als Verhalten, sondern als grundlegende Existenzweise des Menschen in der Welt   – als Quelle seines Denkens, seiner Emotionen, seines Willens, seines Bewusstseins und seiner Persönlichkeit.

  • Das menschliche Bewusstsein ist nicht angeboren, sondern entsteht im Laufe des Lernens, der Arbeit und der Kommunikation.

  • Die Sprache spielt als Mittel der Bewusstseinsbildung eine Schlüsselrolle.

  • Leontiev betont, dass die innere Welt des Menschen das Ergebnis seiner aktiven Interaktion mit der Gesellschaft und der Natur ist.

  • Die Persönlichkeit ist nicht einfach die Summe der Eigenschaften. Sie ist ein System stabiler Beziehungen des Menschen zur Welt, das sich in der Tätigkeit herausbildet.

  • Das Wichtigste für die Persönlichkeit ist die Hierarchie der Motive: Welche Ziele stellt der Mensch über andere und warum?

  • Leontiev beschreibt die Entwicklung der Psyche vom Tier zum Menschen. Er zeigt, wie die Psyche als Spiegelbild der Umwelt entsteht, aber beim Menschen durch seine Tätigkeit einen sozialen und bewussten Charakter annimmt.

Alexander Romanowitsch Luria (1902  –1977)

ist der Begründer der sowjetischen Neuropsychologie. Luria verband Psychologie und Medizin und legte damit den Grundstein für die moderne Neuropsychologie, die untersucht, wie das Gehirn das Bewusstsein und das Verhalten hervorbringt. Er arbeitete an:

1. Der Schaffung der Neuropsychologie

Er untersuchte, wie Hirnschädigungen die Psyche (Gedächtnis, Sprache, Aufmerksamkeit, Denken) beeinflussen. Er entwickelte Diagnosemethoden zur Lokalisierung von Hirnfunktionsstörungen. Er zeigte, dass verschiedene Bereiche des Gehirns für unterschiedliche psychische Funktionen zuständig sind, aber nicht isoliert, sondern in Systemen arbeiten.

2. Erforschung von Aphasien und anderen Sprachstörungen

Luria beschrieb detailliert, wie Hirnverletzungen die Sprache und das Schreiben beeinflussen. Er entwickelte eine Klassifizierung von Aphasien   – Sprachstörungen nach Hirnverletzungen. Er untersuchte die Wiederherstellung der Sprache nach Schlaganfällen und Verletzungen.

3. Arbeit mit Verwundeten während des Krieges

Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete Luria mit Soldaten, die Kopfverletzungen erlitten hatten. Er half bei der Entwicklung von Rehabilitationsmethoden, um Menschen nach Traumata ihre Sprache, ihr Gedächtnis und ihr Denkvermögen zurückzugeben.

4. Kulturhistorische Theorie (zusammen mit Vygotski)

In seiner Jugend arbeitete Luria mit L.S. Vygotski und A.N. Leontiev zusammen. Gemeinsam legten sie den Grundstein für einen soziokulturellen Ansatz bei der Entwicklung der Psyche.

Gemeinsame Ideen und Prinzipien

Ich hoffe, dass den geschätzten Lesern von Seniora aufgefallen ist, dass die oben genannten Ansätze den Menschen als aktives, soziales und sich entwickelndes Wesen betrachten. Und genau das ist es, was die Ansichten von Alfred Adler und Vygotski verbindet. Obwohl sie in unterschiedlichen Traditionen arbeiteten, gibt es gemeinsame Ideen und Prinzipien:

Der Mensch ist ein aktives, soziales Wesen.

Der Mensch reagiert nicht passiv auf Reize (wie bei den Behavioristen), sondern gestaltet sein Leben aktiv durch die Interaktion mit der Gesellschaft.

Ganzheitlichkeit der Persönlichkeit und Sinn des Lebens.

Das Verhalten ist nicht fragmentiert, sondern unterliegt einem inneren Sinn und einer Lebensausrichtung.

Einfluss des sozialen Umfelds auf die Persönlichkeitsentwicklung.

Die Persönlichkeit entsteht nicht in Isolation, sondern in der Gesellschaft und durch die Gesellschaft.

Entwicklung und Erziehung als Weg zur Persönlichkeitsbildung.

Die Entwicklung ist kein automatischer Prozess, sondern wird durch Erziehung und Anleitung gefördert.

Ethische und humanistische Ausrichtung.

Das Ziel der Psychologie ist die Entwicklung einer ganzheitlichen, aktiven und moralischen Persönlichkeit und nicht nur die Beseitigung von Symptomen.

Trotz unterschiedlicher Schulen und Kontexte sind sich Alfred Adler, Lew Vygotski und Alexei Leontiev einig, dass:

• Der Mensch ein aktives, zielgerichtetes, soziales Wesen ist;

• Die Persönlichkeit in der Gesellschaft und durch Aktivitäten geformt wird;

• Sinn, Motive und das Streben nach Zielen wichtig sind;

• Entwicklung nur durch soziale Interaktion und Erziehung möglich ist.

Auch ein Vergleich der Entdeckungen und Ansätze von Luria, Vygotski und Leontiev mit westlichen Konzepten zeigt tiefgreifende Unterschiede im Verständnis der Psyche, des Bewusstseins und der Persönlichkeit. Sie basierten in erster Linie auf einem kulturhistorischen Ansatz, der mit Aktivität verbunden war.

Gemeinsamkeiten

Die Psyche entwickelt sich in der Gesellschaft und Kultur und nicht nur innerhalb des Individuums. Das Bewusstsein ist ein soziales Phänomen, das sich in der Tätigkeit und durch die Interaktion mit anderen Menschen bildet. Besonderes Augenmerk wird auf die Entwicklung und nicht nur auf das „fertige” Bewusstsein gelegt.

Ausgangspunkt

Erklärung

Tätigkeit
(Leontiev)



Der Mensch denkt und entwickelt sich im Rahmen
zielgerichteter Aktivitäten.

 

Soziokulturelles Umfeld
(Vygotski)



Denkprozesse werden durch Sprache, Kommunikation und Lernen geformt.

 


Das Gehirn ist keine Maschine, sondern ein System (Luria)



Die Psyche ist mit dem Gehirn verbunden, lässt sich jedoch nicht auf die Physiologie reduzieren; die Funktionen des Gehirns sind systemisch und entwickeln sich weiter.

 

Die westliche Psychologie in jener Zeit Mitte des 20. Jahrhunderts hatte mehrere Richtungen:

Behaviorismus (Watson, Skinner)

Untersucht nur das Verhalten, das Bewusstsein ist eine „Black Box”. Kein Interesse an inneren psychischen Prozessen. Die Entwicklung ist eine Reihe von konditionierten Reflexen, die durch die Umwelt verstärkt werden.

Psychoanalyse (Freud, Jung)

Die Psyche wird als Ergebnis innerer Konflikte und des Unbewussten betrachtet. Die Kultur wird als Quelle der Unterdrückung und nicht der Entwicklung angesehen.

Gestaltpsychologie (Köhler, Wertheimer)

Der Fokus liegt auf der Wahrnehmung und ganzheitlichen Strukturen, aber es wird wenig Aufmerksamkeit auf die Entwicklung der Persönlichkeit in der Gesellschaft gelegt.

Kognitivismus (nach den 1960er Jahren)

Interesse an Denken, Gedächtnis und Aufmerksamkeit, jedoch oft losgelöst vom sozialen Umfeld. Die Psyche wird mit einem Informationssystem verglichen, das Gehirn ist wie ein Computer.

Wesentliche Unterschiede

Parameter

Sowjetischer Ansatz (Luria, Vygotski, Leontiev)

Westlicher Ansatz

Quelle der Psyche

Soziales Umfeld, Aktivität, Kultur

Innere Prozesse oder Umweltreize

Bewusstsein

Sozial bedingt, entwickelt sich

Oft ausgeschlossen oder reduziert

Methodik

Analyse der Entwicklung in Handlung und Kommunikation

Laborexperimente, Tests, Verhaltensanalyse

Sprache und Sprechen

Sprache prägt das Denken

Sprache   – Instrument zum Ausdruck von Gedanken

Gehirn und Psyche (Luria)

Psychische Funktionen   – systemisch, entwicklungsfähig, mit Erfahrungen verbunden

Häufiger lokalisiert und unveränderlich (vor dem Aufkommen der Neurowissenschaften)

Persönlichkeit

Ein System von Motiven, Beziehungen, das sich in der Gesellschaft formiert

Häufiger eine individuelle Struktur, schwach mit der Gesellschaft verbunden

Wie wir sehen, betrachteten Luria, Vygotski und Leontiev die Psyche als ein dynamisches System, das sich in Kultur und Tätigkeit herausbildet, während viele westliche Ansätze sich auf innere Prozesse, Verhalten oder biologische Grundlagen konzentrierten, oft außerhalb des sozialen Kontexts.

Das Buch von Alexei Nikolajewitsch Leontiev mit dem Titel „Tätigkeit. Bewusstsein. Persönlichkeit” stellt eine Alternative zum westlichen Behaviorismus und zur subjektiven Psychologie dar, die das Bewusstsein nur durch äußeres Verhalten oder innere Erlebnisse erklärt. Leontiev schlägt ein ganzheitliches, systemisches Modell vor, in dem die Psyche untrennbar mit aktiver, zielgerichteter Tätigkeit verbunden ist. In „Tätigkeit. Bewusstsein. Persönlichkeit“ beweist Leontiev, dass der Mensch erst im Prozess aktiver, zielgerichteter Tätigkeit, in der er die Welt erforscht, kommuniziert, arbeitet, lernt und sein Bewusstsein formt, zur Persönlichkeit wird. Um den Menschen zu verstehen, muss man analysieren, wie und warum er handelt, und nicht nur sein Verhalten oder seine Empfindungen beobachten.

Die heutige moderne Wissenschaft kann von diesen Wissenschaftlern viel lernen.


Zur Autorin dieser Arbeit

Vitalina Zittlau 455694569 509170642076501 6991403415413349796 n
Vitalina Zittlau 

  • Abschluss an der Universität St. Petersburg, Fakultät für Psychologie, 
  • Psychologin für integrative Psychotherapie mit Schwerpunkt auf den Beziehungen nach Richard Erskine
  • Mitglied der Internationalen Vereinigung IIPA
  • Mitglied der Europäischen Vereinigung für Transaktionsanalyse EATA
  • Expertin im Bereich AAI (Adult Attachment Interview) auf Basis des DMM Dynamic-Maturational Model