Der Internationale Kongreß für Psychotherapie in Zürich (1954) brachte keinen Fortschritt... und heute?

(Red.) Diese kritische Würdigung eines Kongresses mit derart großer Tragweite ist heute so aktuell wie vor 72 Jahren. Wenn der Autor zum Schluss kommt: "Überblickt man den gesamten Kongress, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Meister (Freud und Adler) in ihren Schülern eine dürftige Nachfolge gefunden haben", so wäre es angebracht, wenn die heutigen Schüler sich erneut ernsthaft die Frage stellten: "Sind wir seither weitergekommen? Wenn ja, wo"? Die exorbitante Zunahme der psychischen Diagnosen, von sog. "auffallenden" Kindern und Jugendlichen in der Schule, sowie damit einhergehende Verschreibungen von Psychopharmaka mit Milliardengewinnen der Pharma geben kein zufriedenstellendes Bild von Psychiatrie und Psychotherapie ab und könnte ein Weckruf sein. Dass die Erkenntnisse der drei Größen der Psychologie des letzten Jahrhunderts (Freud, Adler, Liebling) noch heute an der Ausbildung der Psychologiestudenten nur oberflächlich oder gar nicht beteiligt sind, ist ein Phänomen, dem dringend von der psychologischen Fachwelt nachgegangen werden müsste. Die Not ist ja gross. Warum z. B. sind Adolf Portmanns Untersuchungen über "Die Entscheidungen des ersten Lebensjahres" bei Psychologen praktisch unbekannt? Fragen über Fragen. Der Autor gab 1954 in seinem Fazit bereits eine Antwort. (ww)
Vom 20. bis zum 24. Juli fand in Zürich der «Internationale Kongress für Psychotherapie» statt, zu dem sich ca. 1.000 Psychiater, Psychotherapeuten und Psychologen aus den verschiedensten Ländern der Welt vereinigten. Das Thema des Kongresses, an dem gegen neunzig Referate gehalten wurden, war: «Die Übertragung in der Psychotherapie»; alle Schulen, Richtungen und Standpunkte der gegenwärtigen Psychotherapie waren aufgefordert worden, zum sogenannten Übertragungsphänomen Stellung zu nehmen, um dadurch die psychotherapeutische Grundsituation einer Klärung näher zu bringen.
Sigmund Freud, der den Begriff der Übertragung prägte, verstand darunter eine Gefühlsbeziehung zwischen Patient und Therapeut, in der ersterer Gefühle zum Ausdruck bringt, die er in seiner Kindheit vor allem in Bezug auf Mutter und Vater erworben hat. In den Anfängen der Psychoanalyse dachte man, daß das Aufdecken von unbewußten Erlebnissen oder Komplexen, vergessenen Kindheitserinnerungen usw. dem seelisch kranken Menschen zur Gesundung verhalf; Freud erkannte aber bald, daß der eigentliche Motor des seelischen Gesundungsprozesses die Beziehung zum Therapeuten war, die gefühlsmäßige Bindung des Patienten an seinen Arzt, die es ihm ermöglichte, sein Denken und Fühlen neu zu gestalten.
Von dieser Einsicht ausgehend, formulierte Freud, daß die Übertragung der Grundpfeiler der psychoanalytischen Therapie sei, und er und seine Schüler wandten diesem Phänomen ihr besonderes Interesse zu, sodaß in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Arbeiten über dieses Thema erschienen. Die hohe Bedeutung, die der Übertragung in der tiefenpsychologischen Forschung beigemessen wird, rechtfertigt es sicherlich, sie zum Gegenstand eines wissenschaftlichen Kongresses zu machen; in diesem Punkte kann man den Organisatoren des Kongresses nur gratulieren, indem das von ihnen gewählte Thema in der Art eines Brennspiegels alle Probleme der modernen Psychotherapie zusammenfaßte und auf einen gemeinsamen Nenner brachte.
Das Thema war ausgezeichnet, aber die Art, wie es behandelt wurde, ließ sehr zu wünschen übrig. Natürlich ist ein Kongress immer «Forum für alle», im guten wie im schlechten Sinne, und es darf nicht verwundern, daß neben dem Weisen auch der Tor zu Worte kommt. Dieser Umstand, daß einzelne Vorträge oder Diskussionsbeiträge gelegentlich auf dürftigem Niveau verharren, ist weiter nicht zu bekritteln, denn es wäre sicherlich nicht angebracht, die referierenden Psychotherapeuten vor ihrer Zulassung einer Intelligenzprüfung zu unterwerfen; unsere Kritik zielt vielmehr auf den allgemeinen Geist dieses Kongresses, der in mehrfacher Hinsicht wenig erfreulich war. Darüber wird bei der Besprechung der einzelnen Referate — es können nur die repräsentativsten ausgewählt werden — noch Genaueres zu berichten sein.
Das erste Referat des Kongresses hielt Prof. Dr. W. Gut, Altrektor der Universität Zürich, über: «Übertragung als Zeichen der Deutung des Menschen». Nach einigen Hinweisen auf die Bedeutung des Übertragungsphänomens in den mannigfaltigen Zusammenhängen des individuellen und sozialen Lebens, verankerte Prof. Gut die Übertragung im Überzeitlichen und Ewigen, um sie letztlich als ein theologisches Problem zu deuten. Auf diese Weise bemühte er sich «über Freud hinaus zu gehen», d. h. die Freudsche Lehre metaphysisch zu ergänzen.
Freud selber zwar, dem der Kongress nicht nur die Problemstellung, sondern sein geistiges Rüstzeug überhaupt wesentlich zu danken hat, hat für derartige «metaphysische Ergänzungen» zeit seines Lebens wenig Interesse gezeigt; er hat die Religion im allgemeinen zu den «Menschheitsneurosen» gerechnet, und seine Darlegungen über die innere Verwandtschaft zwischen Wahngebilden und Religiosität dürfen noch heute als mustergültig anerkannt werden. Leider hat der Zürcher Kongress von Freud wohl die Probleme, nicht aber die kritische Schärfe seines Denkens übernommen; es wird noch zu zeigen sein, daß die Abschwächung der tiefenpsychologischen Erkenntnis durch theologisch-mystische Phantasien in gefährlicher Weise überhandzunehmen droht: die religiösen Kreise haben anscheinend entdeckt, daß man die Tiefenpsychologie nicht bekämpfen kann, indem man sie negiert, sondern einzig und allein dadurch, daß man sie unter «göttliches Patronat» stellt.
Wir übergehen die drei ersten Hauptreferate, die nur den Fachmann interessieren: Ihr Zweck war, die Übertragung im Lichte der drei Schulen (Psychoanalyse, Individualpsychologie und Komplexe Psychologie) aufzuzeigen, die an die Namen Freud, Adler und Jung anknüpfen.
Von allgemeinerer Bedeutung war das Referat von Franz Alexander über «Die Psychosomatik in der medizinischen Therapie». Alexander ist einer der älteren Freud-Schüler; er lebt heute in Chicago, wo er ein Institut für Psychoanalyse leitet, welches bedeutsame Forschungen über die Beziehungen zwischen seelischen Störungen und körperlichen Erkrankungen durchgeführt hat. Die moderne Medizin hat erkannt, daß ein Großteil der Krankheiten psychisch bedingt ist, selbst dann, wenn eindeutige Infektionen usw. vorliegen. Darum ist die Heilung eines Patienten unvollständig, wenn nur der Körper geheilt wird; viele Krankheiten sind überhaupt auf körperlichem Bereich nicht zu beeinflussen, sodaß erst eine Zusammenarbeit von Arzt und Psychotherapeuten (oder womöglich Personalunion) die Gesundung des leidenden Menschen ermöglicht.
Die Psychosomatik hat in den letzten Jahren außerordentlich aufschlußreiche Ergebnisse über diesen speziellen Aspekt des Leib-Seele-Problems zutage gefördert; Herzkrankheiten, Magengeschwüre, Asthma, Ausschläge, Unfälle usw. erwiesen sich als seelisch verursacht, indem etwa Angst und unterdrückte Affekte aus dem Seelischen in das Körperliche ausstrahlen und dort schwere Schädigungen hervorrufen können. Durch die Psychotherapie besteht Aussicht, zahlreiche Erkrankungen prophylaktisch beeinflussen zu können, oder zumindest den Heilungsprozeß weitgehend zu beschleunigen. —
Vielleicht das ergreifendste Referat des ganzen Kongresses hielt der New Yorker Psychiater Dr. J. N. Rosen, und zwar über das Thema: «Übertragung und Gegenübertragung in der Direkten Analyse». Rosen ist der Vorkämpfer der Psychotherapie für schizophrene Patienten; er hat — was Freud und Adler bereits anregten — als einer der ersten systematisch Geisteskranke mit reiner Psychotherapie geheilt. Dieses «Wunder» ist sozusagen der «letzte Schrei» der psychotherapeutischen Wissenschaft, und nicht zu Unrecht: der Gedanke, daß psychotische Persönlichkeiten, die ganz von der Welt abgekapselt sind und nur noch in ihren Wahnphantasien leben, durch die Analyse in die Wirklichkeit zurückgerufen werden können, hat etwas Faszinierendes.
Rosen geht von der Auffassung aus, daß der Geisteskranke in seiner allerfrühesten Kindheit Liebe, Pflege und Sorgfalt entbehren mußte; diese Entbehrung hat sein Ich so geschwächt, daß es im späteren Leben für den Wahn anfällig wird. Das frühkindliche Liebesmanko muß nun die Psychotherapie ausgleichen, indem sie dem Patienten gegenüber die Idee der «Mütterlichkeit» verwirklicht. Der Therapeut spielt die Mutter des Patienten; während einer hochkonzentrierten Behandlung läßt er dem Geisteskranken ein hohes Maß von Liebe, Güte und Mitmenschlichkeit zuteilwerden; und obwohl der Geisteskranke das alles nicht recht versteht, ahnt er, was mit ihm geschieht: er knüpft ein neues mitmenschliches Band, und an diesem Band kann er aus der Welt seines Wahnes in die Wirklichkeit hinübergeleitet werden.
Die alte Einsicht, daß der Wahnsinn nur graduell von der seelischen Normalität abweicht, wird durch Rosens Forschung bestätigt: wir dürfen also in Zukunft ruhig schizophren werden, da die Psychotherapie in der Lage ist, uns vom schwersten Wahn zu befreien. —
Dr. Gerhild von Staabs (Berlin), die Erfinderin des Szeno-Testes, schilderte — ähnlich wie Rosen — die «Behandlung einer Schizophrenie», wobei sie vor allem die Übertragung berücksichtigte.
Am Abend des 22. Juli sprach Dr. René A. Spitz (New York) im einzigen öffentlichen Vortrag des Kongresses — zu dem sich etwa 1.500 Personen einfanden — über «Das Band zwischen Mutter und Kind». Dieser Vortrag, welcher durch eindrucksvolle Filme ergänzt wurde, erläuterte nochmals ein Stück des Schizophrenie-Problems, und zwar in einer speziellen Fassung. Spitz hat aufgezeigt, daß sich in den ersten Lebensmonaten bereits eine starke soziale Bindung zwischen Kind und Mutter herstellt, und daß von dieser Bindung die spätere seelische Gesundheit oder Krankheit des Menschen abhängt.
Kinder, die zwar genügend Pflege, Nahrung und Hygiene, aber nicht genug Mutterliebe haben, scheinen seelisch zu verkümmern und sich von ihrer Umwelt abzuschließen: gleich einem Seismograph reagiert das Kind auf das Gefühlsleben seiner Mutter, sodaß eine fundamentale Erziehung von den ersten Lebenstagen anfangen muß. Trotz den bewundernswürdig schönen Filmen, die Dr. Spitz vorführen konnte, möchten wir hier zum Ausdruck bringen, daß wir den ganzen Vortrag für verfehlt hielten. —
Dr. Spitz beschränkte sich darauf, das Kind in seinem ersten Lebensjahr zu schildern, und er zeigte eigentlich nur das, was jede Mutter mehr oder minder deutlich bereits weiß. Anstatt dem großen Publikum Hinweise auf die tiefenpsychologische Erziehung zu geben, ließ er es mit rührenden und sentimentalen Photos bewenden — die Zerstörung der kindlichen Seele findet unseres Erachtens sehr selten in den ersten Lebensmonaten statt; später, wenn das Kind eigenen Willen entwickelt und auf das Unverständnis oder die Gewalttätigkeit der Erzieher stößt, wird es «schizophren», und zwar durch Schläge, durch Mißachtung, durch Zwang, durch Verzärtelung usw.
Im gewissen Sinne müssen wir einem Kollegen beipflichten, der nach Anhören des Vortrages von Dr. Spitz bitter bemerkte, es wäre sinnvoller gewesen, wenn der Vortragende statt seiner langatmigen, theoretisierenden Ausführungen, die die anwesenden Mütter und Väter am nächsten Tage vergessen haben, kurz und bündig gesagt hätte: «Die Tiefenpsychologie lehrt uns, daß jeder Schlag oder erzieherische Zwang eine Sünde am kindlichen Seelenleben ist: schlagt die Kinder nicht, sondern versteht sie!»
Der 24. Juli, der Ausklang des Kongresses, brachte einige Referate, in denen wiederum das religiöse Moment aufdringlich dominierte: theologisch eingeleitet, wurde der Kongress auch theologisch beendet. Dr. Alphonse Maeder (Zürich), der schon früh die Freudschen Lehren durch religiöse Dichtungen verwässert hatte, sprach über «Übertragung und zwischenmenschliche Beziehungen». Dr. Igor A. Caruso (Wien), der der katholischen Psychotherapie zugehört, referierte über «Übertragung und Symbol».
Dr. Viktor Frankl (Wien) sprach über «Übertragung und Wertproblem»: über diesen Vortrag mögen einige Andeutungen nicht überflüssig sein. Frankl ist ein ehemaliger Schüler von Alfred Adler, der nach dem Kriege mit seiner «Existenzanalyse» und «Logotherapie» hervorgetreten ist. Es gelang ihm die «epochemachende» Entdeckung, daß der Tiefenpsychologie das Wert- und Sinnproblem fremd sei und daß Freud und Adler den «unbewußten Gott» übersehen hätten. Nun ist Frankl ein geschickter Stilist, und da er den religiösen Kreisen nach dem Geschmack redet, hat er sofort großen Anklang gefunden.
Unter den Fachleuten aber ist es offenkundig, daß die ganze Logotherapie im Grunde von Freud und Adler lebt, die von Sinn und Wert sicherlich mehr verstanden haben als Herr Frankl, dessen unbewußten Gott die katholische Kirche bereits eingesegnet hat. Mit Hilfe derartiger metaphysischer Spielereien versucht Frankl, aus der Psychotherapie eine «Seelsorge» zu machen, die — anstatt den Patienten zu heilen — religiöse Traktätchen verteilt oder doziert; liest man die Schriften Frankls, so erkennt man, daß diese «Reform von Psychoanalyse und Individualpsychologie» im Grunde nichts anderes bedeutet, als daß von Freud und Adler die Freigeistigkeit (Freud und Adler waren beide Atheisten, der letztere auch Sozialist) und die Soziallehre abgestrichen wurden, um dann durch fragwürdige religiöse Konstruktionen ersetzt zu werden. —
In der abschließenden Plenarsitzung des Kongresses sprach Prof. Graf K. V. Dürckheim über «Das Überpersönliche in der Übertragung», wobei er seine Betrachtungen in das «Göttliche» einmünden ließ, das seiner Auffassung nach die psychotherapeutische Situation in ihrem Wesen bestimmt.
Überblickt man den gesamten Kongress, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Meister (Freud und Adler) in ihren Schülern eine dürftige Nachfolge gefunden haben. Bei Freud und Adler ist die Tiefenpsychologie wesentlich Kulturpsychologie, und auch die Analyse kleinster Phänomene läßt immer wieder die großen sozialen und geistigen Zusammenhänge ahnen, die das Menschenleben umfassen.
Die Repräsentanten dieses Kongresses sprachen von «Übertragung», und zwar nur von Übertragung — in einer Zeit, wo die Massenpsychosen des Krieges und der Diktatur schier allgewaltig sind, dürfen sich aber Psychologen und Psychotherapeuten nicht mit Spezial-Problemen begnügen: sie sind dazu aufgerufen, die dringenden Fragen unserer Zeit zu beantworten. Warum hat niemand an diesem Kongress die Übertragung im Zusammenhang mit Krieg und Diktatur erörtert? Warum hat niemand die pädagogische Fragestellung aufgeworfen, wie wir die Übertragungsphänomene zur Friedenssicherung und zum Aufbau der Demokratie verwerten können? Der spießbürgerliche Wissenschafter — man entschuldige uns den harten Ausdruck — ist Spezialist und er läßt Gott und den Staat für die Menschheit sorgen.
Wir aber sind der Auffassung, daß Gott und der Staat den Menschen im Stich lassen, und daß jeder Einzelne — die Wissenschaft aber vor allem — für die Gesamtheit der Mitmenschen verantwortlich ist. Die Psychotherapie muß sich — dem großen Vorbilde von Freud und Adler folgend — auf die wirklichen Probleme der gegenwärtigen Menschheit besinnen; sie verrät ihre große und bewundernswürdige Mission, wenn sie in die Phantasmen der Religion abgleitet, und wenn sie vergißt, daß ihre vornehmste Aufgabe in Aufklärung und Erziehung besteht.
Internationaler Kongress für Individualpsychologie
Anschließend an diesen Kongress fand vom 26. bis 29. Juli in Zürich der statt, der die Schüler Alfred Adlers vereinigte. Adler war unsprünglich von Freud ausgegangen und schuf eine psychologische Lehre, die vor allem auf das Soziale hin orientiert ist und — unseres Erachtens — den wertvollsten Beitrag zur Psychologie der Gegenwart darstellt.
Leider zeigte sich aber auch hier, daß der Meister weit größer war als seine Schüler: viele, die sich heute «Individualpsychologen» nennen, haben den Kern des Adlerschen Denkens (das in Adlers Schriften mit großartiger Geschlossenheit zutage tritt) nicht verstanden; der Grundgedanke der Individualpsychologie, daß unsere Welt vor allem am Macht- und Gewaltprinzip leidet und daß Abbau der Macht und Verstärkung der (sozialen) Gefühle unsere einzige Rettung bedeuten kann, ist für philiströse Seelen nicht faßbar. In diesem Sinne mußte man auch am Kongress für Individualpsychologie die soziale Tendenz sehr vermissen; an ihre Stelle traten fragwürdige Spekulationen und «Verbesserungen» der Adlerschen Anschauungen, über die sich der geniale Psychologe wohl im Grabe hat umdrehen müssen.
Dr. Alexander Müller (Zürich), der hernach zum Generalsekretär der Internationalen Vereinigung (anlässlich des Kongresses gegründet) für Individualpsychologie gewählt wurde, versuchte sogar, Adler für die Religiosität und Frömmigkeit in Anspruch zu nehmen, ein Unterfangen, das gänzlich in Widerspruch zu Adlers eigenen Äußerungen («Religion und Individualpsychologie», «Der Sinn des Lebens» usw.) steht. Dr. Müller ist der Verfasser eines Schriftchens, das den bezeichnenden Titel «Du sollst ein Segen sein» trägt — unter solchen Auspizien allerdings muß man zweifeln, ob die Individualpsychologie, diese lebensnahe und menschheitsverbindende Lehre, zu einem «Segen» werden wird können.
Fazit
Der Freidenker muß aus beiden Kongressen die Einsicht gewinnen, daß die Macht der rückschrittlichen Geisteskräfte heute groß ist, und daß selbst die Psychotherapie — welche als Element des Fortschrittes und der Befreiung in die Welt getreten ist — Gefahr läuft, von den «Hinterweltlern» verunstaltet und beschmutzt zu werden. Sicherlich ist die Tiefenpsychologie eine der wertvollsten Errungenschaften unseres Jahrhunderts: sie wird aber nur soweit für die werdende Menschheitskultur von Bedeutung sein, als sie im Geiste Freuds und Adlers ihre erkenntniskritische Haltung wahrt und, wie Freud in «Die Zukunft einer Illusion» nach Heine zitiert, den «Himmel den Engeln und den Spatzen überläßt».
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Quelle: Autor: Friedrich Liebling alias Polybios aus Zeitschrift: Befreiung Band (Jahr): 2 (1954) Heft 9Titel-Ergänzung und Hervorhebungen seniora.org

















































































