Mary Ainsworth hat uns gelehrt, unsere Kinder und uns selbst zu verstehen

Am 21. März 2019 jährte sich zum 20. Mal der Todestag von Mary Ainsworth, geb. Salter.
von Klaus und Karin Grossmann*
Zeit-Fragen Nr. 8 v. 26. März 2019
Sie war eine Psychologin aus Toronto, geboren am 1. Dezember 1913 in Glendale, Ohio, USA. 2019 wäre sie 106 Jahre alt geworden. Zwei Zufälle bestimmten ihre wissenschaftliche Karriere, die unser heutiges Wissen und unseren angemessen aufgeklärten Umgang mit unseren Kindern von Grund auf verändert hat. Erstens begleitete sie 1950 ihren Mann Leonard nach London, wo er eine Doktorandenstelle antrat. Mary war Ehefrau, ohne formelle Beschäftigung. In einer Anzeige in der «London Times» inserierte ein gewisser John Bowlby, Psychoanalytiker, eine Forschungsstelle für ein Projekt über Auswirkungen früher Mutter-Kind Trennungen auf die Persönlichkeitsentwicklung.

John Bowlby

John Bowlby, 6 Jahre älter als Mary Ainsworth, war damals in der Schlussphase eines umfangreichen Berichts für die Weltgesundheitsbehörde WHO in Genf über die Bedeutung mütterlicher Fürsorge für die geistige Entwicklung von Kindern, die meist wegen politischer Ereignisse von ihren Eltern getrennt waren. Der Bericht erschien 1951; auf Deutsch erschien er erst 22 Jahre später, 1973. Eine für Laien gut lesbare Fassung von 1965 erlebte zahlreiche Neuauflagen, so auch die spätere deutsche Übersetzung (siehe dazu ausführlich Grossmann, 2018). Auf Mary Ainsworth schien dies zunächst keinen besonderen Eindruck gemacht zu haben. Nach drei Jahren verliess sie Ende 1953 Bowlbys Arbeitsgruppe und ging mit ihrem Mann nach Kampala, Uganda  – der zweite Zufall  –, wieder ohne dort selbst eine Arbeit zu haben.

In London war sie Kollegin von James Robertson gewesen, einem ehemaligen Heizer und Mann für alles Technische am Anna-Freud-Institut. Er hatte sich unter der Ägide von Anna Freud zu einem hervorragenden Beobachter von kleinen Kindern entwickelt, die nach unfreiwilligen Trennungen von ihren Müttern apathisch trauerten und mit den üblichen Anforderungen eines Kinderheims nicht adaptiv und gesund umgehen konnten. Seine schriftlichen Berichte darüber waren von bislang unerreichter Qualität. Ein revolutionärer Film über Laura, ein zweijähriges Mädchen im Krankenhaus, damals wegen strikter Besuchsregelung ohne Trost durch seine Eltern, leitete das Ende der institutionellen Trennung von Kindern und Müttern ein. Es entstand eine Bewegung, «Kind im Krankenhaus», die in zahlreichen Ländern und regionalen Vereinen aktiv aufgegriffen wurde. Weitere Filme über das Leid unfreiwillig getrennter kleiner Kinder im Kinderheim («John») und in häuslicher Obhut von Joyce Robertson («Kate», «Thomas», «Jane») beeindrucken noch heute (Robertson & Robertson, 1975).

Bild Mary Ainsworth ZF 03.2019
Mary Ainsworth (Bild American Psychological Association)

Frühe Erkenntnisse Ainsworth’ in Toronto

In Toronto hatte Mary Ainsworth klinisch und am projektiven Rorschach-Test gearbeitet. Geprägt war sie durch die «security theory» ihres Lehrers William Blatz. Sie besagt: Früh in der Entwicklung bildet familiäre Sicherheit eine wesentliche Grundlage. Die braucht ein Kind, um neue Fertigkeiten und Interessen zu entwickeln, sonst ist es allzu leicht verunsichert und dabei beeinträchtigt. In ihren späteren Beobachtungen und empirischen Untersuchungen hat Mary Ainsworth dies präzisiert und nachgewiesen, dass psychische Sicherheit wesentlich durch die Qualität der elterlichen Rückmeldung als Antwort auf kindliche Signale von Bedürfnissen und Interessen entsteht. Diese Ausdrucksmöglichkeiten sind Teil der naturgeschichtlichen Anlagen jedes gesunden menschlichen Neugeborenen, sich im Säuglingsalter mitzuteilen, lange vor dem Sprechen.

Das Gefühl der Sicherheit entwickeln kleine Kinder um so besser, je zuverlässiger das Verhalten ihrer Erzieher zu ihren Bedürfnissen passt. Dazu müssen die Erzieher die kindlichen Intentionen wahrnehmen, erkennen, also richtig interpretieren, und prompt und richtig beantworten. Sie werden so zu Bindungspersonen. Mary Ainsworth nannte dies «sensitivity to the infants’ signals», von uns mit «Feinfühligkeit» übersetzt. Das damalige vorherrschende theoretische Umfeld war die soziale Lerntheorie, die sich auf Bekräftigung kindlichen Verhaltens durch Belohnungen  – «social reinforcement»  – stützte. Allerdings genügte das nicht dem Reichtum des sozialen Miteinanders, das sich in der Wirklichkeit abspielte.

Verbindung der verschiedenen Ansätze in Uganda

Ainsworth beobachtete um 1953 in Uganda auf eigene Initiative 26 Familien mit Babys im Alter von 1 –24 Monaten, alle 2 Wochen für 2 Stunden pro Besuch und bis zu 9 Monate lang. Das war der Zeitpunkt, in dem sich die genannten zwei Zufälle  – Bowlby in London und die informellen Beobachtungen in Kampala  – zu ihren revolutionären Erkenntnissen glücklich zusammenfügten.
Eine lebenslange Korrespondenz mit John Bowlby begann. Mary Ainsworth erkannte den Wert der Denkweise von John Bowlby, die von der Evolutionstheorie Darwins geprägt war und die neueren Erkenntnisse der verhaltensbiologischen Ethologie einschloss.

Sie besann sich auf ihre eigenen Auswertungen der präzisen Beobachtungsprotokolle von James Robertson in London. Und sie sah den Vorteil der Beobachtungsmethode der Psychoanalytikerin Anna Freud. Von all dem war sie so sehr beeindruckt, dass sie schon damals in London plante, die Methode naturalistischer Beobachtungen selbst zu verwenden, wenn sie je die Gelegenheit dazu bekäme. Ihr wohl grösster wissenschaftlicher Verdienst war die Umsetzung des Grundprinzips von Charles Darwin auf die Interaktion kleiner Kinder: Zuerst kommen Beobachtungen und Fragen, zweitens werden daraus Erklärungsmodelle konstruiert, und schliess­lich wird drittens anhand neuer Daten die Angemessenheit des Modells untersucht, im Idealfall mit Hilfe von experimentell gewonnenen Daten (Bowlby, 1990, S. 336).

Mütterliche Feinfühligkeit

Die Gelegenheit dazu kam 11 Jahre später in Baltimore, wohin sie 1955 gezogen waren. Ihre Ehe mit Leonard Ainsworth wurde 1960 geschieden, worunter sie sehr litt. In Baltimore musste Mary Ainsworth sich in neue berufliche Anforderungen als klinische Psychologin einarbeiten. Die anspruchsvolle Aufarbeitung der sehr detaillierten Beobachtungsdaten aus Uganda konnte zu Ende gebracht werden. Das Ergebnis war ein überzeugendes und überprüfbares Erklärungsmodell  – Mütterliche Feinfühligkeit gegenüber dem Ausdrucksverhalten des Kindes (Ainsworth, 1967). Schritt drei von Darwins Einsicht  – anhand neuer Daten die Angemessenheit des Modells zu untersuchen  – konnte dadurch in Angriff genommen werden.
Mit 5 engagierten Mitarbeitern wurden in Baltimore  – wie zuvor in Uganda  – 26 Mütter mit ihren Säuglingen beobachtet, und zwar alle 3 Wochen meist 3 bis 5 Stunden lang, insgesamt 16mal während des ersten Lebensjahres. Der Verlauf sämtlicher Beobachtungen wurde anschliessend diktiert, transkribiert, also in Erzählsprache, wie von James Robertson gelernt, narrativ festgehalten. Aus diesen Narrativen wurde mit Hilfe verschiedener Messskalen die Qualität mütterlicher Feinfühligkeit bei der Beantwortung von Ausdrucksveränderungen des Säuglings berechnet.

Die «fremde Situation»

Die Angemessenheit des Modells Feinfühligkeit belegte Ainsworth mit einer Prüfsituation. Diese erfasst Unterschiede der Verhaltensstrategien der dann einjährigen Kleinkinder, mit kurzfristigen Trennungen von ihren Müttern während der Wiedervereinigung umzugehen. Wenn sie sich nach kurzen Trennungen unverzüglich ihren Müttern näherten, engen, liebevollen Kontakt aufnahmen, sich dadurch schnell beruhigten und bald wieder unbeeinträchtigt erkundeten, wirkten sie sicher im Vertrauen auf die liebevolle Zuwendung ihrer Mutter. Sie wechselten, wie Mary Ainsworth schreibt, schnell und reibungslos zwischen der Mutter als tröstendem und beruhigendem «Hafen der Sicherheit»  – «haven of safety»  – und als überwachende und unterstützende «sichere Basis»  – «secure base», das Konzept von Blatz. Kinder weniger feinfühliger Mütter hätten weniger erfolgreiche Strategien; ihnen gelang es, vor allem in ihrem trennungsbedingten Distress nicht, oder erst spät, die beruhigende Nähe herzustellen. Diese Prüfung nannte Ainsworth «fremde Situation»  – «strange situation».

Von zahlreichen Forschern wurde sie als Test für Bindungs-Sicherheit bzw. -Unsicherheit verwendet. Das aber ist oft zu früh, denn die Bindungsentwicklung eines Kindes geht nach dem ersten Lebensjahr weiter. Es können andere Bindungspersonen hinzukommen, vor allem Väter, aber auch ältere Geschwister oder vertraute Personen, wenn sie sich regelmässig und verlässlich dem Wohlergehen des Kindes widmen und mit ihm feinfühlig umgehen.

Neue Veröffentlichungen in der Entwicklungspsychologie

Die Untersuchungen in Baltimore hatten ein grosses Echo in der Entwicklungspsychologie. Der Originalbericht darüber wurde kürzlich neu veröffentlicht  – bereichert durch die Skalen zur Erfassung von Feinfühligkeit (Ainsworth et al., 2015). Entwicklungspsychologische Untersuchungen, die sich an den Ergebnissen und Forschungen von Mary Ainsworth und an den von ihr geteilten Einsichten von John Bowlby orientieren, sind zahlreich. Auch wir orientierten uns in unseren Langzeituntersuchungen von der Geburt bis zum 22. Lebensjahr an ihrer Forschung (Grossmann & Grossmann, 72017). Die 3. Auflage des Handbook of Attachment (Cassidy & Shaver, 2016) ist Bowlby und Ainsworth gewidmet: «with respect and gratitude for the pioneering work of John Bowlby and Mary Ainsworth». Es umfasst 43 Beiträge von 79 Autoren auf 1011 Seiten, einen Autorenindex von 27 und einen Sachindex von 28 Seiten.

Die Verfeinerung der Bindungstheorie reicht von einem Rekurs auf Bowlbys Nature of the Child’s Ties to his Mother von 1958 bis zu aktuellen bildgebenden Verfahren der Neuropsychologie. Weitere Abschnitte mit jeweils mehreren Beiträgen sind aus dem Bereich biologische Aspekte: moderne Evolutionstheorie, Psychoneuroimmunologie und Neurowissenschaft von Bindung. Die Bindungsentwicklung in der Säuglingszeit, der Kindheit und im Jugendalter bis ins hohe Alter wird erforscht. Auch Psychopathologie und klinische Anwendungen, Psychopathologie bei Kindern, Desorganisation im Längsschnitt, die Entwicklung von Pflege- und Adoptivkindern, mentale Unterschiede, Prävention und Intervention auf der kommunalen Ebene sind, angeregt durch Mary Ainsworth, aktuelle Forschungsbereiche.

Klinische Forschungen befassen sich zum Beispiel mit Bindung in der Erwachsenen­therapie und in der Familientherapie.

Mary Ainsworth  – ein Leben für die Bindungsforschung

Mary Ainsworth hat neue und überzeugende Grundlagen gelegt für das Verständnis der emotionalen Entwicklung von der Wiege bis zur Bahre, wie Bowlby sagte. Sie war geschult durch ihre Erfahrungen in London in John Bowlbys Forschungslabor Anfang der fünfziger Jahre. Ihre lebenslange Zusammenarbeit mit John Bowlby als profundem Kenner kindlichen Leids und seinem Insistieren auf evolutionsbiologisch orientierter empirischer Überprüfung haben ihren Arbeiten ein festes Fundament beschert. Wir vermissen ihren forschenden Geist, um auch die Bindungsentwicklung über das erste Lebensjahr hinaus so gut zu verstehen, wie sie es für das erste Lebensjahr gelehrt hat. Sicher aber ist: Mary Ainsworth hat uns ein stimmiges Verständnis für die Natur von neugeborenen Menschen vermittelt, die auf ihre Eltern angewiesen sind, um ein Grundgefühl der psychischen Sicherheit und Selbstvertrauen zu entwickeln. So gelingt eine selbstverständliche Teilhabe an Kultur, ihrer sprachlichen Darstellung und schöpferischer Kommunikation. Sie hat darüber hinaus Grundlagen gelegt für die sprachliche Erfassung von Bindungsrepräsentationen Erwachsener, im Wesentlichen als Folge lebenslanger Bindungserfahrungen. Vor allem aber ist sie die verlässliche Patin einer allgemein neuen Wertschätzung im Zusammenleben mit unseren Kindern, die, wie einst oft, nicht mehr «gemassregelt», «konditioniert», «gezüchtigt», sondern im liebevollen Miteinander geschützt, unterstützt, nicht bedroht, verstanden werden. Sie dürfen kompetent, selbstbestimmt und offen für die Welt aufwachsen.
Herzlichen Dank, Mary Ainsworth!    

* Klaus E. Grossmann, Prof. Dr. phil. Dipl. Psych., Emeritus der Universität Regensburg seit 2003. Ordentlicher Professor für Psychologie in Bielefeld (seit 1970) und in Regensburg (seit 1977).

Karin Grossmann, Dr. phil, Dipl. Psych., freiberufliche Wissenschaftlerin (Senior Scientist), assoziiert an der Universität Regensburg. Forschungsaufenthalte unter anderem in den USA, Japan, Israel, Ägypten, Papua Neuguinea.

Zahlreiche Veröffentlichungen auf Deutsch und Englisch, zum Beispiel: Karin Grossmann, Klaus E. Grossmann. «Bindungen  – das Gefüge psychischer Sicherheit». Stuttgart 2012. Gemeinsam erhielten sie 2006 den Bowlby/Ainsworth Award des New York Attachment Consortiums und 2007 den Arnold-Lucius-Gesell-Preis der Theodor-Hellbrügge-Gesellschaft. Das Ehepaar Grossmann gehört zu den renommiertesten Forschern auf dem Gebiet der Bindung und der menschlichen Entwicklung. Gemeinsam widmen sie sich seit 1973 der Bindungsforschung im Längsschnitt und im interkulturellen Vergleich sowie der Erforschung der Synthese von Bindungstheorie und Entwicklung von Kultur und Sprache im Kind.

Literatur:

Ainsworth, M.D.S. Infancy in Uganda. Infant care and the growth of love. Baltimore: John Hopkins University Press, 1967
Ainsworth, M.D.S., Blehar, M.C., Waters, E. & Wall, S. Patterns of attachment. A psychological study of the strange situation. Classic Edition, New York 2015
Bowlby, J. Charles Darwin. A New Biography. London: Hutchinson, 1990
Bowlby, J. Mütterliche Zuwendung und geistige Gesundheit. (Maternal Care and Mental Health. Bulletin of the World Health Organization) 3, Orig. 1951/1973, S. 355 –534
Bowlby, J. The Nature of the Child’s Ties to his Mother. International Journal of Psycho-Analysis, 39, 1958, S. 350 –373
Bretherton, I. Die Geschichte der Bindungstheorie. In: Spangler, G. & Zimmermann, P. (Hrsg.). Die Bindungstheorie. Grundlagen, Forschung und Anwendung. Stuttgart 1995, S. 27 –49
Cassidy, J. & Shaver, P. R. (Hrsg.) Handbook of Attachment: Theory, Research, and Clinical Applications. New York 2016
Grossmann, Klaus E., John Bowlby: Child Care and the Growth of Love (1965). In: Lück, Helmut. Miller, Rudolf. Sewz, Gabriela (Hrsg.) Klassiker der Psychologie. Die bedeutenden Werke. 2., erweiterte Auflage. Stuttgart 2018, S. 209 –218
Grossmann, K. & Grossmann, K. E. Bindungen  – das Gefüge psychischer Sicherheit. Völlig überarbeitete 7. Auflage. Stuttgart 2017
Grossmann, K. E. & Grossmann, K. (Hrsg.) Bindung und menschliche Entwicklung. John Bowlby, Mary Ainsworth und die Grundlagen der Bindungstheorie und Forschung, 5. Auflage. Stuttgart 2017
Grossmann, K. E. & Grossmann, K., Mary Ainsworth: Our Guide to Attachment Research. Attachment and Human Development, Vol. 1, 1999
S. 224 –228
Robertson, J. & Robertson, J. Reaktionen kleiner Kinder auf kurzfristige Trennung von der Mutter im Lichte neuer Beobachtungen. In: Psyche, 29, 1975,
S. 626 –664

Quelle: https://www.zeit-fragen.ch/de/ausgaben/2019/nr-8-26-maerz-2019/mary-ainsworth-hat-uns-gelehrt-unsere-kinder-und-uns-selbst-zu-verstehen.html  

Psychologie, Erziehung, Pädagogik, Psychology, Sprachentwicklung, Die soziale Natur des Menschen, Hirnforschung, Kindesentwicklung, Psychiatrie

  • Gelesen: 670
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok Ablehnen