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21. Dezember 2001 - aus Zeit-Fragen-Archiv - Zeit-Fragen, Seite 24 übernommen
23. December 2025

Über die Bedeutung der Elternbindung im Jugendalter


Heinrich Hoffmann: Bauernfamilie auf dem Heimweg nach der gemeinsamen Arbeit

ks. Jugendliche in der heutigen Zeit sind nicht zu beneiden. Als Opfer der Leisure-pleasure-«Kultur», des schmutzigen Drogengeschäfts und des Konsumterrors geraten viele Jugendliche häufig in einen Gefühlszustand der Sinnleere, der Orientierungs- und Perspektivlosigkeit.

Geschätzte Leserin, geschätzter Leser, liebe Freunde, liebe Eltern und Grosseltern, mit diesem Text, der vor 24 Jahren bei Zeit-Fragen erschien, wünschen wir Ihnen allen für die Weihnachtstage und  für das Neue Jahr nur das Beste ... und friedlichere Zeiten für uns alle ... Wir wollen auch in der Zukunft gemäss unserem Seniora-Logo den Erziehungsgedanken immer wieder in Erinnerung rufen, weil hier der Schlüssel zur Lösung aller Fragen von Krieg&Frieden zu finden ist. Auch danken wir Ihnen für Ihre Treue, Ihre Anerkennung und Unterstützung. Herzlich Margot und Willy Wahl

Viele befinden sich in einer besorgniserregenden Verfassung. Dazu kommt, dass sie durch die laufenden Reformen in den Schulen immer weniger gefordert werden und immer weniger lernen   – was die Schüler schwächt   –, während sich gleichzeitig viele Eltern und Pädagogen resigniert von den Jugendlichen zurückziehen und sie mehr und mehr sich selber überlassen.

Viele Fachleute unterstützen leider diese Tendenz häufig noch und raten den hilflosen Eltern, ihre Kinder endlich «loszulassen». Die im pädagogischen Bereich weit verbreitete Theorie, der Jugendliche müsse sich in der Pubertät von den Eltern ablösen, wird immer noch so an vielen Fachschulen gelehrt. Dies führt in der Praxis häufig zu Missverständnissen und unglücklichen Beratungen.

Psychologen, Sozialarbeiter oder Pädagogen unterbinden oft Versuche der Eltern, die verhindern möchten, dass der Jugendliche ihnen entgleitet. Dies in der Meinung, dem Jugendlichen sei geholfen, wenn dessen Eltern ihm seinen Freiraum gewähren und ihn seine eigenen Erfahrungen machen lassen. Denn entsprechend der zugrundeliegenden Theorie wird der Jugendliche in der Unmündigkeit gehalten, wenn sich seine Eltern in seine Belange einmischen und ihm helfen.

Im Jugendalter müssten sich die Kinder aber aus der «Abhängigkeit» von den Eltern lösen und ihre eigenen Wege suchen, um ihre Autonomie zu erlangen. Das kann sogar so weit gehen, dass die sorgenvollen Überlegungen der Eltern vor dem Hintergrund dieses veralteten Autonomiekonzeptes problematisiert, ja sogar pathologisiert werden.

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Psychologische Forschungen zeigen etwas anderes und rufen Eltern dazu auf, ihren jugendlichen Kindern aktive Unterstützung und emotionalen Halt zu bieten. Denn die Forschungsresultate weisen darauf hin, dass die Bindung zwischen Kind und Eltern auch im Jugendalter noch fortbesteht, auch wenn sie Veränderungen unterworfen ist: Natürlich gewinnen Freundschaften zu Gleichaltrigen, die ersten Liebesbeziehungen und auch Beziehungen zu anderen Erwachsenen zunehmend an Bedeutung.

Das heisst aber nicht, dass die Bindung zu den Eltern deshalb an Gewicht verliert oder sich gar auflöst. Im Gegenteil: Auch im Jugendalter bleiben die Eltern eine zentrale Quelle der Sicherheit und Orientierung und bieten einen wichtigen Rückhalt für ihr Kind.

Die entwicklungspsychologischen Untersuchungen zeigen, dass die Qualität der Elternbeziehung einen grossen Einfluss auf die Fähigkeit des Jugendlichen hat, den physischen, psychischen und sozialen Anforderungen seiner Umgebung nachzukommen. Nicht diejenigen Jugendlichen sind emotional autonom, die ihre Eltern nicht um Rat fragen und ihr Leben im Alleingang bewältigen bzw. eben nicht bewältigen, sondern die Jugendlichen, die dies gerade tun und deren Elternbeziehungen eine Vertrauensqualität aufweisen.

Zudem besteht ein nachweisbarer Zusammenhang zwischen dem Grad an Selbstwertgefühl und Persönlichkeitsstärke und der Tatsache, ob der Jugendliche bei seinen Eltern Rat und Hilfe sucht und bekommt. Wenn das Kind bzw. der Jugendliche die Erfahrung machen kann, bei seinen Eltern Unterstützung suchen zu können, weitet sich dieses Gefühl auch auf andere Menschen aus: Kinder und Jugendliche, die ihre Eltern als sichere Basis nutzen und bei emotionaler Belastung ihre Hilfe suchen, tun später bei Freunden dasselbe   – Freundschaften werden als sichere Basis genutzt. Das heisst, dass diejenigen, die emotional verfügbare Eltern haben und in der Elternbeziehung Unterstützung finden, gegenseitig zufriedenstellende Beziehungen zu engen Freunden aufbauen können und bei diesen Unterstützung und Trost suchen bzw. dies selber den Freunden bieten.

Aber es geht noch darüber hinaus: Jugendiche und junge Erwachsene mit sicheren Bindungen zu ihren Eltern können flexibler auf bestimmte Lebenssituationen und Anforderungen reagieren, weil ihre Persönlichkeit flexibler ausgestattet ist. Sie haben bessere Fähigkeiten im Umgang mit ihren Mitmenschen, weisen eine ausgeprägtere Identität auf und sind insgesamt weniger feindselig, ängstlich oder hilflos.

Eltern dürfen also auf keinen Fall ihre Bedeutung in der Beziehung zu ihren jugendlichen Kindern unterschätzen und sollten sich nicht aufgrund falscher psychologischer Theorien aus der Beziehung zum Jugendlichen zurückziehen. Ihre Ratschläge und ihre Stellungnahmen zu den verschiedenen Problemstellungen aus dem Lebensumfeld ihres Kindes sind auch oder gerade im Jugendalter wichtig und werden von diesem sehr wohl gehört und aufgenommen.

Gerade in einer Zeit, [wie heute 2025} in der eine Gesellschaft aufgrund wirtschaftlicher oder politischer Interessen ihre Jugendlichen [mit Gender und Kriegstüchtigkeit statt Friedensfähigkeit] zum Teil bewusst ins Unglück laufen lässt, müssen Eltern von einem sicheren Standort aus ihren Kindern einen sinnvollen Weg in die Zukunft weisen. Es gibt genug Aufgaben, die dort auf jeden warten.

[Hervorhebungen und Bild seniora.org]


  • Quelle: Zeit-Fragen Genossenschaft - aus dem Archiv übernommen - mit freundlicher Genehmigung