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Von Friedrich Liebling 1950 alias Polybios - aus Zeitschrift: Rote Revue: sozialistische Monatsschrift Band (Jahr): 29 (1950) Heft 9
3. August 2025

Polybios: Die Psychologie von C. G. Jung


Wenn es eine Wissenschaft gibt, zu deren Aufbau und Entwicklung unser Jahrhundert die entscheidendsten Beiträge geliefert hat, so ist dies unzweifelhaft die Psychologie, die Wissenschaft vom menschlichen Seelenleben.
Friedrich Liebling (1893 - 1982) Gründer und Leiter der Zürcher Schule für Psychotherapie

(Red.) Friedrich Liebling - als Flüchtling in der Schweiz schrieb er damals oft unter dem Pseudonym Polybios* - war einer der Grossen der Psychologie des letzten Jahrhunderts, der weit über den Tellerrand der althergebrachten Psychologie und Psychiatrie hinausblickte. Er beschritt den naturwissenschaftlichen Weg und überwand den heute noch verheerend wirkenden Vererbungsgedanken im psychischen Bereich. Zum besseren Verständnis seiner kulturhistorischen Forschungsweise zitieren wir dem Beitrag über C.G. Jung vorausstellend einen kurzen Auszug aus Erziehung und Kultur - Eine Menschheitsfrage:

Seit Jahrhunderten haben Dichter und Denker über dieses Problem nachgedacht und wertvolle Gedanken und Grundsätze hierüber geäußert. Da sie aber in der Regel nur von ihrer persönlichen Erfahrung ausgehen konnten, blieben ihre Einsichten lückenhaft und konnten trotz bewundernswürdiger Einfühlungskraft keine systematische Erziehungslehre aufbauen.

Friedrich Liebling war Leiter und Gründer der «Zürcher Schule für Psychotherapie». In unregelmässigen Abständen bringen wir Aufsätze aus seiner Feder.(ww)

Die Naturwissenschaften haben sich schon früh ein festbegründetes Fundament geschaffen und mittels Erfahrung und Beobachtung kontinuierlichen Fortschritt ermöglicht. Anders aber die Psychologie. Sie blieb bis in die Neuzeit hinein unsystematisches Stückwerk, da es ihr an grundlegenden Einsichten in Wesen und Reaktionsweisen des Seelenlebens mangelte. Es ist das große Verdienst von Sigmund Freud (1856—1939), als einer der ersten eine wissenschaftliche Gesamtansicht des Seelenlebens herausgearbeitet zu haben.

Vor Freud beschränkte sich die Psychologie zumeist auf die Erforschung des Bewußtseins. Dieses pflegte sie schematisierend aufzuteilen in Denken, Fühlen und Wollen, wodurch sie eine Reihe seelischer Elementarfähigkeiten erhielt, die sie jedoch in der Regel nicht zu verbinden wußte.

Freuds bahnbrechende Entdeckung war, daß «der Schlüssel zur Erkenntnis vom Wesen des bewußten Seelenlebens in der Region des Unbewußten liegt».

Dieser Satz, den C. G. Carus (1789—1867) lange vor Freud spekulativ aufgestellt hatte, gewann erst durch die tiefenpsychologischen Forschungsergebnisse seine allgemeine Bedeutung. Freuds Untersuchungen bemühten sich um die Abklärung seelischer Erscheinungen, die rein bewußtseinsmäßig nicht erklärbar schienen, so zum Beispiel die sogenannten «Fehlleistungen», die Träume, die Neurosen und ihre Symptome, der Witz usw. In allen diesen Phänomenen fand Freud das Zusammenwirken zweier seelischer Tendenzen, die er als Bewußtsein und Unbewußtes charakterisierte.

Dabei erkannte er im Unbewußten den triebhaften Grund des Seelenlebens, den er — entsprechend der naturalistischen Grundhaltung seiner Zeit — mit einem quasi sexuellen «Luststreben» (libido) gleichsetzte. Auf dieser Hypothese baute er eine umfassende Theorie des Seelenlebens auf, deren Reichhaltigkeit und innere Geschlossenheit auch heute noch bewunderungswürdig bleibt, wenngleich sie in Einzelheiten nicht mehr zu halten ist.

Aus der Zusammenarbeit von Trieb und Bewußtsein ergründete Freud die Entstehung der Moral und der Religion. In derselben Weise, wie das Individuum seine seelische Unangepaßtheit zu überwinden sucht, hat auch die menschliche Gemeinschaft in der Vorzeit eine Anpassung an die Natur und an die gesellschaftliche Lebensweise herausgebildet. Die psychologische Forschung vermag dabei zu zeigen, daß nicht alle Anpassungsformen sinnvoll waren. Freud weist zum Beispiel nach, daß die jüdisch-christliche Moral nicht wenig dazu beitrug, seelischen Konfliktstoff zu verbreiten; die Religion aber erweist sich, wie es in der «Zukunft einer Illusion» dargelegt ist, als ein illusionäres System, das durch Vertröstungen und Träumereien den Menschen hindert, sich auf Erden vernunftmäßig einzurichten.

Aus diesen kulturphilosophischen Ansätzen wird ersichtlich, daß Freuds Lehre — die «Psychoanalyse» — sich nicht nur auf psychologische Anregungen beschränkte. In der Tat hat sie die gegenwärtige Philosophie nachhaltig beeinflußt, und es gibt keinen Zweig des allgemeinen Geisteslebens, in dem nicht ihre Nachwirkungen zu verzeichnen wären. Die bedeutsamsten Erfolge der psychoanalytischen Forschung liegen jedoch auf dem Gebiet der Pädagogik. Naturgemäß mußten die Einsichten über die Entstehung seelischer Erkrankungen zu prophylaktischen Schlußfolgerungen führen. Daraus ergaben sich Hinweise auf eine sinnvolle Erziehung, die schließlich zu einer tiefenpsychologischen Erziehungslehre zusammengefaßt werden konnten.

Alfred Adler (1870—1937), der hervorragende Mitarbeiter Freuds, hat in dieser Beziehung wegweisend gewirkt. Die von Adler und seinen Schülern ausgearbeitete «Individualpsychologie» hat die bedeutsamsten Konsequenzen aus den psychoanalytischen Ergebnissen gezogen. Da sie in einem engeren Kontakt mit der Geisteshaltung der Gegenwart stand, vermied sie jene Einseitigkeiten, die sich aus Freuds naturalistischer Grundtendenz zwangsläufig ergeben mußten.

So ist zum Beispiel bei Adler die kausale Betrachtungsweise des Seelenlebens grundsätzlich überwunden — an ihre Stelle tritt der Gesichtspunkt der «Zielstrebigkeit» und Zweckmäßigkeit. Die Persönlichkeit wird als eine Einheit gesehen. Machtstreben und Gemeinschaftsgefühl sind die wichtigsten Strebungen des Seelenlebens.

Das Gemeinschaftsgefühl repräsentiert die allgemeine Verbundenheit der Menschen, ist gleichsam der soziale Instinkt, durch den die Gemeinschaft der Menschen besteht. Für die Entwicklung dieses Verbundenheitsgefühles sind die Erfahrungen der ersten Kindheit maßgebend.

Unsachgemäße Erziehung, wie zum Beispiel autoritäre Strenge, Schläge, Verwöhnung, Vernachlässigung usw., drosselt das Gemeinschaftsstreben des Kindes. Auch körperliche Mängel, entmutigende Erlebnisse, Benachteiligung gegenüber Geschwistern, allgemeine Zurückstellung und geringere Einschätzung wirken in dieselbe Richtung. In allen diesen Fällen wird das Selbstwertgefühl des Kindes geschädigt, sein Machtstreben (Ehrgeiz, Eitelkeit, Neid usw.) angestachelt. Wille zur Macht und Mitmenschlichkeit sind jedoch absolute Gegensätze.

Somit sind alle Schädigungen des Gemeinschaftsgefühles Schädigungen der Mitmenschlichkeit. Dies zeigt sich auch darin, daß ein größeres Manko mitmenschlicher Verbundenheit lebensunfähig macht. Nervöse Erkrankungen, seelische Unfähigkeit zu Arbeit, Liebe, Kameradschaft sind die Konsequenzen falscher Erziehungseinflüsse. Darüber hinaus fällt hier auch ein Licht auf die Kulturerscheinungen im ganzen. Das Machtstreben zwischen den Geschlechtern, in Wirtschaft und Politik hat für die menschliche Gemeinschaft verheerende Folgen gehabt. Die alte Einsicht, daß Erziehung und Kultur sich gegenseitig bedingen, wird hierdurch nur bestätigt.

Deshalb ist die Forderung der Individualpsychologie an den Einzelnen sowie an die sozialen Gruppen: «voranzugehen bei dem Abbau des Strebens nach Macht und bei der Erziehung zur Gemeinschaft». Aus diesen Worten Alfred Adlers wird eine tiefbegründete soziale Grundhaltung ersichtlich, die für die individualpsychologischen Bestrebungen maßgebend ist — eine auf Fortschritt und Höherentwicklung der menschlichen Gemeinschaft gerichtete Weltanschauung wird deshalb in dieser Lehre ihr wertvollstes psychologisches Rüstzeug finden.

Carl Gustav Jung, dessen 75. Geburtstag (26. Juli) Anlaß zu dieser Betrachtung gibt[1], war, wie Alfred Adler, anfangs Schüler und Mitarbeiter von Sigmund Freud. Während seiner Mitarbeit in der psychoanalytischen Bewegung zeichnete sich Jung durch einige wertvolle Studien aus, von denen zum Beispiel eine den heute nicht mehr wegzudenkenden Begriff «Komplex» einführte. Vor dem Ersten Weltkrieg distanzierte sich Jung von der Psychoanalyse und ging daran, sein eigenes System zu entwickeln. Dieses nannte er, in Abgrenzung gegen Freud und Adler, «Analytische», später «Komplexe Psychologie».

Zur Begründung dieser Lehre veröffentlichte der Zürcher Psychiater in den letzten drei Jahrzehnten zahlreiche Schriften, die von seiner weitreichenden literarischen Produktivität Zeugnis ablegen. Diese Bücher beschäftigen sich nicht nur mit psychologischen Fachfragen, sondern behandeln die verschiedenartigsten Probleme, die mehr oder minder mit der Psychologie in Beziehung gebracht werden können. So finden sich in Jungs Publikationen in bunter Folge die disparatesten Themakreise berührt: Psychologie, Philosophie, Religion, Alchemie, Mythologie, Astrologie, Politik, Pädagogik usw. — Die wichtigsten Werke Jungs sind etwa folgende: «Wandlungen und Symbole der Libido» (1912); «Psychologische Typen» (1917); «Psychologie und Alchemie»; «Symbolik des Geistes»; «Gestaltungen des Unbewußten» und «Psychologie der Übertragung». Weit davon entfernt, sich mit dieser umfangreichen Schriftenreihe zufrieden zu geben, ist der heute Fünfundsiebzigjährige noch immer bemüht, die stattliche Zahl seiner Werke zu vermehren.

Wenn man von den Lehren Freuds oder Adlers zu denen von Jung übergeht, so fällt vor allem eine grundsätzliche Verschiedenheit des «geistigen Klimas» auf. Es ist eine wesentlich andere Einstellung, mit der die beiden Altmeister der psychologischen Forschung und mit der Jung und seine Schüler an die psychologischen Probleme herantreten. Bei Freud und Adler ist es durchaus der Geist der Wissenschaft, der sachlich-sachkundigen Erörterung, der für alle ihre Bemühungen wegleitend ist. In der üblichen wissenschaftlichen Weise werden Tatsachen gesammelt und durch Hypothesen und Theorien in einen verständlichen Zusammenhang gebracht. Der Spekulation wird nur nach gründlicher und sachlicher Verankerung Raum gegeben.

Bei Jung hingegen übernimmt die spekulative, sprunghafte Denkweise weithin die Führung und führt somit zu einem phantasiereich unterbauten Konzept, das wohl manchem bestechend erscheinen mag, aber von der psychischen Realität durch eine weite, unüberbrückbare Kluft getrennt ist. Darüber hinaus vermengt Jung die psychologische Forschung mit Religion, Mythologie und Astrologie, so daß alte, längst überwundene Anschauungen im psychologischen Gewande das Grundgefüge seiner Lehre ausmachen. Durch diese Annäherung an die Religion und an die ihr zugehörigen mythischen und vorwissenschaftlichen Anschauungen hat sich der Begründer der «Analytischen Psychologie» in erster Linie bei religiösen Kreisen starke Sympathien erworben.

In den Kreisen der Wissenschaft jedoch wurden seine Konstruktionen mit heftiger Kritik beantwortet, und nicht wenige namhafte Psychologen und Philosophen bezeichnen sein Werk als reine Polemik, als Konzession an die religiöse Vorstellungswelt, die der wissenschaftlichen Methodik und den Idealen der sachlichen Forschung zuwiderläuft. Darum wird auch die Jungsche Psychologie nicht selten als eine «Modeströmung» betrachtet, der bleibender Wert für die Wissenschaft nicht zugebilligt werden kann, weil sie weder das Tatsachenwissen vermehrt noch fruchtbare Anregungen zutage gefördert hat.

Als eine der wesentlichsten Errungenschaften der «Analytischen Psychologie» wird von deren Schülern und Anhängern die Jungsche Typenlehre hingestellt. Diese gründet bekanntlich auf der Hypothese, daß es zwei Grundrichtungen seelischen Erlebens gebe, die sogenannte «Extraversion» und die «Introversion». Für die letztere gilt, daß der Strom des seelischen Erlebens sich nach innen richtet, indes der extravertierte Mensch nach außen, auf die Außenwelt hin lebt. Diese fundamentale Einstellung des Seelenlebens soll angeboren sein und eine schicksalhafte Bedeutung für das mit ihr behaftete Individuum haben. Zur weiteren Einteilung der psychologischen Typen soll der Schematismus von Denken, Fühlen, Empfinden und Intuition dienen. Jeder Mensch soll — abgesehen von seiner seelischen Grundeinstellung (introversiv, extraversiv) — mittels einer von diesen vier Funktionen sich an die Welt anzupassen versuchen. Sein Charakter wäre also danach zu definieren, welche seelische Funktionen und welche Einstellung bei ihm die Vorherrschaft haben.

Es braucht nicht betont zu werden, daß die heutige Psychologie die typologischen Systeme längst nicht mehr so hoch einschätzt wie vor etwa drei Jahrzehnten. Die Zahl der Typologien ist in die Dutzende angewachsen, und einer der bekanntesten Psychologen unserer Zeit hat mit Recht behauptet, er könne jede Woche eine neue liefern. Die Typologie ist immer ein grobes Instrument, das individuellen Nuancen — und jeder Mensch ist eine Individualität — nicht gerecht zu werden vermag. Deshalb kann man überspitzt sagen, daß «alle Typologien falsch sind». Bei der Jungschen Typenlehre wird die Kritik vor allem da einsetzen, wo eine angeborene seelische Grundeinstellung postuliert wird.

Der Mensch wird nicht extravertiert oder introvertiert geboren.

Freuds und Adlers Forschungen haben deutlich genug erwiesen, daß die seelische Wendung nach «innen» (Introversion) ein sekundäres Stadium ist. Die «Verinnerlichung» des Introvertierten ist ein Produkt gewisser Erlebnisse, die das «Innenleben» zum Problem gemacht haben. Hierzu gehören vor allem die Fragen, die mit dem von Freud auf sexueller Ebene interpretierten «Oedipuskomplex», den «Schuldgefühlen» usw., in Beziehung stehen. Die primäre Phase seelischer Entwicklung ist «extravertiert» — der Mensch wird sozusagen «extravertiert» geboren. Schaffen frühe Kindheitserlebnisse in seiner Seele größere Gegensätze und Konflikte, so wird er nicht nur mit der äußern, sondern auch mit der innern Welt zu kämpfen haben. Dieser Gesichtspunkt erfährt durch die Lebensgeschichte sogenannter «introvertierter» Personen immer wieder seine Bestätigung.

Über den Wert einer Einteilung in die Funktionen des Denkens, Fühlens, Empfindens und Intuierens kann man sich wohl streiten. Es ist wenig Anlaß, diese Funktionen gegenüber anderen (Wollen, Handeln usw.) hervorzuheben und sie zur Basis einer Typologie zu machen. Man wird gut daran tun, solche künstliche Klassifikationen nicht allzu ernst zu nehmen. Bestenfalls sind sie die Vorzeichnung eines Feldes, auf dem das Individuum gefunden — oder vermißt werden kann. Auf jeden Fall kann auch diese Typologie — wie übrigens alle anderen auch — keine Psychologie der Individualität, des Individuums liefern. Sie ist lediglich ein Behelf, und nicht einmal ein guter.

Vom Begriff des «Komplexes» gelangte Jung zur Lehre von den «Archetypen» und dem «kollektiven Unbewußten», die für seine Psychologie zentrale Bedeutung gewinnen sollte. «Als ,affektbetonten Komplex'», schrieb Jung in einer seiner ersten Arbeiten, «bezeichnen wir die Gesamtzahl der auf ein bestimmtes gefühlsbetontes Ereignis sich beziehenden Vorstellungen». Ein Komplex ist also ein Kristallisationsgefüge von gefühlsmäßig zusammengefaßten Vorstellungen. Der Kern des Gefüges wäre ein stark gefühlsbetontes Erlebnis, von dem das Individuum einmal betroffen wurde.

Als Jung später Träume, Wahnbildungen, Märchen und Mythen untersuchte, glaubte er in ihnen die Wirkungen von «Komplexen» erkennen zu können, die über die Zeiten und Völker hinweg auf identische Strukturen verwiesen. Daraus entstand der Begriff des Archetypus, als einer «Grundzeichnung» des menschlichen Seelenlebens überhaupt, als «Kristallisationsgitter» des seelischen Erlebens vom Anbeginn der Menschheit bis zum heutigen Tage. Nach Jung treten solche «Archetypen» nur selten ins Bewußtsein. Nur an bedeutsamen Wendepunkten des individuellen und kollektiven Lebens erscheinen solche Urbilder, in denen sich das «kollektive Unbewußte» der Menschheit manifestieren soll. Um einige solche «Urbilder» der Seele zu nennen: der alte Weise; der ewige Jüngling; die große Mutter; die Dreizahl und die Vierzahl; Gott usw.

Es gibt kaum einen Teil der Jungschen Psychologie, der von Seiten der psychologischen Wissenschaft so entschiedene Ablehnung erfahren hat wie die Archetypenlehre, in der eine mehr oder minder heimliche Theologie verborgen liegt. Die Parallelität seelischen Erlebens in verschiedenen Epochen und in verschiedenen Menschen muß keineswegs durch die weit hergeholte Annahme seelischer Urbilder erklärt werden. Die Philosophie selber hat die Lehre von den «eingeborenen Ideen» schon längst ad acta gelegt. Die Psychologie hat wenig Grund, Ausartungen des metaphysischen Denkens nach ihrer philosophischen Aburteilung bei sich aufzunehmen.

Es kann gewiß nicht bestritten werden, daß in den Märchen und Mythen ähnliche, ja gleiche Motive auftauchen. Dies rührt jedoch nicht daher, daß in der menschlichen Seele eingeborene Bilder bereitliegen, die auf «Erweckung» harren. Letzten Endes müssen diese Ähnlichkeiten darauf zurückgeführt werden, daß die Stellung des Menschen im Kosmos und in der Gemeinschaft grundsätzlich jederzeit und überall dieselbe ist. Die conditio humana — die menschliche Daseinsbedingung — wechselt nicht. Vater- und Mutterbild, die bei Jung als «Archetypen» auftauchen, erinnern nur an die bescheidene Tatsache, daß jedes Menschenkind Vater und Mutter hat, und daß diese beiden Personen für sein späteres Leben von derart überragender Bedeutung sind, daß sich Reminiszenzen an sie auf allen Gebieten des Lebens finden (zum Beispiel Vaterland, Muttersprache, die Mutter Erde, der «himmlische Vater», der «Vater Staat» usw.). Daß die Vierzahl ein «Archetyp» sein soll, wird wohl darauf zurückgeführt werden müssen, daß diese Zahl in der Natur und am menschlichen Leib nachdrücklich in Erscheinung tritt. Jungs Konstruktion, daß Vier ein Symbol der Göttlichkeit sei und daß «anima naturaliter christiana» (die Seele von Natur aus christlich) sei, muß wohl vollends dem Bereich religiöser Phantasien zugewiesen werden.

Die Theorie vom «kollektiven Unbewußten» wäre lange nicht so irritierend gewesen, wenn sie ihren Begründer nicht dazu verleitet hätte, auf die Domäne der Politik überzugreifen. Gerade auf diesem Gebiet zeigte sich in unmißverständlicher Weise ihre völlige Haltlosigkeit, als Jung mittels seiner Lehre von den Archetypen die politischen Ereignisse im nationalsozialistischen Deutschland zu kommentieren begann. Für Jungs Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus ist die befremdende Tatsache bedeutsam, daß er während der Zeiten des nationalsozialistischen Rassenwahnes an die Leitung einer der wichtigsten deutschen Psychiaterorganisationen berufen wurde — und auch diese Berufung annahm (die Ernst Kretschmer abgelehnt hatte)[2]. 

Jungs «Aufsätze zur Zeitgeschichte» (1946) setzen sich mit dem nationalsozialistischen Deutschland auseinander. Anstatt einer sachlichen Beurteilung der psychischen Situation des deutschen Volkes ist es für Jung das entscheidende Anliegen, den «Aufbruch des Sturmgottes Wotan» zu schildern. Wotan hat die Deutschen gepackt und ins Verhängnis geschleudert. Das soll die wahre Erklärung der deutschen Katastrophe sein — man braucht wohl über diese Mystifikation nicht viel Worte zu verlieren.

Nicht weniger phantastisch ist der Aufsatz «Nach der Katastrophe», der in seinen haltlosen Verallgemeinerungen über die deutsche «Kollektivschuld» zeigt, wie die «Analytische Psychologie» am wichtigsten Prüfstein psychologischer Bewährung — am Verständnis sozialer Phänomene — versagen mußte.

Das beste und vielleicht treffendste Urteil über die «Analytische oder Komplexe Psychologie» hat wohl C. G. Jung vor kurzem selbst abgegeben. In einem letzthin vor einem psychologischen Forum gehaltenen Vortrag suchte Jung seine Psychologie der «Astrologie» anzunähern. Dabei erklärte er das Wandern des sogenannten «Frühlingspunktes» im Tierkreis als eine der aufschlußreichsten Gegebenheiten des Menschheitsschicksals. Die letzten zwei Jahrtausende standen im Zeichen der «Fische»; nunmehr wandert der Frühlingspunkt in den Bereich des «Wassermanns», was von unermeßlicher historischer Bedeutung sein soll. Es erübrigt sich, diese Kombination weiter auszuspinnen und Jungs darauf basierende Spekulationen im Detail wiederzugeben.

Sein Lebenswerk weiß C. G. Jung nicht besser als dadurch zu krönen, daß er als Schlußstein in sein Gedankengebäude die Astrologie einzusetzen gedenkt. Damit hat die «Analytische Psychologie» in unverkennbarer Weise ihre weltanschaulich-geistige Position bezogen und aufs neue demonstriert, aus welchem Gesichtskreis sie stammt und in welche Richtung sie sich bewegt. Für die Anhänger und Vertreter der psychologischen Wissenschaft ist es keine Frage, daß derartige Konstruktionen nicht von Dauer sein können, da sie als Relikte vorwissenschaftlichen Denkens durch Aufstieg und Entwicklung von Wissenschaft und Philosophie mehr und mehr in Vergessenheit geraten werden. 

[1] Der vorliegende Aufsatz ist erst eine Woche nach dem Fest des Jubilars in unsern Besitz gelangt, als die August-Nummer schon abgeschlossen war. Red.

[2] Die politische Haltung Jungs war bisweilen eigentümlich schillernd, seine Polemik gegen den Sozialismus stets oberflächlich. Unser Mitarbeiter hat es mit Recht nicht für notwendig erachtet, darauf einzutreten. Red.

Warum wählte Friedrich Liebling Polybios zu seinem Pseudonym?

Polybios
*Polybios
war ein alt-griechischer Historiker um 200 v. Chr. Er verfasste die Historien, eine Universalgeschichte in 40 Büchern für die Zeit von 264 bis 146 v. Christus.  Der philosophische Stil von Polybios war die kritische und nüchterne Beobachtung zur Identifizierung historischer Tatsachen. Es ging ihm um die Einsicht in Ursachen und Zusammenhänge. Als Historiker entwickelte er Standards für die pragmatische Geschichtsschreibung (pragmatike historia). Diese zielt auf eine Belehrung durch Präsentation von Tatsachen und Verhalten. Quelle: https://www.frag-machiavelli.de/polybios/ 


  • Quelle: Autor: Friedrich Liebling, alias Polybios Zeitschrift: Rote Revue: sozialistische Monatsschrift Band (Jahr): 29 (1950) Heft 9
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