Das Gemeinschaftsgefühl: Entstehung und Bedeutung für die menschliche Entwicklung

In der Einleitung heisst es:
"Der Grad an Gemeinschaftsgefühl charakterisiert in der individualpsychologischen Lehre den Grad an seelischer Gesundheit. Der Mangel an Bezogenheit auf den Mitmenschen gibt Auskunft über die Art und den Grad des Ausweichens in neurotische Formen oder in die Psychose, die nach dem Zusammenbruch der Beziehungsfähigkeit in Erscheinung treten kann."

Verlag Psychologische Menschenkenntnis, 1981.
Klappentext:
In der vorliegenden Untersuchung wird einer der wichtigsten Aspekte der theoretischen Grundlagen der Zürcher Schule für Psychotherapie dargestellt: die Entstehung und Bedeutung des Gemeinschaftsgefühls.
Ausgehend von den Forschungsergebnissen der Individualpsychologie Alfred Adlers werden die entsprechenden Befunde der Entwiklungspsychologie (Spitz, Bowlby), der Psychopathologie (Frieda Fromm-Reichmann) und der Neopsychoanalyse (Horney, Fromm, Sullivan) untersucht.

Die Autorin

*Annemarie Kaiser (1939 - 2014) studierte an der Universität Zürich Psychologie. Geschichte und Philosophie. Im Jahre 1977 schloss sie ihre Dissertation über das «Das Gemeinschaftsgefühl - Entstehung und Bedeutung für die menschliche Entwicklung» ab. Während des Studiums und in der Zeit danach arbeitete sie mit dem Tiefenpsychologen Friedrich Liebling zusammen. Mehr.
Einleitung
Alfred Adler hat mit dem Begriff des Gemeinschaftsgefühls die zwischenmenschliche Beziehung zum zentralen Problem seiner Persönlichkeitslehre gemacht. Seine Darlegungen stammen aus der Anfangszeit der Tiefenpsychologie. Im Lichte der heutigen Kenntnisse des menschlichen Seelenlebens müsste es möglich sein, die Relevanz seiner Aussagen über das Gemeinschaftsgefühl einigermassen einzuschätzen.
Der Grad an Gemeinschaftsgefühl charakterisiert in der individualpsychologischen Lehre den Grad an seelischer Gesundheit. Der Mangel an Bezogenheit auf den Mitmenschen gibt Auskunft über die Art und den Grad des Ausweichens in neurotische Formen oder in die Psychose, die nach dem Zusammenbruch der Beziehungsfähigkeit in Erscheinung treten kann.
Vom Gemeinschaftsgefühl her – als dem Kernstück der Adlerschen Lehre – sind auch die anderen Bereiche dieser Persönlichkeitstheorie in ihrem Zusammenhang zugänglich: das Minderwertigkeitsgefühl und die Arten der Kompensation, die durch den Grad an Lebensmut ermöglicht werden und die in Geltungsstreben auf der nützlichen oder unnützen Seite des Lebens zum Ausdruck kommen oder in gemeinschaftsbezogene Lösungen der Lebensfragen einmünden können. Die je individuelle Art der Orientierung im Zusammenleben nennt Adler den Lebensstil, der dem psychologischen Betrachter als eine Art Leitlinie mit einem bestimmten Ziel verständlich wird.
Die Bezeichnung »Individualpsychologie« wählte Adler in bewusster Abgrenzung von der Freudschen Schule, die das Psychische mit Ich, Über-Ich und Es in verschiedene Instanzen unterteilt. Ein grosser Irrtum wäre, Individualpsychologie in dem Sinne zu verstehen, dass der einzelne Mensch losgelöst von seiner sozialen Bezogenheit zu erforschen sei.
Adler wollte mit der Bezeichnung das In-dividuum betonen, auf die Unteilbarkeit der menschlichen Persönlichkeit aufmerksam machen. Seelische Probleme dürfen niemals losgelöst vom gesamten Kontext der Persönlichkeit betrachtet werden. Seine Lehre unterscheidet sich damit grundsätzlich von allen Psychologien, deren Modellvorstellungen Schichten oder sonst eine Topik der Psyche enthalten.
Ähnlichkeiten weist sie in dieser Beziehung am ehesten noch zur Daseinsanalyse auf, wiewohl sie sich andererseits durch die stärkere Betonung der lebensgeschichtlichen Bedingtheit des aktuellen psychischen Geschehens und die finale Ausrichtung desselben von ihr auch wieder ganz unterscheidet.
Jedes Aufzeigen von theoretischen Analogien mit anderen Persönlichkeitslehren ist ein fragwürdiges Unterfangen. Der Versuch wird allerdings in der »Internationalen Zeitschrift für Individualpsychologie« mehrmals unternommen; vor allem zur Existentialphilosophie, zur Gestaltpsychologie und zu transzendental fundierten personalistischen Modellen werden Verbindungslinien aufgezeigt.1
In der Beurteilung der individualpsychologischen Lehre durch Aussenstehende finden sich auffallend breite Schwankungen.
Eine Gruppe bilden jene, die aus mangelnder Kenntnis oder aus Missverstehen urteilen.2 Sie setzen die Tradition von Julius Wagner-Jauregg fort, der mit seiner Begründung der Ablehnung von Adlers Habilitationsgesuch ein Musterbeispiel einer Stellungnahme gegeben hat, die auf Missverständnissen beruht. In seinem Gutachten wirft er Adler vor, dass er lediglich Erklärungen für Krankheiten gebe, ohne auf neurologische Zusammenhänge einzutreten. »Es kommt in diesen Erklärungen die wissenschaftliche Methodik der Psychoanalyse zur Geltung, die sich in dem Satz zusammenfassen lässt: Ich kann mir dieses oder jenes so denken, folglich ist es so.«3 Er führt weiter aus, dass der Neurose bei Adler die Unsicherheit an der eigenen Geschlechtsrolle zugrunde liege; das Sexuelle spiele überhaupt in seinen Deutungen und Erklärungen eine ebenso grosse Rolle wie bei Freud. Die ganze Schrift ist ohne Bezug auf das, was Adler wirklich sagt, verfasst.
Andere Kritiker stellen Adlers Lehre als eine Psychologie des Machtstrebens dar;4 diese Version beruht offensichtlich auf einem Irrtum in der Sekundärliteratur, der sich aus mangelnder Kenntnis des Gesamtwerkes immer weiter schleppt. Es gibt zwar Stellen, die auf den ersten Blick den Eindruck einer Psychologie der Macht erwecken: »Gross sein! Mächtig sein! das ist und war immer die Sehnsucht aller Kleinen und sich klein Fühlenden. Jedes Kind sehnt sich nach höheren Zielen, jeder Schwache nach Überlegenheit, jeder Hoffnungsschwache nach Gipfeln der Vollendung. Der Einzelne ebenso wie die Masse, Völker, Staaten und Nationen. Was immer Menschen erstreben, stammt aus ihren drängenden Versuchen, den Eindruck des Mangels, der Unsicherheit, der Schwäche zu überwinden ... Die moderne Seelenkunde hat uns aber gezeigt, dass die Züge von Herrschsucht, Ehrgeiz und Machtbestreben über den andern samt ihrer Fülle von hässlichen Begleiterscheinungen nicht angeboren und unabänderlich sind.«5 Bei genauerer Betrachtung handelt es sich jedoch um eine Charakterisierung kranker Persönlichkeitsaspekte, der innerhalb der Neurosenlehre ihr Platz zukommt. Dieser Teilbereich kann niemals als Hauptinhalt der individualpsychologischen Lehre betrachtet werden, wie es oft geschieht.
Allgemein wird anerkannt, dass in wesentlichen Punkten Übereinstimmung zwischen der Individualpsychologie und der Neopsychoanalyse besteht, dass jene »in ihren Forderungen und Ergebnissen als Vorläufer der neopsychoanalytischen Richtung angesehen werden kann«.6
Hall und Lindzey bezeichnen Adler als Vorläufer der Neopsychoanalyse und der Sozialpsychologie7, und Maslow nennt unter der dritten Kraft in der amerikanischen Psychotherapie – ausser der Freudschen und der behavioristischen Linie – an erster Stelle die Individualpsychologie.8
Wiesenhütter nimmt an, dass Adler dank seiner allgemein verständlichen Sprache »viel stärker als Wegbereiter der Tiefenpsychologie in den USA gewirkt hat als Freud, obwohl dort viele psychoanalytische Grundbegriffe fälschlicherweise Freud zugeschrieben werden, während sie von Adler stammen«.9
Da die Individualpsychologie die Charakterstruktur eines Menschen weitgehend aus seiner Stellung in der Gemeinschaft, aus seiner Beziehung zum Du ermittelt, besteht von der Sache her eine enge Beziehung zur Sozialpsychologie. Diese hat die reziproken Einwirkungen im interpersonalen Feld, die dieses Feld formenden kulturellen Kräfte und die Bedingtheit von Erleben und Verhalten durch die funktionale Stellung innerhalb dieses ganz bestimmten, kulturell gegliederten Bereiches als Gegenstand ihrer Untersuchung.
Die Individualpsychologie beinhaltet alle diese Perspektiven ansatzweise, da sie den selben Bereich von der Seite des Individuums her ins Auge fasst. Gardner Murphy nennt Adler den ersten Theoretiker mit sozialpsychologischer Ausrichtung. »The Adlerian system slipped so casually and easily into a social frame of reference that one would never think it necessary to write a book showing how individualistic and social-science conceptions are to be reconciled.«10
Trotz dieses ausgeprägten sozialpsychologischen Bezuges ist Adlers Lehre zugleich auch ganz entschieden eine Psychologie des Ichs. Damit grenzt er sich von der Freudschen Abhängigkeit des Seelenlebens vom »ES« ebenso grundsätzlich ab wie von der Determiniertheit durch unbewusste kollektive Mechanismen bei C. G. Jung.
Die Ich-Psychologie wertet Pongratz als das besondere Verdienst von Alfred Adler.11 In der wechselseitigen Bedingtheit von Ich und sozialem bzw. interpersonalem Feld kommt die Adlersche Auffassung nahe an das »soziale Selbst« Philipp Lerschs heran. Sozialität ist ein Wesenszug des menschlichen Seins; jeder Mensch trägt ein Insgesamt von Erlebnissen und Werten in sich, die er aus der Sozietät aufgenommen hat, ohne dass er noch weiss, dass der Ursprung der Eindrücke beim anderen Menschen lag: Die Eindrücke sind mit ihm eins geworden, zum Eigenbestand seines seelischgeistigen Selbst geworden. Sie machen sein So-und-nicht-anders-Sein aus.12
Wollte man das, was Adler unter »Gemeinschaftsgefühl« versteht, lediglich vom Begriff her erfassen, würde sich dies als sehr schwierig erweisen, denn Adler verwendet den Begriff in unterschiedlich umfassendem Sinne.
Er spricht von Gemeinschaftsgefühl in Zusammenhang mit der anthropologischen Situation des Menschen als eines Wesens, das naturbedingt zu seinem Überleben der Sozietät bedarf. Gemeinschaftsgefühl beinhaltet aber auch den Bezug des Menschen zu seiner Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, zu Menschen, zur Natur und den Werten der Kultur; in diesem umfassenden Sinne bezeichnet Adler es als ein »kosmisches« Gefühl. Des weiteren erwähnt er das Gemeinschaftsgefühl auch als die »unerschütterliche Logik des menschlichen Zusammenlebens« oder als ein anzustrebendes Menschheitsziel – Umschreibungen, die sich unter dem ethischen Aspekt subsumieren lassen.
Im engeren Sinne bezieht sich der Begriff aber auch sehr präzise auf die Formen der Ich-Du-Beziehung. In der gesunden Form, dem ungestörten Ich-Sein in der Du-Bezogenheit, wird das Gemeinschaftsgefühl kaum zum Problem oder nicht als Problem bewusst, da der Austausch mit dem Du in den Ich-Bereich nicht störend einwirkt, sondern im Gegenteil als Möglichkeit der Ausweitung der Persönlichkeit naturgernäss ausgeschöpft wird.13
Auch unter den Schülern Adlers finden sich zwei verschiedene Interpretationen von Gemeinschaftsgefühl. Sie stimmen darin überein, dass sie es für den zentralen Begriff der Persönlichkeitslehre halten; die eine Gruppe beschränkt sich dabei auf das soziale bzw. interpersonale Feld, die andere legt es in einem sozial-transzendentalen Sinne aus.14
Als Übersetzung hat sich im englischen Sprachbereich »social interest« eingebürgert, da die mehr operationale Bedeutung von »interest« eher im Sinne Adlers ist als die mehr phänomenologische von »feeling«.15 Buchheimer vertritt zwar die Meinung, dass der deutsche Begriff umfassender sei als jede der beiden in Frage kommenden englischen Varianten.16
Adler hat sich in tastenden Versuchen bemüht, eine Dimension des menschlichen Lebens zu erfassen, die auszuloten Philosophie und Psychologie sich immer wieder bemühen.17 Um einer Definition des Gemeinschaftsgefühls näher zu kommen, ist vorerst eine Annäherung an das, was unter »Gefühl« zu verstehen ist, vonnöten.
Mit dem Wesen des Gefühls und seiner Rolle im gesamten psychischen Aufbau haben auch Philipp Lersch und Friedrich Grossart sich befasst. Lersch betrachtet das Seelenleben als durchwirkt von Antrieben, die wie bei allem Leben auf Entfaltung, Erhaltung und Selbstgestaltung gerichtet sind und die beim Menschen – im Unterschied zum Tier als bewusst erlebt – nicht als Triebe, sondern als Strebungen zu bezeichnen sind.18 Sie vollziehen den Schritt von der Gegenwart in die Zukunft und bewirken die Arten der Selbstverwirklichung im lebendigen Dasein, im individuellen Selbstsein und im Transzendieren seiner selbst in bezug auf Menschen, auf die Welt und ihre geistig-kulturellen Werte.
In diesem Sinne sind die Antriebserlebnisse intentional. Das Innewerden des angestrebten Wertes ruft die Formen des Angemutetwerdens hervor und aktualisiert dadurch die entsprechenden Gefühlsregungen. Es handelt sich bei den Gefühlsregungen demnach um sich vergegenwärtigende Gestimmtheiten, die mit den Strebungen verwachsen sind und deshalb des intentionalen Charakters nie entbehren.19
Auch bei Friedrich Grossart ist das Gefühl mit der Strebung verwoben. Das Wahrnehmen des angestrebten Objektes, sei es Lebewesen, Sachverhalt oder kultureller Wert, ergibt eine subjektive Zuständlichkeit, durch welche die Strebung ihren Sinn erhält. Die Art dieser hervorgerufenen Zuständlichkeit bedingt die Art und die Färbung des Gefühls. Beide zusammen, Strebung und Bewusstsein, konstituieren das Gefühl.
»Die Strebungszuständlichkeit wird unmittelbar erlebt, man wird ihrer fühlend unmittelbar inne.«20 Die Strebung fundiert das emotionale Erlebnis; in umgekehrter Betrachtung wird zugleich die Art der Strebung im Gefühl manifest. Grossart ist deshalb der Meinung, dass sich gerade im Gefühl die verschiedenen Weisen des Seins und ihre Einheitlichkeit zeigen und dass ihre ontologische Fundierung nicht in einer letztlich ununterscheibaren Mitte des seelischen Daseins zu suchen ist wie bei Lersch.
»Im Gegenteil, nach unserer These wird gerade in den Gefühls- und auch den Strebungserlebnissen dieser Grund erschlossen; in ihnen werden die an sich unbewussten, den seelischen Untergrund bildenden Strebungen unmittelbar inne, erlebt und damit auch voneinander abgehoben und unterschieden. Das Gefühl ist ein Haupt-, vielleicht sogar der Königsweg zur Tiefe und Mitte des seelischen Daseins.«21
Ist das Gefühl als Innewerden von Strebungen zu verstehen, so lässt sich Gemeinschaftsgefühl als das unmittelbar bewusst erfahrene Gerichtetsein auf ein Du, auf mehrere Menschen oder die Gemeinschaft überhaupt bestimmen. Lersch bezeichnet die im Gemeinschaftsgefühl sich manifestierende Strebung als die Strebung des Miteinanderseins, die in der anthropologischen Situation begründet ist.
»Jedenfalls muss der Antrieb zum Leben im Miteinander als ein menschlicher Grundtrieb anerkannt werden. Er äussert sich als das Streben, im Bewusstseinshorizont anderer Menschen zu leben, sich mitzuteilen und das Weltbewusstsein der anderen zu teilen. Seine Thematik lässt sich bestimmen als Wunsch, nicht allein zu sein – ein Wunsch, in dessen Wirksamkeit der andere gesucht wird als Pol, in dem das eigene Dasein seinen Widerhall findet und für den man selbst Widerhall wird.«22
Adler ist auf eine andere Art an das Problem des Gemeinschaftsgefühls herangetreten. In allen seinen Überlegungen hat er die menschliche Persönlichkeit immer als unteilbares Ganzes im Auge: der Natur entstammend, ein bestimmtes Ziel erstrebend und sein Leben auf seine individuelle Art im sozialen Verband verwirklichend. Adlers Äusserungen über das Gemeinschaftsgefühl sind von daher in ihrer Vielschichtigkeit zu verstehen.
Der anthropologische und der ethische Aspekt lassen sich nur schwer von der eigentlich psychologischen Dimension abheben, und diese wiederum ist wesenhaft mit den beiden andern verknüpft.
Es erscheint deshalb sinnvoller, den Zugang zu Adlers Auffassung vom Gemeinschaftsgefühl weniger vom Begriff als mehr von der Sache her zu suchen, die er mit all diesen einkreisenden Formulierungen zu erfassen versucht und über die er sich nicht nur dort äussert, wo er expressis verbis von Gemeinschaftsgefühl spricht, sondern die zum Beispiel auch in seiner Neurosenlehre dargelegt wird, indem er die psychische Irritation als Abweichungen von der gesunden Beziehung zur Gemeinschaft beschreibt. Die Neurose beruht auf mangelhaftem Gemeinschaftsgefühl.
Eine Aufgliederung dessen, was Adler mit Gemeinschaftsgefühl alles meint, ist keine leichte Sache, weil sein Werk keine geschlossene theoretische Darstellung des menschlichen Seelenlebens bietet, sondern sich dadurch auszeichnet, dass theoretische Fragmente mit einer Fülle von Fallschilderungen in gegenseitiger Verzahnung einen Sachverhalt darlegen.
Diese Art des Vorgehens hat oft zur Annahme geführt, Adler sei mehr Kasuistiker denn Systematiker. »Der Individualpsychologie fehlt bei weitem die Systematik, ein geschlossenes System der Erklärungen menschlicher Handlungen zu geben, wie sie Freuds Psychoanalyse auszeichnet«, urteilt zum Beispiel Dieter Wyss.23
Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass Adler durchaus auf seine Art systematisch vorgeht, und zwar in induktiv-deduktiver Weise, indem der Abklärung jedes einzelnen Falles der Vorrang vor allgemeinen Aussagen gebührt. Die bereits gesicherten Erkenntnisse bringt er in die Beurteilung jedes neuen Falles mit ein – die konkrete Form, der Lebensstil, muss jedoch von diesem einzelnen her neu erarbeitet werden. Allfällige Widersprüche zwischen einem konkreten Fall und den bisherigen Theoremen sind Anlass zur Überprüfung des Ganzen.
Adler nimmt zu dieser Frage der Systematik in einem Artikel in der »Internationalen Zeitschrift« ausführlich Stellung. Er beurteilt bekanntlich die Persönlichkeit je nach ihrer Stellung zu den Fragen des Lebens, und zwar in drei Bereichen, den Fragen der Gemeinschaft, der Liebe und des Berufs.
Ist der Mensch durch die Erziehung auf eine dieser Fragen nicht, ungenügend oder ausgesprochen falsch vorbereitet worden, kann er in verschiedenen Formen der Bewegung dem Problem auszuweichen versuchen, sei es durch Zögern, durch Distanz, durch Ausbiegen oder durch »verkürzte Aufmarschbreite«, indem er Teile des Problems auszuschalten versucht. »Alle diese Gesichtspunkte sind bei jedem einzelnen Fall in Betracht zu ziehen«, führt er aus und legt im weiteren dar, dass man »im Verständnis des fehlerhaften Einzelnen vorwärts schreiten« muss.
Er grenzt sich bewusst gegen jede Typologie des Seelenlebens ab und fügt bei: »Ich wäre neugierig zu sehen, wo noch eine so fest gefügte Systematik in einer anderen psychologischen Richtung existiert. Wenn Sie bedenken, wie stark unsere Wissenschaft mit Selbstkritik und Skepsis ausgestattet ist, erscheinen alle Vorwürfe mangelhafter Systematik lächerlich. Gerade das ist ein Einwand, den ein Gegner nie machen könnte.«24
Dem Psychologen weist Adler eine Art Hilfsstellung zu: Er verhilft dem Menschen dazu, sehen zu lernen, wie er im gesamten, als unteilbare Ganzheit, zu den Problemen des Lebens steht und wie weit er ihnen mit seinem bisherigen Lebensstil gewachsen ist. Das Leben beinhaltet die drei Bereiche der Gemeinschaft, der Liebe und des Berufs. In allen dreien stellt sich im engeren Sinne das Problem der Gemeinschaft, der Beziehung zum Du. Die Technik der Individualpsychologie lässt sich nur dann handhaben, wenn der Psychologe über eine profunde Kenntnis der Lebensprobleme und der Anforderungen, die ihre Lösung an das Individuum stellt, verfügt.
Jeder der drei Bereiche erfordert zur Bewältigung einen gewissen Grad an Gemeinschaftsgefühl, eine »Angeschlossenheit an das Ganze des Lebens, eine Fähigkeit zur Mitarbeit und Mitmenschlichkeit«.25 Der Mangel dieser Fähigkeit führt zu den verschiedenen Formen und Graden der Fehlschläge, die sich als Neurosen, Suizide, Kriminalität, Verwahrlosung und ähnliches äussern können.
In diesem Falle ist es Aufgabe des Psychologen, nach der Ursache des Versagens zu forschen, das im Ausweich- oder Kompensationsmechanismus liegende Ziel zu ermitteln und den in der Kindheit liegenden Ursprung der verfehlten Stellungnahme zur Gemeinschaft in Erfahrung zu bringen. Indem er das Gemeinschaftsgefühl des Ratsuchenden verbessert, hebt er dessen Lebensmut.
Wenn der Analysand den verfehlten Sinn, den er seinem Leben unterschoben hat, verstehen lernt, wird der Weg zur Gemeinschaft frei; das bringt ihn dem Sinne näher, den das Leben dem Menschen aufgegeben hat und der nur in Gemeinschaft mit dem Du zu finden ist.26
Adler war der Meinung, dass sich aus seinem Einblick in die Ätiologie der gesunden und der kranken Beziehung zur Gemeinschaft Konsequenzen ergeben für jeden Erzieher, für die Eltern, den Lehrer, den Arzt und den Seelsorger. Die Prophylaxe durch richtige Führung der Kinder in Elternhaus und Schule war ihm eines der grössten Anliegen. Er gründete bereits 1918 die ersten Erziehungsberatungsstellen in Wien.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, über die Entstehung und die Bedeutung des Gemeinschaftsgefühls Klarheit zu bekommen. Zu diesem Zwecke werden im ersten Teil die verschiedenen Aspekte des Gemeinschaftsgefühls bei Alfred Adler möglichst umfassend dargestellt: Ein genaueres Verstehen der Rolle des Gemeinschaftsgefühls in der Ich-Du-Beziehung ist nur möglich, wenn Adlers Aussagen über das Gemeinschaftsgefühl im weiteren Sinne einbezogen werden. Deshalb werden der anthropologische Boden, auf dem seine Persönlichkeitstheorie aufbaut, und seine ethische Sicht vom Gemeinschaftsgefühl vorangestellt. Sein Verständnis der Neurose und der Psychose als Fehlschläge des Gemeinschaftsgefühls kommt ebenfalls zur Sprache.
Die Auffassung Adlers über Entstehung und Bedeutung des Gemeinschaftsgefühls soll hernach mit einigen Befunden der Entwicklungspsychologie, der Psychopathologie und der Neopsychoanalyse verglichen werden. Der Gegenstand der Untersuchung ist in allen psychologischen Schulen derselbe; der Mensch mit der Art seiner Lebensgestaltung und den Schwierigkeiten, die ihm hierbei erwachsen. Es ist daher anzunehmen, dass die Individualpsychologie einen Bereich zu erkunden versuchte, den auch andere Schulen auf ihre Art ins Auge gefasst haben und zu erklären sich bemühten.
Deshalb sollte ein Vergleich der Adlerschen Aussagen über das Gemeinschaftsgefühl mit jenen von Rene Spitz und John Bowlby, mit den Befunden der Schizophrenen-Therapie, besonders bei Frieda Fromm-Reichmann, und mit Karen Horney, Erich Fromm und Harry Stack Sullivan sich lohnen. Der Vergleich wird helfen, Gültiges von Vorläufigem oder Irrtümlichem abzusondern.
Dass der Gegenstand der Untersuchung sich als sehr komplex erweist, sollte nicht entmutigend wirken, sondern Ansporn für die weitere Forschung sein. Die menschliche Persönlichkeit sei vielleicht das komplexeste aller komplexen Systeme auf der Erde, meint John Bowlby: »To describe the principal components of its construction, to understand and predict the ways in which it works and, above all, to map the multitude of intricate pathways along any of which one person may develop, these are all tasks for the future.«27
Nicht weniger Zukunftsarbeit wird wohl in bezugauf das Gemeinschaftsgefühl zu leisten sein, und zwar sowohl in seiner Erforschung als in der Schaffung der nötigen Voraussetzungen zu einer natürlichen und gesunden Entfaltung der Beziehung zum Du. Die Darlegungen Adlers können dazu als Anregung dienen.
Das Gemeinschaftsgefühl bei Alfred Adler
Der anthropologische Aspekt: Gemeinschaftsgefühl als ursprüngliche Gegebenheit
Psychologische und anthropologische Forschung tendieren unter Einbezug der Soziologie immer mehr dahin, den Menschen als soziales Lebewesen zu sehen und in der Vielfalt seiner Bezüge immer genauer zu verstehen. Lersch nennt ihn das »animal sociale«, zu dessen wesensmässigen Strebungen auch ein eigentlicher Gesellungstrieb gehört.
Auf die tiefgreifende Verankerung der sozialen Lebensmöglichkeit in der Natur machen innerhalb des anthropologischen Bereiches vor allem die Arbeiten von Adolf Portmann und Ashley Montagu aufmerksam: Die soziale Spielart des Lebens, die in unterschiedlichem Masse bei vielen Gattungen anzutreffen ist, ist beim Menschen am ausgeprägtesten zu finden: ihr ist der ganze Bereich des kulturellen Lebens zu verdanken. Adlers Auffassung stimmt mit diesen Befunden weitgehend überein.
Gemeinschaftsgefühl im weiteren Sinne ist eine Gegebenheit der menschlichen Evolution, und zwar nicht nur eine Notwendigkeit der natürlichen Entwicklung, sondern auch ein »Geschenk der Evolution«. Wegen der Übereinstimmung der Adlerschen Sicht mit einigen Resultaten der heutigen Anthropologie mag es angebracht sein, auf die soziale Situation des Menschen, wie sie sich bei Portmann und Montagu präsentiert, kurz einzugehen.
Montagu betrachtet den Mutualismus der niederen Tiere bereits als Frühstadium in der Entwicklung des Soziallebens der höheren Arten und weist darauf hin, dass tiefwurzelnde Potentialitäten in Richtung Sozialität im organischen Leben existieren.28 Ermöglicht das soziale Leben bereits bei den anderen höheren Lebewesen erst die volle Entwicklung des Individuums und bringt »Erhöhung der Vitalität, Steigerung der individuellen Sonderart, durch die eine bedeutende Ausweitung der Möglichkeiten des Einzelwesens entsteht«,29 so scheint diese Möglichkeit der Natur beim Menschen in einem Höchstmass gegeben zu sein.
Das Prinzip der Kooperation, das Montagu als das dominierendste und biologisch bedeutendste bezeichnet und das für den Menschen ausschlaggebend ist,30 bildet zusammen mit dem auffallenden Mangel an instinktharter Geprägtheit die Grundlage für die besondere soziale Lebensform des Menschen: Der aufrechte Gang (nach Portmann in hohem Masse ein Sozialphänomen31), die Entwicklung der Sprache, der Gebärden und der übrigen Zeichen des beherrschten Ausdrucks – im Unterschied zu den mimischen Mitteln des tierischen spontanen Ausdrucks32 – sowie die Fähigkeit zu einsichtigem Handeln, alle diese Verhaltensweisen »werden in reifendem Lernen oder lernendem Reifen erworben, und keine entsteht vollwertig, wenn der Sozialkontakt fehlt oder minderwertig ist«.33
Diese Form des Reifens und der Weitergabe von Verhaltensweisen im sozialen Kontakt, die Portmann auch als exosomatische Erblichkeit bezeichnet, überspielt in ihrer prägenden Wirkung weit das, was endosomatisches Naturgeschehen leistet, und charakterisiert die Eigenart der menschlichen Evolution.34 Sie hat das ermöglicht, was uns im geschichtlichen Überblick in Gestalt von verschiedenen Formen der Kultur und ihrer Weitergabe durch die Tradition entgegentritt und auf deren Vielfalt die ethnologischen Studien Margaret Meads, Bronislaw Malinowskis, Ruth Benedicts u. a. aufmerksam machen.
Die Übertragung des ganzen Reichtums an Lebensäusserungen einer Gruppe und die Festigung von erlernten Gewohnheiten beim heranwachsenden Individuum werden beim Menschen durch drei Faktoren in besonderem Masse gesichert:
»Einmal ist der Sozialkontakt in die für hohe Säugetiere bezeichnende Uteruszeit hinein, also rückwärts, verlängert, indem ein volles entscheidendes Jahr in den »exosomatischen Uterus« der Gruppe verlegt wird. Ferner wird die Kindheit durch Verlangsamung der Entwicklung nach dem ersten Lebensjahr um Jahre verlängert. Und schliesslich ist bei uns die artgemässe Lebensdauer zu einer ausgesprochen langen Altersphase ausgedehnt, welche den Kontakt mehrerer Generationen möglich macht.«35 Der Zusammenhang scheint gesichert, dass der Mensch mit der ihm eigenen neuropsychischen Ausstattung infolge der absoluten Hilflosigkeit in der frühen Kindheit und der langen Dauer der sozialen Abhängigkeit ein in höchstem Masse sozial prägbares Wesen ist.
Getragen von der Sozietät während der ersten Jahre, reift er erst zum lebensfähigen Wesen heran; im weiteren Zusammenleben integriert er mehr und mehr die Verhaltensweisen, Normen und Werte seiner Umgebung, wird dadurch zum Kulturträger und gibt sie seinerseits weiter.
»Gesteigertes Sozialleben ermöglicht die höchste Ausprägung der Individualität«36: Diese vom Biologen aufgestellte These erfährt durch die Psychologie mannigfache Bestätigung.
Aufgrund dieser anthropologischen Befunde muss die soziale Struktur des gesamten humanen Lebens als eine natürliche Gegebenheit betrachtet werden. Der soziale Zusammenschluss ist nicht etwa erst durch einen rationalen Entschluss, eine Art Verabredung, erfolgt, wie dies in der Sozialphilosophie seit Rousseau häufig angenommen wurde.37
Alfred Adler hat in seinen Gedankengängen zur Stellung des Menschen in der Natur vieles vom soeben Dargelegten vorweggenommen. Er nennt drei wesentliche Gegebenheiten, durch die jedes menschliche Wesen gebunden ist: einmal die Tatsache, dass die menschliche Entwicklung sich nur im Rahmen der Möglichkeiten und unter den Restriktionen dieses »armen Planeten Erde« vollzieht, ferner die biologische Gegebenheit der Zweigeschlechtlichkeit und schliesslich die Schwäche und die Unzulänglichkeit des Einzelwesens. Alle drei erfordern die Assoziation mit anderen Menschen, und in diesem Sinne ist das Gemeinschaftsgefühl ein Bestandteil der Naturentwicklung.38
»In some ways men are the weakest of all creatures. We have not the strength of the lion or the gorilla, and many animals are better fitted to meet the difficulties of life alone. Some animals compensate for their weakness by association – they join together in herds; but human beings have need of more varied and deeper co-operation than we can find anywhere else in the world. The human child is especially weak; it needs care and protection for many years.«39
Ohne den sozialen Zusammenschluss könnte der Mensch weder als Individuum überleben, noch könnte er das Leben der Art weitergeben: Adler bezeichnet die Assoziation als den bedeutendsten Schritt in der Evolution, und zwar sowohl zum Wohle des Einzelnen als auch zum Wohle der ganzen Art.40
Sein Verständnis der menschlichen Evolution ist ein ausgesprochen dynamisches; innerhalb der Assoziation waltet das Streben nach Bedingungen, unter denen das Leben sich optimal entfalten kann. Diesen Prozess sieht er in gewisser Weise analog zur Situation des Kindes. In der Schutz- und Pflegebedürftigkeit der ersten Kindheitsjahre erlebt das Kind in vollem Ausmass die Schwächesituation, aus der es nur mit Hilfe des sozialen Verbandes herauswachsen kann.
Ähnlich nimmt Adler an, dass die Menschheit gegenüber der Natur ein tiefes Gefühl der Insuffizienz – in gewissem Sinne ein Minderwertigkeitsgefühl – gekannt hat, das nach immer neuen und besseren Lösungen für die Erfordernisse des Lebens drängt. Die bessere Lösung konnte nur in verstärkter Zusammenarbeit, durch einen höheren Grad an Gemeinschaftsgefühl erfolgen. Die Geschichte der Menschheit ist nach Adler als die Geschichte des Minderwertigkeitsgefühls und seiner Lösungsversuche anzusehen. Er betrachtet dieses Streben als in der Natur verankert.
»Einmal in Bewegung gesetzt, war die lebende Materie stets darauf aus, von einer Minussituation in eine Plussituation zu gelangen … Diese Bewegung, die durchaus nicht als zum Tode führend angesehen werden darf, ist vielmehr darauf gerichtet, zur Bewältigung der äusseren Welt zu gelangen, keineswegs zu einem Ausgleich, nicht zu einem Ruhezustand.«41 »Diese ungeheure, zwangsweise Auflehnung gegen ein haftendes Minderwertigkeitsgefühl als Grundlage der Menschheitsentwicklung«42 hat all die Schöpfungen hervorgebracht, die wir unter der Bezeichnung Kultur zusammenfassen.
Leben heisst immer sich entwickeln, aber die humane Evolution ist im besonderen gekennzeichnet durch dieses ständige Ringen, das Überleben innerhalb der vom Kosmos gestellten Bedingungen zu erleichtern. Sie ist eine schöpferische Evolution.43 Von all den Lösungsversuchen, die von Einzelnen oder von Gruppen von Menschen hervorgebracht wurden, hatten nur diejenigen Bestand, die vermeintliche oder wirkliche, vorübergehende oder dauerhafte Beiträge zum Wohle der Allgemeinheit waren.
Das Wohl der Gemeinschaft ist das Auswahlkriterium, nach dem die kulturellen Schöpfungen in erhaltens- und vergessenswerte ausgeschieden werden. Auf diesen Zusammenhang weist Adler hin, wenn er vom Wohl der Allgemeinheit als einer »absoluten Wahrheit« spricht, aufwelche die menschliche Evolution hinzielt.44
Die Situation des Menschen war somit von jeher eine Gemeinschaftssituation. Seine Entwicklung, sein Überleben, seine Lösungsversuche zur Linderung und Überwindung der Schwächesituation vollziehen sich alle im Rahmen der Gemeinschaft mit anderen Menschen. Im Sinne dieser ursprünglichen, situativen Gegebenheit versteht Adler das Gemeinschaftsgefühl als Bestandteil und Geschenk der Evolution.45
Auch die Angst, für die der Mensch infolge seiner biologischen Schwäche so ausserordentlich anfällig ist, kann nach Adler nur durch die Gemeinschaft überwunden oder gelindert werden, und zwar betrifft dies sowohl die Angst des Menschen vor Gefahren aus der materiellen bzw. aussermenschlichen Natur – von denen viele durch gemeinsame Anstrengung von Menschen, oft über Generationen hinweg, bereits gebannt werden konnten – als auch die »intraspezifische« Angst, die dem Zusammenleben der Menschen entspringt und für dieses bedeutsam ist.46
Die Angst kann nur aufgehoben werden durch einen höheren Grad an Gemeinschaftsgefühl. »Nur der wird ohne Angst durchs Leben gehen können, der sich seiner Zugehörigkeit zu den andern bewusst ist.«47 Diese bewusst erlebte Verbundenheit mit den andern Menschen, die für den Einzelnen in seinem individuellen Bereich psychische Gesundheit bedeutet, ist nach Adler gleichzeitig unerlässliche Voraussetzung dafür, dass er mit den andern zusammen an der Lösung der drückenden Gegenwartsprobleme, die alle »aus dem Mangel sozialer Durchbildung« stammen, arbeiten und so zur Linderung der Angst beitragen kann.
Adler bezieht diesen Prozess der Angstverminderung durch Schutzsuchen in der Gemeinschaft und Schutzgeben durch die Gemeinschaft auf beide Quellen, auf die Gefahren der aussermenschlichen Natur und auf den sozialen Bereich.
Auch die Sinngebung des Lebens sieht er im Zusammenhang mit der Verbesserung der menschlichen Situation in ihren natur- und kulturbedingten Komponenten. Beim Eintritt ins Leben findet der einzelne Mensch einen bestimmten Stand der kulturellen Evolution vor – das, was die Vorfahren bis anhin als Beitrag zur Höherentwicklung der gesamten Menschheit fertiggestellt hatten.48
Indem er sich in diesen Strom der Entwicklung einlebt und aktiv gestaltend zum Wohle der Allgemeinheit daran teilnimmt, gibt er seinem Leben einen über sein persönliches Dasein hinausgreifenden Sinn und ist durch seinen Beitrag für die Nachwelt von Bedeutung. Die andern, die diesen Anschluss an den Strom der gemeinschaftlichen Entwicklung nicht finden können, erlöschen im Gedächtnis der Nachwelt sehr bald; Adler vergleicht sie in gewisser Weise mit ausgestorbenen Tierspezies, die keine Harmonie mit den kosmischen Gegebenheiten finden konnten.49
Wie erwähnt, stimmt Adlers Charakterisierung der naturgegebenen Situation des Menschen mit jener von Portmann und Montagu weitgehend überein. Er weist wiederholt darauf hin, dass der Mensch ein von Natur aus minderwertiges, schwach ausgerüstetes Wesen ist, das, ähnlich wie andere Arten in der Natur, die auch durch den Zusammenschluss neue Kräfte, neue Möglichkeiten des Lebens entwickelt haben, erst durch das Gruppenleben – durch einen höheren Grad an Gemeinschaftsgefühl – günstigere Bedingungen für ein Überleben schaffen konnte.
Die in der biologischen Situation begründete Minderwertigkeit, die den Menschen als ein Gefühl der Unsicherheit begleitet, wirkt als ein fortwährender Anreiz, »um die Anpassung an dieses Leben zu bewerkstelligen, vorzusorgen, sich Situationen zu schaffen, wo die Nachteile der menschlichen Stellung in der Natur ausgeglichen erscheinen«.50
Diese nämliche Schwächesituation sieht Adler am Beginn jedes einzelnen Lebens nochmals ganz ausgeprägt in Erscheinung treten. Im Bestreben des Kindes, über seinen Ohnmachts- und Schwächezustand hinauszuwachsen, liegt seine Erziehbarkeit begründet.51 Hier wird deutlich, wie Adlers anthropologische Sicht seine Erziehungslehre beeinflusst. Im Chaos der Eindrücke und Empfindungen sucht das Kind sich zurechtzufinden, versucht, »die Griffe anzusetzen, um die Schwierigkeiten zu überwinden« und damit die Unsicherheit des Lebens zu verringern; es probiert Verhaltensweisen aus, um von den Pflegepersonen die Stillung der lebensnotwendigen Bedürfnisse zu erwirken, und erfährt die Reaktion, die es mit seinem Appell hervorrufen kann.
Ausgehend von diesen ersten tastenden Versuchen der Beziehungsaufnahme entwickelt es die ihm eigene, individuelle Art, das Leben zu nehmen.52 Auf welche Art von Appell die Pflegeperson reagiert und wie sie reagiert, ergibt für das Kind eine Art Orientierung für sein weiteres Verhalten, und darin liegt – in der umgekehrten Perspektive – die Möglichkeit des Erziehers, dem Kind den Weg zur Kooperation zu ermöglichen. Indem das Kind in langsamem Voranschreiten gewisse Verhaltensweisen festigt, gewinnt es das, was Adler auch einen fixen Punkt im Schwanken des Seins genannt hat: Es formt seinen Charakter. Auf der Ebene des Erwachsenen definiert Adler den Charakter als eine soziale Erkenntnis, die die Art und den Grad an Beziehung eines Menschen zu seiner mitmenschlichen Umwelt erhellt.
Der Charakter ist eine »versuchte Stellungnahme zu den Forderungen des sozialen Lebens«.53 Durch das mangelnde Wissen der Erzieher um dieses frühkindliche Einüben einer Stellungnahme zur Gemeinschaft können sich auch die fehlerhaften Versuche festigen. Adler sieht die Gefahr der Abweichung besonders in zwei Richtungen, indem das Kind einerseits versuchen kann, sich mit jenen Mitteln durchzusetzen, die es bei den Erwachsenen als Mittel ihrer Macht empfunden hat, oder andererseits daran geht, seine Schwäche zu betonen, um damit vermehrte Zuwendung und Entlastung von Anforderungen zu erwirken.
Solche irrtümlichen Ansätze des Kindes bilden, wenn sie sich erhärten, die Grundlage der Neurose. Aus dem Einblick in die Ätiologie alles menschlichen Verhaltens ergibt sich von selbst, dass störende, irritierte Charakterzüge niemals die Grundlage zu einer moralischen Beurteilung des Menschen sein dürfen; Neurose und Psychose sind bei Adler als stark in die Irre gegangene Stellungnahmen zum Leben in der Gemeinschaft zu begreifen.54
Adler sieht somit auch die Möglichkeit der Erkrankung im und durch den sozialen Verband in der Situation des Menschen als Gattungswesen begründet. Erziehungs- und Neurosenlehre fundieren ebenso in der Anthropologie wie die Sinngebung des Lebens: Die ausserordentliche Abhängigkeit von der Gemeinschaft, die Unfähigkeit, als Einzelwesen zu überleben, machen den Menschen zutiefst prägbar. Er ist mit seinen vitalsten Strebungen ganz an die Societas gebunden und kann dem Erfahren dieser Gebundenheit in keinem Lebensalter entrinnen. In der Übereinstimmung mit den Erfordernissen der naturgegebenen Situation findet sein Leben Erfüllung und optimale Entfaltung.
Es ergeben sich daraus zugleich auch – wie schon angedeutet – Sinngebung und Ziel für das Leben des Individuums und der Art.
Der ethische Aspekt: Gemeinschaftsgefühl als anzustrebendes Menschheitsziel
Der Adlersche Begriff des Gemeinschaftsgefühls beinhaltet in seinem weiteren Sinne auch eine ausgeprägte ethische Komponente, eine Ausrichtung auf ein Ziel, das es wert ist, angestrebt zu werden, und zwar sowohl vom Einzelnen als auch von der Gemeinschaft als Ganzem. Adler sieht dieses Bemühen um ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl in der kulturellen Evolution am Werk.
»Eine genaue Betrachtung des persönlichen Lebens und des Lebens der Masse, der Vergangenheit und der Gegenwart zeigt uns das Ringen der Menschheit um ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl. Es ist kaum zu übersehen, dass die Menschheit um dieses Problem weiss und von ihm durchdrungen ist. Was in der Gegenwart auf uns lastet, stammt aus dem Mangel sozialer Durchbildung. Was in uns drängt, um auf eine höhere Stufe zu kommen, von den Fehlschlägen unseres öffentlichen Lebens und unserer Persönlichkeit frei zu werden, ist das gedrosselte Gemeinschaftsgefühl. Es lebt in uns und sucht sich durchzusetzen, es scheint nicht stark genug zu sein, um sich trotz aller Widerstände zu bewähren.
Es besteht die berechtigte Erwartung, dass in viel späterer Zeit, wenn der Menschheit genug Zeit gelassen wird, die Kraft des Gemeinschaftsgefühls über alle äusseren Widerstände siegen wird. Dann wird der Mensch Gemeinschaftsgefühl äussern wie Atmen. Bis dahin bleibt wohl nichts anderes übrig, als diesen notwendigen Lauf der Dinge zu verstehen und zu lehren.«55
Dieses Ethos kennzeichnet alle theoretischen Überlegungen Adlers, seine therapeutische Arbeit und sein Bemühen und Prophylaxe in Familie und Schule. Der Gesundungsprozess der Gesellschaft als Ganzes vollzieht sich nur mittels des Gemeinschaftsgefühls. Adler ist tief davon über zeugt, dass die ungestörte Entfaltung des Gemeinschaftsgefühls im Leben jedes Einzelnen die Störungen im sozialen Organismus reduzieren würde. Dass die Menschheit einmal ihre eigene Natur verstehen lernt und beginnt, deren Erfordernissen gemäss zu leben – das ist das Bemühen, mit dem Adler einen Platz unter den Humanisten aller Zeiten einnimmt.
Nachzuvollziehen, wie Adler seine Ethik von der Finalität der Evolution her begründet, ist nicht leicht; bei genauer Betrachtung zeigt es sich, dass sie viel mehr in der Anthropologie als in moralischen Forderungen wurzelt. Er betrachtet die Evolution als zielgerichtet, auf eine vollkommene Form der Gemeinschaft hinstrebend, und zwar vollkommen im Sinne der Übereinstimmung mit den Erfordernissen der menschlichen Natur.
Er definiert auch das Gemeinschaftsgefühl unter anderem als ein Streben nach diesem Ziel: »Gemeinschaftsgefühl besagt vor allem ein Streben nach einer Gemeinschaftsform, die für ewig gedacht werden muss, wie sie etwa gedacht werden könnte, wenn die Menschheit das Ziel der Vollkommenheit er reicht hat.«56 Er betrachtet diese ideale Gemeinschaft als ein richtunggebendes Ziel, das nur erreicht bzw. angenähert werden kann, wenn der Mensch sich seiner sozialen Bedingtheit und seines Angewiesenseins auf die Gemeinschaft bewusst wird und er dann bewusst handelnd die Möglichkeiten der Gemeinschaft vermehrt ausschöpfen kann.57
Die anthropologische Basis besteht darin, dass allem Lebendigen ein Sichentwickeln, ein dauernder Drang nach immer besserer Anpassung an die Forderungen der Aussenwelt innewohnt. Wenn Adler beim Menschen von einem Streben nach Vollkommenheit spricht, so meint er dieses allem Lebendigen immanente Streben nach immer besserer Entfaltung der in der eigenen Art liegenden Möglichkeiten.58 Deshalb spricht er auch von einer letzten Erfüllung der Evolution.59
Es ergibt sich daraus zugleich eine interessante historische Perspektive: Alle bisherigen Formen gesellschaftlicher Bewegung sind Versuche, Vorversuche, von denen nur diejenigen Bestand haben, die in Richtung der vollkommenen Gemeinschaft gelagert sind.60 Dieser Massstab wird von Adler auch an die gesellschaftlichen und politischen Bewegungen der Gegenwart angelegt.
Der Zustand grösserer Gemeinschaftlichkeit ist als ein Zustand grösserer Kooperationsfähigkeit zu verstehen, wo jeder Einzelne sich mehr als bisher als ein Teil des Ganzen darstellt und durch diese vermehrte Teilnahme an der Gemeinschaft auch eine stärkere und ausgeprägtere Individualität entwickelt.61
Gemeinschaftlichkeit darf also nicht mit Konformität verwechselt werden; »social feeling« ist, wie Alfred Farau betont, »individual responsibility within and for the community. lt is just the opposite of collective conformity.«62
Durch einen höheren Grad an Gemeinschaftlichkeit kann jeder in vermehrtem Masse zum Wohle aller beitragen. Adler betrachtet die seelischen Funktionen nur dann als gesund und vernünftig, wenn sie – im Einklang mit der fortschreitenden Kultur – dem allgemeinen Wohl und damit der Höherentwicklung der Menschheit dienen und so zum Ziele der Evolution der Menschheit beitragen.63 Er bezeichnet Gemeinschaftsgefühl auch als ein »Fühlen mit der Gesamtheit sub specie aeternitatis«, d. h. im Hinblick auf diese ideale Gemeinschaft.64 Es ist eine dynamische Betrachtungweise mit einer Zielvorstellung, die Adler aus seiner Anthropologie ableitet, und dieses Ziel der allgemeinen Wohlfahrt dient ihm als Massstab für die Beurteilung der speziellen Varianten von Menschen und Völkern, von gegenwärtigen und historischen Zuständen und Bewegungen.65
Dieses Mass wendet er auch auf den einzelnen Menschen an. An seiner ganzen Haltung, seinem Denken und Handeln und allen seinen Lebensäusserungen liest er den Grad an Gemeinschaftsgefühl ab. Der Mensch, der die vor ihm liegenden Aufgaben in einer allgemeingültigen Art bewältigt und dessen Gemeinschaftsgefühl so weit entwickelt ist, dass er die Spielregeln der Gemeinschaft aus spontanem Gefühl befolgt, stellt das Idealbild dar, mit dem der Einzelne sich vergleichen und woran er den Wert seines Handelns ermessen kann.66
Dieser hohe Grad an Gemeinschaftsgefühl ist prinzipiell ebenso wertfrei zu betrachten wie jede Persönlichkeitsform mit mangelhaft entwickeltem Gemeinschaftsgefühl; er wäre in gleicher Weise das Produkt einer unter bestimmten – und in diesem Falle günstigen – Bedingungen verlaufenen Entwicklung innerhalb der Gemeinschaft.
Adler ordnet bekanntlich alle Lebensfragen den drei grossen Bereichen des Gemeinschaftslebens, der Arbeit und der Liebe unter: »Wie leicht ersichtlich, sind es keine zufälligen Fragen, sondern sie stehen unausgesetzt vor uns, drängend und fordernd, ohne irgend ein Entkommen zu gestatten. Denn all unser Verhalten zu diesen Fragen ist die Antwort, die wir kraft unseres Lebensstils geben. Da sie untereinander eng verbunden sind, und zwar dadurch, dass alle drei Probleme zu ihrer richtigen Lösung ein gehöriges Mass von Gemeinschaftsgefühl verlangen, ist es begreiflich, dass sich der Lebensstil jedes Menschen mehr oder weniger deutlich in der Stellung zu allen drei Fragen spiegelt.«67
Aus diesen Formulierungen wird deutlich, dass das ethische Problem nicht nur mit der anthropologischen, sondern auch mit der psychologischen Betrachtungsweise ein einheitliches Ganzes bildet. Jeder gibt auf die drei Problembereiche seines Lebens in der Weise Antwort, wie es seiner Persönlichkeit, seiner bewussten und unbewussten Meinung über sich selber und über die andern Menschen, seinem Charakter – und Charakterzüge definiert Adler als soziale Bezogenheiten68 – entspricht. Der Grad an Gemeinschaftsgefühl kommt darin untrügbar zum Ausdruck, und besonders dann, wenn das Leben Belastungssituationen mit sich bringt, die in gewissem Sinne Prüfsteine für die Tragfähigkeit des Gemeinschaftsgefühls sind.
Wenn das Gemeinschaftsgefühl nicht verschüttet ist, stellt es für den Einzelnen ein äusserst wertvolles Hilfsmittel dar, eine Art Kompass, um sich in den stets neuen Situationen des Lebens zurechtzufinden. Die kleinen und die grösseren Aufgaben im Leben stellen sich in immer neuer, immer wieder anderer Form, so dass sie in einem schematischen Vorgehen, zum Beispiel im Sinne von bedingten Reflexen, nicht sinnvoll bewältigt werden können.
Nur intuitives Erfassen der Zusammenhänge, der psychischen Triebfedern, der eigenen Motive und der Beweggründe der andern ermöglicht es, stets aufs neue Lösungen zu schaffen, die für alle Beteiligten sinnvoll sind. »Dieses Erraten aber« – nämlich die Intuition – »zeichnet am stärksten den Menschen aus, der ein Mitspieler, ein Mitmensch ist, der Interesse hat an der glücklichen Lösung aller Menschheitsfragen.«69
In dem Sinne, dass es für die Aufgaben des Lebens überhaupt richtige Lösungen, nämlich Lösungen im Sinne der Gemeinschaft, gibt, stellt das Gemeinschaftsgefühl bei Adler eine ethische Norm dar. Es ist ein Mass für richtig oder falsch. Trotzdem hat der Begriff nichts zu tun mit einer sittlichen Forderung, sondern wird mehr im Sinne der Psychohygiene verwendet und unterscheidet sich darin vom Altruismus christlicher Prägung, der mit einem Aufgeben eigener Interessen oder einem Unterdrücken negativer Persönlichkeitsanteile verbunden ist.70
Obwohl Adlers Auffassung vom Gemeinschaftsgefühl an den Einzelnen ausserordentlich hohe Anforderungen stellt, bedeutet es für denjenigen, der darüber in grösserem Masse verfügt, eine Erleichterung; er verfügt über ein Instrument, mit dem er sein Leben besser bewältigen und – durch seine stärkere Teilnahme am Leben der andern – viel reichhaltiger gestalten kann.
Adler legt den Massstab des Gemeinschaftsgefühls auch nicht an den Menschen an, um dadurch ein Urteil über Wert und Unwert eines Einzelnen abgeben zu können, sondern nur, um den Grad an Gesundheit oder Krankheit festzustellen und dadurch Ansatzpunkte für Therapie und Hilfe an diejenigen zu erhalten, denen es an Gemeinschaftsgefühl ermangelt.
In der Art, wie ein Mensch sein Leben gestaltet, und in dem Sinn, den er seinem Leben gibt, manifestiert er die Meinung, die er über sich und die andern hat; darin wird »die mögliche Dissonanz zu einem idealen Gemeinschaftsgefühl, zum Mitleben, Mitarbeiten, zur Mitmenschlichkeit« offenkundig.71
In Adlers Sicht hat diese Dissonanz im Erziehungsprozess ihren Ursprung, wo das Kind durch die Erfahrungen mit seinen Beziehungspersonen, durch deren Vorbild und die kulturellen Werte, die sie ihm vermitteln, eine eigene Auffassung vom Leben, einen eigenen Lebensstil entwickelt. Wenn dieser grosse Irrtümer enthält und zu den sozialen Forderungen des Lebens in Widerspruch steht, stösst der Mensch früher oder später auf »den geharnischten Einspruch der Realität«.
Dieser Zusammenstoss mit den Anforderungen des Lebens und die Erfahrung des Nicht-gewachsen-Seins ergibt eine psychische Schockwirkung, die in den allermeisten Fällen nicht zur Einsicht und zur Korrektur der falschen Gangart führt, sondern im Gegenteil den Rückzug vor dem scheinbar unlösbaren Problem und das Ausweichen vor weiteren Niederlagen bewirkt.
»Die Schockwirkung aber äussert sich seelisch und körperlich, entwertet den letzten Rest von Gemeinschaftsgefühl und erzeugt alle möglichen Fehlschläge im Leben, indem sie das Individuum zwingt, einen Rückzug anzutreten wie in der Neurose oder mit noch vorhandener Aktivität, die keinesfalls Mut bedeutet, auf die Bahn des Antisozialen hinüberzugleiten.«72 Die psychische Irritation besteht bereits in ihrem ursprünglichen Ansatz darin, dass die Beziehung zum andern Menschen und damit zur Gemeinschaft gestört ist; negative Erfahrungen mit dem mitmenschlichen Du von früher Kindheit an – durch Strenge oder durch Verzärtelung – beeinträchtigen das Selbstwertgefühl des Kindes, und dieses gestörte Selbstwertgefühl bedingt wiederum seine Stellungnahme zur Gemeinschaft und wird für ein geschultes Auge zumeist im Kindergartenalter oder während der ersten Schuljahre bereits als irritierte Gangart sichtbar.
Die Fehlschläge, die das Leben im Verlaufe der Schul- und Ausbildungsjahre und später in der Partnerschaftsfrage mit sich bringt, fallen auf den Boden dieses bereits geschwächten Selbstwert- und Gemeinschaftsgefühls, verstärken die Verletzung und drängen den Menschen weiter vom gemeinschaftlichen Wege ab. Die ausgeprägtere Form von gemeinschaftswidrigem oder gar gemeinschaftsschädigendem Verhalten tritt uns dann als Neurose entgegen; Adler bezeichnet sie als »eine dem Gemeinschaftsgefühl und der Anpassung widersprechende Gangart, ein Weg der Unversöhntheit und Mutlosigkeit, der die volle Lebensfähigkeit aufhebt«.
Für den Träger hat die Neurose – und in noch stärkerem Masse die Psychose – zugleich auch eine Schutzfunktion, nämlich ihn »vor dem Zusammenprall mit seinen Lebensaufgaben, mit der Wirklichkeit, zu sichern, ihn davor zu bewahren, dass sich das düstere Geheimnis seiner Minderwertigkeit enthüllt«.73
Nach der Auffassung der Individualpsychologie ist also auch die irritierte Persönlichkeit in ihrem kranken Verhalten als gemeinschaftsbezogen zu verstehen und kann nicht auf der Grundlage von Gut und Böse bewertet werden. Am richtig entwickelten Gemeinschaftsgefühl gemessen, ist allerdings der Grad der Krankheit unverkennbar.
Weder der irritierte noch der mehr oder weniger gesunde Mensch kann sich den Anforderungen der Gemeinschaft oder – wie Adler das Gemeinschaftsgefühl auch definiert – der Logik des menschlichen Zusammenlebens entziehen. Wo er dies tut, in der Neurose und der Psychose, leidet er gerade an dieser seiner Unfähigkeit zur Teilnahme am gemeinschaftlichen Leben.
Auch scheint jeder im tiefsten lnnern zu ahnen, dass sein Tun und Lassen eine Stellungnahme zur Gemeinschaft impliziert. »Es gibt keinen Menschen, der imstande wäre, ernstlich jedes Gemeinschaftsgefühl für sich in Abrede zu stellen. Es gibt keine Worte, um sich der Verpflichtungen gegen die Mitmenschen zu entschlagen. Das Gemeinschaftsgefühl bringt sich stets mit warnender Stimme in Erinnerung.
Damit soll nicht gesagt sein, dass wir immer im Sinne des Gemeinschaftsgefühls vorgehen, wohl aber, dass es eines gewissen Kraftaufwandes bedarf, um dieses Gefühl zu drosseln, beiseite zu schieben, und ferner, dass bei der Allgemeingültigkeit des Gemeinschaftsgefühls niemand eine Handlung vornehmen kann, ohne dass er sich in irgendeiner Weise vor diesem Gefühl rechtfertigt. Daher rührt der Zug, im menschlichen Leben für alles, was man denkt und tut, Gründe, zumindest Milderungsgründe beizubringen, und es entsteht daraus die eigenartige Technik des Lebens, des Denkens und des Handelns, dass wir immer im Zusammenhang mit dem Gemeinschaftsgefühl stehen wollen, zu stehen glauben oder wenigstens den Schein dieses Zusammenhangs erwecken wollen.«74
Mit diesem Hinweis, dass jeder Mensch seine gemeinschaftswidrigen Handlungen vor einer inneren Stimme zu rechtfertigen versucht und fähig ist, »des Menschen Mahnruf an sich selbst« im Sinne Fromms wahrzunehmen, umschreibt Adler die Möglichkeit des echten Gewissens. Damit ist nicht das Befolgen von unreflektierten, durch den Erziehungsprozess aufgedrängten Normen und Konventionen gemeint, deren Einhalten durch unbewusste Angst vor Strafe bewirkt wird, sondern ein tieferes Wissen um die Auswirkungen der eigenen Handlungsweise, die auf den Handelnden wieder zurückfallen könnten.
Man braucht nicht erst an Raskolnikows Gemütszustand angesichts seines Mordes an der alten Wucherin zu denken, um ein Beispiel für den Ruf des Gewissens vor Augen zu haben. Solange das Gefühlsleben noch nicht ganz erkrankt ist, weiss der Mensch um sein Versagen im Zusammenleben; er leidet darunter und bringt dies in therapeutischen Gesprächen zum Ausdruck. Es wäre allerdings zu erörtern, ob nicht das Gewissen davon abhängig ist, dass eine gewisse Beziehungsfähigkeit, ein gewisser Grad an Gemeinschaftsgefühl sich im Verlaufe der Persönlichkeitsentwicklung des Kindes bilden kann. Dieses Problem, auf das hier nicht weiter eingegangen werden kann, hängt bei Adler damit zusammen, dass er das Gemeinschaftsgefühl teilweise als angeborene Komponente des Seelenlebens betrachtet hat; dadurch wäre diese Gewissensinstanz auch bei jedem Menschen bereits gegeben und dürfte nur durch den Erziehungsprozess nicht verschüttet oder verzerrt werden.
Es bleibt noch die Frage, wie die Entwicklung zu einem höheren Grad an Gemeinschaftsgefühl gefördert werden kann, und damit verbindet sich zugleich die Frage nach Adlers Stellung zu politischen Bewegungen. Das Ziel ist bei ihm klar umrissen: Jeder Mensch sollte über ein zulängliches Mass an Gemeinschaftsgefühl verfügen, um sein Leben in der Liebe, in der Arbeit und im Rahmen der persönlichen Gemeinschaft seines Freundes- und Bekanntenkreises ausschöpfen zu können; damit wäre gleichzeitig die emotionale Basis gegeben, um die Probleme der Gemeinschaft im gesellschaftlichen Rahmen besser lösen zu können.
Gemeinschaftsgefühl sollte so weit vorhanden sein, dass es sich wie das Atmen oder der aufrechte Gang automatisch auswirkt.75 Adlers Lebenswerk macht deutlich, wie er die Entwicklung des Gemeinschaftsgefühls zu unterstützen gedachte. Ausser der Arbeit in der Praxis und den zahlreichen Vorträgen sah er auch ein bedeutendes Wirkungsfeld in der Erziehungsberatung und in der Beratung und der Schulung der Lehrer, von denen jeder wiederum in therapeutischem und prophylaktischem Sinne bei einer ganzen Klassen von Kindern wirken könnte.
Die »Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie« enthält zahlreiche Artikel, in denen versucht wird, auch das Problem der Kriminalität in einem psychologischen Lichte darzustellen. Dem Individualpsychologen bietet sich somit ein weites Wirkungsfeld: die positiven Ansätze zu fördern, »die zahllosen irreführenden und krankmachenden Leitlinien aber aufzudecken und unschädlich zu machen ist unsere gegenwärtige Aufgabe, die weit über die Grenzen einer ärztlichen Kunst hinausführt, von der unser gesellschaftliches Leben, die Kinder- und Volkserziehung die wertvollsten Keime erwarten dürfen.
Denn das Ziel dieser Lebensanschauung ist: verstärkter Wirklichkeitssinn, Verantwortlichkeit und Ersatz der latenten Gehässigkeit durch gegenseitiges Wohlwollen, die aber ganz nur zu gewinnen sind durch die bewusste Entfaltung des Gemeinschaftsgefühls und durch den bewussten Abbruch des Strebens nach Macht.«76
Der »ehrliche Psychologe«, schreibt Adler im Jahre 1934, kann aber auch die Augen nicht verschliessen vor den exogenen Faktoren in der Gesellschaft, die eine Entfaltung des Gemeinschaftsgefühls auf allen Ebenen verhindern und den Menschen aufwachsen lassen »Wie in Feindesland«; er sollte Stellung beziehen und aufklärend wirken gegen den Nationalismus, »gegen Eroberungs-, Rache- und Prestigekriege, gegen das Versinken des Volkes in Hoffnungslosigkeit infolge weitverbreiteter Arbeitslosigkeit und gegen alle andern Störungen der Ausbreitung des Gemeinschaftsgefühls in der Familie, in der Schule und im sozialen Leben«.77
Adler stand dem Austromarxismus nahe, und trotzdem rief der Versuch einiger seiner Mitarbeiter wie Manès Sperber, OttoRühle und Alice Rühle-Gerstel, eine Synthese von Marxismus und Individualpsychologie zu versuchen, grosse Meinungsverschiedenheiten hervor. Genauere Angaben sind darüber jedoch nicht zu finden. Adlers grundsätzliche Stellungnahme zu jeder politischen Bewegung ist in seinen Schriften allerdings vorhanden, und es ist anzunehmen, dass er diesen gleichen strengen Massstab auch auf den Marxismus als politische Bewegung in Anwendung brachte und dass seine diesbezügliche Stellungnahme darin enthalten ist.
Adler warnt insbesondere vor einem Missbrauch der Idee des Gemeinschaftsgefühls in der Politik. Das vorhandene Gemeinschaftsgefühl sei derzeit zwar noch nicht so stark, um die grossen kulturell und sozial bedingten Schwierigkeiten zugunsten »der ganzen menschlichen Familie« zu lösen, aber Massenbewegungen und politische Strömungen berufen sich doch darauf. Eine genauere Beurteilung müsse hernach ergeben, ob »die Linie der geplanten Bewegung« wirklich in das Wohl der Allgemeinheit einmünde.78
»Gefährlich scheint mir der Missbrauch der Idee des Gemeinschaftsgefühls in der Form, die gelegentliche bisherige Ungeklärtheit des Weges zum Gemeinschaftsgefühl dazu zu benützen, gemeinschaftsschädliche Anschauungsund Lebensformen gutzuheissen und zu forcieren unter dem Titel der Rettung der gegenwärtigen oder sogar einer zukünftigen Gemeinschaft. So finden gelegentlich die Todesstrafe, der Krieg oder selbst die Aufopferung Widerstrebender ihre maul gewandten Fürsprecher, die sich immer auch – welch ein Zeichen der Allgewalt des Gemeinschaftsgefühls! – mit dem Mantel des Gemeinschaftsgefühls drapieren.
Alle diese veralteten Anschauungen sind vielmehr deutliche Anzeichen dafür, dass diese Fürsprache aus der mangelnden Zuversicht stammt, einen besseren, einen neuen Weg zu finden, demnach aus einem nicht zu verkennenden Minderwertigkeitsgefühl. Dass auch der Mord nichts ändert an der Allgewalt fortgeschrittener Ideen noch an dem Zusammenbruch absterbender, sollte die Menschheitsgeschichte jeden gelehrt haben.«79
Die ökonomische Lehre von Marx schätzt Adler sehr hoch ein und meint, dass sein Werk wie kein anderes geeignet sei, um den Blick für Zusammenhänge zu schärfen.80 Es ist für ihn selbstverständlich, »dass jedem der Lohn seiner Arbeit gebührt und dass die Ausbeutung des Lebens und der Arbeit anderer niemals das Wohl der Menschheit fördern kann«,81 und ebenso unbestritten ist, dass zahlreiche Schwierigkeiten im Prozess der Arbeitsteilung »ihre Ursache in der Klassenschichtung der Gesellschaft« haben, »indem entweder persönliche Macht und ökonomische Interessen die Verteilung des Arbeitsgebietes beeinflussen, so dass genussvollere Stellungen, die mehr Macht verleihen, an bestimmte Gesellschaftsgruppen gelangen, während andere davon ausgeschlossen sind ... Es war die Gewalt, die ununterbrochen eingegriffen hat, um die Arbeit für die einen zu einer Art Privilegium, für die andern zu einer Art Unterdrückung auszugestalten.«82
Die marxistische Geschichtsauffassung besagt, dass die ökonomischen Grundlagen den ideologischen Überbau, d. h. das Denken und Verhalten der Menschen, bedingten. Adler stimmt dem grundsätzlich zu, macht aber einen höchst interessanten Einwand geltend: Aus der Geschichte und aus den Erkenntnissen der Individualpsychologie zieht er den Schluss, »dass das menschliche Seelenleben gern mit Irrtümern auf die Impulse der ökonomischen Grundlagen antwortet« und sich diesen Irrtümern nur langsam entwindet83 und dass die jeweiligen ökonomischen Verhältnisse von jedem Einzelnen und von den Massen »je nach dem vorher erworbenen Lebensstil reflektiert und beantwortet« werden.84
Farau bezeichnet Adlers Stellung zum politischen Problem zwar als sozialistisch, jedoch antimaterialistisch, und zwar in dem Sinne, als seine Philosophie der Gemeinschaft auf der psychologischen Entwicklungsmöglichkeit jedes einzelnen Menschen beruhe.85 Das bedeutet insofern eine Unterstellung, als Adler die Bedeutung ökonomischer und politischer Vorgänge und ihre tiefgreifenden Auswirkungen auf das Leben breiter Bevölkerungsschichten nicht übersehen hat.
Für die Frage des Krieges, der krassesten Form kollektiven gemeinschaftsschädigenden Verhaltens, suchte Adler die Erklärung weitgehend in wirtschaftlichen und politischen Faktoren; dies im Gegensatz zu Freud, der gesellschaftliche Zusammenhänge weniger berücksichtigte und das mörderische Treiben des Ersten Weltkrieges mit einer der menschlichen Natur immanenten Feindseligkeit erklärte. Adler wandte sich in einer Schrift aus dem Jahre 1919 mit aller Deutlichkeit dagegen, dass die Schuld am Krieg dem Volke zugeschrieben werde, und bot damit keinerlei Ansatz den Krieg aus dem Wesen des Menschen selbst zu begründen.86
Dies ist besonders deshalb erwähnenswert, weil er noch einige Jahre zuvor einen Aggressionstrieb postuliert hatte. In einer Schrift aus dem Jahre 1908 »Über das Zärtlichkeitsbedürfnis des Kindes« schreibt er, dass das Gemeinschaftsgefühl als »Wichtigster Regulator des Aggressionstriebes« fungiere.87 Zwei Jahrzehnte später blickt er darauf als eine Art Jugendirrtum zurück: Er habe im Jahre 1908 noch angenommen, dass jedes Individuum sich eigentlich stets in einem Zustand der Aggression befinde und habe diese Stellungnahme unvorsichtigerweise Aggressionstrieb genannt.88
Freud, mit dessen Kreis Adler bis 1911 zusammenarbeitete,89 lehnte den Gedanken an eine im Triebleben verankerte Aggression des Menschen vorerst ab; Jahre später griff er ihn jedoch auf 90 und entwickelte ihn schliesslich weiter zur Theorie des Todestriebes. Sein »Homo homini lupus; wer hat nach allen Erfahrungen des Lebens und der Geschichte den Mut, diesen Satz zu bestreiten?«91 fügte sich in die traditionellen Erklärungen ein.
Adler dagegen betrachtete den ersten Weltkrieg als politisches Phänomen und schloss sich einer solchen Deduktion aus der menschlichen Natur nicht an.
Arthur Kronfeld weist in einem Artikel in der »lntemationalen Zeitschrift« darauf hin, dass die Individualpsychologie in ihren Erkenntnissen selbstverständlich auf einem weltanschaulichen Fundament beruht, ohne ihren Anhängern die Freiheit ihres Weltbildes zu nehmen; und zwar sei sie nur vereinbar mit einer rationalen Ethik, die die Würde der Person in jedem Einzelmenschen unerschütterlich achte und die Gleichwertigkeit aller in der Gemeinschaft als höchstes Gebot betrachte.92
Die Entfaltung des Gemeinschaftsgefühls ist das Ziel, von dem Adler nicht abrücken kann, da er es durch seine wissenschaftlichen Erkenntnisse als fundiert betrachtet. Diese Sonde, mit der er den Lebensstil jedes einzelnen Menschen einzuschätzen pflegt, legt er auch an die politischen Bewegungen an. Er betrachtet jede Strömung als gerechtfertigt, deren Richtung den unwiderlegbaren Beweis liefert, dass sie vom Ziel des Wohles der gesamten Menschheit geleitet ist, und erachtet jede als verfehlt, die diesem Standpunkt widerspricht.93
Und so, wie er sagt, dass man bei der Beurteilung jedes Einzelnen nicht nur auf seine Worte hören dürfe, sondern ihm »auf die Finger schauen«, d. h. auf seine Handlungsweise achten müsse, so darf auch bei jeder politischen Strömung das Wohl der Gesamtheit nicht nur in ihren Worten oder Gefühlen ein Anliegen sein, sondern es muss sich durch die Handlungsweise ihrer Anhänger als gesichert erweisen.
Das Gemeinschaftsgefühl muss sich in der Haltung des einzelnen Individuums, die in der zwischenmenschlichen Beziehung zur Anwendung kommt, manifestieren. Damit stellt sich das Problem des Gemeinschaftsgefühls im engeren Sinne in der Ich-Du-Beziehung. Gemeinschaftsgefühl gewährleistet für das Individuum seelische Gesundheit; die Störung des Gemeinschaftsgefühls dagegen zeigt sich je nach ihrem Grad, wie bereits erwähnt, als Neurose oder Psychose.
Das Individuum
Gemeinschaftsgefühl als angeborene Komponente
Auf der Ebene des Individuums erfasst der Begriff des Gemeinschaftsgefühls bei Adler den Bezug zum Du in den verschiedenen Varianten. Inwieweit eine Reaktion dem gesunden oder kranken Bereich zuzuordnen ist und welcher Stellenwert ihr zukommt, kann in der Individualpsychologie erst aus einer Art psychologischer Bestandesaufnahme aller Lebensbezüge des Individuums verstanden werden.
Ist die Bezogenheit auf das Du als gelebter Vollzug bereits naturgegeben? Oder ist sie als eine Fähigkeit zu betrachten, die ähnlich wie die Sprache wesenhaft zum Menschen gehört, jedoch nur verwirklicht werden kann, wenn erlebtes Angesprochen-werden vom Du in einer bestimmten Entwicklungsphase kontinuierlich vorhanden ist und die Fähigkeit sich bilden lässt?
In der ausgereiften Fassung seiner Lehre neigt Adler ganz dieser letzteren Auffassung zu. Gegenüber seinem früheren Standpunkt bedeutet dies eine grundlegende Wende, die auf die psychotherapeutische Arbeit und auf die Prophylaxe entscheidende Auswirkungen hat.
Vor allem in der bereits erwähnten frühen Studie »Über das Zärtlichkeitsbedürfnis des Kindes«, die Ansätze zu den bedeutenden Untersuchungen der späteren Entwicklungspsychologie enthält, geht Adler davon aus, dass das Gemeinschaftsgefühl dem Menschen angeboren sei. Er legt darin dar, dass wir im Zärtlichkeilsbedürfnis – das sich sehr früh bemerkbar mache – »den Abglanz von mehrfachen Regungen des Gemeinschaftsgefühls, von offenen und unbewussten Wünschen wahr nehmen, Äusserungen von Instinkten, die sich stellenweise zu Bewusstseinsintensitäten verdichten.
Abgespaltene Komponenten des Tasttriebes, des Schautriebs, des Hörtriebs, der Sexualität liefern in eigenartiger Verschränkung das auszuwählende Material.«94 Von der richtigen Führung dieses Gefühlskomplexes hänge ein grosser Teil der Entwicklung der Persönlichkeit ab; dadurch werde das Zärtlichkeitsbedürfnis auf eine höhere Stufe gehoben, und die abgeleiteten, geläuterten Gemeinschaftsgefühle im Sinne einer Zuwendung zu einem erweiterten Personenkreis könnten dann erwachsen, wenn das primäre Ziel einer befriedigenden Stellungnahme des Kindes zu seiner engeren Umgebung erreicht worden sei.
Dieser Zärtlichkeitstrieb wurzle im »organischen Boden des Gemeinschaftsgefühls«95 – eine Äusserung, die man auch anthropologisch verstehen könnte, die aber ergänzt wird durch weitere, wo er im Zusammenhang mit der Entwicklung von kranken Stimmungslagen im Gemüt des Kindes, die sich zur Neurose weiterentwickeln können, darlegt, dass das Kind sich in diesem Stadium in einem fortwährenden inneren Konflikt mit »der Stimme seines Gemeinschaftsgefühls« befinde, oder dass die aus diesen kranken Stimmungslagen entspringende Unversöhnlichkeit mit den Menschen auf»die Instanz des Gemeinschaftsgefühls« stosse.96
Er scheint zu diesem frühen Zeitpunkt unter dem angeborenen Gemeinschaftsgefühl eine umfassende Beziehungsfähigkeit zu verstehen: die Verwachsenheit mit dem Leben, die Bejahung und die Versöhntheit mit demselben. In diesem Sinne liegt es nicht nur jeder Beziehung des Kindes zu anderen Menschen, sondern auch seiner Beziehung zu Tieren, Pflanzen und Gegenständen zugrunde.97
Auch betrachtet Adler den Lebensstil, die individuelle psychische Bewegungslinie, vorläufig noch als Resultante von zwei antagonistischen Grundfaktoren, nämlich als eine Mischung von Gemeinschaftsgefühl und Streben nach persönlicher Überlegenheit. Das Gemeinschaftsgefühl zeige sich als angeborenes Gebilde, als »unsterblich, real, physiologisch begründet«, das Streben nach Macht dagegen als erzieherisches Artefakt, das sich zumeist in verschleierter Form entfalte, sich heimlich auf den Wegen des Gemeinschaftsgefühls durchzusetzen suche und die Gemeinschaft unablässig zum eigenen Prestige auszubeuten trachte.98
Adlers Mitarbeiter sprechen zu dieser Zeit ebenfalls vom angeborenen Gemeinschaftsgefühl;99 Wexberg und Furtmüller sehen die synthetische Aufgabe des Psychotherapeuten vom individualpsychologischen Standpunkt aus in der Freilegung des durch das Minderwertigkeitsgefühl und seine Kompensationen verschütteten Gemeinschaftsgefühls und in der Erziehung des Menschen in dem durch seine biologischen Bedingungen definierten Sinne der Sozialität.100
Die weitere Forschung der Individualpsychologie scheint jedoch die Annahme eines hereditär verankerten Gemeinschaftsgefühls allmählich ins Wanken gebracht zu haben, wird doch die Interpretation immer vager. 1926 versucht Adler das angeborene Gemeinschaftsgefühl im Zusammenhang mit der Fähigkeit der Einfühlung als ein »kosmisches Gefühl« zu erklären, »ein Abglanz des Zusammenhanges alles Kosmischen, das in uns lebt, dessen wir uns nicht ganz entschlagen können und das uns die Fähigkeit gibt, uns in Dinge einzufühlen, die ausserhalb unseres Körpers liegen«.101
Gemeinschaftsgefühl als werdende Komponente
Man könnte diese Äusserungen als Gebundenheit an die Gemeinschaft in anthropologischem Sinne einordnen; dann stünden sie nicht im Widerspruch zu den Darlegungen der folgenden Zeit, in denen vom Gemeinschaftsgefühl nur noch als einer im Erziehungsprozess werdenden Komponente des Seelenlebens die Rede ist. Der Übergang zeigt sich bereits in der »Menschenkenntnis«: Das Aufblühen organisch bedingter Zärtlichkeitsregungen, die so weit gehen, dass das Kind die Nähe der Erwachsenen sucht, wird noch als Anzeichen des angeborenen Gemeinschaftsgefühls bezeichnet, im gleichen Atemzug aber festgestellt, dass durch das Stillen dieses frühkindlichen Bedürfnisses nach Zuwendung das Gefühl der Zusammengehörigkeit sich im Gemüt des Kindes bilden und festigen kann.
Das Gemeinschaftsgefühl wird dadurch »in der Seele des Kindes bodenständig«. Durch die Einwirkungen im weiteren Leben wird es noch nuanciert, beschränkt sich eventuell auf einen gewissen Stand der Entwicklung oder erweitert sich im günstigen Fall über die Familie hinaus. Verlassen kann es den Menschen nur noch unter den schwersten krankhaften Ausartungen seines Seelenlebens.102
Später nimmt Adler in Artikeln in der »Internationalen Zeitschrift« ausdrücklich gegen eine Heredität des Gemeinschaftsgefühles Stellung und bezeichnet es als ausgesprochenen Irrtum, wenn man die Verschiedenheit des Gemeinschaftsgefühls auf angeborene Faktoren zurückführen wollte, und zwar nicht nur wegen der Unmöglichkeit, die Auswirkungen von angeborenen Faktoren je aus dem Gewordenen herausschälen zu können, sondern weil es sich gezeigt habe, dass das Kind erst in den tausendfältigen Eindrücken seiner ersten Lebenszeit seinen Lebensstil mit einem bestimmten Grad an psychischer Aktivität und an Gemeinschaftsgefühl bilde.103
»Der Grad des Gemeinschaftsgefühls (die Neigung zum Mitleben) ist im Beginn des Lebens in den ersten Jahren errungen worden. Wir kennen die näheren Umstände, unter denen sich Gemeinschaftsgefühl bildet oder nicht bildet, Fehler, die sich einschleichen, so dass das Individuum in seiner endogenen Gestaltung nicht fähig ist, auf soziale exogene Faktoren (Du und Wir, Beruf, Liebe) ’richtig’ zu antworten. Es ist die ’psychische Konstitution’, die nicht angeboren ist, aber im Laufe der ersten Jahre fertiggestellt wird.«104
Aus der Spannung zwischen diesen beiden Feldern, zwischen der sogenannten psychischen Konstitution, d. h. seinem erworbenen frühkindlichen Selbstgefühl und seiner Reaktionsweise, und den exogenen Anforderungen des jeweiligen Lebensalters entwickelt und festigt sich die Haltung eines Individuums und modifiziert sich im Verlaufe der weiteren Entwicklung im Sinne einer Ausweitung seiner sozialen Kontaktfähigkeit oder im Sinne der Neurose.
Die Möglichkeit zur Aneignung eines hohen Masses an Gemeinschaftsgefühl ist grundsätzlich bei jedem Menschen gegeben, nur ist die kulturelle Entwicklung noch nicht so weit, um das Gemeinschaftsgefühl in jedem in dem Masse zur Entfaltung zu bringen, dass es im Zusammenleben automatisch zur Wirkung kommt. Der Gedanke, dass der Mensch einmal Gemeinschaftsgefühl äussern werde wie Atmen, veranschaulicht diesen Prospekt sehr gut.
Adler hegt grosses Vertrauen, dass die Menschheit diese Stufe erreichen wird, wenn auch vielleicht spät – vorausgesetzt, dass sie sich nicht früher in Kriegen zugrunde richtet. 105
Die naturgegebene Fähigkeit zum Gemeinschaftsgefühl wird also durch das Zusammenleben während der frühen Lebenszeit zur Entfaltung gebracht; der Grad an Gemeinschaftsgefühl gibt Aufschluss über Gelingen oder Misslingen des Erziehungsprozesses.
Gemeinschafisgefühl als Resultat eines geglückten Erziehungsprozesses
Es ist ein altes Postulat der Pädagogik, dass die Erziehung bei den Erziehern beginnen sollte. Doch erst durch die Forschungen der Tiefenpsychologie wurde deutlich, in welch tiefgreifendem Masse die Persönlichkeit des Erziehers auf den psychischen Werdegang des Kindes einwirkt. Es ist das Verdienst von Alfred Adler, dass er zu seiner Zeit die Aufmerksamkeit ganz entschieden auf das Erziehungsproblem gelenkt hat, und zwar in anderem Masse als zum Beispiel die Freudsche Schule, welcher der Zugang zu den äusserst differenzierten wechselseitigen Vorgängen in der Erziehung dadurch versperrt war, dass die Persönlichkeitswerdung auf der Trieblehre beruhte.
Das Gemeinschaftsgefühl in diesem Sinne betrachtet Adler einerseits als Teil des ganzen Lebensstils, den das Kind im Verlaufe der ersten Jahre seines Zusammenlebens mit Eltern und Geschwistern entwickelt; zugleich ist es aber auch die Grundlage für die Entwicklung der Persönlichkeit. Gemeinschaftsgefühl ist Vollzug und Erlebnis der Gemeinschaft mit einem Du, und primäres Du für das Kind ist die Mutter oder eine andere Pflegeperson.
Nur wenn sie selbst – und auch die andern, die sich im weiteren Verlaufe am Erziehungsprozess beteiligen – über ein entwickeltes Gemeinschaftsgefühl verfügt, kann sie dem Kind das Erlebnis der Gemeinschaft vermitteln.106 Die Ausgeglichenheit oder die Nervosität der Erzieherpersönlichkeit, ihre emotionale Reife und ihr Wertsystem, mit dem sie das kindliche Verhalten beurteilt und bejahend oder verneinend beeinflusst, gestalten die prägenden Eindrücke des Säuglings, und zwar in einem Stadium, da er in grösster Ohnmacht und Hilflosigkeit ganz auf seine Umgebung angewiesen ist.
Diese Situation der Ohnmacht, in der das Kind für Gefühle der Schwäche, der Minderwertigkeit und der Angst ausserordentlich anfällig ist, kann nur gemildert werden, indem auf seine physischen Bedürfnisse und auf sein Bedürfnis nach Beachtung und emotionaler Wärme angemessen eingegangen wird. Die soziale Atmosphäre, in der sich der Alltag des Säuglings abspielt und in der er mit den Erfordernissen des Lebens allmählich vertraut gemacht wird, beeinflusst seine Neigung zum Mittun, seine Bereitschaft zur Kooperation.
Bereits im zweiten Lebensjahr ist die individuelle seelische Reaktionsweise des Kindes, sein Lebensstil erkennbar; es formt ihn, noch bevor es über eine zureichende Sprache oder über zureichende Begriffe verfügt, um sein Befinden und sein Erleben zu artikulieren.107 Dieser frühkindliche Lebensstil, der die Basis der Persönlichkeit bildet, entsteht in einem Prozess der Anpassung an die soziale Struktur der näheren Umgebung, und zwar mit verhältnismässig unzulänglichen Mitteln und unter dem evolutionären Zwang der Überwindung der Schwäche. Das Kind ist dabei einer Fülle von Erlebnissen und Eindrücken ausgesetzt, in der es sich zurechtzufinden hat und einen Weg zu finden versucht, um über seine Schwächeposition hinauszuwachsen.
Zur naturgegebenen Schwäche, der Unfähigkeit, das eigene Leben aufrecht zuerhalten, kommt die Schwäche aus dem sozialen Bereich, nämlich aus dem Vergleich mit der grossgewachsenen, tausenderlei Fähigkeiten besitzenden erwachsenen Umgebung. Diese Quelle des Schwächegefühls ist für das Kind nicht minder schwierig und wirkt sich ebenfalls tiefgreifend aus. In dieser diffizilen Situation ertastet das Kind sein Tätigkeits- und Beziehungsfeld, und aus dem anfänglichen Tasten formt sich allmählich die psychische Gangart. Es ist eine Art Meinung des Kindes, welchen Weg es einschlagen soll, um seine Fähigkeiten so weit auszugestalten, dass es in den von der Gemeinschaft gestellten Anforderungen keine Niederlagen erleidet, sich nicht wertlos fühlen muss.
»Als Massstab seiner Kraft dient ihm die gefühlsmässig und ungefähr erfasste Leistungsfähigkeit in einer durchaus nicht neutralen Umgebung die nur schlecht eine Vorschule des Lebens abgibt. Aufbauend auf einem subjektiven Eindruck, oft durch wenig massgebende Erfolge oder Niederlagen geleitet, schafft sich das Kind Weg und Ziel und Anschaulichkeit zu einer in der Zukunft liegenden Höhe. Alle Mittel der Individualpsychologie, die zum Verständnis der Persönlichkeit führen sollen, rechnen mit der Meinung des Individuums über das Ziel der Überlegenheit, mit der Stärke seines Minderwertigkeitsgefühls und mit dem Grade seines Gemeinschaftsgefühls.
Bei näherer Einsicht in das Verhältnis dieser Faktoren wird man sehen, dass sie alle die Art und den Grad des Gemeinschaftsgefühls konstituieren.«108 Der Lebensstil enthält Aktivität und Gemeinschaftsgefühl in je eigener Qualität und Quantität und damit verbunden die soziale Struktur der menschlichen Ausdrucksformen; er stellt eine schöpferische Leistung des Kindes dar – nicht das Produkt kausaler Gesetzmässigkeiten. Der Grad an Kooperationsbereitschaft des Kindes widerspiegelt den Grad an Mitmenschlichkeit, den es erfahren hat.109
Da das Kind durch seine Schwächesituation ständig einem Gefühl der Minderwertigkeit ausgesetzt ist, kann jeder zusätzliche Faktor eine gewaltige Erschwerung bedeuten und sich gravierend auswirken. Vor diesem Hintergrund ist das Problem der Organminderwertigkeiten zu sehen die für das Kind eine zusätzliche Schwächung ausmachen und die von der Umgebung her die Gefahr der Überforderung einerseits und der Verzärtelung andererseits in sich bergen. Auch die Schwere der Aufgaben, die an das Kind herangetragen werden, oder die ungeschickte Art, in der die Erzieher ihre Anforderungen zu stellen pflegen, schaffen Schwierigkeiten, die das Kind mit seinen unzulänglichen Mitteln unter Umständen nicht bewältigen kann.
Hinzu kommen die tausendfältigen Komplikationen, die durch die Geschwisterkonstellation entstehen, durch die Position als ältestes, mittleres oder jüngstes Kind,110 als Bub oder Mädchen, ferner die soziale Stellung der Familie und deren ökonomische Situation. All dies spielt sich in einem bestimmten Familienklima ab, sei es ein Klima der Besorgtheit, der Ängstlichkeit, des Pessimismus oder der Härte und Lieblosigkeit oder aber der Sicherheit, der Wärme und der Freude am Leben.111
Aus dem Wissen um das durch die Schwächesituation des Kindes bedingte Minderwertigkeitsgefühl ergeben sich Vorsichtsmassnahmen für den Erzieher: dem Kind bei der Überwindung seiner Schwierigkeiten helfend beizustehen, es nicht in die Enge zu treiben, nicht zu überfordern, ihm die Umwelt nicht feindlich erscheinen zu lassen und es davor zu bewahren, die Schattenseiten des Lebens allzu stark zu erfahren.112 Nur so kann das Kind den Mut entwickeln, über die Schwäche hinauszuwachsen und seine Fähigkeiten zu erproben, und nur so kann sich Gemeinschaftsgefühl bilden.
Die erlebte Gemeinschaft mit der helfenden Pflegeperson ist der Ausgangspunkt für das Gemeinschaftsgefühl des Kindes. Adler warnt die Erzieher vor der Gefahr eines Fehlverhaltens nach zwei Seiten: der Härte einerseits und der Verwöhnung andererseits. In der ausgeprägteren Form entspringen beide Haltungen nicht nur einer Meinung der erziehenden Persönlichkeit, sondern sind in deren Charakter begründet und schaffen deshalb das ganze Klima.
Strenge und Härte gehen zumeist mit einem Mangel an Zärtlichkeit und emotionaler Wärme einher. Das ergibt im gesamten ein Klima der Lieblosigkeit, in dem das Kind einen positiven Gefühlsautausch gar nicht kennenlernt. Dadurch bleibt das Fundament für den Aufbau der Persönlichkeit ausserordentlich schwach.113 Die harte Erziehung verunmöglicht an der Basis die Entstehung von Gemeinschaftsgefühl, nämlich in der Beziehung zwischen Eltern und Kind. Auch in ihren subtileren Formen ist sie darauf angelegt, Bravheit und Gehorsam zu erwirken bzw. zu erzwingen. Sie lässt dem Kind nur zwei Auswege: den der Auflehnung und des offenen oder versteckten Machtkampfes oder den Weg der Unterwürfigkeit, der vorgetäuschten Bravheit und der Resignation. Beide Varianten sind in ihrem Wechselspiel Kennzeichen der autoritären Persönlichkeit.114
Angesichts der Schwächesituation des Kindes nimmt Adler bereits in einer seiner ersten Arbeiten Stellung gegen jegliche Gewaltanwendung in der Erziehung. »Seit die Prügel aus der Justiz verschwunden sind, muss es als Barbarei angesehen werden, Kinder zu schlagen. Wer da glaubt, nicht ohne Schläge in der Erziehung auskommen zu können, gesteht seine Unfähigkeit ein und sollte lieber die Hand von den Kindern lassen. Abschliessung an einem einsamen Ort halten wir für ebenso barbarisch wie Schläge, und wir können uns des Verdachts nicht erwehren, dass diese Strafe dem Charakter ebenso verhängnisvoll werden kann wie die erste Gefängnishaft dem jugendlichen Verbrecher. Aber auch leichtere Strafen können das Kind leicht zur Wiederholung verleiten und schädigen das Ehrgefühl. Schimpfworte oder beharrlicher, harter Tadel verschlechtern die Chancen der Erziehung.«115
Ein Mitarbeiter Adlers fordert deshalb einen bewussten Abbau des pädagogischen Imperialismus; der Erzieher müsse auf seine Autorität, auf Gewalt, Zwang und Privilegien verzichten, da sie nur schädliche Abhängigkeit erzeugen, das gesunde Selbstvertrauen stören und das Kind mit Bevormundung, drückender Unfehlbarkeit und quälender Unzulänglichkeit belasten.116 Auch der strenge Umgang mit einem Geschwister oder die Bevorzugung desselben kann eine gefährlich tiefgreifende Entmutigung bewirken und den Anschluss an die Gemeinschaft verhindern.117
Nicht minder schädlich kann sich aber auch die Verwöhnung auswirken. Sie vermittelt dem Kind durch das Treibhausklima eine irrige Vorstellung vom Zusammenleben, so dass es sich dann in der grösseren Gemeinschaft des Kindergartens oder der Schule nur schwer oder gar nicht einleben kann. Auch innerhalb der Familie kann es sich nicht zum Mitspieler entwickeln; die Verzärtelung verhindert, dass es seine eigenen Fähigkeiten erprobt und die Genugtuung eigenen Könnens kennenlernt. Es wird dazu verleitet, Anforderungen aus dem Wege zu gehen und sich die Zuwendung mit den in früher Kindheit eingeübten Verhaltensweisen zu erwirken.118
Auffallend ist, dass Adler in den Schriften nach 1930 nur noch den verzärtelnden Lebensstil als Ursache der Neurose nennt und die strenge Erziehung kaum mehr erwähnt. Diese Wende ist teilweise dadurch erklärbar, dass er in Amerika andere Formen des Umgangs mit Kindern kennengelernt hat, deren Gefahren ihm mehr auf der Seite der Verwöhnung zu liegen schienen.119
In der Medizin haben sich erst aus der gründlichen Erforschung der Ursachen von Krankheiten brauchbare Richtlinien für die körperliche Hygiene ableiten lassen. In der Psychologie stellt sich das Problem in ähnlicher Weise: Erst durch die profunde Kenntnis der Faktoren, die das Kind in seinem Gefühlsleben irritieren, es vom gemeinschaftlichen Wege abdrängen und zu seelischer Krankheit führen, lässt sich skizzieren, welches die Voraussetzungen für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung sind.
In der Individualpsychologie zeichnet sich für den Erzieher eine Haltung ab, in der er dem Kind auf dem Wege der Entwicklung ermutigend beisteht, an den Schwierigkeiten und Erfolgen seines jeweiligen Lernens helfend Anteil nimmt und dafür sorgt, dass die Vertrauensbeziehung und der emotionale Austausch in einem gleichmässigen Geben und Nehmen entsteht und erhalten bleibt. Seif bezeichnet es als »bewusste Pflege des Wohlwollens und gegenseitigen Vertrauens mit dem Ziele einer Lebens- und Arbeitsgemeinschaft auf der Grundlage der Erziehung zur vernünftigen Selbstbestimmung.
Dies setzt aber voraus, dass der Erzieher das Kind für ernst und voll nimmt und niemals herabsetzt noch entmutigt, auch niemals der Bescheidenheit und Schlichtheit vergisst, wo er von seinen Erfolgen und Misserfolgen zu dem Kinde spricht, das in allem ihm gegenüber weit zurück ist und für das eine nette, herzliche Kameradschaft die unerlässliche mindeste Abschlagszahlung ist, um ihm eine ruhige, freie Entwicklung zu ermöglichen.«120 Die Ermutigung und die Anteilnahme, der stete Rückhalt in einer Vertrauensbeziehung bedeutet für das Kind eine erlebte Gemeinschaft mit einem Du, durch welche sich das natürliche Minderwertigkeitsgefühl des Kindes einigermassen beruhigen und es den Mut zu stetem dem jeweiligen Alter entsprechendem Weiterlernen entwickeln kann. Dieses Weiterlernen findet nur so lange auf der nützlichen Seite statt, als die psychische Zielsetzung gemeinschaftsbejahend bleibt.
Die primäre Beziehungsperson des Kindes, in den meisten Fällen die Mutter, hat es weitgehend in der Hand, ob das Kind sich auch den andem Familienmitgliedern, dem Vater, den Geschwistern, gleichaltrigen Kindem in der Nachbarschaft und auf dem Spielplatz zuzuwenden beginnt, indem sie es weder an sich bindet noch es von einer Beziehungsaufnahme abhält oder es durch eigene Ängstlichkeit daran hindert.121 Das Vertrauensverhältnis zu ihr ist Voraussetzung dafür dass es sich mit Missgeschick und Schwierigkeiten jeglicher Art, die sich in der Beziehung zum erweiterten Personenkreis einstellen können, an sie wenden kann; ihre Anleitung und sachgemässe Hilfe ist ausschlaggebend für die weitere Bildung des Gemeinschaftsgefühls.
Dies beinhaltet auch eine Anleitung zum Verständnis für den andern Menschen bzw. das andere Kind und eine Anleitung zur friedlichen Lösung von Konflikten. Der Alltag des zwei- und dreijährigen Kindes bringt bereits eine Fülle von Konfliktsituationen mit sich, die kaum beachtet oder nicht ernst genommen werden und deren Bedeutung für die Charakterbildung nur selten erkannt wird.
Sind die Ansätze zur Kooperation im weiteren Bereich einmal da, kann der Erzieher sie dadurch festigen, dass er zwar weiterhin helfend zur Seite steht, die Lösung der Schwierigkeiten jedoch nach Massgabe der eigenen Fähigkeit des Kindes diesem überlässt. Dieses frühkindliche Training in Kooperation bedeutet etwas anderes als eine behavioristische Konditionierung; es ist das Einüben einer Fähigkeit, die in der Natur des Menschen verankert liegt und für seine vollwertige Entfaltung unabdingbar ist. In seiner Bedeutung lässt es sich in der Tat mit dem Erlernen der Sprache vergleichen: Die Fähigkeit zu sprechen ist naturgegeben, erlernt kann sie nur werden durch Anleitung und eigenes Üben im sozialen Kontakt; ihre Entwicklung ist Voraussetzung für die Teilnahme am gemeinschaftlichen Leben, für differenzierte Verständigung und Tradition.
Das Einüben von Gemeinschaftsgefühl – und darauf beruhend: gemeinschaftlichem Verhalten – ist aufgrund der anthropologischen Voraussetzung, wie Adler sie sieht, unerlässlich für die Entfaltung der Persönlichkeit. Es ist die emotionale Grundlage für den Anschluss an die Gemeinschaft, damit das Kind in ihr lernen und üben, teilnehmen und beitragen, dadurch seinen Erlebnisbereich ausdehnen und seine Fähigkeiten weiter entwickeln kann.
Bei Kindern, die ein kooperatives Empfinden und Verhalten nicht einüben konnten, kann dies nachgeholt werden; Adler wird nicht müde, auf die Möglichkeiten einer Korrektur hinzuweisen, die beim Kind noch viel leichter ist als später beim Erwachsenen, bei dem der fehlerhafte Lebensstil sich zu einer eigentlichen Neurose verfestigt haben kann. Wenn Eltern, Lehrer und Psychologen gemeinsam verstehen können, wie der Fehler sich im Gefühl des Kindes eingeschlichen hat, wo die Entmutigung ihren Ursprung hat, finden sie den Ansatz, um auf der emotionalen Ebene allmählich eine Veränderung zu erwirken, so dass das Kind mehr Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten und mehr Sicherheit im Zusammenleben findet.122
Adler macht aber nicht nur darauf aufmerksam, dass der Mangel in der Entwicklung des Gemeinschaftsgefühls beim Kind behoben werden kann, sondern er legt das Gewicht auch ebenso stark auf die Prophylaxe. Unermüdlich war er durch Verbreitung der gewonnenen Erkenntnisse in Wort und Schrift darum bemüht, zu einer sachgemässeren und bewussteren Haltung der Erzieher beizutragen. Es stimmt nachdenklich, Worte wie die folgenden aus dem Jahre 1920 zu vernehmen, die auch heute noch der Verwirklichung bedürfen:
»Es ist eine ausserordentlich missliche Sache, jedem missratenen, mit einer nervösen Krankheit oder Psychose behafteten Menschen nachzulaufen, um ihn zu bessern, zu heilen. Darin liegt eine ungeheure Verschwendung von Energie, und es wäre schon an der Zeit, dass wir uns mehr der Prophylaxe zuwenden. Gesicherte Ausblicke gibt es bereits genug. Durch Erziehung der Eltern sowohl als der Ärzte versuchten wir immer wieder darauf hinzuwirken. Aber ein besseres Resultat bei der ungeheuren Häufung der neurotischen und psychotischen Erscheinungen, insbesondere bei der Verwahrlosung, ist dringend zu wünschen. Da wäre es vor allem am Platz, die geäusserten, aus der Individualpsychologie fliessenden Anschauungen, ihre Menschenkenntnis und Erziehungskunst bekanntzumachen und in Anwendung zu bringen, damit jeder nach seinen Kräften und Möglichkeiten mithelfen könnte. Die seelischen Entwicklungsanomalien, die uns anfangs als Unarten erscheinen, geben oft später zu den schwersten Formen der nervösen Erkrankung und des Verbrechens Anlass. Als den geeignetsten Punkt, in die Entwicklung des schwer-erziehbaren Kindes einzugreifen, haben wir die Schule erkannt... Durch eine gemeinsame Arbeit von Arzt, Lehrer, Eltern und Kind gelingt es immer, den richtigen Weg zu finden und die Fähigkeit des Kindes zur Kooperation zu stärken.«123
Durch einen sachgemässen, dem jeweiligen Alter, den jeweiligen Stimmungslagen und Fähigkeiten des Kindes Rechnung tragenden Umgang kann das Verhältnis zwischen Erzieher und Kind so gestaltet werden, dass in dieser primären Beziehung, die modellhaften Charakter für das weitere Leben besitzt, das Vertrauen erhalten bleibt und die Gemeinschaft in freiem Geben und Nehmen lebt. Darin gewinnt das Kind den Freiraum, um sich selbst zu formen, um sich freiwillig anzuschliessen oder sich abzugrenzen. Diese Beziehung ist nach Adler die Grundlage für den Anschluss an andere Menschen und an die Gemeinschaft überhaupt, und aus dieser Verbundenheit schöpft das Kind Erlebnisse, die seine Persönlichkeit weiter bereichern und stärken.
Gemeinschaftsgefühl in diesem Sinne ist die Grundlage für den psychischen Werdegang; als erlebte Gemeinschaft wird es zum zentralen Charakterzug. Es schwebt Adler vor, dass aus einem solchen geglückten Erziehungsprozess Menschen herauswachsen würden, die zu einem Zusammenleben auf einem höheren gemeinschaftlichen Niveau als heute fähig wären, Menschen, die »eine Kooperation von unabhängigen Persönlichkeiten« bilden würden, in der dem Fortschritt der menschlichen Assoziation keine Grenze mehr gesetzt wird.124
In einem missglückten Erziehungsprozess dagegen erfährt das Kind Störungen in der zwischenmenschlichen Beziehung, die sein Selbstwertgefühl und seine Beziehung zum Du in gleichem Masse schädigen. Die verschiedenen Arten und Grade dieser Störung bewirken die Formen der seelischen Krankheit.
Störungen des Gemeinschaftsgefühls: Neurose und Psychose
Anders als in der Freudschen Lehre, wo die Neurose im Konflikt zwischen Triebleben und Kulturnormen ihren Ursprung hat, ist sie in der Individualpsychologie auf die fehlerhafte oder mangelnde Entwicklung des Gemeinschaftsgefühls zurückzuführen. Jede Fehlentwicklung des Gemeinschaftsgefühls bedeutet eine insuffiziente Vorbereitung auf die Anforderungen des Zusammenlebens und führt – je nach ihrem Grad – zu einem gewissen Mass an psychischer Irritation.
Was später als Neurose in Erscheinung tritt, ist »ein kulturell verfehlter Versuch« der Befreiung von einem Gefühl der Minderwertigkeit, und zwar ein Versuch, der auf dem Wege des Rückzuges von der sozialen Aktivität, von der realen Lösung der gestellten Lebensaufgaben unternommen wurde und dazu geführt hat, dass der Betreffende den Bezug zur Gemeinschaft immer mehr eingeschränkt hat und sein Leben weitgehend in imaginären Bereichen führt.125
Der Ansatzpunkt für die Fehlentwicklung beim Kind und damit der Ursprung der Störung im Gemeinschaftsgefühl ist, wie bereits erwähnt, in einem verstärkten Gefühl der Unsicherheit zu suchen. Gesundes, entwickeltes Gemeinschaftsgefühl würde ein Gefühl der Sicherheit im zwischenmenschlichen Bezug mit sich bringen. Dass Gefühle der Unsicherheit sich so gravierend auswirken können, hängt mit der naturgegebenen Schwächeposition des Kindes zusammen.
Das durch organische Störungen oder durch unsachlichen Umgang bedrängte, »in seinem innersten Wesen unsicher gewordene Kind« ist sensibilisiert;126 es nimmt eine verschärfte Selbsteinschätzung vor, die das Gefühl der Schwäche und der Ohnmacht ins Irreale treibt. In diesem verstärkten Gefühl der Minderwertigkeit sucht es einen Halt zu finden und greift zu Hilfskonstruktionen: es kann die an den Eltern erlebte Stärke als zweiten Fixpunkt nehmen und damit eine Art psychischer Leitlinie konstruieren. Im Gefühl der Schwäche wird die Position der Stärke zum einzig erstrebenswerten Ziel, auf das hin alle Kräfte mobilisiert werden. Damit hat es sich aber vom Boden der Realität bereits entfernt und »hängt in den Maschen der Fiktion«.127
Die Frage nach dem Grund für den grossen Aufwand, mit dem der Nervöse seine Persönlichkeit aufzuwerten sucht, findet in der Beschwichtigung der schweren Unsicherheit ihre Antwort: »Am Anfang der Entwicklung der Neurose steht drohend das Gefühl der Unsicherheit und Minderwertigkeit und verlangt mit Macht eine leitende, sichernde, beruhigende Zwecksetzung, eine Konkretisierung des Zieles der Überlegenheit, um das Leben erträglich zu machen.
Was wir das Wesen der Neurose nennen, besteht aus dem vermehrten Aufwand der verfügbaren psychischen Mittel. Unter diesen ragen besonders hervor: Hilfskonstruktionen und Schablonen im Denken, Handeln und Wollen.«128
In der Unruhe und der Hilflosigkeit entwickelt das Kind einer seits Verhaltensweisen störender, trotziger Art; andererseits lernt es auch die Mittel der Schwäche und der Hilflosigkeit schätzen, mit denen es sich die Anteilnahme seiner Umgebung erwirken kann. Trotz einerseits und Gehorsam andererseits bilden zwei Hauptrichtungen der Charakterentwicklung. Auf beiden Wegen vermeint das Kind eine Aufwertung seiner Persönlichkeit zu erlangen.
Die Auswahl der Verhaltensweisen erfolgt für das Kind nach dem Erfolgsprinzip. Aus der Fülle der Versuche merkt es sich diejenigen, die zum Ziel geführt und ihm die angestrebte Zuwendung oder Erleichterung gebracht haben; es wird in anderen Situationen auf ähnliche Art zu reagieren versuchen.
Provozierende Verhaltensweisen, die auf kein Echo stossen, klingen ab. Andere, die mit Schlägen oder sonstigen Formen der Gewalt beantwortet werden, setzen sich fest oder hinterlassen eine abschreckende Erinnerung, die im Gemüt des Kindes weiter wuchert. Sadistische Züge, die später bei Erwachsenen gegenüber Kindern oder sonst schwächeren Menschen anzutreffen sind, haben ihre Wurzel häufig in den Schreckerlebnissen ihrer eigenen Kindheit und nähren sich vom Gefühl, dass andere es auch nicht besser haben sollen, als sie es hatten.129
Adler fasst die Ausdrucksformen der erhöhten psychischen Aktivität zusammen als Sicherungstendenz der aktiven Reihe.
Nicht weniger Gewicht können aber auch der vermehrte Gehorsam, die Unterwürfigkeit und der Verzicht auf jede Spontaneität haben, Bereitschaften, die sich später zu eigentlich masochistischen Zügen entwickeln können. Sie bilden die Sicherungstendenz der passiven Reihe.130
Im erprobten Umgang mit seinen Erziehungspersonen sammelt das Kind so eine Reihe psychischer Reaktionsbereitschaften, die später in der Neurose verstärkt in Erscheinung treten und hypostasiert, d. h. in einen selbständigen Mechanismus verwandelt werden können.129 Innerhalb dieser Reaktionsweisen als Mittel zum Erwirken von Zuwendung ist die Schutz- und Sicherungstendenz am Werk. Um sich vor erneuten Schwächeerfahrungen zu schützen, schärft sich die Empfindlichkeit und die Vorsicht, der Kleinmut wird stärker, das Misstrauen, der Neid und Züge feindseliger Art intensivieren sich.132
Adler vergleicht diese psychischen Reaktionsbereitschaften mit empfindlichen Fühlern, die unaufhörlich das Feld abtasten, jede mögliche Gefahr antizipieren und den Weg zur Vermeidung jeder eventuellen Schwächesituation suchen. Die gegensätzlichen Arten der aktiven und der passiven Reihe können im einzelnen Fall beide ausgeprägt vorhanden sein und je nach Situation zum Zuge kommen, oder die eine kann von der andern überlagert werden; Adler beschreibt sie als die primitive Arbeitsweise des Nervösen, mit der er sich im Zusammenleben zu orientieren und zu sichern versucht.
Die Gruppierung erfolgt ganz allgemein nach dem Schema: minderwertig = unten = weiblich = machtlos = passiv und mächtig = oben = männlich = aktiv.133 Das Streben nach oben ist keineswegs eine Laune der Eitelkeit und niemals willentlich herbeigeführt.
Desgleichen ist das ganze kranke Reaktionsschema nicht bewusst, willentlich geschaffen worden, sondern aus der Not geboren, mag es noch so sinnvoll in seine soziale Umgebung eingefügt sein: » …alle Auseinandersetzungen, einer erzeuge sein Leiden, er wolle krank sein, alle diese unrichtigen Anschauungen müssen wir a limine beseitigen. Es ist keine Frage, dass der Betreffende leidet, aber er zieht diese seine Leiden noch immer jenen grösseren vor, um nicht bei der Lösung wertlos zu erscheinen. Er nimmt lieber alle nervösen Leiden in Kauf als die Enthüllung seiner Wertlosigkeit. Beide, der nervöse und der nichtnervöse Mensch werden, einer Feststellung ihrer Wertlosigkeit den grössten Widerstand entgegensetzen, aber der Nervöse weit mehr.
Vergegenwärtigt man sich die Überempfindlichkeit, Ungeduld, Affektsteigerung, den persönlichen Ehrgeiz, so wird man begreifen können, dass ein solcher Mensch nicht vorwärts zu bringen ist, solange er sich in Gefahr glaubt, dass sich seine Wertlosigkeit enthüllen werde.«134 Die ganze Neurose kann als ein Abwehrschema verstanden werden, ein Sich-Wehren dagegen, dass sich »das düstere Geheimnis seiner Minderwertigkeit« enthüllt. Nervosität ist ein verzweifelter Versuch, das durch den Erziehungsprozess irritierte und nunmehr endogen gestörte Selbstwertgefühl aufrechtzuerhalten.
Nach dem Oben-Unten-Schema werden nicht nur die aktuellen Situationen und Empfindungsbereitschaften geordnet, sondern auch die Erinnerungen ausgewählt und eingeordnet und die Antizipationen als gefühlsmässige Vorwegnahme möglicher Erfolgs- oder Misserfolgserlebnisse angesetzt.
Im Zusammenhang damit sei erwähnt, dass Adler auch das Trauma als Ursache der Neurose ablehnt. Wo starke affektive Erlebnisse vorliegen, die andere Schulen als traumatisch bezeichnen würden, sieht Adler sie nicht als Ursache, sondern durch den bereits vorgebildeten und frühzeitig mechanisierten Lebensstil in den unheilvollen Zusammenhang gebracht. Starke Eindrücke, Stimmungslagen,schwer empfundene Erlebnisse sind bereits vom je eigenen Lebensstil »gefärbt«; sie sind Stationen auf dem schon seit früher Kindheit serpentinenartig am Rande der Gemeinschaft sich hinziehenden Weg des irritierten Menschen.
Die Tiefe des belastenden Eindruckes im Jugendalter und im späteren Leben ist nur erklärbar durch die frühkindlich vorgebildete Bereitschaft zu solchem Erleben.135
Das gesamte Gefüge mit der schematischen Auswertung der Vergangenheit und der zwar eingeschränkten, aber dafür verschärften Vorausschau in die Zukunft bildet eine eigentlich neurotische Lebenstechnik.136 Sie hat im Lebensstil des irritierten Kindes ihren Vorläufer, ihre Ätiologie. Adler und seine Mitarbeiter stiessen immer wieder auf ganz klare Verbindungslinien zwischen den offenen und verschleierten Schwierigkeiten der Kindheit und den psychischen Störungen im späteren Leben.
»So verschmolz uns die seelische Dynamik beider, schwer erziehbarer Kinder und Nervöser, in eine einheitliche Lebenslinie, aus allzu niedriger Selbsteinschätzung gestaltete sich ein in die Irre gehender Geltungstrieb, und wir erblicken bei beiden Lebensformen statt geradliniger Aktivität und einer gesellschaftlich nützlichen Lösung der Lebensfragen eine ausweichende, zögernde Attitüde, die egozentrisch mildernde Umstände suchte, um das Geheimnis eines vermeintlichen Unwertes zu verschleiern.137
Dem hochgesteckten Ziel persönlicher Überlegenheit geht eo ipso das richtige Mass an Spontaneität und an Gemeinschaftsgefühl ab.138 Angesichts der bereits erwähnten Simplifizierung, die Adlersche Psychologie sei eine Psychologie des Machtstrebens, sei betont, dass erst die verstärkte Unsicherheit alle psychischen Kräfte mobilisiert, um als Schutz und Kompensation das Gefühl der Überwertigkeit zu erreichen. Nur der Druck der Unsicherheit bringt das Streben nach Macht hervor; das Machtstreben kommt somit erst in der irritierten Psyche zum Zug.139
Im Zusammenhang mit der betont finalistischen Apperzeptionsweise in der Individualpsychologie versteht Adler den Ausbruch der Neurose immer im Hinblick auf eine bevorstehende Lebenssituation, sei es in der Gemeinschaft, im Beruf oder in der Liebe, der sich die von ihrem Ursprung her schwach aufgebaute Persönlichkeit, »der im Rahmen der Gemeinschaft strebende, aber gemeinschaftslose Mensch« nicht gewachsen fühlt.140 Die irrtümliche Antizipation ergibt sich aus den emotionalen Irrtümern, die aufgrund der frühkindlichen Erfahrungen den Lebensstil geformt haben.
»Diese Irrtumsmöglichkeiten im Aufbau des Lebensstils liegen offenbar den grösseren Zusammenstössen und Spannungen zugrunde, die später im Leben, sobald seine Aufgaben sicht- oder fühlbar werden, zu auffälligen Erscheinungen, Symptomen werden. Es lässt sich an dieser Stelle schon behaupten: Wenn es nur solche Fragen im Leben gibt, zu deren ungefährer Lösung ein gewisser Grad von Gemeinschaftsgefühl gehört, wenn dieser Grad des Gemeinschaftsgefühls schon frühzeitig festgelegt, im mechanischen Lebensstil aufgeht, dann wird der Zusammenstoss der irrtümlich aufgebauten, des Gemeinschaftsgefühls allzu sehr entbehrenden Lebensform stets vor den drängenden Fragen des Lebens erfolgen, die eben diesen Grad von Interesse für die andern erfordern … In allen Fehlschlägen des menschlichen Seelenlebens ist stets die tiefste Wurzel der Mangel des Mitlebens, Mitspielens, Mitarbeitens, Mitliebens.«141
Eine fachkundige »Durchleuchtung« des psychischen Haushalts des Nervösen hätte bereits in früheren Lebensabschnitten Charakterzüge wie Ängstlichkeit, Verschrobenheit, Pessimismus angezeigt, die zur Neurose disponieren. Weitere Anzeichen wären die zögernde Attitüde, das Ausbiegen vor einem Lebensproblem, die Einengung des Beziehungsfeldes und die Vorliebe für das »Hinterland des Lebens«. Alle diese Gangarten sind auf verstärktes Minderwertigkeitsgefühl verdächtig und können bei weiterem – und im Verlaufe des Lebens unausweichlichem – Auftreten von sozialen Anforderungen zu einem Fehlschlag führen.142
Die Unruhe und die schematische Reaktionsweise verhindern ein unbefangenes, vorurteilsloses Herantreten an die Lösung irgendeines Lebensproblems, und die Misserfolge bleiben nicht aus. Die Einschränkungen durch die Wirklichkeit, die Fehlschläge im Zusammenleben vermögen aber den psychischen Mechanismus nicht zu korrigieren, sondern verstärken nur die Unsicherheit des Nervösen und treiben ihn weiter in die pessimistische Grundstimmung hinein.143
Seine Angst vor Entscheidungen und Beurteilungen tritt anlässlich bestimmter Lebenssituationen stärker in Erscheinung. Pubertät, Beginn des Geschlechtsverkehrs, Berufswahl, Prüfungen, Heirat, Schwangerschaft, Klimakterium, Alter, Todesgefahr, Verlust von engen Beziehungspersonen sind typische Veranlassungen zum Ausbruch der Neurose oder der Psychose. Die Anforderungen der exogenen Situation können einen Schock auslösen, der sich je nach Konstitution und eintrainiertem Lebensstil auswirkt und Symptome induziert, die ein Ausweichen vor der mit einer Niederlage drohenden Situation berechtigt erscheinen lassen.144
»Alle diese Termine und Erlebnisse rufen Steigerungen oder Änderungen in den vorbereitenden Einstellungen zum Leben hervor. Das gemeinsame Band, das sie verbindet, ist die Erwartung neuer, immer sozialer Tatsachen, für die er mangels ausgebildetem Gemeinschaftsgefühl nicht recht vorbereitet ist, die für den Neurotiker immer neuen Kampf, neue Gefahr des Unterliegens bedeuten.«145 Sie rufen eine Verschärfung der neurotischen Bereitschaften hervor, die je nach dem vorher gegebenen Grad der Nervosität an der äussersten Grenze der Sicherung auch in den Suizid oder die Psychose münden können.
Die Furcht vor dem Versagen versetzt die Psyche in eine Spannung, die sich als Angst, Wut oder Trauer konkretisieren kann. Die jeweilige Art dieser Spannung gibt der Neurose ihre Prägung.146 Bei der »funktionellen Neurose«, wie Adler die psychosomatischen Erkrankungen nennt, wirkt sich der Affekt, der aus der Latenz im psychischen Spannungszustand jederzeit aufbrechen kann, am schwächsten Organ, dem »locus minoris resistentiae« der familiären Konstitution aus. Eine funktionelle Neurose sei nur dann zu verstehen, meint Adler, wenn das Individuum als Einheit gesehen wird, das vor Prüfungssituationen im Leben sich nicht in der Lage fühlt, die Fragen »selbständig und mitgehend« zu lösen. Es fehlt ihm dazu die soziale Vorbereitung, die Fähigkeit zum Anschluss an das Du.147
Bei der Angstneurose und anderen Formen wie zum Beispiel der Phobie oder der Depression verbleibt der Mechanismus mehr im emotionalen Bereich, während in der Zwangsneurose, der Paranoia und in vielen anderen Psychosen vielfach eine Akzentuierung und Verformung von gedanklichem Material anzutreffen ist.148
Der Sicherungstendenz und dem daraus resultierenden Streben nach Erhöhung der eigenen schwachen Persönlichkeit dient auch die oft ausgeprägte Entwertungstendenz des Nervösen. Seine Zerstreutheit und Stimmungsschwankungen sind ein Resultat der Träumereien, mit denen er sich über seine real nicht besonders präsentable Lage hinwegtröstet und sich aufzuwerten sucht.149
Der Mechanismus von Schwächegefühl und Kompensation bewirkt die wechselseitige Ausrichtung nach oben und unten. Als solcher kann er auch in Massenbewegungen einfliessen. Der Lebensstil des aktiveren Bevölkerungsteils prägt die Bewegung und kommt in ihr als »Massenpsyche« zum Vorschein; der passivere Bevölkerungsteil wird als Mitläufer integriert oder verstummt.
In einem Artikel in der »Internationalen Zeitschrift« legt Adler eine Fülle von Aspekten zum Problem der Massenpsychologie aus individualpsychologischer Sicht vor.150 Auf individueller Ebene stellt Adler für den Neurotiker ganz allgemein fest, dass er an einem Mangel an sozialer Vorbereitung leidet. Die zögernde Attitüde aufgrund seines Abgedrängtseins vom gemeinschaftlichen Weg ergibt als psychisches Bewegungsgesetz ein stetes »Ja – aber«; sie verhindert den eigenen Beitrag zu Kooperation und führt sein Bestreben dahin, das Gemeinschaftsgefühl der andern auf die Probe zu stellen, sein Wertgefühl daraus abzuleiten, wieviel die andern zu seinem Wert beitragen.151
Aus dem Einblick in den Ausprägungsgrad, den der psychische bzw. soziale Schwächezustand des Neurotikers erreicht hat, ergibt sich, welches Mass an Kooperation man von ihm erwarten kann. Die Frage ist nicht anders zu beantworten als im Falle somatischer Erkrankung: Der kranke und der rekonvaleszente Mensch kann und soll die Grenze seiner physischen Leistungsfähigkeit nicht überschreiten. Dasselbe gilt für den in seiner Beziehungsfähigkeit geschwächten Menschen, der auf Schonung Anrecht hat.
»Dem vorwärts strebenden Anteil der Menschheit obliegt daher die strenge Pflicht, nicht nur aufzuklären und richtig zu erziehen, sondern auch nicht voreilig die Prüfungen für den im Gemeinschaftsgefühl Ungeschulten zu schwer zu gestalten, ihn etwa so zu betrachten, als ob er leisten könnte, was nur bei entwickeltem Gemeinschaftsgefühl zu leisten wäre, niemals aber beim Mangel desselben, weil der Unvorbereitete beim Zusammenstoss mit dem ein starkes Gemeinschaftsgefühl erfordernden Problem eine Schockwirkung erlebt, die unter Ausgestaltung eines Minderwertigkeitskomplexes zu Fehlschlägen aller Art Anlass gibt.«152
Nicht fordern oder strafen, sondern heilen, das ist ein immer wieder mit Entschiedenheit vorgebrachtes Postulat der Individualpsychologie. Im Bereich der Erziehung suchten Adler und seine Mitarbeiter es mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verwirklichen.
Die Sexualität hat in der Adlerschen Neurosenlehre eine andere Bedeutung als in der Freudschen; die unterschiedliche Meinung darüber führte 1911 den Bruch in der Beziehung zu Freud herbei, nachdem Adler seine Gedanken zur Sexualtheorie in der Psychoanalytischen Gesellschaft vorgetragen hatte. Adler sieht keine sexuelle Ätiologie in der Neurose, sondern ihm ist die Form, in der die Sexualität gelebt wird oder sich als gestört erweist, ein Ausdruck der Stellung zur Gemeinschaft, ein modus dicendi des gesamten Gefühlslebens. Er weist bedauernd daraufhin, dass Freud, der sonst ein feiner Kenner des Symbolischen im Seelenleben sei, das Symbolische in der Sexualneurose nicht erkennen konnte.153
»Alle Sexualbeziehungen in der Neurose sind nur ein Gleichnis.«154 Die ganze Charaktersituation kommt darin zum Ausdruck, die gleichen Faktoren, die das gesamte Gefühlsleben beherrschen, bestimmen auch die Verhaltens-, Erlebnis- und Empfindungsweise in der Sexualität. Es spielen sich auf diesem Gebiet dieselben unbewussten Prozesse ab wie im gesamten psychischen Bereich des betreffenden Menschen: Die gleichen Minderwertigkeitsgefühle, die gleiche Angst vor Niederlagen, das gleiche Streben nach Überlegenheit wirken sich aus.155
»Adler war der erste, der feststellte, dass sexuelle Störungen die Neurose nicht verursachen, sondern nur eine der Situationen darstellen, in denen sich die Neurose manifestiert«, schreibt Clara Thompson.156 In dieser Umkehrung der Kausalbeziehung zwischen Sexualität und Neurose schloss sich die ganze Gruppe der Neopsychoanalytiker rund drei Jahrzehnte später der Adlerschen Auffassung an. Auch die infantilen Wünsche, die Freud aufgrund seiner Trieblehre als etwas genetisch Gegebenes betrachtet und als Ödipuskomplex charakterisiert hat, sieht Adler – sofern sie tatsächlich auftreten und nicht in die Haltung des Kindes hineininterpretiert werden – nicht als Strebungen eigenen bzw. sexuellen Ursprungs, sondern als Formen der Erotik, die von der Fiktion im emotionalen Bereich erfasst und entsprechend ausgeformt worden sind.
Die Eifersucht des Kindes aus dem emotionalen Bereich mit allen Formen des Kampfes um die Zuwendung der Mutter oder des Vaters bietet fruchtbaren Boden genug für solche Phänomene, wie Freud sie in der ödipalen Bindung sah.
Erotik und Sexualität des Nervösen ordnen sich in der individualpsychologischen Sicht dem Leitgedanken der verunsicherten und nach Aufwertung strebenden Persönlichkeit unter. Perversionsneigungen sind Ausdruck einer verstärkten Abwehr-, Rache- oder Ausweichtendenz in der gesamten Charakterstruktur.157 Als eine Form der Neurose sind auch die Fälle einer scheinbar gar nicht vorhandenen Sexualität zu verstehen. Sie erfordern nicht minder therapeutische Arbeit als die Fälle eines zwar aktiven, aber sich auf verschlungenen Wegen äussernden Sexualtriebes.
Auch im gesunden Fall sieht Adler die Form der Erotik und der Sexualität als Ausdruck der Beziehung zum Du. Noch offenkundiger zeigt sich das aber im Falle des irritierten Selbstwertund Gemeinschaftsgefühls und der gestörten Sexualität. »Gerade die Neurose zeigt deutlicher als das normale psychische Verhalten, wie durch die neurotische Zwecksetzung das Gefühl der Lust die Abtönung derselben und ihre Stärke in die Richtung dieses Zweckes gezwungen werden, so dass der Neurotiker eigentlich nur mit seiner sozusagen gesunden psychischen Kraft der Lockung des Lusterwerbs folgen kann, während für den neurotischen Anteil‚ ’höhere’ Ziele gelten.«158
Auf dem Boden der verwirrten psychischen Grundsituation gedeihen erst die krankhaften Ausformungen der Sexualität. Es trifft also keineswegs zu, dass Adler deshalb mehr Erfolg in seinem öffentlichen Wirken hatte, weil er von der Sexualität abgesehen hätte,159 sondern er sah sie auf eine andere Art als Freud in den gesamten psychischen Zusammenhang eingeordnet.
Adlers Neurosenlehre erläutert das Problem des Gemeinschaftsgefühls anhand der irritierten Beziehung zum Du. Im neurotischen Lebensstil kommt der Mangel an Gemeinschaftsgefühl zum Ausdruck. Wird die Beziehung zur Gemeinschaft weiter beeinträchtigt und so stark gestört, dass der Nervöse sich nicht mehr zutraut, auf realer Ebene am gemeinschaftlichen Leben teilzunehmen, kann die Psychose zum Ausbruch kommen.
Adlers Ausführungen über die Psychose sind angesichts des heutigen Standes der Schizophrenie-Forschung von besonderem Interesse. Bereits in seinen Arbeiten aus dem Jahre 1912 und 1914 charakterisiert er sie als eine Weiterentwicklung und Verschärfung des neurotischen Krankheitsbildes. »Die von mir gefundenen und beschriebenen treibenden Kräfte der Neurosen und Psychosen: kindliches Minderwertigkeitsgefühl – Sicherungstendenz, Kompensationsbestreben – in der Kindheit errichtetes, hernach teleologisch wirkendes, fiktives Ziel der Überlegenheit – die sich ergebenden erprobten Methoden, Charakterzüge, Gefühle, Affekte, Symptome und Haltungen gegen über den Forderungen des gesellschaftlichen Zusammenhanges – alle verwendet als Mittel zur fiktiven Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls gegenüber der Umgebung – das Suchen nach Umwegen und nach einer Distanz zu den Erwartungen der Gemeinschaft, um einer realen Wertung und persönlicher Haftung und Verantwortung zu entgehen – die neurotische Perspektive und die tendenziöse, bis zur Verrücktheit gehende Entwertung der Wirklichkeit – die Ausschaltung fast aller Beziehungsmöglichkeiten und der Kooperation führten mich und viele andere Untersucher zur Aufstellung eines erklärenden Prinzips, das sich im weitesten Umfang für das Verständnis der Neurosen und Psychosen als wertvoll und unerlässlich erwiesen hat.«161
In der Auffassung der Individualpsychologie ist die Psychose als ein Voranschreiten der psychischen Schwächung bis zu einem für die betroffene Persönlichkeit lebensbedrohlich erscheinenden Mass zu sehen. Man könnte den qualitativen Schritt von der Neurose zur Psychose etwa jenem Punkt bei einer physischen Erkrankung vergleichen, wo die Krankheit an einem einzelnen Organ einen Grad erreicht, dass sie durch Nebenwirkungen und Überlastung des gesamten Organismus alle andern Funktionen so stark beeinträchtigt, dass dadurch die Krankheit sich zu einem Kampf auf Leben und Tod verschärfen kann.
Der Vergleich ist zwar insofern unzulänglich, als der präpsychotische Schwächezustand nicht nur einen einzelnen, lokalisierbaren Punkt, sondern die Persönlichkeit als Ganzes betrifft. Der Übergang erfolgt durch den Abbruch der Beziehungen zum Du. Die Angst erreicht einen Grad, der den völligen Rückzug bewirkt und die Ausschaltung des anderen Menschen auf die Spitze treibt.162
Im Rückzug vor den Anforderungen, denen die Psyche sich nicht mehr gewachsen fühlt, erfolgt nach Adler eine konsequente Verschärfung der im vorausgehenden Neurosenzustand bereits vorhandenen Leitlinie. In Annäherung an die Auffassung Bleulers, der eine »Lockerung der Assoziation«163 als charakteristisch für die Psychose bezeichnet hatte, stellt Adler eine Schwäche des korrigierenden Apparates fest, der die verstärkten Abweichungen des fingierenden Apparates von der Wirklichkeit nicht mehr zu kompensieren vermag. Die Umdeutungen der Wirklichkeit erhalten ihren Sinn und ihre Notwendigkeit aus dem Ohnmachtsgefühl; sie dienen als Deckung und als Beweis für die Unmöglichkeit, am Leben weiter sinnvoll handelnd teilzunehmen.164
Hatte der betreffende Mensch im Zustand der Neurose noch um Aufrechterhaltung und Aufwertung seines Persönlichkeitsgefühles gekämpft, gleitet er in der Psychose in einen Zustand totaler Resignation und Mutlosigkeit, den er u. U. in Grössenideen kompensiert.
Adler nennt fünf Grundbedingungen für die Psychose, nämlich die Antizipation und halluzinatorische Darstellung eines Wunsches oder einer Befürchtung zum Zwecke der Sicherung, die tendenziöse Entwertung der Wirklichkeit, die daraus resultierende Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls bei mangelnder Kooperationsfähigkeit, den Kampf gegen die nähere oder weitere Umgebung und deren Herabsetzung und die Verlegung der Aktivität des Patienten von seinem Hauptproblem weg auf einen Nebenkriegsschauplatz.165
Die fünf Komponenten bedingen und beeinflussen sich gegenseitig und zeigen zugleich auf, in welchem Sinne die psychotische Erkrankung als eine extreme Weiterentwicklung der Charaktertendenzen zu betrachten ist, die bereits in der Neurose wirksam sind.
Das grössere Mass an Kleinmut erzwingt als Kompensation, dass das Ziel der Überlegenheit noch höher angesetzt wird und das Selbstwertstreben sich noch stärker daran fixiert. Die Wahnidee hat ihren Sinn als Kompensation: Da die eigentliche Ursache in der Verletzung und dem Minderwertigkeitsgefühl zu suchen ist, kann eine Korrektur des Wahns niemals bei der Wahnidee selber – gleichsam von oben her – ansetzen.
»Die nur mit teilweisem Recht betonte‚ ’Unkorrigierbarkeit’ der Wahnideen aber ergibt sich folgerichtig aus dem hypnotisierenden Ziel. Und wir konnten bereits zeigen, wie es dem psychologisch Erkrankten regelmässig durch die Distanzsetzung gelingt, mittels einer Lebenslüge sein Persönlichkeitsgefühl zu sichern. … An der Wahnidee aber ist, soweit wir sehen, kein Fehler im Intellekt. Sie ist von der leitenden Idee erzwungen und genügt ihrem Endzweck: unverantwortlich zu machen und durch die Distanz das Persönlichkeitsgefühl zu sichern. Eine logische Prüfung der aus dem Zusammenhang gerissenen Wahnidee kann ihr nicht leicht etwas anhaben, weil sie als ein erprobter Modus dicendi et vivendi ihren Zweck im Bezugssystem des Patienten erfüllt und weil sich der Patient in einem eingeschränkten Gemeinschaftsgefühl der Logik und der Kooperation entschlägt, die uns alle bindet.«166
Eine Lockerung bzw. ein Abbau der Wahnidee kann höchstens dann erfolgen, wenn der Patient aus anderen Quellen der zwischenmenschlichen Beziehung bereits wieder Mut zu fassen beginnt und – ähnlich der Totenstarre gewisser Tiere, die bei Schwinden der Gefahr nachzulassen beginnt – sich wieder zur Kooperation geneigt erweist. Nur eine Heilung vom Minderwertigkeitsgefühl her im Sinne einer Stärkung der Persönlichkeit ermöglicht, dass die Wahnidee als Modus dicendi et vivendi aufgelockert und schliesslich als unnötig geworden verschwinden kann.
Adler deutet auch die klinischen Begriffe des Negativismus, der Abschliessung und des Autismus wie auch die neurotischen Formen des Widerstandes als Erstarrung im Sinne eines Abbaus der Kooperationsfähigkeit.167
Die totale Mutlosigkeit bewirkt den Rückzug aus der Beziehung zum Du, die Flucht in ein Wahnsystem. Die Psychose ist bei Adler als eine extreme Form des gestörten mitmenschlichen Bezuges zu verstehen. An ihr zeigt sich noch einmal deutlich die Bedeutung des Gemeinschaftsgefühls als Mass für die seelische Gesundheit und Krankheit.
Befunde der Entwicklungspsychologie, der Psychopathologie und der Neopsychoanalyse
Um eine Basis für ein Abwägen von Adlers Aussagen über Entstehung und Bedeutung des Gemeinschaftsgefühls zu gewinnen, seien im folgenden einige Befunde aus der Entwicklungspsychologie, der Psychopathologie und der Neopsychoanalyse dargestellt. Die Akzentsetzung ergibt sich aus der Thematik dieser Arbeit. Der Begriff »Gemeinschaftsgefühl« wird in keinem der drei Forschungsbereiche verwendet; die Autoren haben sich mit dem Problem der zwischenmenschlichen Beziehung unter anderen Bezeichnungen befasst.
Ihre Befunde werden oftmals nur verständlich, wenn sie im Zusammenhang mit der jeweiligen Persönlichkeitslehre dargestellt werden. Jeder Forscher, dessen Arbeiten zur Sprache kommen, ist in das Problem der Ich-Du-Beziehung von einer anderen Seite her eingedrungen und hat wesentliche wissenschaftliche Beiträge geleistet. Durch die Auseinandersetzung mit ihnen lässt sich beurteilen, inwieweit Adlers Aussagen über das Gemeinschaftsgefühl zutreffend sind. Die relative Breite der Darstellung dieser Befunde mag von daher gerechtfertigt erscheinen.
Rene A. Spitz und John Bowlby sind in ihren Arbeiten der Entstehung von Objektbeziehung bzw. Bindungsverhalten beim Menschen in minuziöser Beobachtung nachgegangen und haben die Bedeutung des emotionalen Austausches für die Persönlichkeitsbildung und für den physisch-psychischen Entwicklungsprozess des Säuglings erforscht. Aus dem Bereich der Psychopathologie soll die Psychotherapie der Psychosen zur Sprache kommen.
Die Arbeiten von Gertrud Schwing, Marguerite-A. Sechehaye, Gaetano Benedetti und John Rosen werden kurz skizziert; hernach wird auf den psychotherapeutischen Prozess bei Frieda Fromm-Reichmann genauer eingegangen. Die Resultate der Schizophrenen-Therapie sind im Zusammenhang mit dem Gemeinschaftsgefühl deshalb von Bedeutung, weil in ihr die Rückführung des psychisch Schwerstkranken in seinen realen Lebensbezug erfolgt; der therapeutische Prozess kann Wesentliches zur Erhellung der Ich-Du-Beziehung beitragen.
Die Neopsychoanalyse schliesslich bringt eine Neuorientierung im Persönlichkeitsmodell. Die drei Autoren Horney, Fromm und Sullivan haben gemeinsam, dass sie sich von der Freudschen Trieblehre abwenden: der hauptsächliche Impuls zur Revision der Theorie kommt bei jedem der drei, die untereinander in regem Austausch standen, aus einer anderen Richtung und gibt der Persönlichkeitslehre bei jedem ihr spezifisches Gepräge.
Bei Karen Horney führt der Einbezug der Soziologie und Kulturanthropologie dazu, dass sie sich mit dem Einfluss der kulturellen Normen auf psychische Gesundheit und Krankheit befasst und die Kulturbedingtheit der Neurose eingehend untersucht. Erich Fromm fasst die Wechselwirkung von Gesellschaft und Individuum in noch weiterem Rahmen ins Auge, indem er die sozioökonomischen Grundlagen mit einbezieht und daraus die Entstehung eines für jede Gesellschaftsform typischen Sozialcharakters ableitet. Harry Stack Sullivans Ansatz liegt wiederum im therapeutischen Bereich und veranlasst ihn, das Werden der Persönlichkeit ganz aus dem interpersonalen Bezug zu erklären, ohne den kulturellen Einfluss ausser acht zu lassen.
Zunächst soll jedoch die Entwicklungspsychologie zu Wort kommen, da sie mit ihren Untersuchungen an Säugling und Kleinkind das Problem der Beziehungsfähigkeit in der Entstehung beleuchtet hat.
Entwicklungspsychologie: René A. Spitz und John Bowlby
Die psychotherapeutische Arbeit hat bis heute ein umfangreiches Material über den Ursprung seelischer Störungen zutage gefördert. Kränkende Eindrücke und Erlebnisse von frühester Kindheit an nisten sich im Gemüt des Menschen ein, behindern die weitere Entfaltung seiner Persönlichkeit und geben der seelischen Störung auch ihre spezifische Form. Dieses retrospektiv gewonnene Material gibt in den meisten Fällen deutliche Hinweise, um gestörte Reaktionsweisen eines Analysanden aus seinem psychischen Werdegang aufschlüsseln zu können.
Dennoch war es für die psychologische Forschung eine bedeutende Bereicherung, dass die Entwicklungspsychologie in der direkten Beobachtung von Kleinkindem einen neuen Weg fand, auf dem wesentliche Resultate über die Bedingungen der Persönlicheitsentwicklung des Kindes gewonnen werden konnten.
Aus den vielen Arbeiten auf diesem Gebiet soll besonders auf zwei Pioniere eingegangen werden, die beide der Psychoanalyse verpflichtet sind. Die Arbeiten von Rene A. Spitz haben grosse Beachtung gefunden; ihre Resultate sind zum grossen Teil bereits Allgemeingut geworden.
Seine Beobachtungen an Heimkindern, die zwar ausreichend ernährt und körperlich gepflegt wurden, jedoch der emotionalen Zuwendung entbehrten und deshalb einen deutlichen psychischen und physischen ntwicklungsrückstand gegenüber Kindern mit einer normalen utterbindung aufwiesen, veranlassten ihn, die Bedeutung der mütterlichen Zuwendung für die Entwicklung des Säuglings genauer zu erforschen.
Er gewann seine Befunde durch longitudinale Studien, d. h. durch direkte Beobachtung von Säuglingen und Kleinkindern über längere Zeit, immer die ganzheitliche Entwicklung im Auge behaltend. Sein Vorgehen unterscheidet sich dadurch grundsätzlich von der auf das Erfassen isolierter Phänomene ausgerichteten Methode der Experimentalpsychologie; er berücksichtigt die Dynamik und Historizität des gesamten physisch-psychischen Entwicklungsvorganges und versteht die beobachteten Phänomene als die äusserlich wahrnehmbaren Indizien für Vorgänge in den tieferen Strukturen.168
Spitz betrachtet das Neugeborene als einen im psychologischen Sinne undifferenzierten Organismus. »Dieser Organismus hat noch kein Bewusstsein, keine Wahrnehmung (perception), keine Empfindung (sensation) und keine psychischen Funktionen, seien sie bewusst oder unbewusst.«169 In Übereinstimmung mit den anthropologischen Arbeiten Portmanns und Montagus versteht er aber das Neugeborene über das Psychische hinausgehend als noch nicht ausgeformtes Wesen:
»Im Grunde betrachte ich das Neugeborene in vieler Hinsicht als eine undifferenzierte Ganzheit. Nach und nach differenzieren sich aus dieser Ganzheit verschiedene Funktionen, Strukturen, ja sogar die Triebe heraus«, und zwar mittels eines Prozesses der Reifung und der Entwicklung.170
Die Entwicklung bis zu einer von einem Ich geleiteten, strukturierten Aktivität des Kindes erstreckt sich über das ganze erste Lebensjahr, während dessen das Kind zu Recht als noch in statu nascendi befindlich bezeichnet wird. Während dieser Zeit ist es auch für Störungen besonders anfällig; insbesondere Übergänge von einer Entwicklungsstufe zur nächsten sind Stadien, in denen sich störende Erlebnisse traumatisch auswirken können.
Im Sinne einer Schutzmassnahme scheint die Reizschwelle für den Wahrnehmungsapparat des Neugeborenen während der ersten Lebensmonate ausserordentlich hoch zu liegen. Während der ersten Woche und noch bis Ende des ersten Monats sind die Reaktionen des Säuglings Antworten auf die Wahrnehmung von Bedürfnissen, die sich über das enterozeptive und propriozeptive System gemeldet haben.172 Aus der Bedürfnisbefriedigung erwachsen die ersten zielgerichteten Verhaltensweisen, die aus Erfahrung erworben sind, wie z. B. das Kopfdrehen beim Brustkind, wenn es in Stillage aus dem Bettchen genommen wird, oder das Fixieren des mütterlichen Gesichtes, das sich nach Spitz’ Beobachtungen beim Brustkind ausgeprägter entwickelt als beim Flaschenkind.
Aus der Betreuung und der Pflege des Kindes schöpft auch die Mutter normalerweise eine Genugtuung; sie und das Kind bilden eine Dyade, eine Zweiheit, die durch einen starken affektiven Egoismus zu zweit gebildet wird und bis zu einem gewissen Grad ein in sich abgeschlossenes System bildet.173 Das kontinuierliche emotionale Interesse der Mutter am Kind schafft die Grundlage für diese Beziehung: »Die Liebe und Zärtlichkeit, die sie für das Kind empfindet, machen es für sie zu einem Objekt unaufhörlichen Interesses; aus dieser nimmermüden Anteilnahme heraus bietet sich ihm eine stets sich erneuernde, reiche und mannigfaltige Skala, eine ganze Welt von lebenswichtigen Erfahrungen.
Diese Erfahrungen werden dadurch so wichtig für das Kind, dass sie durch die Affekte der Mutter bereichert und gefärbt und mit ihnen verwoben sind, und auf diese Affekte reagiert das Kind ebenfalls affektiv. Das ist im Säuglingsalter wesentlich, denn zu dieser Zeit sind die Affekte von weit grösserer Bedeutung als zu irgendeiner späteren Zeit im Leben. Während der ersten Lebensmonate herrschen im Erleben des Säuglings affektive Wahrnehmungen und Affekte vor, und zwar so sehr, dass sie praktisch alle anderen Wahrnehmungsweisen ausschliessen. Psychisch gesehen sind das Sensorium, der Wahrnehmungsapparat, die sensorische Unterscheidungsfähigkeit noch nicht genügend entwickelt. Tatsächlich ist ein grosser Teil dieses Apparates noch nicht einmal reif. Darum müssen die Gefühlshaltung der Mutter und ihre Affekte dazu dienen, den Affekten des Säuglings eine Orientierung zu geben und den Erfahrungen des Kindes die Erlebnisqualität zu verleihen.«174
Sullivan hat diesen Vorgang intensiven emotionalen Austausches, der im einzelnen noch kaum überblickt werden kann, als Empathie bezeichnet. Sie bildet für ihn die Grundlage für zwischenmenschliche Beziehung überhaupt. Spitz beschreibt, wie aus dieser Beziehung, die für das Kind primär der Bedürfnisbefriedigung dient, im Verlaufe des zweiten Lebenshalbjahres eine echte Objektbeziehung wird, d. h. eine Beziehung, in der die Bedürfnisbefriedigung mit dem gefühlsmässigen, seelischen Austausch, der das Grundgewebe einer ausgesprochen individuellen emotionalen Bindung bildet, zu einem einheitlichen Ganzen verschmilzt.
Das Ich des Kindes hat sich mittlerweile so weit strukturiert, dass es das Objekt der Beziehung, die Mutter, von allen anderen Personen unterscheidet.175 Es hat sich im emotionalen Austausch dieses präverbalen Stadiums seiner ersten Lebenszeit auf die individuellen Haltungen und Erwartungen der Mutter durch einen auf »trial and error« beruhenden Vorgang eingestellt und in diesem Prozess begonnen, seine eigene Persönlichkeit zu formen. Während dieses emotionalen Entwicklungsprozess ist die Beziehungsperson nach Spitz nicht ersetzbar, ohne nicht für die Persönlichkeitsbildung des Kindes die Gefahr einer tiefgehenden Erschütterung hervorzurufen.
»Die affektiven Signale der mütterlichen Gemütsverfassung werden für den Säugling augenscheinlich zu einer Kommunikationsweise, die das Kind mit ganzheitlichen Reaktionen beantwortet. Dieser Austausch zwischen Mutter und Kind findet ständig statt, ohne dass die Mutter oder die Umwelt etwas davon merken. Dieses Kommunikationssystem zwischen Mutter und Kind übt einen steten unmerklichen Druck aus, der die kindliche Psyche formt. Natürlich ist es ein Kommunikationssystem, das zum grossen Teil, und man könnte beinahe sagen in seiner Gesamtheit, keine unlustbetonten Reize für das Kind enthält. Wenn wir weiter oben von ’stetem Druck’ sprachen, so nur deshalb, weil uns für die Beschreibung dieser subtilen Vorgänge der rechte Begriff fehlt. Es handelt sich um eine Formung, einen nicht wahrnehmbaren und fassbaren Modellierungsprozess.«176
Spitz hat die verschiedenen Stadien dieser affektiven Ich-Bildung bis zum Ende des ersten Lebensjahres minuziös untersucht. Besondere Beachtung schenkte er dem Phänomen der Achtmonatsangst als Indikator für die nunmehr vorhandene Unterscheidungsfähigkeit des Kindes, und zwar in einem tieferen als nur dem optischen Sinne: Das Beziehungsobjekt erweist sich im affektiven Bereich des Kindes als unverwechselbar konstituiert und damit ist die Voraussetzung für eine echte Objektbeziehung gegeben.177
Die Integration der verschiedenen Reifungs- und Entwicklungsprozesse auf verschiedenen Stufen hatte Spitz mit dem jeweiligen Auftreten eines Organisators innerhalb der Psyche in Verbindung gebracht – ein Begriff, den er aus der Embryologie übernommen hatte. Die Achtmonatsangst wertete er als Anzeichen für das Eintreten des zweiten Organisators, während das erste intentionale Lächeln des Kindes als Antwort auf das Lächeln der Mutter ein Indikator für die erste Integrationsstufe ist.
Hatte er ursprünglich den Erwerb der Sprache um den achtzehnten Lebensmonat als Anzeichen der dritten Integrationsstufe betrachtet, so revidierte er die Annahme in seiner Schrift »Nein und Ja« und setzte diese Stufe bereits früher an. Das Nein-Kopfschütteln ist das Indiz für die Fähigkeit des Kindes, sein eigenes Selbst wahrzunehmen und vom Beziehungsobjekt aktiv abzugrenzen; es leitet die soziale Stufe des Menschseins ein, in der die Kommunikation in der Beziehung den Vorrang vor der Handlung erhält.178
Der richtige, ungestörte Verlauf dieser affektiven Beziehung zwischen Mutter und Kind während des ersten Lebensjahres hat sich als für die ganzheitliche Entfaltung des Kindes unerlässlich gezeigt. Störungen in der mütterlichen Persönlichkeit, die sich auch in mangelhafter oder fehlender Zuwendung zum Kind äussern können, wirken sich auf die psychische Entwicklung des Kindes schädigend aus. Die Folgen einer ungenügenden Mutter-Kind-Beziehung aufgrund einer irritierten Haltung der Mutter bezeichnet Spitz als psychotoxische Störungen, da solche Fehlhaltungen nach der Art eines kontinuierlich einwirkenden psychischen Giftes wirken; eine ganze Reihe klinischer Krankheitsbilder sind auf eine solche gestörte mütterliche Beziehung zurückzuführen.179
Eine zweite grosse Kategorie von Störungen der Mutter-Kind-Beziehung mit zumeist schweren Auswirkungen ist auf eine unzureichende Beziehung zurückzuführen. Den Avitaminosen vergleichbar, behindern diese »Störungen durch Affektentzug« das Wachstum und die Entfaltung des Kindes in jeder Beziehung: Partieller Entzug der affektiven Zufuhr nach einer vorausgehenden guten Beziehung zur Mutter während mindestens sechs Monaten führt innerhalb von zwei bis drei Monaten zu Entwicklungsstillstand, Nahrungs- und Kontaktverweigerung und Lethargie, ein klinisches Bild, das Spitz als anaklitische Depression bezeichnet. Noch schlimmere Folgen zeigt ein völliger Entzug der affektiven Zufuhr, indem er zu einem eigentlichen körperlichen Verfall, dem Marasmus führt.
Angeregt durch die Arbeiten von Spitz, sind zahlreiche longitudinale Studien über den Zusammenhang von kontinuierlicher emotionaler Zuwendung und der Gesamtentwicklung des Kindes angesetzt worden; sie haben die Richtigkeit seiner Beobachtungen und die Ätiologie der Störung bestätigt.180
Zwischen der gesunden, reichhaltigen und ausgeglichenen mütterlichen Beziehung und den schweren Störungen infolge partiellen oder totalen Liebesentzugs liegt eine ganze Palette von Störungen feinerer Art, die aber als Ansatzpunkte für spätere Charakterstörungen und Neurosen nicht minder bedeutungsvoll sind. Der nämliche Vorgang, der bei den psychotoxischen Störungen deutlich sichtbar wird, spielt sich auch bei weniger krassen Fehlhaltungen der Mutter ab; erst durch das Wissen um diesen subtilen Modellierungsvorgang wird deutlich, dass einer konstanten Fehleinwirkung viel grössere Bedeutung zukommt als traumatischen Ereignissen, die höchstens an den empfindlichen Übergangsstellen von einer Integrationsstufe zur nächsten eintreten können:
»Ich kann gar nicht genug betonen, dass in dieser Entwicklung traumatische Ereignisse kaum je eine Rolle spielen. Immer wieder ist es die kumulative Wirkung von Erlebnissen, von Reizen, von endlos wiederholten Reaktionen. Das gilt übrigens auch für die Pathologie von sich später entwickelnden Neurosen, in deren Ätiologie nur ausnahmsweise isolierte traumatische Ereignisse eine entscheidende Funktion haben. Auch hier ist es die Kumulativwirkung der Erlebnisse, ein Phänomen, von dem ich oft gesprochen habe. Beim Säugling habe ich diese formenden Kräfte das affektive Klima genannt und die Art seiner Wirkungsweise, besonders in der Ätiologie der Neurose, das Prinzip der Kumulation«181
Ebenso wie die Gleichgewichtsstörungen innerhalb der psychischen Entwicklung, die Anomalien in der Ich-Bildung induzieren können, bedürfen auch die Störungen durch eine asynchron verlaufende Reifung und Entwicklung noch der Erhebung durch weitere Forschung. Ein genauer Einblick in diese Vorgänge wäre deshalb von so grosser Bedeutung, weil das Verständnis der kindlichen Reaktionsweise ein Licht auf den tieferen affektiven Sinn von regredierenden Verhaltensweisen in späteren Psychosen werfen würde, und der Einblick in den vom mütterlichen Du her gegebenen Störungs- oder Mangelzustand am Ursprung der Ich-Bildung Hinweise für die Psychotherapie von Psychosen ergeben könnte.
Wenn sich spätere Regressionen auch nicht direkt bis an den Anfang der Irritation zurückführen lassen da das Leben weiter deformierend und verhärtend auf die Persönlichkeit eingewirkt hat, so scheint der Zusammenhang doch unbestreitbar. Ganz allgemein stellt Spitz fest, »dass es im ersten Lebensjahre Störungen der psychischen Funktionen, psychogene Erkrankungen, psychosomatische Erscheinungen gibt, die denen des Erwachsenen ähnlich sind. Wir haben betont, dass es sich um eine Ähnlichkeit, nicht um eine Identität handelt. Gleichzeitig haben wir aber auch die Hypothese vertreten, dass derartige ernste Störungen in den Anfängen der Menschwerdung nicht verheilen, ohne Spuren zurückzulassen, an denen späterhin ähnliche oder auch andere pathologische Störungen ansetzen können.«182
Die Befunde von Rene A. Spitz werden weitgehend bestätigt durch die Studien, die John Bowlby im Auftrag der World Health Organization durchführte und deren Ergebnisse er am Anfang der fünfziger Jahre publizierte. Bowlby beschränkte sich in seinen Untersuchungen allerdings auf die Schäden durch maternelle Deprivation bei Heim- und Spitalaufenthalten und klammerte die Deprivation innerhalb einer bestehenden mütterlichen Beziehung sowie die psychischen Störungen infolge einer gestörten Mutter-Kind-Beziehung bewusst aus.
Damit in Zusammenhang stehen eine Reihe ungeklärter Probleme am Rande des Hospitalismusphänomenens, wie zum Beispiel die unterschiedliche Schwere und die verschiedenen Arten der Schädigungen, die von der Art und der Intensität der erfahrenen mütterlichen Beziehung besonders vor, aber auch nach der Entbehrung wohl nicht zu trennen sind. Das Problem des gefühlsarmen und kriminellen, d. h. beziehungsunfähigen Jugendlichen und Erwachsenen bringt Bowlby in hohem Masse mit der Entbehrung der mütterlichen Zuwendung in der ersten Lebenszeit in Verbindung und kommt zu der in ihrer Vereinfachung doch recht problematischen Folgerung, dass schlechte Eltern besser seien als gute Heime, wofür u. a. die grosse Anhänglichkeit von Kindem an schlechte Eltern sprechen soll.183
Die gravierenden Folgen einer entbehrten Mutterbeziehung riefen Bowlbys Interesse wach für den Vorgang der Entstehung von emotionaler Bindung zwischen Mutter und Kind. Wie er einleitend zu seinem grossen Werk über Bindung und Verlust bemerkt, war er sich 1956, als er die Arbeit in Angriff nahm, der Grösse der Aufgabe noch nicht bewusst. Über die beobachteten und zu erklärenden Phänomene bestand kein Zweifel: Liebe als die Antwort des Kindes auf die unverwechselbare, individuelle und kontinuierlich erfolgte Zuwendung einer mütterlichen Person – Angst bzw. Protest, Verzweiflung und Ablösung als die Phasen des kindlichen Rückzuges bei einsetzender Deprivation.
Schwieriger als das Erfassen der Phänomene erwies sich die theoretische Erörterung der kindlichen Reaktionsweise. Auch erhoffte man, aus einem vertieften Verständnis Anweisungen für die Prophylaxe sowie Schlüsse für die Psychopathologie beim Erwachsenen ziehen zu können. »Auf der Basis von Primärdaten, die aus Verhaltensbeobachtungen an Kleinkindern in genau bezeichneten Situationen bestehen, wird der Versuch gemacht, bestimmte frühe Phasen im Funktionieren der Persönlichkeit zu beschreiben und von diesen aus gewissermassen nach vorwärts zu extrapolieren. Die Absicht ist vor allem, gewisse Reaktionsmuster, die regelmässig in der frühen Kindheit auftreten, zu beschreiben und von diesen aus festzustellen, inwieweit ähnliche Reaktionsmuster in der späteren Persönlichkeit sich ergeben.
Dies ist eine radikale Veränderung der Perspektive. Sie bedeutet, dass wir nicht das eine oder andere Symptom oder Syndrom, das auf die Störung hinweist, zum Ausgangspunkt nehmen als vielmehr das Geschehnis oder Erlebnis selbst, das möglicherweise pathogene Konsequenzen für die Persönlichkeitsentwicklung zeitigen kann.«184
Bis zum Zeitpunkt dieser Studie hatte unter Psychoanalytikern und Lerntheoretikern Einigkeit darüber bestanden, dass die Hinwendung zum Du nur zum Zwecke der Befriedigung von Bedürfnissen und der Vermeidung von Schmerz und Unlust erfolgt. Bowlby dagegen bezieht die Ergebnisse der neueren Ethologie über das Entstehen von Prägungen bei Primaten und anderen sozial lebenden Tieren mit ein, insbesondere die Arbeiten Harlows an Rhesusaffen, und versucht, in vergleichendem Vorgehen einen neuen Begriffsapparat zu erarbeiten.
Aufgrund der immensen Lernfähigkeit sind beim Menschen nicht die relativ starren Instinktverhaltenssysteme anzutreffen wie bei den nicht humanen Arten, sondern es handelt sich nach Bowlby um ein komplexes System von relativ flexiblen Verhaltensabfolgen. Die se grössere Flexibilität ermöglicht die individuellen Unterschiede. Bowlby meidet aber bewusst den substantivierten Begriff »Instinkt«, da er der Komplexität der Vorgänge auch bei den anderen Lebewesen nicht gerecht werde: Instinktives Verhalten ist als das Resultat der Aktivierung von Verhaltenssystemen zu betrachten, die so konstruiert sind, dass sie dem Überleben des Einzelnen oder der Spezies dienen.
Auch der Triebbegriff wird für Bowlby immer mehr hinfällig, »je besser wir die Kausalfaktoren verstehen, die das Instinktverhalten beeinflussen. Solange die Triebfedern einer Handlung nicht bekannt sind, ist es einfach und vielleicht unvermeidlich, anzunehmen, dass eine besondere Kraft das Verhalten vorantreibt, es vielleicht nicht nur auslöst, sondern auch auf geheimnisvolle und wohltätige Weise steuert. Wenn wir jedoch recht haben mit der Annahme, dass Verhalten das Resultat der Aktivierung von Verhaltenssystemen ist und dass die Aktivierung auf die beschriebenen Weisen erfolgt, dann löst sich das Geheimnis auf, und die Notwendigkeit, Triebe zu postulieren, verschwindet.
Ingenieure haben es nicht nötig, einen speziellen ’Flugzeugabschusstrieb’ zu postulieren, um das Verhalten des radargesteuerten Flugzeugabwehrgeschosses zu erklären, ebensowenig haben es Physiologen nötig, einen ’Blutzufuhrtrieb’ zu postulieren, um die Aktion des Herz-Kreislauf-Systems zu verdeutlichen.«185
Das menschliche Bindungsverhalten betrachtet Bowlby aufgrund dieser Auffassung als Produkt der Aktivität einer Anzahl von Verhaltenssystemen, die eine lange dauernde und komplexe Entstehungsgeschichte mit relativ grossen individuellen Unterschieden haben. Die Bildung dieser Systeme im ersten Lebensjahr lässt sich erst umrisshaft beschreiben, doch mit Beginn des zweiten Lebensjahres scheinen sie bei den meisten Kindern funktionstüchtig zu sein.186
Die Beobachtung, dass ein kleines Kind eine Bindung auch zu einem andern gleichaltrigen oder etwas älteren Kind aufnimmt oder zu erwachsenen Personen, die in keinerlei betreuendem Sinne für das Kind tätig waren und mit der Befriedigung physischer Bedürfnisse nichts zu tun haben, legt den Schluss nahe, dass die Entstehung von Bindungsverhalten beim Menschen von der Bedürfnisbefriedigung unabhängig und deshalb kein Sekundär- sondern ein Primärphänomen ist. Damit stellt Bowlby sich in Gegensatz zu den Lerntheoretikern, die im Bindungsverhalten einen Sekundärtrieb sehen.
Eine weit grössere Rolle bei der Ausformung der Bindungsmechanismen scheint dagegen die soziale Anerkennung zu spielen. »Die Variablen, welche die Untersucher als am eindeutigsten bestimmend für die Wahl der Person, an die bei einem Kind eine Bindung erfolgte, feststellen, waren die Promptheit, mit der eine Person auf ein Kind reagierte, und die Intensität der Interaktion, die sie mit dem Kind einging.«187 Je mehr ein Kind diese soziale Interaktion mit einer bestimmten Person erfährt, desto stärker wird seine Bindung. Innerhalb dieses gegenseitigen Wechselspiels kommt dem Lächeln und – was Bowlby stärker hervorhebt als Spitz – dem Schwätzeln des Kindes als ersten Kommunikationsmitteln eine grosse Bedeutung zu.
Bowlby unterteilt die Entwicklung in verschiedene Phasen: die Zeit der Orientierung und der Signale, zunächst ohne, dann mit Unterscheidung der Person, hernach die Phase der aktiven Aufrechterhaltung der Nähe zur Beziehungsperson bis zur Bildung einer zielkorrigierten Partnerschaft gegen Ende des zweiten Lebensjahres, wo das Kind sich differenzierter auf das Verhalten der Mutter einzustellen beginnt. Bowlby umschreibt diese letzte Phase die noch wenig erforscht ist, wie folgt:
»Durch Beobachtung des Verhaltens der Mutter und der Einflüsse darauf lernt ein Kind etwas über die von der Mutter gesetzten Ziele und die Pläne, die sie in die Tat umsetzt, um sie zu erreichen. Von diesem Punkt an wird sein Weltbild weit komplexer und sein Verhalten potentiell viel flexibler. Man könnte mit anderen Worten sagen, dass das Kind Einblick in die Gefühle und Motive seiner Mutter gewinnt. Wenn es einmal soweit ist, dann sind die Grundlagen dafür gelegt, dass das Paar eine viel komplexere Beziehung zueinander entwickelt, eine Beziehung, die ich eine Partnerschaft nennen möchte.«181
Auch in anderen Untersuchungen wird auf den im Laufe des zweiten Lebensjahres fest stellbaren hohen Grad des gegenseitigen Aufeinanderabgestimmt-Seins zwischen Mutter und Kind hingewiesen.189 Im Zusammenhang damit ist auch bemerkenswert, dass dieses gegenseitig eingespielte Verhaltensmuster bereits nach Ablauf des 1. Lebensjahres eine relativ grosse Stabilität besitzt, die sich im Verlaufe des zweiten und dritten Jahres weiter festigt. Das heisst aber nicht, dass das Interaktionsmuster zwischen Mutter und Kind sich zu dieser Zeit nicht noch durch zufällige Einflüsse entscheidend verändern kann, etwa bei Krankheit oder Unfall des Kindes, was die Mutter ängstlicher oder fürsorglicher machen kann und sie gegenüber dem Kind eine verwöhnendere Haltung einnehmen lässt, oder durch Änderungen in der Lebenssituation der Mutter, die sich auf ihre seelische Verfassung belastend oder aber stärkend auswirken.
Das Interaktionsgefüge kann sich aufgrund einer gegenseitigen Zufriedenheit stabilisieren; Bowlby nimmt an, dass bei Unzufriedenheit eines der beiden Partner das Reaktionsmuster weniger stabil sei, da der unzufriedene Teil immer noch sporadisch eine Änderung zu erwirken versuche.190 Doch erhebt sich hier die Frage, ob nicht gerade solche Interaktionsgefüge sich in einer grossen Zahl der Fälle stabilisieren und die Grundlage für Charakterneurosen bilden.
Die Mutter trägt die ganze Komplexität ihrer Persönlichkeit mit allen unbewussten Anteilen und allen kulturellen Schemata zu dieser Beziehung bei, und die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass von ihrer Seite her nervöse oder sonst unsachgemässe Impulse in das Wechselspiel einfliessen. Umgekehrt kann das Kind durch Reaktionsweisen, die auf Unzufriedenheit beruhen, auf die Mutter einwirken und anfangen, mit ihren ablehnenden oder verwöhnenden Reaktionsbereitschaften zu korrelieren. In beiden Fällen kann sich ein ausserordentlich stabiles Wechselspiel ergeben, das – obwohl es für die Lebenssituation beider Teile ungünstig und erschwerend ist – dennoch von der Mutter und vom Kind weiter affektiv genährt und gefestigt wird.
Von dieser Erkenntnis macht die Familientherapie191 mehr und mehr Gebrauch. Der Einblick in die Genese solcher Muster eröffnet auch ganz bedeutende Möglichkeiten der Prophylaxe durch eine begleitende Psychotherapie der Mutter während der ersten Lebenszeit des Kindes; auf diesem Wege könnten solche ungünstigen Interaktionsgefüge in statu nascendi korrigiert werden.
In bezug auf die Achtmonatsangst widerspricht Bowlby der Auffassung von Spitz, und zwar weist er – gestützt auf verschiedene neuere Untersuchungen – u. a. darauf hin, dass die Furcht vor Fremden und die Trennungsangst zwei gesonderte Reaktionsweisen sind, die nicht vermengt werden sollten, und dass das Fremdsein einer neu auftauchenden Person eine hinreichende Erklärung für eine allfällige Furchtreaktion des Kindes ist, ohne dass eine Erfahrung von Schmerz oder sonstige Unannehmlichkeiten vorauszugehen hätten. Auch treten beide Reaktionsweisen zeitlich verschieden auf, und zwar in beiden Varianten mit mehreren Monaten Differenz. Ferner scheint es, dass das Kind bekannte und unbekannte Personen unterscheiden kann und damit die Grundlage für eine echte Objektbeziehung aufweist, lange bevor das »Fremdeln« zu beobachten ist; und schliesslich kann das Kind – nach einer Studie von Morgan und Ricciuti sogar in der Hälfte aller Fälle – auch in Gegenwart der Mutter fremden Personen gegenüber furchtsam reagieren.
»Spitz’ Theorie hat eine Reihe unguter Wirkungen gezeitigt«, meinte Bowlby. »Einmal ist durch die Vorstellung, dass die ’Achtmonatsangst’ das erste Anzeichen einer wahren Objetbeziehung ist, die Aufmerksamkeit von Beobachtungen abgelenkt worden, die eindeutig zeigen, dass sowohl die Fähigkeit der Unterscheidung einer bekannten Figur als auch Bindungsverhalten bei einer Mehrheit von Babys schon lange vor Erreichen des 8. Monats vorhanden sind. Zweitens hat die Theorie dadurch, dass sie die Furcht vor Fremden als Trennungsangst identifiziert, zwei Reaktionen zusammengespannt, die auseinandergehalten werden müssen.«192
Die Frage, ob das »Fremdeln« wirklich ein notwendiges Entwicklungsstadium ist oder ob es sich nicht um ein Sekundärphänomen handelt, das mit emotionalen Reaktionen der Mutter oder anderen, negativen Sozialerfahrungen verknüpft ist und das sich vermeiden liesse, wenn die primäre Bindungsfigur die Beziehungsaufnahme zu weitern Personen behutsam begleiten und ermutigen würde bleibt noch zu klären. Der Ratschlag von René Spitz, die Versuche mit der Achtmonatsangst niemals in Gegenwart der Mutter durchzuführen, da bei weniger ausgeprägter Kundgebung der Angst die Gegenwart der Mutter bereits genügt, um sie ganz unauffällig zu machen, deutet darauf hin, dass die Angstreaktion unbekannten Menschen gegenüber als notwendiges Spontanphänomen wahrscheinlich nicht haltbar sein wird.193
In dieser Richtung weisen auch die Beobachtungen, die Harlow und Harlow an Rhesusaffen machten; die jungen Affen erwiesen sich beim ersten Kontakt mit bisher unbekannten Artgenossen als sozial angstfrei, wenn sie vor dem dritten oder vierten Monat eine Liebesbindung zu Müttern oder Gleichaltrigen oder beiden erlebt hatten, und zeigten erst Angstreaktionen, nachdem sie eine Zurückweisung oder einen Angriff von einem Artgenossen erfahren hatten.194
Einen grundlegenden Einwand gegen die Notwendigkeit der Furcht vor Fremden stellen die Befunde von Mary D. Salter Ainsworth dar. Bereits in ihren Studien von 1963 weist sie darauf hin, dass bei affektiv stark an die Mutter gebundenen Kindern Protestverhalten, Trennungsangst und Furcht vor Fremden wenig zu beobachten sind; die Sicherheit in der Beziehung zur Mutter scheint ihnen eine sichere Grundlage zu geben, um die Umwelt zu erforschen und andere Beziehungen einzugehen.195
Die Sicherheit bzw. Unsicherheit in der Mutter-Kind Beziehung sind für Ainsworth die entscheidenden Merkmale, und es erscheint in der Tat als lohnend, den ganzen Entwicklungsvorgang im ersten, aber auch im zweiten und dritten Lebensjahr unter diesem Aspekt neu zu beobachten. Ainsworth bewertet »ein Kind von zwölf Monaten, das ziemlich spontanes Neugierverhalten in einer fremden Situation an den Tag legt indem es die Mutter als sichere Ausgangsbasis benützt, und das während der Abwesenheit der Mutter zu wissen scheint, wo sich diese befindet, und sie bei ihrer Rückkehr begrüsst, als sicher gebunden, einerlei, ob es bekümmert ist über die zeitweilige Abwesenheit der Mutter oder kurze Zeitspannen davon ohne Kummer überstehen kann.
Am entgegengesetzten Extrem der Skala, unter der Bewertung ’unsicher gebunden’, finden sich Babies, die nicht einmal in Anwesenheit der Mutter irgendwelche Erkundungsaktivitäten wagen, die sich durch Fremde ausserordentlich alarmiert zeigen, die während der Abwesenheit der Mutter in hilflosem und ratlosem Kummer in sich zusammenfallen und sie bei ihrer Rückkehr nicht begrüssen.«196
Ainsworths Beobachtungen sind – zusammen mit der grundsätzlichen Feststellung Bowlbys, dass Prägungen sich als nicht so irreversibel herausgestellt haben, wie man lange Zeit glaubte197 – von grosser Bedeutung für Prophylaxe und Therapie. In Übereinstimmung mit Ainsworth stellt Bowlby fest, dass ein bedenkenloses Vertrauen in die Unterstützung der Beziehungsperson die Grundlage für eine stabile, von Selbstvertrauen getragene Persönlichkeit bildet; nagende Unsicherheit über die Verlässlichkeit der Mutterfigur stellt die Hauptursache für die Entwicklung einer unstabilen und ängstlichen Persönlichkeit dar.198
Wohl zu Recht weist er daraufhin, dass diese wechselseitige Bedingtheit von Selbstvertrauen und Vertrauen zu einem oder einigen anderen Menschen in ihrer Bedeutung zu wenig beachtet wird. Die Sicherheit in der Beziehung zur Mutterfigur bedarf der weiteren Klärung. Bowlby fasst den gegenwärtigen Stand seiner Forschung in drei Hypothesen zusammen.
Die erste beinhaltet, dass ein Individuum, das sich auf seine Beziehungsperson verlassen kann, viel weniger anfällig für intensive oder chronische Angst sein wird als ein anderes, das dieses Vertrauen in den Beistand der Beziehungsperson aus irgendeinem Grund nicht hat.
Die zweite Hypothese besagt, dass das Vertrauen in die Verlässlichkeit der Beziehungsperson – wie auch der Mangel an Vertrauen – während der ersten Lebenszeit langsam aufgebaut wird. Ist es jedoch einmal entwickelt, pflegt die entsprechende positive oder negative Erwartung im weiteren Leben relativ unverändert anzudauern.
Die dritte Hypothese bezieht sich darauf, dass die Erwartungen in die Verlässlichkeit der Beziehungspersonen eine ziemlich genaue Widerspiegelung der Erfahrungen darstellen, die dieses Individuum mit Beziehungspersonen gemacht hat.
Diese Aussagen erstrecken sich auch auf das seelische Befinden erwachsener Menschen. »For not only young children, it is now clear, but human beings of all ages are found to be at their happiest and to be able to deploy their talents to best advantage when they are confident that, standig behind them, there are one or more trusted persons who will come to their aid should difficulties arise. The person trusted provides a secure base from which his (or her) companion can operate.«199
Je vertrauenswürdiger diese Basis ist, desto mehr wird sie zur Selbstverständlichkeit und desto mehr besteht nach Bowlby die Gefahr, dass ihre Bedeutung für das Leben jedes Menschen übersehen oder vergessen wird. Paradoxerweise erweist sich aufgrund dieses Zusammenhanges der Mensch mit wirklichem Selbstvertrauen als keineswegs so unabhängig, wie allgemein angenommen wird. Eine wesentliche Fähigkeit der gesunden Persönlichkeit ist es, sich wenn nötig vertrauensvoll auf andere verlassen zu können und zu wissen wo ein solches Vertrauen angebracht ist. Ein Mensch mit gesundem Selbstvertrauen ist somit fähig, sich der Situation anzupassen: Das eine Mal wird er die sichere Basis bieten, von der aus seine Mitmenschen operieren können, das andere Mal wird er sich freuen, bei einem von ihnen den Rückhalt zu finden und sich auf ihn verlassen zu können.
»A well-founded selfreliance, it is clear, not only is compatible with a capacity to rely on others but grows out of and is complementary to it.«200 Aufgrund von Bowlbys Befunden gilt es als gesichert, dass eine stabile Persönlichkeit sich nur in einer stabilen Beziehung zum Du aufbauen kann. Die kranke Persönlichkeit ist in gleicher Weise mit den zwischenmenschlichen Erfahrungen untrennbar verknüpft. Die schwersten Formen der psychischen Krankheit konnten durch die Psychotherapie der Psychosen in den letzten Jahrzehnten wesentlich genauer erfasst werden.
Psychotherapie der Psychosen, besonders bei Frieda Fromm-Reichmann
Im deutschsprachigen Bereich ist das Problem der Schizophrenie und anderer Formen der Psychose bis heute von psychotherapeutischer Seite noch wenig erforscht. Die Verarmung des europäischen Geisteslebens durch den Faschismus, der viele Forscher gezwungen hat auszuwandern, machte sich auf diesem Gebiet besonders bemerkbar. Die Generation der emigrierten Psychiater und Psychotherapeuten verfolgte ihre Arbeit in Amerika weiter und konnte auf den Resultaten der amerikanischen Schizophrenen-Therapie aufbauen.
Einer der ersten Ansätze auf diesem Gebiet ist im europäischen Bereich die Arbeit von Gertrud Schwing. Sie unternahm den mutigen Versuch, in der Behandlung von Geisteskranken neue Wege zu beschreiten, und beschreibt ihre Erfahrungen in schlichten Worten in »Ein Weg zur Seele des Geisteskranken« (1940). Ihr Ansatz war im wesentlichen intuitiver Art; man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dem therapeutischen Vorgang durch die anschliessend versuchte Interpretation im Rahmen der psychoanalytischen Persönlichkeitsmodells eher Gewalt angetan wird.
Gertrud Schwing führt die guten Ergebnisse, die sie erzielte, darauf zurück, dass sie dem psychotisch Erkrankten in der therapeutischen Beziehung die mütterliche Zuwendung entgegenbringen konnte, die ihm in seiner frühkindlichen Erfahrungswelt gefehlt haben musste. Dadurch, dass diese frühkindliche Sehnsucht nach emotionaler Wärme gestillt wurde, fasste der Kranke langsam den Mut, aus der Regression zurückzukehren und sich dem Leben wieder zuzuwenden.
Diese mütterliche Zuwendung ist zweifellos der entscheidende Faktor für die erfolgte Heilung. In ihren Fallschilderungen kommt aber auch eine auffallende Achtung vor dem Kranken zum Ausdruck, den sie in ehrlichem Mitgefühl als gleichwertigen Mitmenschen schätzt. Dieser Aspekt in ihrer Haltung zum psychotisch Erkrankten scheint ihr selber kaum bewusst gewesen zu sein, aber es stellt sich die Frage, ob ihre Erfolge nicht zu einem grossen Teil gerade darauf zurückzuführen sind. In der Beurteilung durch andere wird der grossen Achtung und dem Gefühl derGleichwertigkeit, mit dem sie dem Kranken begegnet, ebenfalls wenig Beachtung geschenkt.
In die gleiche Zeit fällt auch die Heilung im Fall Renée, über den Marguerite-A. Sechehaye 1940 im psychoanalytischen Seminar Lausanne nach zehnjähriger Behandlungszeit berichten konnte. Nach anfänglichen fehlschlagenden Versuchen mit der klassischen Psychoanalyse entwickelte Mme Sechehaye in tastendem Vorgehen ihre neue Methode der symbolischen Wunscherfüllung. Da sie die Psychose bei Renée vor allem als ein Problem des Ich-Zerfalls betrachtete, durch den der Einbruch der unbewussten Ängste erst möglich wurde, bemühte sie sich, Renée in ihrer tiefen Regression auf vorsprachlicher Ebene zu erreichen und damit den Ansatz zu einer neuen Ich-Bildung zu finden. Die Patientin wies ihr darin den Weg, indem sie ihre emotionalen Wünsche in symbolischer Verkleidung vortrug; wurde ihr affektives Bedürfnis richtig erkannt und gestillt, so fühlte Renée sich verstanden und war dadurch in der Lage, die Beziehung zu erwidern; die Übertragung kam also als Resultat der symbolischen Wunscherfüllung zustande. Dieses richtige Erfassen des emotionalen Wunsches war Frau Sechehaye oft erst nach mehreren Fehlansätzen möglich, und beide, Analytikerin und Patientin, waren im nachhinein der Meinung, dass die psychotische Phase wesentlich hätte abgekürzt werden können, wenn die Verständigung auf dieser präverbalen Stufe jeweils rascher gelungen wäre.
Die sorgfältige Darstellung dieses 1947 publizierten Falles wird durch die Schilderung von Renée über ihr Befinden vor und während der Erkrankung und der Heilung aufs wertvollste ergänzt. Sie schildert plastisch den Zerfall des Realitätsbezugs:
»Das war das erste Mal, dass die Elemente, die später immer in meinem Irrealitätsgefühl gegenwärtig sein sollten, auftraten: die Unermesslichkeit ohne Grenzen, das grelle Licht, das Glatte, Polierte der Materie. Ich kann mir nicht erklären, was mir zustiess … Seitdem verspürte ich während der Schulpausen oft das Irrealitätsgefühl … Da erlebte ich am Neujahrstag während der Liegestunde zum erstenmal das, was ich die Angst genannt habe. Sie ist buchstäblich über mich hergefallen, ich weiss nicht wie. An diesem Nachmittag war der Wind stärker denn je und auch düsterer. Ich hörte ihm zu; mein ganzes Wesen vibrierte mit und fühlte sich ihm verbunden; ich wartete, worauf, weiss ich nicht. Plötzlich fiel die Angst, die masslose, schreckliche Angst über mich her.
Es war nicht die gewöhnliche, mit dem Irrealitätsgefühl verbundene Furcht, sondern wirkliche Angst, die Angst, die man beim Nahen einer Gefahr, eines Schicksalsschlages spürt. … Gegen diese »Beleuchtung« kämpfte ich mit meiner Analytikerin, die später Mama werden sollte. Bei ihr allein fühlte ich mich in Sicherheit, vor allem seitdem sie sich neben mich auf den Diwan setzte und ihren Arm um meine Schulter legte. Wie glücklich, wie erleichtert war ich, wenn ich das Leben, die Wärme, die Realität spürte … Leider sollte mir dieses Glück, dieses Inselchen der Realität, bald entrissen werden. Ich sah, wie Mamas Gesicht kalt, wie aus Karton geschnitten, irreal wurde.
Trotz meiner glühenden, heftigen Begierde, sie zu ’spüren’, Kontakt mit ihr zu haben – der letzte, der mir blieb – sah ich, wie sie allmählich in die ’Beleuchtung’ hineingezogen wurde … Sehr bald nach dem Beginn der Analyse erfasste ich, dass meine Angst ein Schuldgefühl verdeckte. Ich spürte in mir eine unendlich grosse, schreckliche Schuld … Ich konnte Mama nicht gut alles, was sich ereignete, erklären. Ich glaubte, sie verstehe es von selber … Ich war sehr glücklich, dass am Ende des ersten Jahres der Analyse Mama ihre Methode änderte. Am Anfang analysierte sie alles, was ich sagte: die Angst, die Schuldgefühle. Diese Nachforschungen erschienen mir wie eine Anklage. Wenn man die Ursache dieser Gefühle suchte, schienen sie sündhafter und realer zu werden.«
Es war ein langer Weg von diesem Zeitpunkt, dem Beginn der akuten Krankheitsperiode, über die verschiedenen Phasen des Ich-Aufbaus, den Frau Sechehaye ebenfalls im Rahmen des psychoanalytischen Persönlichkeitsmodells interpretiert, bis zur vollständigen Gesundung und Festigung einer unabhängigen, ichbewussten Persönlichkeit. »Die Realität wurde, wenn ich so sagen darf, immer realer, immer reicher. Ich wurde immer unabhängiger, fügte mich immer besser in die Gesellschaft ein … Nur die, welche die Realität verloren und jahrelang im unmenschlichen, grausamen Land der ’Beleuchtung’ gelebt haben, können das Glück zu leben wirklich geniessen und ermessen, welch unschätzbarer Wert darin liegt, zur Menschheit zu gehören.«201
Bei Gaetano Benedetti tritt das Freudsche Modell bereits stark in den Hintergrund; der daseinsanalytische Ansatz Binswangers, die personalistische Philosophie Schelers, neopsychoanalytische Gesichtspunkte Schultz-Henckes, die psychotherapeutischen Resultate Sullivans, Rosens und Fromm-Reichmanns, aber auch Adlersche Gedankengänge (Minderwertigkeitsgefühl und Kompensation, Finalität) verbinden sich bei ihm – nicht zu einer eigenen Theorie, sondern zu einer individuellen Haltung.
Sie bilden den Hintergrund, von dem aus er in persönlichem Einsatz den Zugang zu der je eigenen Welt des Schizophrenen suchte und hervorragende Fortschritte in der Heilung von Psychosen erreichen konnte. »Unverstandene, in ihrem mitmenschlichen Anspruch verkannte und missverstandene seelische Strebungen und Regungen, Triebspannungen und Vorstellungen«202 sind in der Psychose unmittelbar präsent und beherrschen als abgespaltene und unter sich unvereinbare Ich-Kerne das Gemüt des Kranken. Dementsprechend sieht Benedetti die Aufgabe des Therapeuten darin, in teilnehmendem Mitsein mit dem Patienten zu den verschiedenen Teilen seiner Persönlichkeit erst einmal den Bezug zu finden, sie so ins Blickfeld zu bekommen und sie annähernd zu verstehen.
In den bizarren psychopathologischen Ausdrucksformen – Wahnideen, Halluzinationen, Stimmen, pathologische Verhaltensweisen – kommen zum Teil die berechtigten Lebensanliegen des Patienten, zum Teil die pathogen wirkenden Erfahrungen aus seiner Lebensgeschichte zur Sprache. Wenn das in der kranken Ausdrucksform sich meldende Grundbedürfnis durch die mitvollziehende Haltung des Therapeuten verstanden, bejaht und im mitmenschlichen Bezug formuliert werden konnte, trat nach Benedettis Erfahrung eine Beruhigung des Patienten ein, die der Stillung des ursprünglichen Bedürfnisses ähnlich war.
Da in der Psychosentherapie vor allem ein Verbleiben in der mitmenschlichen Präsenz erforderlich ist, wahrt Benedetti gegenüber Deutungen ausserordentliche Vorsicht: Echte Resonanz auf die Not des ichschwachen Patienten, kurze Hinweise auf den lebensgeschichtlichen Zusammenhang, wenn seelische Konfliktsituationen sich bereits deutlich herausgearbeitet haben, final gerichtetes Tasten in bezugauf den Sinn kranker Tendenzen, das Vorhalten neuer Lebensweisen, die seinem gegenwärtigen Zustand nur wenige Schritte vorausliegen, dies alles sind Möglichkeiten – anzuwenden jedoch nur im richtigen Moment, der nicht lehrbar, sondern im mitmenschlichen Vollzug erfassbar ist.
Im Unterschied zur symbolischen Wunscherfüllung Sechehayes tritt Benedetti dort, wo es sich um krankheitserhaltende Persönlichkeitsanteile handelt, für eine konsequent versagende Haltung ein. Heilend wirkt nach seiner Erfahrung im wesentlichen die Tragung im Sinne Binswangers, die »Erfahrung einer ungebrochenen mitmenschlichen Kontinuität«, in der der Patient emotional gestärkt wird und worin er seine eigene menschliche Mitte gewinnen und die verschiedenen Strebungen und Tendenzen seiner Persönlichkeit verstehen und vereinen kann.203
In der Hereditätsfrage schliesst Benedetti sich einerseits dem Standpunkt Manfred Bleulers an, der die Schizophrenie als Zusammenspiel von vererbter Disposition und pathogener interpersonaler Erfahrung versteht, lässt sie aber andererseits offen, da die Untersuchungen von Tienari (1963) und Kringlen (1966) den Resultaten der älteren Zwillingsforschung widersprechen und die Genetik noch keine Anhaltspunkte erbringen konnte, die über die allgemeine Annahme einer Krankheitsdisposition hinausführen würden.
John Rosen dagegen nimmt in diesem Punkt entschieden Stellung. Auch er weist daraufhin, dass bis anhin keinerlei organischen Grundlagen für die Psychose nachweisbar sind.204 Er betrachtet sie als eine funktionale Erkrankung, die – ausgenommen im Falle einer vorgenommenen Lobotomie, einer Beeinträchtigung durch Schockbehandlung, durch institutionelle Vernachlässigung und andere störende Faktoren – in jedem Falle reversibel ist.205
Ammon betrachtet die Schizophrenie ebenfalls als eine zwar multifaktorielle Erkrankung, bei der somatische Faktoren nicht a priori auszuschliessen sind, doch sei es unübersehbar, dass trotz des immensen Aufwandes der erbbiologischen Forschung über eine organische Bedingtheit der Psychose bis anhin der Nachweis nicht möglich war. Im Gegensatz dazu hat der psychogenetische Forschungsansatz eine Fülle von Material erbracht und bei sachgemäss durchgeführter Psychotherapie immer wieder die Reversibilität erwiesen.206
John Rosens Methode der Direkten Psychoanalyse erregte grosses Aufsehen. Zur Zeit der Publikation von »Direct Analysis« im Jahre 1953 galt im allgemeinen noch die von Freud herrührende Meinung, dass in den narzisstischen Formen der Krankheit keine Übertragung möglich sei,207 dass der Psychotiker nicht nur übertragungsfähig, sondern auch einem direkten deutenden Zugriff zugänglich sein sollte, rief Staunen hervor.
Nach Rosens Auffassung ist die Psychose ein emotionaler Rückzug aus der Realität, ausgelöst in den meisten Fällen durch spezifische Ereignisse, Verlust, Trennung oder Überforderung an gewissen Punkten des erwachsenen Lebens. Da niemand allen Belastungen im Leben gewachsen sein kann, wäre nach Rosen eine psychotische Erkrankung unter bestimmten Bedingungen bei jedem Menschen möglich. Wesentliche Krankheits voraussetzung sind jedoch Schädigungen in der Mutter-Kind-Beziehung in der frühen Kindheit.
Die psychotherapeutische Auseinandersetzung mit dem Psychotiker beinhaltet daher bei ihm eine Art aktiv vollzogene zweite Erziehung, in welcher der Therapeut ganz entschieden für den Lebensanspruch des Patienten und gegen die negativen Erfahrungen und Normen seiner Kindheit Stellung nimmt. Er übernimmt gleichsam die Rolle einer guten Mutter und sucht den im psychotischen Stadium dominierenden Einfluss der schlechten Mutter – das Insgesamt der schädigenden Kindheitserfahrungen – zurückzudrängen.
Rosen legt grossen Wert auf den Inhalt der psychotischen Äusserungen; nicht dass der Kranke Halluzinationen, Wahnideen und verwirrte Verhaltensweisen zu Tag legt, ist für ihn von Bedeutung, sondern was darin zur Sprache kommt, nämlich die unerträglich gewordenen Normen des Über-Ichs. Am prägnantesten zeigt sich dies am Beispiel der »Stimmen«: Rosen sieht sie »als Erinnerungen und Verdichtungen an, in denen sich die Mutter und andere Personen repräsentieren, die das Kind um sich herum hörte. Entsprechend unserer Auffassung wird der Inhalt dieser »Stimmen« beim Psychotiker durch die strenge Haltung des Überichs determiniert.«208
Am Inhalt der psychotischen Ausdrucksformen liest Rosen das Stadium der Psychose ab; er unterscheidet acht Phasen innerhalb der prägenitalen Entwicklung und teilt die verschiedenen Gruppen der klassischen Psychiatrie je nach Schweregrad darin ein. Der Kranke kann von Stufe zu Stufe regredieren bis hinunter auf die achte die Stufe tiefster Regression, die einem Gar-nicht-Leben-Wollen gleichkommt; im Rahmen der Besserung durchläuft der Patient die Skala in progressiver Richtung.
Als Gegenpol zur schädlichen Mutterbeziehung übernimmt der Therapeut die Rolle des aktiven, fähigen und entschlossenen Beschützers, der durch seine Haltung dem auf seiner infantilen Stufe den Anforderungen des Über-Ichs machtlos ausgelieferten Kranken ein grosses Mass an emotionaler Sicherheit geben muss. In der Gesprächsführung begegnet er ihm aber gleichzeitig auf der Ebene von Erwachsenen. Er trachtet danach, den latenten, dem Patienten selber nicht oder nur vage bewussten Inhalt, die infantilen Wünsche, Bedürfnisse und Abwehrhaltungen, aus den jeweiligen psychotischen Ausdrucksformen zu ermitteln und veranlasst den Patienten, sich mit der ihm unmittelbar vorgelegten Interpretation auseinanderzusetzen.
Selbstverständlich konnten durch ein derart aktives und in gewissem Sinne herausforderndes Vorgehen jederzeit ein hohes Mass an Angst und Aggression aktualisiert werden, weshalb entsprechende Präventivmassnahmen getroffen wurden. Aus diesem Grunde zog Rosen auch zumeist einige Assistenten zu den therapeutischen Sitzungen bei.
Fromm-Reichmann wandte gegenüber dieser Methode ein, dass der Patient zwar in relativ kurzer Zeit wieder »Zu sich« kommen könne, es jedoch fraglich sei, ob es sich dabei um eine Heilung handle, und dass die Gefahr von Rezidiven bestehe. Rosen hält dem entgegen, dass die Behandlung mit dem Abflauen der psychotischen Phase nicht abgeschlossen sei. Der Patient trete anschliessend in ein Stadium der Neo-Neurose und bedürfe der sorgfältig weitergeführten psychoanalytischen Behandlung.
Sein Vorgehen war – so skeptisch man ihm auch gegenüberstehen mag – unbestreitbar vom Wunsch getragen, die Zeit der schweren Erkrankungen abzukürzen und den Menschen möglichst rasch wieder der Verfügung über sich selber zuzuführen. Störend wirkt primär nicht die aktive Art der Konfrontation mit dem Kranken als vielmehr – was besonders im Vergleich zu Benedetti auffällt – die schematische Art, in der er die Erkrankung und den Heilungsvorgang interpretiert.
Aufgrund seiner Erfahrungen erhebt Rosen entschieden die Forderung nach einer Reform der Psychiatrie. In der Direkten Analyse gilt zum Beispiel der Grundsatz, dass dem psychotischen Menschen ständige persönliche Aufmerksamkeit zu geben sei; da dies vom Therapeuten nur begrenzt geleistet werden kann, muss der Kranke in der übrigen Zeit in einer wohnlichen Umgebung von geschultem, intelligentem und emotional kontaktfähigem Personal, sog. Hilfstherapeuten, betreut werden. Das Sich-überlassen-Sein in Krankenhäusern zusammen mit einer grossen Zahl anderer Psychotiker erhöht nur die Angst und die Verlassenheit des Kranken.
Rosen übt scharfe Kritik an der Psychiatrie und ihren Behandlungsmethoden, an Lobotomie, Elektroschock und Insulinkur, aber auch am »medikamentösen Stillegen« des Patienten. Psychoanalytische Psychiatrie stellt Anforderungen; man kann ihr »nicht das Wort reden, weil sie einfach durchzuführen und billig sei und nur geringen Zeitaufwand fordere. Das Gegenteil ist der Fall. Doch gibt es gewichtige Gründe für ihre breitere Anwendung, nämlich dass Menschlichkeit für den Mitmenschen‚ ’Medizin’ sein kann.«209
Im Rahmen dieser ganzen Entwicklung der psychotherapeutischen Behandlung von Schizophrenien nimmt das Werk von Frieda Fromm-Reichmann einen zentralen Platz ein. In seinen theoretischen Voraussetzungen und in der Durchführung der Therapie hebt es sich aber von jedem der bisher genannten Exponenten ab. Seit ihrer Emigration in die Vereinigten Staaten im Sommer 1935 arbeitete sie unermüdlich und mit Begeisterung mit ihren Patienten in Chestnut Lodge bis zu ihrem Tod im Jahre 1957.
Dexter M. Bullard berichtet, dass sie über ein intuitives Geschick verfügte, um das sie von vielen ihrer Kollegen beneidet wurde.210 Sie entwickelte die therapeutische Technik zu einer Meisterschaft, die ihren theoretischen Arbeiten Sicherheit und verlässliche Grundlage gibt. Ihre Vorlesungen und Artikel sind in äusserst klarer und scheinbar einfacher Sprache gehalten, inhaltlich aber so dicht und gleichsam »aus der Sache heraus« geschrieben, dass sie möglicherweise nur ein selber therapeutisch Arbeitender angemessen zu würdigen vermag.
Um ihre therapeutische Technik zu verstehen, ist es unerlässlich, zunächst die philosophisch-anthropologischen Grundlagen, von denen sie ausgeht, ins Auge zu fassen. Das psychoanalytische Menschenbild erfährt bei ihr wesentliche Korrekturen und wird durch die interpersonale Theorie Sullivans grundlegend modifiziert.
Eine der Korrekturen betrifft die Triebtheorie. Sie schliesst sich der Auffassung nicht an, dass alle Triebe sexuellen Ursprungs und die ganze Persönlichkeitsentwicklung psychosexueller Art im Sinne des Lustprinzips sei; dementsprechend kann auch die Störung in der pathologischen Persönlichkeit nicht auf Triebkonflikte oder Konflikte zwischen Trieb und kulturellen Normen zurückgeführt werden.211
Im weiteren wird der Oedipus-Komplex revidiert, nachdem Ethnologen und Kulturanthropologen darauf hingewiesen hatten, dass er in matriarchalischen Kulturen nicht anzutreffen und die Spannungen zwischen Vater und Sohn in Patriarchaten bzw. zwischen Onkel und Sohn in kulturellen Mischformen, wie Malinowski sie beschreibt, vielmehr auf die autoritären Prärogativen des Vaters bzw. des Onkels zurückzuführen seien. Die Eifersucht des Kindes auf die Beziehung zwischen den Eltern ist interpersonaler und nicht sexueller Art; es ist der Neid auf die zwischenmenschliche Intimität und Zuwendung der beiden Elternteile.212
Eine weitere wesentliche Korrektur betrifft den Aggressionstrieb. »I find myself in agreement with Sullivan, Fromm, and several other dynamic psychiatrists and psychoanalysts who do not find any evidence of primary inborn hostile and destructive tendencies in the human mind.«213 Die Feindseligkeit, die dennoch anzutreffen ist, betrachtet sie zum einen als Kulturproblem, da das moderne Leben mehr oder weniger bewusst auf einem allgemeinen Wettkampf beruht – nach Erich Fromm eine Folge des wirtschaftlichen Wettbewerbssystems. Zum andern haben feindselige Reaktionsweisen ihren Ursprung in der persönlichen Lebensgeschichte, die, als Teil dieser Kultur, auch von deren Normen geprägt ist; sie sind auf das frühe, pathogen wirkende Unverständnis, die Ablehnungen und Böswilligkeiten, auf die das Kind gestossen ist, zurückzuführen.
Der Antagonismus zwischen solchen feindlichen Impulsen im Gefühlsleben und den ethischen Forderungen der christlichen Nächstenliebe kann für die Psyche des Einzelnen eine unlösbare Konfliktsituation ergeben, die – wenn die Spannung zu gross wird – ein bedeutender pathogener Faktor ist.214
In therapeutischer Beziehung wendet sie sich vor allem in zwei Punkten von der Freudschen Auffassung ab, nämlich in bezug auf die Übertragungsfähigkeit psychotischer Patienten und die emotionale Indifferenz des Therapeuten. Der Psychiatrie waren die Äusserungen der Psychotiker immer als verworren und unverstehbar erschienen, und zwar sowohl in bezug auf Inhalt, Ursprung und den Sinn ihres Auftretens. Der Psychoanalyse dagegen war es längst klar gewesen, dass alle Äusserungen des Menschen potentiell bedeutungsvoll sind. Das lange Zögern in der Anwendung der Psychoanalyse bei Schizophrenen ist daher auffallend und steht, wie bereits erwähnt, in Zusammenhang mit der Freudschen Schrift über den Narzissmus.
Es stimmt zwar, dass die Schädigung in der Persönlichkeit des Schizophrenen in der ganz frühen Lebenszeit erfolgte, bevor er eine tragfähige Objektbeziehung aufbauen konnte, und dass er in der Psychose auf dieses Stadium regrediert – Sullivan bemerkt dazu allerdings, dass das Kind von der allerersten Lebenszeit an immer im interpersonalen Bereich lebt –, doch hat die Erfahrung inzwischen gezeigt, dass der emotionale Rückzug aus nackter Not, als unbewusste Schutzmassnahme erfolgt und den Wunsch und die Sehnsucht nach Zuwendung und tragfähiger Beziehung keineswegs ausschliesst.
»Psychiatrists can take it for granted now that, in principle, a workable doctor-patient relationship can be established with the Schizophrenie patient. lf and when this seems impossible, it is due to the doctor’s personality difficulties, not to the patient’s psychopathology.«215
Auch die in der Psychoanalyse geforderte Abstinenz in der Haltung des Therapeuten hat sich für Fromm-Reichmann als nicht haltbar erwiesen. Gerade der an der zwischenmenschlichen Beziehung zerbrochene Mensch hat ein Anrecht darauf, im Therapeuten einen Fachkundigen zu finden, der ihm als Person, als menschliches Wesen begegnet und nicht die künstliche Rolle eines teilnahmslosen, distanzierten Wesens spielt. Im übrigen ist die Arzt-Patient-Beziehung ja das eigentliche Instrument der Psychotherapie; in der Art, wie sie aufgenommen wird, und in den Schwankungen, die sich darin ergeben, treten die psychischen Mechanismen des Patienten erst zutage. Zu Psychosen kann der Zugang auf keinem anderen Weg als dem der emotionalen Therapiebeziehung gefunden werden.216
Aus dem bisher Dargelegten ist bereits deutlich geworden, dass die Freudsche Persönlichkeitstheorie bei Fromm-Reichmann ganz in den Hintergrund tritt und dass sie sich vielmehr auf die Persönlichkeitslehre Sullivans stützt. Dadurch wurde es ihr auch möglich, die Befunde der Soziologie einzubeziehen; Sullivan stellt die Realitäts- und damit Kulturanpassung des Kindes in Begriffen der Anpassung an interpersonale Beziehungen dar. Für das genetische Verständnis der Persönlichkeit bezieht Fromm-Reichmann die Lebensgeschichte in ihrer Gesamtheit heran: Säuglingszeit und Frühkindheit behalten ihre besondere Bedeutung für die Charakterbildung, da sich in ihnen in der interpersonalen Erfahrung mit bedeutenden Personen in der Umgebung des Kindes das emotionale Grundmuster für zwischenmenschliche Beziehung bildet. Dann sind aber auch die Einwirkungen durch äussere Umstände miteinzubeziehen.
Das Insgesamt dieser Eindrücke und Erfahrungen trägt die Persönlichkeit des Erwachsenen bewusst und unbewusst mit und bringt sie in der zwischenmenschlichen Beziehung zum Ausdruck. Die innerseelischen Schwankungen stehen mit der Art und dem Grad der nach aussen sich manifestierenden interpersonalen Beziehung in Zusammenhang. Seelisch-geistige Gesundheit ist dann gewährleistet, wenn die bewussten und unbewussten Prozesse nicht gegenseitig störend verlaufen, mit den in der Kindheit internalisierten ethischen und kulturellen Normen einigermassen übereinstimmen und den Anforderungen der Aussenwelt und der bestehenden menschlichen Beziehungen im jeweiligen Lebensalter genügen können.217
Die pathologische Persönlichkeitsentwicklung wird in der dynamischen Psychiatrie der Washington School of Psychiatry, der Fromm-Reichmann angehörte, auf frühe traumatische Erfahrungen im zwischenmenschlichen Bereich zurückgeführt, in welchen die Bedürfnisse des Kindes – seine biologischen und vor allem auch seine interpersonalen – von wichtigen Beziehungspersonen schwer frustriert und seine Strebungen nach Wachstum und Entwicklung der Persönlichkeit durchkreuzt wurden: Das Mass der Auswirkung solcher Erfahrungen und die Art der emotionalen Störung, die daraus resultiert, hängt einerseits vom Alter ab, in dem die Erschütterung erfolgt, und von ihrem Schweregrad, andererseits vom übrigen Mass an vorhandener positiver oder negativer zwischenmenschlicher Beziehung.
Die schmerzliche Erfahrung wird abgespalten und verdrängt und kann so in den weiteren Reifungsprozess der Persönlichkeit nicht integriert werden. Sie verleiht den Enttäuschungen und Belastungen des späteren Lebens erst ihre unerträgliche, pathologische Schärfe. Ihr Abgespalten- und Verdrängtsein bewirkt das unbewusste zwanghaft anmutende Suchen nach Wiederholung der verletzenden Erfahrung, und zwar unabhängig davon, mit welchen Gefühlen die frühe, unverarbeitete Erschütterung in Zusammenhang stand, sei es mit Liebe, Hass, Schmerz, Angst oder anderen Gefühlen. Zu frühe, zu schwere und zu häufige Frustrationen ergeben die Schwächung der Persönlichkeit, die später zum psychotischen Einbruch führen kann. 218
In einer besonderen Abhandlung geht Fromm-Reichmann auf die schädliche Auswirkung der autoritären Erziehung ein, deren Träger in der amerikanischen Gesellschaft eher die Mutter ist; im europäischen Bereich übt sie – trotz einer gewissen Lockerung – nach wie vor eher der Vater aus. Autoritäre Erziehung ruft Angst hervor, unabhängig davon, ob sich das Dominieren nun in offener und verbalisierter oder in indirekter und subtiler Form abspielt. Sie schafft eine grundlegende Unsicherheit und Skepsis im Gemüt des Kindes und hindert es an der spontanen Entfaltung seiner Fähigkeiten.
»He will try to model himself on the domineering parent’s wishes and drives, in order to avoid further domination and punishment and to keep the affection of his parents, on whom he feels dependent. At the same time, conscious or unconcious feelings of hatred will be aroused against the parent who is restricting his drive toward growth and perfection. Fear of retribution for this hatred will intensify his primary anxiety, for there are few things in life that children resent more than frustration in their efforts at self-realization and self-accomplishment.«219
Da das Kind für die Entwicklung seines Selbstwertgefühls einer unerschütterlichen Sicherheit in der mütterlichen Liebe und Zuwendung bedarf, nimmt Fromm-Reichmann an, dass die Koppelung von Autorität und Liebe in der Haltung der Mutter sich für die emotionale Orientierung des Kindes schädlicher auswirke als eine überautoritäre Haltung des Vaters, weil das Kind die gleiche Person zu hassen beginnt, von deren Liebe es abhängig ist.
Diese Blickrichtung lässt jedoch ausser acht, dass in der dominierenden Haltung der amerikanischen Mütter sich nur offener und deutlicher zeigt, was in der Erziehung durch europäische Mütter in gleicher Weise vorhanden ist, hier jedoch weniger auffällt, da es sich im Schatten der noch grösseren väterlichen Autorität abspielt. Die Angst, die durch solche frustrierenden und irritierenden Kindheitserfahrungen entsteht, Angst vor antizipierter Missbildung, vor Liebesentzug oder Ablehnung durch bedeutende Beziehungspersonen, ist ein entscheidender Faktor in der Ätiologie der psychischen Krankheit.
Angst kann aber auch als Resultat der ungelösten emotionalen Kindheitsbindungen verstanden werden. Das unbewusste Gebundenbleiben an das emotionale Muster der frühen interpersonalen Erfahrung blockiert das natürliche Streben nach Veränderung Wachstum, Reifung und Selbstverwirklichung, bewirkt psychische Stagnation und emotionale Sterilität und beraubt den Menschen seiner Freiheit. Angst bringt eine Art psychischen Todes mit sich.
Fromm-Reichmann schliesst sich in ihrem Verständnis der Angst der Auffassung Sullivans an, der sie mit dem Selbstwertgefühl in Zusammenhang brachte. Sullivan umschreibt die Angst wie folgt: »As I use the term, anxiety is a sign that one’s self-esteem, one’s self-regard, is endangered. This is a sign which occurs with a strikingly prospective quality that is, anxiety is often a sign of foreseen lowering of self-esteem.«220
In diesem Sinne ist die Angst nach Sullivan meistens kein akutes, leicht feststellbares Phänomen, sondern sie wirkt in der Stille und zeigt lediglich an, dass im Handeln oder im Denken eine andere Richtung einzuschlagen ist, um die Selbstachtung aufrechtzuerhalten. Sie ist ein Alarmzeichen für das Selbstwertgefühl, und zwar im Zusammenhang mit der Beurteilung durch bedeutende Beziehungspersonen aus dem gegenwärtigen Leben oder der Kindheit; dieses Signal führt eine Änderung der Situation herbei. Fromm-Reichmann befasst sich eingehend mit den psychiatrischen und psychotherapeutischen Aspekten der Angst.221 Die Psychose ist zugleich ein Durchbruch der Angst und eine Abwehr dagegen.
Ähnliche Bedeutung in der Psychopathologie kommt der Einsamkeit zu.212 In einer Kultur, die das natürliche Bedürfnis nach zärtlichem Gefühlsaustausch negiert oder schamhaft überdeckt, entwickeln viele Kinder eine eigentliche Scheu vor Intimität und zärtlichem Gefühlsaustausch, in der aber bereits die Wurzeln für Einsamkeit und emotionale Isolation liegen. Frühe und schwere Formen von Liebesmangel oder -entzug und Vereinsamung rufen Abwehrreaktionen und schliesslich eine Form psychischer Verzweiflung hervor die nicht mehr mitteilbar ist. Diese bildet die Grundstimmung vieler Formen von späteren Psychosen und kann für deren hartnäckiges Andauern verantwortlich sein, weil es sich um einen emotionalen Zustand handelt, der durch Empathie nicht geteilt werden kann.
Fromm-Reichmann ist der Meinung, dass die therapeutischen Sitzungen und das Bemühen um den Patienten auch in solchen Stadien schwerster Nicht-Ansprechbarkeit regelmässig weiterzuführen ist, damit der Kranke den Zustand absoluter Einsamkeit und Isolierung doch allmählich lockern und die eigentliche therapeutische Arbeit schliesslich aufnehmen kann.
Grundsätzlich stellt sie sich auf den Standpunkt, dass alle Typen von Psychosen heilbar sind. Den Unterschied zur Neurose betrachtet sie mehr als einen des Grades denn der Art. Die Psychose setzt dann ein, wenn die Abwehrkraft des durch die Kindheitsfrustrationen und die verzerrt und überdimensioniert empfundenen Schwierigkeiten und Enttäuschungen des Erwachsenen-Lebens geschwächten Menschen erschöpft ist und er nicht mehr die Kraft hat sich der unerträglich scheinenden Realität seines gegenwärtigen Lebens zu stellen. Die autistische Welt der frühen Kindheit, in die er regrediert, bleibt jedoch gefärbt und geformt durch die Gesamtheit seiner Erfahrung im Leben.
Die Regression ist einerseits ein Resultat unerträglicher Angst, andererseits zugleich auch ein Versuch, sie abzuwehren und aus dem Bewusstsein zu verdrängen. Den Stimmungsschwankungen des manisch-depressiven Formenkreises liegt ein entsprechendes, in der frühen Kindheit eingeübtes Muster der emotionalen interpersonalen Beziehung und der Reaktionsweise auf beängstigende Situationen zugrunde.213
Das unendliche Misstrauen und die Angst des Schizophrenen, erneut vernachlässigt oder abgelehnt zu werden, und seine Unfähigkeit, um Akzeptiertwerden und um Zuwendung zu bitten, sind aus seiner Lebensgeschichte durchaus verstehbar, ebenso wie die immense Angst vor seiner eigenen Feindseligkeit im Falle von eventueller antizipierter Vernachlässigung oder einer sonstigen Enttäuschung, wie sie etwa im katatonen Stupor zum Ausdruck kommt. Die analytische Arbeit muss daher ganz innerhalb des emotionalen Feldes erfolgen; der Schizophrene muss auf emotionalem Wege von den Wunden, die seine subjektive interpersonale Lebenserfahrung ihm zugefügt hat, genesen können, damit er aus der Psychose zurückkehren kann.224
Die psychotherapeutische Arbeit Fromm-Reichmanns mit schizophrenen Kranken beruht auf den hier skizzenhaft erwähnten Voraussetzungen. Sie definiert die intensive Psychotherapie als die »Erforschung und Erkennntis der sichtbaren und unsichtbaren seelischen Ausdrucksformen im zwischenmenschlichen Feld«.225 Die therapeutische Beziehung ist eine besondere Form interpersonalen Austausches, in welcher der Therapeut als teilnehmender Beobachter die verbalen und nichtverbalen Mitteilungen des Beziehungspartners genau beobachtet und in ihren tieferen Zusammenhängen verstehen und deuten kann.
Das emotionale Grundmuster des Patienten mit den Verknotungen, den eingewachsenen und den offenen Verletzungen aus seiner Lebensgeschichte kommt in der Beziehung zum Therapeuten unwillkürlich zum Spielen. Dadurch besteht die Möglichkeit, die Untersuchung »am Gegenstand selbst« durchzuführen; mit dem Wiederaufleben des Kindheitsmusters können auch die dazugehörigen Erinnerungen heraufgerufen, die mit diesen erinnerten Erfahrungen verbundene Angst und die Art der Abwehr dagegen betrachtet und so dem Patienten die Ursache seiner Schwierigkeiten im zwischenmenschlichen Feld bewusst gemacht werden. Erst wenn beide, Therapeut und Patient, die Entstehung und die Dynamik dieser Konflikte erfasst haben, ist eine Wandlung in der Persönlichkeitsstruktur möglich; erst dann kommt der Hilfesuchende in die Lage, seine bisher verdrängten Gefühlsregungen Wünsche und Ansprüche an das Leben und die moralischen Normen aus seiner familiären Umgebung zu verstehen und die für seine jetzige Lebenssituation sinnvollere Lösung zum Durchbruch kommen zu lassen.
Dieser Prozess impliziert die Stärkung des Ichs und die Reifung der Persönlichkeit. Ziel der intensiven Psychotherapie ist nicht lediglich soziale Anpassung, sondern die Entwicklung freier Persönlichkeiten. In diesem Sinne liegt der psychotherapeutischen Arbeit, wie Fromm-Reichmann sie versteht, eine Ethik zugrunde, was jedoch nicht im Widerspruch steht zu ihrer Forderung, dass der Therapeut von persönlichen, zeit- und kulturbedingten Wertungen möglichst frei sein sollte.226
In bezug auf die Durchführung dieses Bewusstmachungs- und Heilungsprozesses hat Fromm-Reichmann gegenüber dem traditionellen psychoanalytischen Verfahren einige Modifikationen vorgenommen, die ihr für ein erfolgreiches Arbeiten mit psychotischen Patienten unerlässlich erscheinen und in denen sie z. T. mit Sullivan, Menninger u. a. übereinstimmt.
Die eine Änderung hängt, wie bereits erwähnt, mit der Herstellung der Übertragungssituation bei psychotisch Erkrankten zusammen. Sie erfordert eine emotionale Haltung, die an die Persönlichkeit des Therapeuten ausserordentlich hohe Anforderungen stellt. Fromm-Reichmann bezeichnet es als gefährliche Täuschung, anzunehmen, dass die von Freud geforderte Distanziertheit in einem Prozess eingehalten werden könnte, dessen Wesen aus einer tiefgreifenden und intimen emotionalen Erfahrung besteht und in dessen Verlauf sich allmählich echtes Vertrauen auf der Seite des Patienten bilden können muss.
Der Therapeut muss sich mit dem Patienten identifizieren können, ohne sich jedoch in den – unter Umständen in sehr intensiven Formen entstehenden – emotionalen Prozess verwickeln zu lassen. Der psychotische Patient hat ein grösseres Mass an Unbill in der interpersonalen Beziehung erfahren, einen grösseren Mangel an Liebe, Verständnis und Verlässlichkeit in der Beziehung zum Du: Das Mass an Angst vor Beziehung und Misstrauen gegen den Mitmenschen ist entsprechend gross, und es bedarf ausserordentlicher Zuwendung, Geduld und »Bejahung auf Vorschuss«, um seine Mitarbeit im therapeutischen Prozess zu gewinnen.
Weder Abliegen, freies Assoziieren noch sonstige künstliche Spielregeln haben nach Fromm-Reichmann einen Sinn. Wesentlich ist, dass der Patient im Therapeuten einen Menschen findet, der an seiner Gesundung und Reifung selbstlos interessiert ist und bei dem er sich wohl und sicher fühlen darf. Erst wenn das tiefwurzelnde Misstrauen abgebaut ist und der Patient die Freundschaft und die Hilfe des Therapeuten freiwillig annimmt, kann die Übertragung gelingen und damit die Analyse durchgeführt werden. Autoritäres Gebaren von seiten des Therapeuten ist ebenso hinderlich, wie eine künstliche Distanziertheit jedes emotionale Sich-Geben des Patienten im Keime erstickt.
In diesem Anfangsstadium können kleine Fehlgriffe in der Annäherung des Therapeuten und daraus resultierende Enttäuschungen bei psychotischen Patienten einen massiven und manchmal hartnäckigen Rückzug bewirken. Das grosse Mass an Bejahung und Vermeidung jeder Zurückweisung darf jedoch nicht dazu führen, dass der auf die frühkindliche Stufe Regredierte im Therapeuten einen Mitspieler auf seiner Ebene zu finden glaubt; in der Haltung des Therapeuten muss immer auch die dem wirklichen Alter des Patienten gebührende Achtung zum Ausdruck kommen, und er muss spüren können, dass ihm eine verlässliche Beziehung auf der Ebene seines realen Lebens angeboten wird.
Bis zu einem gewissen Grad muss auch die Angst des Patienten vor emotionaler Nähe respektiert werden – bis er sie abbauen kann; auf keinen Fall darf man versuchen, sie durch eine Haltung privater Nähe zu umgehen, da dies nur den ganzen Kleinmut des Patienten auf den Plan rufen würde: seine Mutlosigkeit, sein Gefühl, klein und hässlich, nicht Schätzens- und liebenswert zu sein und die entsprechende Angst, in der Beziehung nicht genügen und abgelehnt zu werden. Der Psychotiker zeigt durch seinen Zustand schon an, in welch starkem Masse er in der interpersonalen Beziehung abgeschreckt worden ist, und der Therapeut muss durch seine Haltung ausdauernd unter Beweis stellen, dass die Beziehung zu ihm eine verlässliche Brücke zurück zu den Menschen ist; selbst unter diesen positiven Bedingungen wird der Kranke den Weg oft nur zögernd beschreiten können.227
In bezug auf die Handhabung der Angst in der psychotherapeutischen Beziehung stimmt Fromm-Reichmann mit Sullivan überein. Es sollte möglichst vermieden werden, dass Angst aktualisiert wird. Geschieht dies trotzdem, sollte sie sich noch innerhalb derselben Sitzung einigermassen legen können.228
Generell muss der Therapeut über genügend Spontaneität und Offenheit verfügen, um hinter dem kindlichen Schutzschild des regredierten Kranken den Menschen zu sehen, der er gerne sein möchte, und um zugleich das ganze Unglück dieses menschlichen Lebens mitzuempfinden.
Ist das Vertrauen des Schizophrenen einmal so weit gewonnen, dass er die Zusammenarbeit mit dem Therapeuten akzeptiert, so kann die Übertragung zum Spielen kommen. Fromm Reichmann nimmt im Anschluss an Sullivan eine Differenzierung vor: Die therapeutische Beziehung hat einen aktuellen und realen menschlichen Gehalt und muss ihn auch haben. Die Übertragungsphänomene sowie allfällige Gegenübertragungen positiver oder negativer Art, die aber eigentlich nicht sein sollten, sind davon sorgfältig zu unterscheiden. Mit steter grösster Aufmerksamkeit müssen die Schwankungen in der Patient-Therapeut-Beziehung beobachtet und für die Erhellung der Reaktionsweise des Patienten nutzbar gemacht werden; es liegt in der Natur der Sache, dass der Patient die Beziehung nach dem emotionalen Muster aufnimmt, das er in seiner frühkindlichen Situation eingeübt hat und auf dessen unbewusstem Verlauf die zwischenmenschlichen Konflikte in seinem Leben beruht haben.
Sullivan hat für diese »Übertragungen« – die verzerrten Aspekte in der therapeutischen Beziehung – die Bezeichnung »Parataxie« verwendet. Schizophrene Patienten können sehr intensive parataktische Reaktionen in der ursprünglichen kindlichen Färbung entwickeln, und Fromm-Reichmann nimmt an, dass sie auch durchaus in der Lage sind, sie von der realen Beziehung zum Therapeuten zu unterscheiden. Im Gegensatz zu Federn ist sie der Meinung, dass Übertragungsphänomene positiver Art, die ihrer Natur nach dennoch nicht dem realen Lebensalter des Menschen entsprechen, nicht aufgegriffen und gepflegt, sondern – sobald ihr parataktischer Charakter sich deutlich genug gezeigt habe – für die analytische Klärung benutzt werden sollten. Selbst der schizophrene Patient würde sonst ahnen, dass er damit die Beziehung auf einer seinem erwachsenen Leben nicht angemessenen Ebene sucht.
Schizophrene sind übertragungsfähig – darüber besteht für Fromm-Reichmann kein Zweifel. Dass die Übertragung oftmals nicht gelingt, hängt damit zusammen, dass die dazu nötigen Voraussetzungen auf der Seite des Therapeuten oft noch zu wenig vorhanden sind. »Schizophrenics are capable of developing workable relationships and transference reactions, but successful psychotherapy with schizophrenics depends upon whether the analyst understands the significance of these transference phenomena and meets them appropriately.«229
Da sowohl der Aufbau der Vertrauensbeziehung, das ruhige Durchhalten wie auch das richtige Abheben und Verständlichmachen der parataktischen Phänomene so immense Anforderungen stellen, räumt Fromm-
Reichmann den persönlichen und beruflichen Voraussetzungen beim Psychotherapeuten – vor allem in ihrem emotionalen Aspekt – in ihren Schriften breiten Raum ein.230
»Der Psychotherapeut sollte so gefestigt und sicher sein, dass er sich immer bewusst ist und ständig kontrollieren kann, was er seinen Patienten in Worten mitteilt, und auch daran denkt, was er ihnen eventuell durch Einfühlung oder Empathie übermittelt. Sein Bedürfnis nach eigener Sicherheit und Befriedigung darf seine Fähigkeit, dem Patienten ununterbrochen zuzuhören und sich mit voller Aufmerksamkeit auf seine Mitteilungen und falls möglich auch auf die unausgesprochenen Hintergründe dieser Mitteilungen zu konzentrieren, nicht beeinträchtigen.« Er darf sich nicht verleiten lassen jemals irgendetwas anderes anzustreben als verstehenden Mitvollzug der emotionellen Erfahrungen, die ihm der Patient mitteilt.
Sie besteht auch darauf, »dass sowohl die privaten wie die beruflichen zwischenmenschlichen Beziehungen des Arztes selbst unbedingt erforscht und erkannt werden müssen, und zwar im Hinblick auf ihre mögliche Entstellung durch ’Gegenübertragung’ oder ’Parataxie’, wie auf die aktuelle zwischenmenschliche Situation. Es ist dies einer der Hauptgründe, warum wir die persönliche Lehranalyse als Voraussetzung jeglicher intensiven Psychotherapie für unerlässlich halten.«231
Weitere Modifikationen betreffen das Wie und das Wann der Deutung. Wie bereits erwähnt, besteht die Vorarbeit für die Deutung im richtigen Unterscheiden von realen und parataktischen Aspekten in der therapeutischen Beziehung. Nach Fromm-Reichmanns Erfahrung ist es wenig sinnvoll, das Gewicht der Deutung darauf zu legen, dass und in welcher Form irritierte Erlebnisweisen auf den Therapeuten übertragen werden, sondern es ist weit fruchtbarer, gleich die Ätiologie anzugehen.
Sie weist auch darauf hin, dass es keinerlei allgemeine Regeln für die Genese, die Auswahl und die Bedeutung von abgespaltenen Erfahrungen gibt, sondern dass sie nur aus der individuellen familiären Situation des Patienten und den besonderen sozialen und kulturellen Gegebenheiten der Familie ermittelt werden kann. Das heisst wiederum, dass der Therapeut mit keinerlei vorgefasster Meinung zu deuten beginnen darf, sondern dass er das zu deutende Material aus den verbalen und nonverbalen Mitteilungen des Psychotikers erfassen und verknüpfen muss.
Aber nicht nur die unterschiedlichen Normen und Wertsysteme der einzelnen Familien und Gemeinschaften innerhalb der Gesellschaft, sondern auch die allgemeinen ethisch-moralischen Normen des grösseren Kulturkreises spielen bei der Abspaltung und Verdrängung eine Rolle und sind bei der deutenden Arbeit entsprechend zu berücksichtigen. Fromm-Reichmann empfiehlt, bei Schizophrenen mit Deutungen äusserst sparsam und vorsichtig umzugehen, da der Patient oft die unbewusste Bedeutung vieler seiner Reaktionen selber entdeckt und sich im eigenen Ringen um echte Einsicht durch vorgreifendes Deuten gestört fühlen würde. Auch sei in der Literatur bis anhin zu wenig betont worden, wie gross die Gefahr einer Anpassung an die Deutung und damit einer Behinderung des analytischen Prozesses sei.232
Ausserdem ist bei psychotischen Patienten deshalb besondere Vorsicht geboten, weil sie in ihrem Zustand der Wehrlosigkeit auf jegliches Schon-verstanden-haben-Wollen oder Imponieren durch gescheite Deutungen äusserst empfindlich reagieren. Sie können sich einem ehrlichen, tastenden Bemühen um Verstehen zumeist eher anschliessen als einer fertigen Deutung. Durch das sparsame und vorsichtige Deuten lassen sich auch Fehldeutungen vermeiden, die in der Schizophrenen-Therapie gefährlicher sind als bei Neurotikern mit noch intakter Persönlichkeit, die eher in der Lage sind, einen falschen Ansatz abzuwehren. Der Schaden, der durch eine Fehldeutung entsteht, hängt wesentlich davon ab, ob diese in einem Anflug von Imponieren-Wollen oder in einer Haltung therapeutischer Bescheidenheit erfolgte und dementsprechend korrigiert werden kann.233
Das Wesen des psychotischen Zustandes besteht darin, dass die aufgelöste Persönlichkeit von Vorgängen aus der frühen Lebensgeschichte unaufhaltsam überflutet wird. Nach Fromm-Reichmanns Erfahrung weiss der Kranke durchaus, was sich in seinem Gemüt abspielt, wenn er auch das Warum nicht fassen kann; es erübrigt sich deshalb weitgehend, den Inhalt von psychotischen Äusserungen zu deuten. Deutende Hilfeleistung ist jedoch nötig in bezug auf die Genetik der Störung und besonders in bezug auf die Dynamik des verdrängten Vorganges. »Häufig ist es ja nicht das Erlebnis oder das Ereignis im früheren Leben des Patienten selbst, das in Vergessenheit geraten ist, sondern die affektiven Reaktionen die diese Ereignisse begleiteten oder aus ihnen entstanden. Infolgedessen sind es oft diese seelischen Erlebnisse und nicht die Ereignisse selbst, die der Deutung bedürfen.
Dies ergibt sich vor allem daraus, dass ein und dasselbe Ereignis für die verschiedenen Menschen jeweils eine ganz andere emotionale Bedeutung haben kann. Diese Verschiedenheit hängt von der Geschichte und dem Lebenshintergrund des einzelnen ab, von der daraus erwachsenen Gesamtstruktur seiner Persönlichkeit und den allgemeinen sozialen Gegebenheiten. Es folgt daraus, dass eine deutende Psychotherapie nur wirksam sein kann, wenn sie den zwischenmenschlichen Bezugsrahmen, der für die Persönlichkeit des jeweiligen Patienten spezifisch ist, voll und sorgfältig berücksichtigt.«234
Was in der klassischen Analyse als »Widerstand« bezeichnet wurde, fällt bei Fromm-Reichmann in den Bereich der Dynamik; es handelt sich um dieselbe Angst, die ursprünglich für den Verdrängungsvorgang verantwortlich war und welcher der Patient sich nicht mehr aussetzen möchte. Eine Deutung von Sicherungs- und Abwehrhaltungen – mit der diese zugleich durchbrochen werden sollen – darf bei psychotisch Erkrankten erst gewagt werden, wenn die Vertrauensbeziehung genügend gefestigt und der Kranke in seinem psychischen Allgemeinzustand so weit gestärkt ist, dass er den zu erwartenden vorübergehenden Angstzustand ohne Zusammenbruch durchleben kann.235
Wenn die therapeutische Beziehung einmal so weit gefestigt ist, kann allerdings mit aktivem Zusammenfassen gewonnenen Materials und deutendem Vorgehen begonnen werden, ohne auf eine weitere Bereitschaft von seiten des Patienten zu warten. Der Zeitpunkt für eine Deutung ist allgemein dann gekommen, wenn alle wesentlich zum Problem gehörenden Aspekte sich deutlich genug abzeichnen und der Deutung einen hohen Grad an Richtigkeit geben. Therapeutisch am wirksamsten wird sie, wenn der Patient durch eigene Einsicht den unbewussten Sinn des psychischen Vorganges schon annähernd wahrnimmt. Teileinsichten werden in immer neuen Zusammenhängen wieder aufgegriffen, neu verknüpft und »durchgearbeitet«.
Das Durcharbeiten besteht in der »vielfachen Wiederholung des affektiven Erlebens der Dynamik und der Inhalte, die ins Bewusstsein und Verständnis emporgehoben wurden«.236
Darüber hinaus könne der Gesundungsprozess, der sich in der analytischen Arbeit in der Zweierbeziehung von Patient und Therapeut vollziehe, durch die begleitenden Umstände wesentlich gestützt werden. In ihren Arbeiten über die Führung von psychiatrischen Spitälern tritt Fromm-Reichmann für die Form der »therapeutic community« ein, wie Foudraine, ein Schüler von Chestnut Lodge, sie ausführlich beschreibt.237 Zu anderen neueren Strömungen in der Psychiatrie wie zum Beispiel der Antipsychiatrie Basaglias und Pirellas oder zu Laing lassen sich keine Verbindungslinien ziehen; Fromm-Reichmann unterscheidet sich grundsätzlich von ihnen durch die sorgfältig durchzuführende Analyse und Therapie der in der individuellen Lebensgeschichte wurzelnden psychischen Störung.
Die weitere Forschungsarbeit in der Psychiatrie hat sich nach ihrer Meinung auf ein genaueres Verstehen der Angst und ihrer Rolle in der psychopathologischen Genese zu richten; ein gründlicheres Verständnis der Angst würde neue Möglichkeiten eröffnen, ihr in der Psychotherapie gezielt und effizient zu begegnen. Wirksamen Mechanismen der Angstabwehr misst Fromm-Reichmann im Zeitalter atomarer Bedrohung und unermüdlicher Kriegsvorbereitungen besondere Bedeutung und Dringlichkeit zu. Der Irritierte kann reale Gefahren nicht einschätzen noch deren Ursache beheben, solange er der Gefangene von überdimensionierten Ängsten ist, die ihren Ursprung in seiner frühesten Lebensgeschichte haben und in seinem gegenwärtigen Leben eine Kette von unverständlichen und deshalb äusserst belastenden Konflikten verursachen.
Fromm-Reichmann weist auch darauf hin, dass angesichts dieser doppelten Angstbelastung die Antwort der Religionen einem Grossteil der Menschheit ungenügend und unwirksam erscheint und dass die Menschen deshalb dringend und zu Recht an die Psychotherapie den Anspruch stellen, ihnen sachgemässe und fundierte Antwort und eine Anleitung zu effizienter Bewältigung der Angst zu erteilen.238
Fromm-Reichmann schöpft die Hoffnung, dass die Erkenntnisse der Psychotherapie dies für die leidende Menschheit leisten können, aus ihrer Arbeit mit den psychisch Schwerstkranken, von der hier einige Aspekte skizziert werden konnten. Wenn es in einer von Sachkenntnis getragenen, auf echter Gleichwertigkeit beruhenden mitmenschlichen Begegnung möglich ist, den total Resignierten und scheinbar nicht mehr Ansprechbaren zur Teilnahme am gemeinschaftlichen Leben zurückzuführen, warum sollte es dann nicht möglich sein, auch andere Probleme des Zusammenlebens sinnvoll zu lösen?
Fromm-Reichmann ist sich bewusst, dass jede Darstellung des psychotherapeutischen Prozesses immer nur Teile umschreiben kann und dass es noch an Erkenntnis und an Sprache mangelt, um den Heilungsvorgang und seine Bedeutung in der ganzen Tragweite erklären zu können. »Weitere Ausdrucksformen dieser stets vorhandenen, emotionellen zwischenmenschlichen Elemente des psychotherapeutischen Prozesses entziehen sich leider noch einer genaueren wissenschaftlichen Beschreibung, denn wir sind bei unserem gegenwärtigen Wissensstand und technischen Können noch nicht in der Lage, uns von solchen unfassbaren Strömen von Mensch zu Mensch adäquat Rechenschaft zu geben … (Es sind nicht nur die Worte, die Formulierungen an sich, also das deutende Fragen und Antworten), was den Patienten entlastet, sondern daneben auch die Affektentladung und die vom Patienten gewonnene Einsicht. Das stumme, unausgesprochene Wechselspiel, das zwischen Patient und Arzt vor sich geht und das gesprochene Wort begleitet, hat an aller intensiven Psychotherapie einen erheblichen Anteil …
Eine der ersten Vorbedingungen für eine erfolgreiche Psychotherapie (ist) die Achtung vor dem Patienten, auch dem geistesgestörten. Diese Achtung kann aber nur aufrichtig sein, wenn sich der Psychotherapeut darüber klar ist, dass die Lebenskonflikte des Patienten sich von seinen eigenen nicht allzu sehr unterscheiden. Dies ist nicht etwa nur eine menschenfreundliche oder sentimentale Hypothese, sondern meine wissenschaftliche Überzeugung.«239
Frieda Fromm-Reichmann hat mit ihrer Arbeit einen grossen Beitrag zur Weiterentwicklung der Psychotherapie und ihrer Anwendung auf die schwerste Form psychischer Störungen geleistet. Ihre Forschung war nur möglich dank der Wandlung des Persönlichkeitsmodells, zu der die ganze Gruppe der Neopsychoanalytiker beigetragen hat.
Neopsychoanalyse (Horney, Fromm, Sullivan)
Das Eindringen der Soziologie und der Kulturanthropologie in die Psychologie, das in Amerika im Verlaufe der dreissiger Jahre zu verzeichnen war, führte zu einer Überprüfung der bis dahin gültigen Persönlichkeitstheorie. Dabei hatte die Wende vom Triebmodell zu den emotionalen Prozessen als Grundlage der Persönlichkeitsbildung Auswirkungen, deren Ausmass erst in den Publikationen des folgenden Jahrzehnts voll ersichtlich wurde. Die Auseinandersetzung erfasste auch die Psychoanalytische Vereinigung und führte Anfang der vierziger Jahre zum Ausschluss einiger ihrer Mitglieder – ein im Rahmen einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung seltsam anmutendes Phänomen.
Die »Abweichler«, die als neopsychoanalytische Richtung in die Geschichte der Psychologie eingegangen sind, bemühten sich in der Folge, die Forschung weiter voranzubringen und ihren eigenen Standort zu bestimmen.
Karen Horney hält eine Besinnung auf die kulturellen Faktoren und ihren Einfluss auf Erleben und Verhalten des Menschen nicht nur für nützlich sondern für ein präziseres Verständnis von psychischer Gesundheit und Krankheit als dringend notwendig. Horney konzentrierte sich auf die Erforschung und die Heilung von Neurosen, die nach ihrer Auffassung eine verunglückte Form der menschlichen Selbstverwirklichung sind und dem gesunden Wachstum der Persönlichkeit entgegenstehen. Das wirft bereits die Frage auf, wie Selbstverwirklichung und damit seelische Gesundheit zu definieren ist und worauf sie beruht.
Die Beantwortung dieser Frage ist mit der Auffassung von der menschlichen Natur wesenhaft verknüpft, und auch da stellt sich die Frage nach dem Einfluss der Kultur. Diese prägt das Menschenbild des in ihr forschenden Psychologen, welches bereits die Prämissen enthält, auf denen er sein jeweiliges Persölichkeitsmodell aufbaut.
Horney charakterisiert drei Varianten über das Verständnis der menschlichen Natur: einmal die Auffassung, dass der Mensch von Natur aus sündig sei oder von primitiven Instinkten getrieben, die durch einen künstlichen Aufbau von psychisch verankerten moralischen Normen in Schranken gehalten werden müssen. Sie macht darauf aufmerksam, dass dieses Menschenbild Sigmund Freuds Persönlichkeitslehre zugrunde liegt.
Eine weitere Auffassung schreibt der menschlichen Natur ein »Sowohl-Als-auch« von Gut und Böse zu wobei das anlagemässig vorhandene Gute zu seinem Durchbruch übermenschlicher Ideale – mystischer oder rationaler Art – bedarf.240
Selbstverwirklichung bedeutet für Horney – und das beruht auf der dritten der möglichen Auffassungen vom Wesen des Menschen – Wachstum und Reifen der Persönlichkeit, was sich spontan vollzieht, wenn die Voraussetzungen für eine gesunde Entwicklung in der Familie gegeben sind, so, wie die Eichel unter den richtigen Bedingungen von selbst zur Eiche wird. In jedem Menschen sind »konstruktive evolutionäre Kräfte« vorhanden, »die ihn zur Verwirklichung der ihm gegebenen Möglichkeiten drängen. Diese Überzeugung bedeutet nicht, dass der Mensch essentiell gut ist – das setzte eine vorgegebene Kenntnis dessen voraus was gut und böse ist. Sie bedeutet vielmehr, dass der Mensch von Natur aus freiwillig nach Selbstverwirklichung strebt und dass sich seine Wertmassstäbe aus diesem Streben entwickeln. Es scheint als könne er z. B. sein gesamtes Potential nur dann entwickeln, wenn er sich selbst gegenüber ehrlich ist, wenn er aktiv und produktiv ist und wenn er zu seinen Mitmenschen in einer Beziehung echter Gegenseitigkeit steht.«241
Menschliches Wachstum vollzieht sich immer im Rahmen einer bestimmten Kultur mit bestimmten ethischen Normen und Idealen, die sich gegenseitig widersprechen oder in ihrer Gesamtheit zu den Bedürfnissen der menschlichen Natur in Gegensatz stehen können. Eine genaue Kenntnis dieser Normen ist unerlässlich zum Verständnis der das Persönlichkeitswachstum störenden Faktoren. Die Neurose erweist sich aufgrund dieser Auffassung als eine kulturbedingte Erkrankung der Persönlichkeit.
Mangelnde Berücksichtigung der soziologischen und kulturellen Gegebenheiten ist Kernpunkt von Horneys Kritik gegenüber Freud.242 Zwar nennt sie einen persönlichen Ansatz als deren Ausgangspunkt, nämlich die Freudsche Deutung des weiblichen Minderwertigkeitsgefühls, der sie sich als Frau niemals anschliessen konnte, doch weist sie zugleich auch darauf hin, dass der Gedankenaustausch mit Fachkollegen wie Fromm, Alexander, Schultz-Hencke, Reich u. a., aber auch mit Mead und Benedict das kritische Überdenken der Freudschen Gedankengänge und die Neufassung der Theoreme wesentlich beeinflusst habe.243
Die Annahme eines der menschlichen Natur immanenten Todestriebes war für sie ein besonders krasses Beispiel einer unhaltbaren Prämisse und gab zusätzlichen Anlass zur Überprüfung des Ganzen. Da sie in der Freud-Kritik in manchem mit Fromm-Reichmann übereinstimmt, soll ihr eigener Standpunkt hier nur kurz dargestellt werden.
Die Determiniertheit von psychischen Prozessen behält Horney zu einem grossen Teil bei, wie auch die Bedingtheit von Neurosen durch innere Konflikte. Der veränderte Ansatz besteht im wesentlichen darin, dass die Triebe – sexueller oder destruktiver Art – durch emotionale Antriebe, Impulse oder Bedürfnisse ersetzt werden. Damit wird die ganze Libido-Theorie und der Oedipus-Komplex hinfällig: »Die Libido-Theorie ist also, kurz gesagt, in allen ihren Behauptungen unerwiesen. Das ist um so bemerkenswerter, als sie einer der Eckpfeiler ist, auf dem psychoanalytisches Denken und Heilverfahren beruhen. Die Annahme, jedes Lustbegehren sei im Grunde ein Begehren nach libidinöser Befriedigung, ist willkürlich. Was als Beweismaterial hierfür geboten wird, sind unverbürgte und oft grobe Verallgemeinerungen einiger guter Beobachtungen. An vorhandenen Ähnlichkeiten zwischen körperlichen Funktionen und geistigem Verhalten oder Bestreben wird demonstriert, dass dieses von jenen bestimmt wird. Von Besonderheiten auf sexuellem Gebiet wird kurzerhand erklärt, sie verursachten ähnliche und gleichzeitige Charaktereigentümlichkeiten.«244
Horney wendet sich damit ganz von der Triebtheorie ab: Das emotionale Kräftespiel ergibt die Struktur der Persönlichkeit, die Einstellung zum Leben und das Verhalten im zwischenmenschlichen Bereich; und in den ungelösten und unlösbaren – weil unbewussten – Konflikten im emotionalen Bereich liegt der in der Neurose sich manifestierende Krankheitsherd. Die Veränderungen in allen anderen Bereichen der Persönlichkeitslehre und der Therapie, zum Beispiel Übertragung oder Widerstand betreffend, leiten sich daraus ab: Übertragung, d. h. die emotionale Antwort des Patienten auf die Behandlungssituation, ist der »unmittelbarste Weg zum Verständnis seiner charakterlichen Struktur und der daraus erwachsenden Schwierigkeiten«,245 Widerstand ist die individuelle Art der Abwehr von unbewussten Gefühlskonflikten, freie Assoziation ist eine der Methoden, um Zugang zum emotionalen Innenleben zu erhalten.
Die Theorie vom Wiederholungszwang von frühkindlichen Fixierungen in der Persönlichkeit wird als zu mechanistisch verworfen; sie ist mit dem dynamischen Persönlichkeitmodell Horneys nicht vereinbar. Deshalb kommt Horney in bezug auf die Abstinenzenregel Freuds im wesentlichen zum gleichen Schluss wie Fromm-Reichmann.246 Die Freudsche Aufspaltung der Persönlichkeit in »Ich«, »Über-Ich« und »Es« betrachtet sie als Konstrukt; das »Ich« als entfremdete, verkümmerte Form eines spontanen individuellen Ichs ist ein typisch neurotisches Phänomen, ebenso wie der Machtanspruch und der perfektionistische Charakter des »Über-lchs«.247
Freud sah die Schwierigkeit für die psychische Situation des Menschen in den Reibungsflächen und der Unvereinbarkeit, die zwischen den naturgegebenen Trieben und den Anforderungen des Kulturlebens entstehen und die in der Psyche jedes einzelnen ihren Niederschlag finden. »Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Auffassung auf wissenschaftlicher Ebene der christlichen Lehre vom Konflikt zwischen Gut und Böse, zwischen moralisch und unmoralisch, zwischen der animalischen Natur des Menschen und seiner Vernunft folgt. Das gibt an sich keinen Anlass zu Kritik. Die Frage ist nur, ob die neurotischen Konflikte tatsächlich dieser Art sind. Aus der Beobachtung von Neurosen ergibt sich für mich ungefähr folgender Standpunkt: Der Zusammenstoss des Menschen mit der Umgebung erfolgt nicht so unvermeidlich, wie Freud annimmt; wenn er erfolgt, so nicht rein triebmässig, sondern weil die Umgebung Furcht und Feindseligkeit einflösst.«248
Mit Erich Fromm nimmt Horney an, dass die formenden Kräfte in den menschlichen Beziehungen der familiären Umwelt zu suchen sind und die Ursache für eine deformierte, neurotische Entwicklung der Persönlichkeit in der Gesamtheit der Lebensbedingungen des Kindes liegt. Und hier, an der Basis der Persönlichkeitsbildung, erhält die Kultur ihren entscheidenden Stellenwert: Sie prägt das familiäre und das weitere Milieu des Kindes. Der erzieherische Umgang mit dem Kind ist mit den kulturellen Normen und Werten untrennbar verknüpft. Soweit sie aus Atavismen stammen und der menschlichen Natur nicht entsprechen, tragen sie die Störfaktoren – über die Eltern und die weiteren Bezugspersonen – in die psychische Entwicklung des Kindes hinein.
In diesem Zusammenhang hat die Soziologie einen grundlegenden Beitrag zur Ätiologie der Neurose zu leisten, indem sie die Lebensbedingungen innerhalb eines bestimmten Kulturkreises genau ermittelt und die Signifikanz der wesentlichen Wertvorstellungen innerhalb der kulturellen Struktur erfasst und abwägt. Das Hauptgewicht liegt auf den den individuellen Krankheitsfällen gemeinsamen Zügen, die von psychologischer Seite mit den entsprechenden Kulturbedingungen in Beziehung zu setzen sind. Durch sorgfältigen Vergleich lassen sich dann die Grundfaktoren herausschälen, durch welche eine neurotische Entwicklung erst möglich ist; ferner können die Bedingungen für den neurotischen Grundkonflikt und die Lösungsversuche ebenso ermittelt werden wie die die äussere Form des neurotischen Bildes prägenden Faktoren.249
Unter den Grundfaktoren, die in der westlichen Kultur den Nährboden für Neurosen bilden, nennt Horney den persönlichen Wettbewerb innerhalb eines scharf geführten wirtschaftlichen Wettkampfes, die soziale Unsicherheit, den Mangel an Solidarität, das Streben nach Erfolg um jeden Preis und meist auf Kosten der anderen und die wirklichen Erfolg erschwerenden Bedingungen. Sie bewirken emotionale Isolierung, feindselige Spannungen, Unsicherheit, Angst und Ohnmachtsgefühl. Um die Bedingungen für den neurotischen Grundkonflikt im engeren Sinne herauszuschälen, sind nach Horney die in sich widerstreitenden Tendenzen in der Kultur einer Untersuchung zu unterziehen.
Zum Beispiel vertieft das Streben nach Sicherheit auf Kosten der andern die Angst und trägt nichts zu einer sozialen und psychischen Beruhigung bei. Das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung erwirkt eine wirkliche oder scheinbare Anpassung an kulturelle Ideale wie Nächstenliebe, Ehrlichkeit, Selbstbeherrschung u. a.; solche Tugenden geben der Neurose das nach aussen sich präsentierende Gesicht. Die ganze Kultur muss einer Analyse unter folgenden Gesichtspunkten unterzogen werden: ob und wie weit das Zusammenleben durch hervorgerufene Feindseligkeit gestört wird, wie weit persönliche Unsicherheit geschaffen und das Selbstvertrauen geschwächt wird, welche Schranken und Tabus den sozialen Austausch blockieren und die Angst im einzelnen Menschen verstärken. Welche Bedürfnisse und Bestrebungen werden erzeugt oder unterdrückt, welcher Art sind die realen und die vorgegebenen Zielen dienenden Lebensauffassungen?250
Dass nicht alle Menschen innerhalb einer Kultur in gleichem Masse neurotisch werden, ist kein stichhaltiger Einwand gegen die Kulturbedingheit der Neurose, ist doch jeder wieder auf andere Art und in sehr verschiedenem Masse, in nur einer oder in mehrerer Hinsicht den das Leben erschwerenden Kultureinflüssen ausgesetzt. Die gründliche Kenntnis der Kultur ist aber nicht nur eine interessante Bereicherung und Ausweitung im Verständnis des psychischen Geschehens, sondern ist von grosser Bedeutung für die Therapie, denn das therapeutische Vorgehen des Psychologen beruht auf seinem kulturell geprägten Menschenbild.
Ohne Berücksichtigung der kulturellen Tendenzen lässt sich kein Massstab für seelische Gesundheit oder Krankheit erarbeiten. Unzählige kranke Charakterzüge würden sonst als unauffällig und mit den allgemeingültigen Auffassungen übereinstimmend nicht beachtet, nicht diagnostiziert und deshalb auch nicht behandelt; es würde »Ungewollt das medizinische Kriterium durch eine gesellschaftliche Wertung ersetzt, d. h. durch ein Kriterium des ’Normalen’, das dem statistischen Durchschnitt einer bestimmten Kultur oder eines bestimmten Teiles der Bevölkerung entspricht. Diese implizierte Wertung entscheidet, welche Probleme angegangen werden und welche nicht, wobei ich mit impliziert meine, dass der Analytiker sich nicht bewusst ist, überhaupt eine Wertung anzuwenden.«251
Auch fehle dem Analytiker der Blick für diejenige irritierte Lebensform, die in der allgemeinen Konformität besteht, die aber mit einem tiefgreifenden Mangel an eigener Urteilsfähigkeit eigenem Empfinden und eigener Erfüllung im Leben verbunden ist und die von den Betreffenden selber in ihrer Resignation als durchaus normal betrachtet wird. Horney meint, dass die Psychologie noch viel zu stark in den Gegebenheiten der Kultur verhaftet sei, ohne sich dessen bewusst zu sein, und dass die bisherige psychoanalytische Therapie lediglich in sexueller Hinsicht einen gewissen Grad an Freiheit in der Beurteilung erreicht habe.252
Wären die Normen und Werte der Kultur dem Wachstum und der natürlichen Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit dienlicher, so müssten neurotische und psychotische Erscheinungen sich stark reduzieren. In ihrem letzten Werk »Neurose und menschliches Wachstum« arbeitet Horney mit dem Axiom eines in der menschlichen Natur verankerten Strebens nach Selbstverwirklichung: So wie alle andern Lebewesen in der Natur sich unter günstigen Bedingungen zu einer reifen Form auswachsen und als solche eine optimale Lebensfähigkeit erreichen, so würde auch der Mensch in spontanem Wachstum auf Selbstverwirklichung hinstreben. Das »wahre Selbst« wird in der letzten Fassung der Neurosentheorie zum Kernstück ihrer Persönlichkeitslehre. Es strebt danach, die spezifisch menschlichen Möglichkeiten zu entwickeln, unter denen im besonderen klare und tiefe Gefühle, und zwar sowohl eigene als auch reaktive, zu verstehen sind, ferner eigene Gedanken, Wünsche und Interessen und die Fähigkeit, sich mit diesem ganzen Bereich zu anderen Menschen in Beziehung zu setzen und einen durch spontane Gefühle motivierten Austausch mit ihnen aufzunehmen und aufrechtzuerhalten.253
Damit dieses wahre Selbst sich entfalten kann, müssen aber die für das menschliche Wachstum erforderlichen Bedingungen erfüllt sein. Aufgrund der bisherigen Erkenntnisse umschreibt Horney diese als eine Atmosphäre der Wärme, die dem Kind ein Gefühl innerer Sicherheit und Freiheit geben soll, in der es eigene Gefühle und Gedanken entwickeln und äussern kann. Ferner braucht es ein grosses Mass an Hilfe zur Befriedigung seiner natürlichen Bedürfnisse und als Stütze in den mannigfaltigen Schwierigkeiten, vor die es sich in jeder Altersstufe gestellt sieht, ohne ihnen vorerst gewachsen zu sein … Schliesslich wird seine Persönlichkeit durch ein gesundes Mass an Sich-Reiben an den Wünschen und Vorstellungen anderer – aber innerhalb eines Miteinander, nicht als Gegeneinander – gefestigt.
Horney betont, dass nur in einer Atmosphäre der Freiheit und des Wohlwollens das Kind die Fähigkeit entwickeln kann, sich selber zu sein und sich einem andern Menschen zuzuwenden, ihn nötigenfalls auch abzuwehren oder sich von ihm zurückzuziehen – Fähigkeiten, welche in den zwischenmenschlichen Beziehungen einer reifen Persönlichkeit später vorhanden sein müssen.254
Unter ungünstigen Bedingungen wird das Kind in seiner eigenen Entwicklung irritiert. Das fehlende Gefühl der Zusammengehörigkeit schafft eine tiefe Unsicherheit, Hilflosigkeit und Angst; Horney bezeichnet sie als »basic anxiety«. Diese Grundangst isoliert das Kind und lässt die Umwelt als latente Bedrohung erscheinen; die psychischen Kräfte müssen dann ganz dafür eingesetzt werden, die Grundangst zu beschwichtigen, und die zwischenmenschlichen Möglichkeiten seiner Umgebung werden dafür in Dienst genommen oder als Gefahrenherde eingestuft.
Die natürliche Fähigkeit, sich zuzuwenden, kann unter diesen Umständen zum Sich-Anklammern an Stärkere und Sich-Unterwerfen pervertieren, die Möglichkeit abzuwehren kann in aggressive Verhaltensweisen ausarten, und die Fähigkeit, sich zurückzuziehen, kann zu extremer emotionaler Isolation führen. Nachgiebigkeit, Aggressivität oder Abseitsstehen sind drei Möglichkeiten, für den Grundkonflikt im Zusammenleben eine Pseudolösung zu finden; eine der drei wird im weitern, bereits nervösen »Abtasten« im zwischenmenschlichen Feld zur vorherrschenden werden und der sich entwickelnden Neurose ihre spezifische Form geben.
Das damit einhergehende Gefühl der Schwäche bringt auch das Bedürfnis hervor, sich über die andern zu erheben und treibt dadurch die Selbstentfremdung weiter voran. Selbstidealisierung und neurotischer Stolz schaffen in der Folge ein Pseudoselbst, das aufrechtzuerhalten die Kräfte aufs äusserste beansprucht und das durch die Unmöglichkeit, die absoluten Ideale zu verwirklichen, zugleich Gefühle der Selbstverachtung und des Selbsthasses verursacht.
In »Der neurotische Mensch unserer Zeit« hatte Horney noch die unterdrückte, reaktiv entstandene Feindseligkeit als Hauptquelle der neurotischen Angst betrachtet; dieser Angst kann das Individuum in unserer Kultur nur dadurch entfliehen, dass es sie rationalisiert, sie leugnet, sie betäubt oder jede angstauslösende Situation vermeidet. Die gestörte zwischenmenschliche Beziehung als Kernproblem der Neurose wird in den späteren Schriften dahingehend differenziert, dass die sich ausprägende Starrheit der neurotischen Reaktion – Nachgiebigkeit, Aggressivität oder Distanziertheit – sich nicht nur auf das zwischenmenschliche Feld bezieht:
Der neurotische Mechanismus beginnt im Sinne krebsartiger Wucherungen die ganze Persönlichkeit zu durchdringen und bestimmt auch ganz das Bild des Neurotikers von sich selbst. Die neurotische Reaktion vermag die Grundangst nicht zu lindern, sondern verstärkt sie noch. »Ich behaupte, dass der aus unvereinbaren Haltungen stammende Konflikt den Kernpunkt einer Neurose bildet und daher zu Recht Grundkonflikt genannt werden kann. Ich möchte hinzufügen, dass ich den Ausdruck Kernpunkt hier nicht nur bildlich benutze, sondern um die Tatsache zu betonen, dass es sich um den dynamischen Mittelpunkt handelt, aus dem Neurosen sich entwickeln.«255
Der Fluchtweg in ein idealisiertes Ebenbild steht dem Individuum jederzeit offen, ergibt aber eine Kluft zum realen Selbst, die unerträglich werden kann und durch Projektionen wiederum auf die Umwelt abgewälzt wird. Der ganze Prozess ist mit einer zunehmenden Verarmung der Persönlichkeit verbunden. In der späteren Neurosenlehre gewinnt das idealisierte Ebenbild stark an Bedeutung und wird zu einem formenden Faktor im neurotischen Prozess. Es nimmt sämtliche psychischen Kräfte in seinen Dienst; sie gehen dadurch der Auseinandersetzung und der Reifung auf der realen Ebene gänzlich verloren. Der reale Anteil der Persönlichkeit bleibt hinter dem idealen Ich immer weiter zurück und wird schliesslich nur noch mit Selbstverachtung und Selbsthass bedacht.
Der neurotische Prozess wird so zu einem Prozess zunehmender Selbstentfremdung. Der Konflikt zwischen dem »System des Stolzes« bzw. seinen obstruktiven Kräften einerseits und dem wahren Selbst und seinen konstruktiven Bestrebungen andererseits bildet den zentralen inneren Konflikt in der Neurose.
Horneys therapeutische Haltung in bezug auf die Deutung ist gekennzeichnet durch eine starke Betonung des aktuellen Zusammenhangs gegenüber dem lebensgeschichtlichen Aspekt. Sie vermerkt jedoch, dass es sich nur scheinbar um die Alternative Gegenwärtiges oder Vergangenes handle. Die prägende Bedeutung der Kindheitseindrücke bleibt unbestritten. Es geht ihr vielmehr darum, die unbewussten Tendenzen, ihre Funktion und ihre Wechselwirkung in ihrem gegenwärtigen Sinne zu erfassen und dadurch die stets weiter formenden Kräfte in der Entwicklung zu berücksichtigen. Den lebensgeschichtlichen Gesichtspunkt zieht sie nur so weit heran, als er zu einem Verständnis der gegenwärtigen Wechselwirkung vonnöten ist. Es handelt sich zwar um eine Absage an das Prinzip des Wiederholungszwanges, jedoch nicht um eine Verneinung der Erkenntnis, dass die vergangenen Einwirkungen das gegenwärtige psychische Geschehen bestimmen.
In Horneys Auffassung wird der sich stets weiter ausformende Charakter des seelischen Geschehens und der stets aufs neue sich verwirklichende Sinn der neurotischen Gefühlsregungen stärker betont, was für den therapeutischen Prozess von grosser Bedeutung sein kann.256
Horney war in ihrer Neuorientierung durch die Arbeiten Erich Fromms stark ermutigt worden. Fromm schöpfte das Material für eine Korrektur an der psychoanalytischen Lehre jedoch nicht aus der therapeutischen Arbeit, sondern aus dem Studium der humanistischen Tradition und der Soziologie, wobei ihm der Marxismus als diejenige soziologische Lehre erschien, die am meisten Berührungspunkte mit der Psychoanalyse hat.257 Durch den Einbezug dieser Bereiche setzte sich Fromm in der Neufassung seiner Persönlichkeitstheorie stärker mit moralisch-ethischen Problemen auseinander, deren Berücksichtigung die Psychoanalyse nach seiner Auffassung stark vernachlässigt hatte.
Im Zusammenhang mit der vorliegenden Arbeit geht es vor allem um den Beitrag Fromms zur Neuorientierung in der psychologischen Forschung der ganzen Gruppe, die sich als Neopsychoanalyse konstituierte. Aus diesem Grunde sollen vorwiegend frühe Arbeiten Fromms herangezogen werden.
In »Psychoanalyse und Ethik« unternimmt Fromm den Versuch, eine humanistische Ethik zu begründen. Nachdem der Mensch aus den autoritären Bindungen an die Kirche herausgewachsen sei und eine Begründung ethischer Normen durch eine übergreifende Vernunft sich als nicht möglich erwiesen habe, gelte es nun, auf psychologischem Boden einen neuen Massstab für objektiv gültige Werturteile zu finden, wobei er das »homo mensura« als Ausgangspunkt nehme: Das Mass für richtig oder falsch kann für Fromm nur der Mensch selber sein.258
Richtig ist, was für den Menschen und seine Entfaltung richtig ist, falsch, was ihm und seinem Leben schadet. Diese auf den Menschen zentrierte neue Ethik unterscheidet sich in Fromms Sicht grundsätzlich von jeder autoritären Ethik, die den Menschen vorgegebenen, übergeordneten Massstäben unterwirft und Befolgung im Sinne von Gehorsam – ungeachtet der Auswirkungen auf das Wohlbefinden des Menschen – verlangt.259
Die Ablösung von den alten Wertsystemen führte jedoch nicht automatisch zum Aufleben einer humanistischen Ethik, denn der Befreiungsprozess war mit einem erhöhten individuellen Risiko verbunden; die »Furcht vor der Freiheit«, wie er eines seiner Werke nennt, kann in einer Art Regression zu einem Wiederaufleben irrationaler autoritärer Strukturen führen. Den im Herauswachsen aus mittelalterlichen Religionsformen und Feudalismus gewonnenen Freiraum füllte das verselbständigte Bürgertum mit der Lebensform und der Denkweise der kapitalistischen Gesellschaft aus. Fromm befasst sich eingehend mit den Auswirkungen, die dieses ökonomische System auf das gemeinschaftliche Leben hat, und kommt zum Schluss, dass die auf diesem Boden allgemein sich bildenden Charakterrichtungen – die rezeptive, die ausbeuterische, die Hamster-Orientierung und die Markt-Orientierung – alle unbefriedigend sind und das Zusammenleben zu einem blossen Zweckverband ohne Sinn und mitmenschliche Erfüllung deformieren.
Nur der produktive Charakter, der fähig ist, sich zum Mitmenschen in Beziehung zu setzen, kann dem Zusammenleben einen echten Sinn geben und sich zu einer gewissen Reife entwickeln. Dieser Reifeprozess beinhaltet auch Fürsorge für den andern Menschen, Verantwortungsgefühl, Achtung vor seiner Persönlichkeit und wissendes Verstehen für seine Situation als Mensch.260
Diese produktive Lebensform ermöglicht erst Fürsorge, Verantwortung, Achtung und Verstehen auch für sich selbst: Liebe zum andern Menschen und Liebe zu sich selbst sind untrennbar und bedingen sich gegenseitig.261 Die humanistische Ethik findet darum keinerlei Verbindungslinien zum Altruismus der christlichen Ethik.262 Fromm legt in diesem Zusammenhang auch dar, wie die autoritäre Ethik eine echte Gewissensbildung verhindert und nur ein autoritäres Gewissen hervorbringen kann, das er als Abklatsch der von Eltern, Schule Kirche, Staat oder öffentlicher Meinung erlassenen Vorschriften bezeichnet, welche nur aus Angst vor Strafe befolgt werden.263
Erst auf dem Boden der humanistischen Ethik kann das echte Gewissen – »des Menschen Mahnruf an sich selbst« – aktiv werden, indem der Mensch mit innerer Bejahung wahrnimmt, dass er etwas dem Leben – seinem eigenen oder dem eines anderen – Dienliches bewirkt hat oder mit Unbehagen feststellt, dass etwas dem Leben Schädliches im Gange ist.264
Diese humanistische Ethik stellt ganz neue, ungleich grössere Anforderungen an den Menschen, indem sie nicht ohne eigene Überprüfung der Vorgänge und nicht ohne eigene Anteilnahme bestehen kann. In ihr vollzieht sich nach Fromm auf ethischer Ebene eine Entwicklung zur Freiheit und selbstverantwortlichen Würde des Menschen. Zu ihrer Fundierung bedarf sie aller Befunde der Human- und Sozialwissenschaften, deren Forschung sie ihrerseits wieder Sinn und Orientierung verleihen kann.
Aufgrund des humanistischen Ansatzes von Fromm besteht geistig-seelische Gesundheit nicht in der Anpassung an eine bestimmte Gesellschaftsstruktur, sondern darin, dass der Mensch sich seiner Natur gemäss zu voller Reife entwickeln kann. Die Übereinstimmung in den Meinungen und der Lebensweise ist kein Kriterium für die Beurteilung der geistig-seelischen Verfassung der Menschen, denn so, wie es eine »folie a deux« gibt, kann sich nach Fromm in der Gesellschaft auch eine »folie a millions« abspielen: » … der Tatbestand, dass Millionen Menschen an denselben Formen geistig-seelischer Pathologie leiden, verwandelt diese Pathologie nicht in seelische Gesundheit.«255
Zum Beispiel leiden die meisten Menschen an einem Mangel an Freiheit, Spontaneität und »echtem Ausdruck der Persönlichkeit«; dieser Zustand wird ihnen aber nicht als Mangel bewusst, weil sie ihn mit den meisten andern Menschen ihres Kulturkreises teilen. Es handelt sich um einen sozial verursachten Defekt.
Der Verlust an Erfüllung im Leben wird aufgewogen durch das Gefühl der Konformität mit den andern – oder die Normen der Kultur ordnen den defekten Zustand unter die Tugenden ein.256 In den meisten Fällen bietet die Gesellschaft mildernde Begleitumstände, die es ermöglichen, einigermassen mit dem Defekt zu leben. Dennoch ist die Schädigung am sozialen Organismus unübersehbar:
»Despoten und herrschende Cliquen sind imstande, ihre Mitmenschen zu unterdrücken und auszubeuten; was sie nicht vermögen, ist, die Reaktion auf solche unmenschliche Behandlung zu unterbinden. Ihre Untertanen werden verängstigt, misstrauisch und vereinsamt und, sofern es nicht anderen Ursachen zuzuschreiben ist, brechen sie eines Tages zusammen, weil Furcht, Misstrauen und Vereinsamung die Mehrzahl der Menschen hindern, sich wirksam und intelligent zu betätigen. Ganze Nationen oder soziale Klassen innerhalb derselben können lange Zeit hindurch unterjocht und ausgebeutet werden; aber sie reagieren.
Sie reagieren mit Apathie oder mit solcher Schädigung ihrer Intelligenz, ihrer Initiativkraft und ihrer Fähigkeit, dass sie nach und nach nicht mehr in der Lage sind, die ihren Beherrschern dienlichen Funktionen auszuüben. Oder sie reagieren mit einer solchen Anhäufung von Hass und Zerstörungswut, dass sie sich selbst, ihren Tyrannen und deren System ein Ende bereiten. Es kann aber auch geschehen, dass ihre Reaktion ein genügend starkes Unabhängigkeits- und Freiheitsverlangen herbeiführt, das den Aufbau einer besseren Gesellschaft auf Grund schöpferischer Impulse bewirkt. Welche Reaktion eintritt, das hängt von verschiedenen Faktoren ab: von wirtschaftlichen und politischen Momenten und von dem geistig-seelischen Klima, in dem die Menschen leben.«267
Sich entfalten und seine Möglichkeiten verwirklichen kann der Mensch nur, wenn die gesellschaftlichen Bedingungen dies erlauben und diesem Ziel förderlich sind. Unter autoritären, unterdrückenden Bedingungen erkrankt die ganze Gemeinschaft. Fromm spricht in diesem Zusammenhang von einer »Pathologie der kulturellen Gemeinschaften«, die, wie er betont, noch ausgearbeitet werden müsse. Damit dies geschehen kann, muss die Vorstellung einer gesunden Gemeinschaft gegeben sein, die den Bedürfnissen des Menschen entspricht und die für die Konstituierung ihrerseits des nämlichen Fundus an Erkenntnissen der Sozial- und Humanwissenschaften bedarf wie die Ethik.
Wenn der Mensch sich seiner Natur entsprechend entfalten kann, ist er auch als einzelner geistig-seelisch gesund; die Bedingungen dafür müssen in den verschiedenen Zeiten und Kulturen dieselben sein. »Geistig-seelische Gesundheit ist gekennzeichnet durch die Fähigkeit zu lieben und schöpferisch zu sein; durch die Erhebung über die inzestuöse Bindung an Clan und Boden; durch ein Gefühl der Identität auf Grund des Erlebens seiner selbst als Subjekt und Organ der Eigenkräfte und durch Erfassung der Realität in uns und um uns, das heisst durch die Entwicklung von Objektivität und Vernunft.«272
Fromm ist sich der grossen Schwierigkeiten bei der Ausarbeitung des Prospekts einer gesunden Gesellschaft und einer sachgemässen Pathologie der Gemeinschaften bewusst. Die Schwierigkeit besteht nach seiner Meinung nicht zuletzt darin, dass in der Auffassung über die menschliche Natur noch weitgehend jene Vorstellung gilt, die sich in der Philosophie von Hobbes bis Freud durchzieht, dass nämlich zwischen der menschlichen Natur und der Gesellschaft ein unaufhebbarer Widerspruch bestehe und der Mensch im Kerne seiner Natur asozial sei.273
Diese Meinung findet sich in den charakteristischen Verhaltensweisen des Menschen in der modernen kapitalistischen Gesellschaft bestätigt, welche für natürliche Gegebenheiten gehalten werden. Für Fromm dagegen handelt es sich um Merkmale, die zum Sozialcharakter dieser bestimmten Wirtschaftsordnung gehören. Das Wesen und die Funktion des Sozialcharakters werden nur klar ersichtlich, wenn man den Weg in Betracht zieht, auf dem Fromm seine Synthese von Psychoanalyse und historischem Materialismus vollzogen hat. Bereits 1931 hatte er sich Gedanken gemacht, ob die Psychoanalyse sich zur Erforschung des sozialen Lebens verwenden lasse, um die kranken Züge im gesellschaftlichen Leben besser zu verstehen und evtl. beheben zu können.274
Dass die ökonomischen Verhältnisse die Lebensweise jeder gesellschaftlichen Schicht bestimmen, setzt er bereits voraus. Beide, Psychoanalyse und historischer Materialismus, verstehen das Bewusstsein nicht als unabhängige Gegebenheit, sondern als Spiegelung anderer Kräfte: In der psychoanalytischen Theorie liegen ihm unbewusste psychische Prozesse zugrunde, im historischen Materialismus ökonomische Bedingungen. Daraus ergibt sich die Frage, in welchem Verhältnis diese beiden Theorien zueinander stehen, wie weit sie vereinbar sind und in welchem Masse psychoanalytische Methoden zur Klärung von gesellschaftlichen Problemen einen Beitrag leisten können.
Fromm leitet daraus die Aufgabe der analytischen Sozialpsychologie ab: nämlich »die Triebstruktur, die libidinöse, zum grossen Teil unbewusste Haltung einer Gruppe aus ihrer sozialökonomischen Struktur heraus zu verstehen«.275 In ihrer Anwendung auf den einzelnen erforscht die Psychoanalyse die psychische Struktur, die Art ihrer Entwicklung und die diese Entwicklung bestimmenden Faktoren. Als Sozialpsychologie hätte sie nach den in einer bestimmten Gruppe allgemein vorhandenen seelischen Haltungen zu fragen und sie auf die sie in der Entwicklung bestimmenden Faktoren zurückzuführen, die für Fromm mit der sozialökonomischen Situation identisch sind.
Der biologisch gegebene Triebapparat passt sich – da er weitgehend modifizierbar ist – in einem Prozess aktiver und passiver Anpassung an die sozialökonomische Situation an, die ihrerseits die primär formenden Faktoren für diesen Anpassungsprozess beiträgt. Dieser Vorgang ist etwa analog der aktiven und passiven Triebanpassung an die Lebensbedingungen innerhalb der einzelnen Lebensgeschichte zu denken. »Im Wechselspiel des Aufeinanderwirkens der psychischen Antriebe und der ökonomischen Bedingungen kommt letzterer ein Primat zu«, und zwar in dem Sinne, dass die ökonomische Struktur weniger modifizierbar ist als der menschliche Triebapparat.276
Der Prozess der Anpassung an die gesellschaftlichen bzw. ökonomischen Bedingungen erfolgt über die Familie, in der das Kind die prägsamste Zeit des Lebens verbringt; die Familie ist der Träger der gesellschafts- bzw. schichtspezifischen Struktur. Fromm spricht von ihr als der »psychologischen Agentur der Gesellschaft«.277
Zwar lässt Fromm einen gewissen Freiraum wechselseitiger Beeinflussung bestehen, in dem die Triebimpulse die ökonomischen Bedingungen ändern und die veränderte sozialökonomische Situation wieder neue libidinöse Tendenzen bewirkt. »Entscheidend ist, dass alle diese Veränderungen in letzter Instanz auf die ökonomischen Bedingungen, d. h. des jeweils Möglichen bzw. Notwendigen verändern und anpassen.«278 Es fragt sich hier, ob Fromm nicht in der einseitigen Determinierung des Prozesses von der ökonomischen Seite her den historischen Materialismus zu schematisch und vorbehaltlos als Faktor in die sozialpsychologische Theorie einsetzt.
Als einen der wesentlichsten Beiträge von Marx zur Psychologie betrachtet er seine Aufteilung der menschlichen Triebe in konstante und relative. Die konstanten Triebe sind wesentlicher Teil der menschlichen Natur, unterscheiden sich aber dennoch von den konstanten Trieben beim Tier. In der Freudschen Lehre ist ihre Befriedigung Selbstzweck, und die Welt wird als notwendiges Mittel zur Erlangung der Befriedigung benützt. In der Marxschen Auffassung dagegen setzt der Mensch sich auch mit seinen konstanten Trieben zum Objekt seines Strebens in Beziehung, er kann sich dazu in ein Verhältnis setzen und Form und Richtung der gesuchten Erfüllung verändern. Sein Streben ist ein dynamisches, und es ist sein Lebensprinzip, diese seine Wesenskräfte in der Welt zu verwirklichen.279
Die relativen Triebe gehören nicht wesensmässig zur menschlichen Natur, sondern sind durch eine bestimmte ökonomische Situation und die damit zusammenhängende Gesellschaftsform hervorgebracht worden. Marx erkannte »die Abhängigkeit der relativen Begierden von der Gesellschaftsstruktur und den Bedingungen der Produktion und Kommunikation und schuf so die Grundlagen für eine dynamische Psychologie, die die meisten menschlichen Begierden – und damit einen grossen Teil der menschlichen Motive – als durch den Produktionsprozess bestimmt begreift. Der Begriff des »gesellschaftlichen Charakters« in dem dynamischen Sinn, in dem ich ihn formuliert habe, beruht auf diesem Gedanken von Marx.«280
Indem der Mensch mit seinen Trieben, den konstanten und den relativen, sich tätig zur Natur und zur Welt in Beziehung setzt und sich die Befriedigung in aktivem Gestalten schafft, verwirklicht er sich selbst. Wo er sich die Natur und die Welt nicht tätig, erlebend aneignet, ist er krank, in seinem Wesen verstümmelt. Das tätige Verhältnis zu den Mitmenschen und zur Welt gehört wesentlich zu seiner seelischen Gesundheit; darin besteht für Fromm ein weiterer bedeutender Beitrag von Marx zur dynamischen Psychologie.
Im »Menschenbild bei Marx« stellt Fromm die Beiträge aus den Frühschriften zu einem humanistischen Sozialismus zusammen und meint, dass sich eine gründliche Auseinandersetzung damit für die Sozialwissenschaften im westlichen Kulturbereich lohnen würde. Marx sieht »den Menschen in seiner vollen Wirklichkeit als Mitglied einer gegebenen Gesellschaft und einer gegebenen Klasse, als ein Wesen, das in seiner Entwicklung von der Gesellschaft gestützt wird und zugleich ihr Gefangener ist. Die volle Verwirklichung des Menschen und seine Befreiung von den gesellschaftlichen Kräften, die ihn gefangen halten, ist für Marx verbunden mit der Anerkennung dieser Kräfte und mit einer gesellschaftlichen Umformung, die auf eben dieser Anerkennung basiert. Marx’ Philosophie ist eine Protestphilosophie; ein Protest, der getragen ist vom Glauben an den Menschen, an seine Fähigkeit, sich selbst zu befreien und seine ihm innewohnenden Fähigkeiten zu verwirklichen.«281
Zugleich verwahrt sich Fromm aber gegen jede Form eines totalitären Sozialismus und gesteht auch zu, dass Marx die Gefahren der Bürokratisierung und Zentralisierung nicht einschätzen konnte.282
Im Prozess der Anpassung an die sozialökonomische Situation ergeben sich gewisse Charakterzüge, die von den meisten Angehörigen dieser Gesellschaftsform geteilt werden. Diese Gemeinsamkeit bezeichnet Fromm als den Sozialcharakter im Unterschied zu den individuellen, die einzelnen Angehörigen dieses Kulturkreises unterscheidenden Charakterzügen. Der Sozialcharakter hat die Funktion, die Mitglieder dieser Gesellschaft in ihren Bedürfnissen und der Art der Befriedigung so zu prägen und zu formen, dass ihre Lebensweise, ihr Bewusstsein und ihr Wertsystem mit den Erfordernissen der Gesellschaft übereinstimmt, damit die reibungslose Kontinuität dieser bestimmten Gesellschafts- und Wirtschaftsform gewährleistet ist.283
Zum Sozialcharakter der kapitalistischen Wirtschaftsform gehört wesentlich, dass der Mensch den Menschen benützt, bzw. dass er in den Dienst des Kapitals gestellt wird.270 Er ist damit abhängig von Mächten und Mechanismen wie zum Beispiel dem Profitmechanismus, die er nicht beeinflussen kann, und er kann sich deshalb nicht als tätiger, gestaltender Mittelpunkt seines Lebens empfinden. Er wird in seinem Tun und damit sich selbst entfremdet. »Die Entfremdung, wie wir sie in der modernen Gesellschaft finden, ist beinahe total. Sie durchdringt die Beziehung des Menschen zu seiner Arbeit, zu den Dingen, die er verbraucht, zu seinem Mitmenschen und zu sich selbst.
Der Mensch hat eine Welt von Dingen aus Menschenhand geschaffen, wie es sie niemals vorher gegeben hat. Er hat eine komplizierte Gesellschaftsmaschinerie errichtet, um den von ihm aufgebauten Apparat zu verwalten. Dennoch steht diese, seine eigene Schöpfung hoch über ihm. Er empfindet sich nicht als ihren Urheber und Mittelpunkt, sondern als den Diener eines Golem, den seine Hände erschaffen haben. Je gewaltiger und riesenhafter die Mächte sind, die er entfesselt, desto ohnmächtiger fühlt er sich selbst als menschliches Wesen. Seine eigene Schöpfung besitzt ihn, während er den Besitz seiner selbst verloren hat.«285
Zu den typischen Formen des Sozialcharakters in diesem Gesellschaftsbereich gehören die folgenden: als symbiotische Formen der rezeptive Charakter – er erhofft alle Erfüllung ausserhalb seiner selbst, möchte sie passiv zugeteilt bekommen und eignet sich deshalb vortrefflich für Abhängigkeitsverhältnisse. Der ausbeuterische Charakter stellt gleichsam die aktive Form des rezeptiven dar; er holt sich seine Befriedigung von ausserhalb seiner selbst mit List oder Gewalt, und zwar in allen Lebensbereichen. Als distanzierte Formen finden sich die Hamster-Orientierung, die sich auf allen Gebieten des Lebens durch Horten zu sichern sucht und sich als unfähig zum Geben erweist, ferner die Markt-Orientierung, die sich selbst und ihre Beziehung zur Welt nur in Formen des Tausches versteht. Sie ist an der Oberfläche umgänglicher als die Hamster-Haltung und bedeutet nur in tieferen seelischen Bereichen Beziehungslosigkeit.286
Alle diese Formen sind noch stark mit irrationaler Autorität durchsetzt. Diese tritt aber nicht mehr – wie im feudalistischen Wirtschaftssystem – personal in Erscheinung, sondern wird als anonyme, entfremdete Autorität wirksam. Sie wird dadurch unangreifbar, lässt Auflehnung unmöglich und sinnlos erscheinen und erzeugt einen hohen Grad an Konformität.287
Eine Gesundung der Gesellschaft hält Fromm für durchaus möglich, und zwar auf dem Wege eines humanistischen Sozialismus, wo »jede arbeitende Person ein aktiver und verantwortlicher Partner, wo die Arbeit anziehend und sinnvoll wäre und wo nicht das Kapital die Arbeiter, sondern die Arbeit das Kapital in ihren Dienst stellen würde«.288 Der humanistische Sozialismus soll wirtschaftlich auf Dezentralisierung und Selbsthilfe hinwirken und politisch die Selbstverantwortung und Eigenverwaltung fordern. Im Rahmen dieser Gesellschaftsform sollte nur noch rationale Autorität wirksam sein, die eo ipso auf eine Auflösung des Unterordnungsverhältnisses hinwirkt.
In kultureller Beziehung stellt Fromm sich vor, dass sich die Ideale der jüdisch-christlichen Tradition und die der Aufklärung – Brüderlichkeit, Gerechtigkeit, Individualismus – vereinen lassen und ein tragfähiges Fundament für die Verwirklichung einer humanistischen Gesellschaftsform bilden werden. Dieser Versuch einer Verbindung von Grundsätzen aus verschiedenen Geistesströmungen charakterisiert das ganze Werk Erich Fromms. Zum Beispiel betrachtet er den Sozialismus von Karl Marx als »die Verwirklichung der tiefsten religiösen Impulse«.289 In den letzten Werken ist eine immer stärker werdende Hinwendung zu religiösen Themen zu verzeichnen.
Erich Fromm hatte das Triebmodell beibehalten, es allerdings durch die gesellschaftlichen Faktoren relativiert. Harry Stack Sullivan dagegen schuf mit der interpersonalen Persönlichkeitstheorie eine neue Grundlage. Er stand in enger Verbindung sowohl mit Karen Horney als auch mit Erich Fromm und gab bei den wesentliche Impulse zur Neuorientierung. Im Verhältnis zu ihnen war er Gebender und Nehmender zugleich. Die Wende von der Triebtheorie zum interpersonalen Persönlichkeitsmodell ist wesentlich durch ihn induziert worden. Er empfing seinerseits aber auch Anregungen von ihnen, besonders was die Ausrichtung auf prophylaktische Massnahmen betrifft.
Sullivan schöpfte seine Befunde zur Neukonzeption der psychoanalytischen Theorie aus der psychotherapeutischen Arbeit mit psychotischen Patienten. Sein Lehrer, William Alanson White, bei dem er ab 1919 arbeitete, veranlasste ihn, bei schizophrenen Patienten nach der Möglichkeit eines psychotherapeutischen Zugangs zu forschen, so dass er bereits Mitte der zwanziger Jahre zur Auffassung kam, dass es sich bei der Schizophrenie –analog zur Medizin – um eine funktionelle psychische Erkrankung handle, und zwar um keine in dem Masse unheilbare, wie es in Europa noch während über zwei Jahrzehnten angenommen wurde.
In der alten psychiatrischen Lehrmeinung hatte es zur Definition der Schizophrenie gehört, dass die Äusserungen des Patienten nicht realitätsgerecht und nicht verstehbar seien. Mehr intuitiv als wissenschaftlich fundiert vorgehend, begann Sullivan mit den jungen männlichen Schizophrenen, mit denen er auf seiner Station vorwiegend zu tun hatte, in ein sinnvolles und therapeutisch wirkendes Gespräch zu treten, wobei er sich von Anfang an nicht an die Abstinenz-Regel hielt. Schon in seinen ersten Arbeiten zeugen die Fallschilderungen von seiner Fähigkeit, die Beziehung bis zu einem gewissen Grade herzustellen und vieles von dem, was den Patienten bedrückt, im Gespräch zu erfahren und so den Zugang zur subjektiv erlebten Lebensgeschichte zu finden.
In seiner ersten Arbeit beschreibt er Schizophrenie als einen Versuch, durch Regression diejenigen Teile der Lebenserfahrung zu reintegrieren, die in die funktionale Einheit der Persönlichkeit nicht hineinverwoben wurden und die durch diesen Mangel an Strukturierung zu vielfältigen Abspaltungen geführt haben. Sullivan hatte sich vom Gedanken Whites leiten lassen, dass man verstehen müsse, was der Patient zu tun versuche, und er kam grundsätzlich zur Überzeugung, dass alle psychischen und geistigen Prozesse einen Sinn haben, ein Ziel verfolgen und dass dieses teleologische Element auch der Psychose innewohnt,290 wenn auch dieser Sinn dem Patienten nicht bewusst sein mag.
Als den grundlegenden Beitrag von Sigmund Freud würdigt er, die Unbewusstheit von psychischen Prozessen erkannt zu haben. Fast in jedem Fall von schizophrener Erkrankung stiess Sullivan auf einen Punkt in der Lebensgeschichte, wo eine tiefgreifende Erschütterung im Selbstwertgefühl erfolgt war – er spricht sogar von einem »disaster to self-esteem«;291 im subjektiven Erleben schien dieses Ereignis jeweils von Panik begleitet zu sein, die eine raschere oder allmähliche Auflösung der Persönlichkeitsstrukturen bewirkte und die Psychose auslöste.292
In den meisten Fällen schien diese Erschütterung oder Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls mit der Verwirrung auf dem Gebiet der Sexualität zusammenzuhängen. Nach den Resultaten der ersten Jahre Forschungsarbeit schien es Sullivan, dass die mangelhafte psychische Vorbereitung auf ein selbständiges Zusammenleben und vor allem die ihm in der Erziehung vermittelten falschen Wertbegriffe den jungen Menschen so disponieren, dass er dem eruptiven Aufkommen sexueller Impulse in der Pubertät in vielen Fällen nicht gewachsen ist. Erste Anzeichen für eine Schizophrenie bzw. darauf hinweisende tiefgreifende Anpassungsstörungen müssten deshalb bereits im Verlaufe der Adoleszenz feststellbar sein, wo der junge Mensch vor der Situation steht, die normal oder eventuell sich pervers manifestierende Sexualität in sein Leben zu integrieren; aufgrund der vorhergegangenen negativen Information über die Sexualität, auch z. B. über Masturbation, war es für ihn unmöglich, die eigene Integrität und ein Gefühl der Selbstachtung aufrechtzuerhalten.293
Selbstachtung und Selbstwertgefühl sind bei Sullivan, ähnlich wie in der Auffassung Wilhelm Kellers,294 als das Streben nach selbsthafter Verwirklichung des je eigenen Daseins in und mit den biologischen Voraussetzungen und den assimilierten kulturellen Normen zu verstehen, wobei Sullivan den Aspekt der interpersonalen Bezogenheit lebensgeschichtlich sowohl wie aktuell stärker betont und zu seinem eigentlichen Forschungsgegenstand machte. Diese Befunde aus den ersten Jahren seiner Tätigkeit sprachen bereits so stark für den psychogenetischen Zugang, dass Sullivan die Annahme wagte, dass hereditäre und somatische Faktoren – wenn überhaupt – von nur geringer Bedeutung für die Schizophrenie sein können.
Unter seinen Kollegen aus der Medizin werde aber, so sagt er, in bezug auf die Psychose noch so lange die Tradition des »armchair philosophizing« weitergeführt werden und die Rede von Gehirnkrankheiten und Läsionen sein, bis gewisse Grundinformationen über das menschliche Leben in die medizinische Ausbildung einbezogen würden. In die gleiche Richtung weist für ihn auch die Tatsache, dass – abgesehen von hereditären Schäden oder schweren Störungen in der fötalen Entwicklung, als deren Folge das Kind bei Geburt nicht vollsinnig ist, oder gravierenden Krankheiten während der frühkindlichen Entwicklung, die irreparable gesundheitliche Schäden hinterlassen – die biologischen Voraussetzungen der einzelnen Individuen innerhalb der menschlichen Gattung sich nur geringfügig unterscheiden, wogegen die mannigfaltigsten individuellen Unterschiede erst durch den Sozialisationsprozess hervorgebracht werden.295
Auf einem Kongress der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft 1930 führte Sullivan zu diesem Thema aus, dass man geistige Störungen immer noch für Akte Gottes halte, prädestiniert, unerbittlich festgelegt, aus einem konstitutionellen oder anderen Substrat hervorgehend. Die Opfer befördere man durch ein unschädliches Leben hindurch zu einem mehr oder weniger leichten Tod und stelle sie vielleicht noch als Labortiere den Forschungen der Medizin, der Pathologie oder der Konstitutionslehre zur Verfügung.
Er selbst stelle sich auf den Standpunkt, dass geistige Störungen weitgehend durch die Kontrolle von psycho-soziologischen Faktoren behoben und verhindert werden könnten. Die psychegenetische Art der Annäherung an die Krankheit stelle neue Anforderungen an Rolle und Haltung des Arztes gegenüber dem Patienten und müsste auch zu einer Überprüfung des betreuenden Personals führen, dessen Haltung heute noch eine Mischung aus archaischem Aberglauben, unbewussten destruktiven Motiven und Laissez-faire darstelle.296
Zu dieser Zeit ist es für ihn bereits evident, dass die Ätiologie der Gemütskrankheit zu suchen ist »in events that involve the individual. The significant events seem to me to lie wholly within one category – viz., events relating the individual with other individuals more or less highly significant to him. Interrelation with significant people constitutes the most difficult sort of action required of us«.297 Der unsachgemässe Umgang in der Erziehung sowohl von seiten der Eltern als auch der anderer Autoritätspersonen lässt das erforderliche Geschick und die Beweglichkeit in der Beziehung zum Du nicht reifen, die in der Adoleszenz nötig wäre.
Wenn der Mächtigste der biologischen Triebe, die Sexualität, Erfüllung finden soll, so müsste zu diesem Zeitpunkt die Fähigkeit vorhanden sein, in eine zwischenmenschliche Beziehung einzutreten, die nicht auf Abhängigkeit beruht und die einen äusserst delikaten Prozess der Anpassung der eigenen an eine andere Persönlichkeit erfordert. Die Persönlichkeit ist nach Sullivan zum grössten Teil Produkt der Kultur, d. h. das Produkt aller Erfahrungen mit Menschen und mit durch Menschen übermittelten Werten; in ihrem eigenständigen bewussten Teil innerhalb der Persönlichkeit werden sie als »Ich«, als »Selbst« bezeichnet.
Das Eigenselbst ist mehr oder weniger identisch mit dem sozialen Selbst, und zwar in dem Sinne, dass das Kind im Laufe seiner Entwicklung im emotionalen Austausch mit seiner familiären und weitern Umgebung über Lob und Tadel eine Wertung seines Verhaltens und seiner Äusserungen erfährt; es nimmt die Einstellungen, Wertungen und Meinungen seiner Umgebung gefühlsmässig wahr und spiegelt die Summe dieser Erfahrungen in seinem Selbst.
Der grundlegendste und vielleicht bedeutendste Beitrag zur Ich-Bildung aus dem Gesamt der zwischenmenschlichen Erfahrung, nämlich der Beitrag der Mutter oder ihrer Ersatzperson und die komplementären oder sie ausweitenden Erfahrungen durch den Vater oder seine Ersatzfigur, erweisen sich als ausserordentlich resistent gegenüber einer Korrektur durch spätere Erfahrungen. Den Ursprung für Psychopathie im Sinne von Verzerrungen innerhalb der Persönlichkeit sah Sullivan darin, dass diese primären maternellen und paternellen Erfahrungen vom späteren Ich-Wachstum zu stark differieren.298
Geht die Krankheit so weit, dass sie sich als Schizophrenie äussert, so vermag sie sich auch wiederum nur im interpersonalen Kontext zu manifestieren, und zwar als abweichende Verhaltensform innerhalb eines bestimmten Kulturkreises. Eine normale Verhaltensweise könnte bei einer psychiatrischen Untersuchung in einem genügend differierenden Kulturkreis durchaus als schizophren diagnostiziert werden; damit deutet Sullivan die soziologische Gebundenheit des ganzen Schizophrenieproblems an.299
Die bisherige Skizze mag verdeutlichen, wie seine Auffassung Anfang der dreissiger Jahre bereits eine grundlegend andere als die der orthodoxen Psychoanalyse war. Gegenüber der Psychobiologie Adolf Meyers, mit der er sich ebenfalls gründlich auseinandergesetzt hatte, betonte er sehr stark den personalen Aspekt der Persönlichkeit: auch dies vermutlich primär weniger ein Produkt theoretischer Überlegungen als vielmehr der Erfahrung mit den Patienten. Wenn die Psychiatrie sich auf ihren Forschungsgegenstand besinne, könne sie diesen Aspekt nicht übersehen. Es handelt sich immer um die Erforschung des gestörten Lebens einer sich als Ich empfindenden menschlichen Person. Der Krankheitsherd liegt aber trotzdem nicht innerhalb einer abgeschlossenen, der Forschung nicht zugänglichen Individualität, sondern in der besonderen Form von zwischenmenschlichen – Beziehungen, die sich in dieser bestimmten Person verdichten und gegenseitig verknüpfen.300
Andere wesentliche Anstösse zur Entwicklung seiner eigenen Theorie gaben ihm die aufkommende Sozialpsychologie und die kulturanthropologischen Befunde von Malinowski und Benedict. Sullivans grundsätzliche Auffassungen vom Menschen unterscheiden sich auch nicht wesentlich von der anthropologischen Sicht Portmanns und Montagus. Drei Prinzipien, die integraler Teil seiner Lehre sind, nämlich das Prinzip der kommunalen Existenz, der funktionsgerechten Aktivität und der Organisation, hat er der Biologie entlehnt.301
Die psychologische Sicht lässt sich bei Sullivan niemals ablösen vom biologischen Menschsein; abgesehen von den drei erwähnten Prinzipien haben auch einige andere seiner Grundbegriffe sich aus der starken Ausrichtung auf die biologische Grundlage entwickelt, wie zum Beispiel »Spannung« und »Euphorie«. Die biologischen Bedürfnisse versetzen den Organismus in einen Zustand der Spannung, der aber auch durch Angst hervorgerufen werden kann – Angst wirkt durch die physiologischen Auswirkungen auf Herz-und Lungentätigkeit bedrohend auf den Organismus; sind die Bedürfnisse gestillt oder ist die Angst beruhigt worden, so befindet sich der Organismus in einem Zustand der Euphorie.
Sullivan teilt die Entwicklungs- und Reifezeit des Kindes in verschiedene Phasen auf, deren Charakteristikum eine je eigene Form der zwischenmenschlichen Bezogenheit ist. Das wechselseitige Aufeinander-ausgerichtet-Sein von Mutter und Kind während der Säuglingszeit fasst er im Theorem zusammen, dass die auf Bedürfnisse zurückzuführende Spannung im Kind es zu einer Form der Aktivität veranlassen, die in der Mutter einen Spannungszustand induziert, den sie als Zärtlichkeit und als Impuls zur Befriedigung des kindlichen Bedürfnisses erfährt. Desgleichen strahlt eine Angst, die im Gemüt der Mutter evtl. vorhanden ist, auf das Kind aus und induziert Angst im Kind.302
Während der Erwachsene im allgemeinen die Möglichkeit hat, angstauslösende Umstände aus dem Weg zu räumen, ihnen zu entfliehen, sie zu neutralisieren oder sie zu ignorieren, steht dem Säugling keine dieser Möglichkeiten zu Verfügung, da er in seinen physischen Bedürfnissen vollständig auf Verständigung und Kooperation mit der Mutter angewiesen ist. Dieses Unausweichliche an der Situation macht die Angst der Mutter zu so einem tiefwirkenden Erlebnis für das Kind.
Eine Möglichkeit nur bietet sich dem Säugling, um eine Steigerung des Circulus vitiosus von induzierter Angst, Auswirkung auf den Kreislauf des Kindes, welche ihrerseits das Wohlbefinden verschlechtert und die Angst verstärkt, zu verhindern, nämlich in einen Zustand der Apathie zu verfallen, wenn es sich um unbefriedigte, extrem verstärkte Bedürfnisse handelt, oder von »somnolent detachment«, wenn die Steigerung durch einen unentrinnbaren und längere Zeit dauernden Angstzustand hervorgerufen wurde.303
Das gegenseitige Induzieren bei Mutter und Kind ist eine Form des emotionalen Kontaktes auf nichtsensorischem Wege. Sullivan bezeichnet diese Art der Beziehung als Empathie; sie charakterisiert vor allem die Säuglingszeit, bleibt aber in verschiedenem Masse während des ganzen Lebens wirksam. Die Fähigkeit, sich den andern Menschen durch emotionale Kommunikation mitteilen zu können, ist ein bedeutender Faktor in der Psychotherapie, besonders im Umgang mit mutistischen oder sich nicht artikulierenden Patienten.
Was Empathie ist, d. h. aus was diese kommunikative Verbindung besteht, darüber, sagt Sullivan, könne beim jetzigen Stand der Forschung noch nicht viel ausgesagt werden. In der Phase ununterscheidbaren emotionalen Austausches befindet sich das Kind in bezug auf seine menschliche Umgebung in einem prototaktischen Modus. Es kann von aussen kommende Eindrücke und inneres Erleben noch nicht unterscheiden. Daraus erklären sich die tiefgreifenden Spuren, die dieses erste Modell einer zwischenmenschlichen Beziehung im Gemüt des Kindes hinterlässt. Indem das Kind fähig wird, äussere Eindrücke, die von Menschen, Gegenständen oder Vorfällen herrühren, von seiner inneren Erlebniswelt zu unterscheiden, leitet sich die Stufe der parataktischen Beziehung ein, während die Fähigkeit der sprachlichen Formulierung und des verlässlichen Erinnerns an Menschen und Situationen des syntaktischen Modus der Beziehung zur Aussenwelt charakterisiert.
In der empathischen Phase wird die Rolle der drei Grundprinzipien besonders deutlich: die lebensnotwendig gemeinsame Existenz mit einer betreuenden Mutterperson, die funktionale Aktivität innerhalb dieser Beziehung und die Kulturwelt, die durch die Mutter in diese Zweierbeziehung hineingetragen wird und die sich allmählich im Kinde organisiert und in seiner Persönlichkeit verankert.
Sullivan betont auch immer den dynamischen Aspekt in seiner Lehre.304 Selbst die tote Natur hatte sich durch die moderne Atomphysik als ein Gebilde gezeigt, in dem jede Aktivität den dynamischen oder kinetischen Aspekt von Energie darstellt. Noch ausgeprägter tritt dies in der lebenden Natur in Erscheinung, in der Wachstum, Reifung, Widerstand gegen schädliche Einflüsse oder Heilung von Schäden auf bestimmte Muster der Energietransformation zurückzuführen sind.
Auch der menschliche Organismus erfährt diesen Dynamismus an sich selbst, wobei Sullivan den Zonen der Einnahme und der Ausscheidung weiterhin eine gewisse Bedeutung beikommen lässt, jedoch nicht mehr im psychoanalytischen Sinne, dass Charakter und Persönlichkeitsentwicklung sich von ihnen ableiten liesse. Er bezeichnet sie als »Zonen der Interaktion« und ordnet sie dem interpersonalen Austausch in seiner Gesamtheit unter.
Auch der Dynamismus bleibt nicht einer mechanisch-physikalischen Sicht verhaftet, sondern durchdringt – im Zustand der Empathie besonders deutlich – den interpersonalen Austausch im gesamten. Die Persönlichkeit, die sich im Kind allmählich formt, ist das andauernde, konstant werdende Muster, das sich aus den wiederholten interpersonalen Situationen herausgebildet hat. Diese wiederholten Erfahrungen werden im Kind allmählich personifiziert, d. h., dass sich im Kind allmählich eine Vorstellung von der Mutter als Person herausbildet, die sich aber mit der realen reifen Persönlichkeit der Mutter nicht deckt, sondern die eher ein Konglomerat all jener Aspekte der Mutter darstellt, welche das Kind an ihr erfahren hat.305 In derselben Weise personifizieren sich auch die Erfahrungen, die das Kind im weitern Verlauf mit anderen bedeutenden Beziehungspersonen macht.
Als weitere Entwicklungsstufen nennt Sullivan die Kindheit als jene Phase, in der gegenseitige verbalisierte Kommunikation entsteht, die Jugendzeit, in der das Bedürfnis nach Kameraden stärker in Erscheinung tritt und der Gebrauch der eigenen Fähigkeiten in interpersonalen Phänomenen wie zum Beispiel der Kooperation, dem Wettbewerb und dem Kompromiss eine immer grössere Rolle spielt. Die Präadoleszenz ist gekennzeichnet durch das Bedürfnis nach einer engeren Bindung an einen Kameraden. Sullivan nimmt an, dass sich erst in diesem Alter eine Beziehung zu einem Gleichaltrigen in tieferer Form profilieren und damit Grundlage für die Fähigkeit zu einer Liebesbeziehung bilden könne.
Liebe definiert er als einen Zustand der zwischenmenschlichen Bezogenheit, in dem einer Person am Wohlbefinden, an der Zufriedenheit, der Sicherheit und dem Wachstum der anderen Person ebenso viel liegt wie an der eigenen.
Die Pubertät charakterisiert die letzte Phase, die Adoleszenz, in der allmählich der Sinn für Selbstverwirklichung reift. Im Rahmen der herkömmlichen, im allgemeinen autoritären Züge aufweisenden Erziehung ist in dieser Phase auch das Bedürfnis zu verzeichnen, aus den autoritären Bindungen der Kindheit auszubrechen und eventuell Helden und Heldinnen an die Stelle der bisherigen Autoritätsfiguren zu setzen und ihnen eine Mischung von Bewunderung und Abhängigkeitsgefühl entgegenzubringen.
In allen diesen Phasen, Säuglingsalter, Kindheit, Jugendzeit, Präadoleszenz und Adoleszenz wirken die erzieherischen Bemühungen der Erwachsenen ein, am tiefgreifendsten jedoch in den ersten beiden. Die zärtliche Kooperation mit der Mutter wird in unserem Kulturkreis normalerweise durch Gebote und Verbote kompliziert, mittels deren die Anpassung des Kindes an die Erfordernisse der Kultur erwirkt werden soll. Ablehnung von seiten der mütterlichen Betreuungsperson ruft Angst hervor. Ein Teil des ganzen Lernprozesses ist daher mit Angst verbunden, d. h., das Kind lernt, sich verstärkende Angst zu vermeiden und sich in Richtung auf Angstverminderung zu verhalten. Dies ist allerdings nur so lange der Fall, als es sich lediglich um sehr milde Formen der Angst handelt; andernfalls wirkt sie lähmend und neurotisierend. Weitere Formen sind das Lernen durch das Versuch-und-Irrtum-Prinzip und durch menschliches Vorbild.
In diesen vielfaltigen Erfahrungen erfolgt langsam die Ich-Bildung. Sullivan nimmt an, dass die verschiedenartigen Erfahrungen sich allmählich personifizieren: die positiven, die Zufriedenheit und zärtliche Bestätigung im mütterlichen Ich hervorgerufen hatten, kristallisieren sich in einem »guten Ich«, jene, die in der betreuenden Person Missbilligung verursacht und infolgedessen im Kinde Angst induziert hatten, bilden das »schlechte Ich«. Eine dritte Personifikation von Erfahrungen bildet das »Nicht-Ich«; es handelt sich hierbei um Erlebnisse, die mit unheimlichen Gefühlen verbunden sind, deshalb als unerträglich verdrängt werden und doch nicht ungeschehen gemacht werden können.306
Sullivan möchte jedoch jede Verwechslung mit Aufspaltungen des Ichs, einer psychischen Topik oder ähnlichem vermeiden und betont deshalb, dass keineswegs Regionen des Ichs, Wesenheiten gemeint seien, sondern dass es sich lediglich um Erklärungsmodelle für verschiedene Dynamismen in der zwischenmenschlichen Beziehung handle. Verzerrungen in der Ichbildung sind dort zu erwarten, wo die Eltern das Kind in die Möglichkeit, entsprechende Erfahrungen zu verarbeiten überfordern.
»Where the parental influence is peculiarly incongruous to the actual possibilities and needs of the infant – before speech has become anything except a source of marvel in the family, before it has any communicative function whatever, before alleged words have any meaning – there can be inculcated in this growing personification of bad-me and not-me disastrous distortion which will manifest themselves, barring very fortunate experience, in the whole subsequent development of personality. I shall soon discuss some typical distortions, one of the most vicious of which occurs in late infancy as the outcome of the mathering one’s conviction that infants have wills which have to be guided, governed, broken, or shaped.«307
Dass der Wille des Kindes geführt, geformt oder gebrochen werden müsse, ist eine verbreitete Meinung, die auf einem Mangel an Wissen um die Möglichkeiten des emotionalen Erziehungsprozesses beruht. Das Kind trägt die entsprechende negative Erfahrung gefühlsmässig mit: die Erinnerung daran determiniert auch die Voraussicht und die weitern Erwartungen in der zwischenmenschlichen Beziehung, was besonders illustrativ in Erscheinung tritt bei der Entwicklung einer ängstlichen Persönlichkeit. Verfügt das Kind dagegen über genügend Sicherheit, tendiert das Selbstsystem dahin, unangemessenen, überfordernden Erfahrungen auszuweichen.
Nicht minder krasse Verzerrungen werden dadurch hervorgerufen, dass die Erziehungsperson bereits in Erscheinung tretende Verhaltensmuster, mit denen das Kind auf eine bestimmte Befriedigung abzielt, zum Abbruch bringt; dies bewirkt bei wiederholter Anwendung eine eigentliche Desintegration des betreffenden Verhaltensablaufs und desorganisiert damit die ganze Persönlichkeit, ohne dass das ausgeschaltete Verhalten etwa eliminiert wäre. Es bleibt dem Kind nur der Weg, seine Impulse in neuer Kombination wieder zum Spielen zu bringen oder auf vorausgegangene Entwicklungsstufen zu regredieren.308
Zusammenfassend lässt sich der Grundprozess der Persönlichkeitsbildung, der Sullivans interpersonale und psychiatrische Auffassung vom Menschen charakterisiert, als ein Prozess reziproker Gefühlsregungen bzw. reziproker Motivationsmuster umschreiben. Pesönlichkeitsbildung aus interpersonaler Sicht ist ein Prozess der Integration in die Beziehung zu vorerst nur einer und dann mehreren Betreuungspersonen, in welchem das Kind eigenständig ist und dies in immer stärkerem Masse wird.
Es fiel Sullivan schon in den ersten Jahren seiner therapeutischen Arbeit auf, dass die Patienten in den Gesprächen immer wieder Hinweise auf ihre nicht erfüllte Rolle als Geschlechtswesen brachten, und er gewann mehr und mehr den Eindruck, dass der Verwirrung auf sexuellem Gebiete eine grosse Bedeutung als pathogener Faktor zukommt. Aufgrund seiner Befunde schien eine Schizophrenie kaum aufzutreten, wenn eine wirklich befriedigende Sexualbeziehung einmal gelungen war, wenn auch nur für kurze Zeit.309 Wie bereits erwähnt, zeigt sich in der Adoleszenz, von der stürmisch aufbrechenden Sexualität getrieben, ob die Voraussetzungen für das Eingehen einer engen Beziehung ohne Auftreten von perversen Gefühlen oder Formen der Abhängigkeit gegeben sind. Wenn diese vorhanden sind, weisen sie auf einen relativen Grad an psychischer Gesundheit hin.
Genauere Aussagen über den Zusammenhang zwischen dem Verlauf der Adoleszenz und dem Auftreten von schizophrenen Erkrankungen wagt Sullivan noch nicht, schlägt aber eine gründliche Untersuchung dieser Korrelation vor.310
Gesichert ist für ihn bereits, dass die in dieser Entwicklungsphase auftretenden Schwierigkeiten tiefere Wurzeln in der Frühkindheit haben. Zum Beispiel wird die Grundlage für das, was Sullivan als eigentliche »Genitalphobie« bezeichnet, bereits in der ersten Entwicklungsphase gelegt, und die »Fiktion aller Fiktionen«, nämlich der Begriff der sexuellen Sünde, baut darauf auf und ist entsprechend tief in der Persönlichkeit verankert.
»Well before the occurrence of puberty, when such generic notions might have a real referent, the youth has come to a clear 'appreciation’ of the black wickedness of all things sexual. He is then loaded with dogma completely divorced from his biological necessities, taught more or less clearly that his hand on his penis is his hand against God. Filled also with the most fanciful notions about feminine goodness, if he had the misfortune of being the boy amongst girls; warned against the‚ ’wild’ girls, if he had no sisters – with such additional ballast he enters upon the phase of his existence when it is certain that he will masturbate (or develop a severe neurosis as a substitute) – a phase in the course of which he must so reorganize his juvenile ideals as to permit him at least outwardly to be a young man among men.«311
Sullivan legte seine diesbezüglichen Beobachtungen bereits 1929 in einem Vortrag dem Kongress der Weltliga für Sexualreform vor und forderte ein Reformprogramm, das eine einigermassen angemessene Prophylaxe gewährleisten sollte. Grundsätzlich führte er aus, dass der ganze Bereich der Sexualität durch archaische, religiös-ethische Vorstellungen geprägt sei. Fehlinformationen und »phantastische Dummheiten« über die Masturbation, die selbst innerhalb der »medical fraternity« kursierten täten ihr Werk und trieben Generation um Generation besonders während der letzten Phase der Entwicklungszeitin die Enge: Phantasien, zunehmende Minderwertigkeits- und Schuldgefühle, immer stärkere Vereinsammung seien nur einige Aspekte der krankheitsfördernden Auswirkungen.
Atavistische Normen in der Kultur seien aber nicht unabänderlich. Wenn ihre Schädlichkeit einmal erkannt sei, könnten sie durch andere ersetzt werden, die den Erfordernissen des Lebens besser entsprächen, so wie die Präventivmedizin im somatischen Bereich verkehrte Gewohnheiten in der Hygiene oder der Ernährung zu eliminieren und den neuen Erkenntnissen anzupassen suchte.
Es war die grosse Hoffnung seines Lehrers W. A. White gewesen, dass sich durch genauere Erforschung der psychischen Faktoren der Geisteskrankheiten die Ansätze zur Prophylaxe abzeichnen würden, und sie hatte sich auch auf diesem Gebiet erfüllt. Als wichtigste therapeutische und prophylaktische Massnahme schlägt Sullivan ein entschiedenes Angehen der Sexualreform auf der Ebene der Erwachsenen vor.
»To break the chain, to accomplish something in the prevention of avoidable misery and futile living, one must attack the situation at the adult level of parents and the institutionalized attitudes, beliefs, and so on to which they (the parents) are effectively subjected. It does not do to legislate for his (the child’s) guidance. Unless they are prepared by extensive educational movements, the parents are not capable of profiting from the distribution of accurate information. The child guidance movement, in so far as it attempts to adjust not only the child but also the parent – having for the latter purpose the leverage of the child’s welfare – can do something. It is a method costly not only for organization but very costly indeed for personnel, since it must depend on good psychiatric insight for its efficiency. It requires social workers not only excellently trained but also of satisfactory personalities.«312
Sullivan befasste sich immer wieder damit, Möglichkeiten für prophylaktisches Wirken auf möglichst breiter Ebene zu finden. Seine psychiatrischen Befunde hatten ihn mehr und mehr auf die Tatsache aufmerksam werden lassen, dass der Mensch beim Prozess des Hineinwachsens ins Leben von den Traditionen, Gewohnheiten, Vorurteilen und Meinungen über die Lebensfragen und Wertvorstellungen geprägt wird, und zwar in einem Prozess, dem der Heranwachsende vor allem deshalb machtlos gegenüber steht, weil er durch seine physischen und psychischen Bedürfnisse ganz auf die Anpassung an seine soziale Umwelt angewiesen ist. Die internalisierten kulturellen Normen weisen in den meisten Mitgliedern dieses Kulturbereiches Ähnlichkeiten auf.
Zum absoluten Angewiesensein auf die eigene Gemeinschaft kommt der Mangel an Vergleichsmöglichkeiten mit andern Kulturen. In späteren Lebensstadien, wenn die Umstände einen Vergleich gestatten würden – der zwar immer oberflächlich bleibt –, ist normalerweise die Abwehr und die Angst vor allem Fremden gegenüber bereits mit verankert und lässt ein sachliches Abwägen der verschiedenen Einstellungen und Meinungen schon gar nicht mehr zu.313 Diese Abwehr beinhaltet Bewunderung und Unterordnung gegenüber stärkeren bzw. einflussreicheren Kulturbereichen oder Überheblichkeit und Verachtung gegenüber schwächeren Gebieten oder Volksgruppen und ist mit allen möglichen Vorurteilen und Fanatismen durchwoben. Vorurteile gegenüber Slawen, Italienern oder Negern sind nur einige Beispiele unter Tausenden.
Sullivan nahm in verschiedenen Vorträgen und Artikeln –gesammelt in der »Fusion von Psychiatrie und Sozialwissenschaft« – zu Problemen seiner Zeit Stellung, immer bemüht um Anwendung der aus Psychologie und Psychiatrie gewonnenen Einsichten auf möglichst breiter Ebene. Wenn alle an seinem Fachgebiet bzw. an der Forschung über den Menschen, dessen Natur und Bedürfnisse, es sich zum gemeinsamen Anliegen machen würden, liessen sich auch Programme zur Prophylaxe im Bereich der geistig-seelischen Gesundheit ausarbeiten und aufbreiter Ebene in Anwendung bringen: sachgemässe Informationen über die Lebensführung und die Wertmassstäbe, die verlässlich sind und dem Zusammenleben von kleinen Menschengruppen und von ganzen Völkern förderlich sind, müssten sich wohltuend auswirken.
Ein Zusammenbruch von als gültig angesehenen Werten auf breiter Ebene kann eine schwere Erschütterung für ganze Völker mit sich bringen, da das Gefühl der Sicherheit nur in einer kontinuierlichen Befriedigung der kulturellen Bedürfnisse – des Zwischenmenschen Austauschs im weitesten Sinn – möglich ist.314 Die Erschütterungen des Zweiten Weltkrieges gaben reichlich Anschauungsmaterial für solche Demoralisierungsprozesse auf breiter Ebene. Zugleich zeichnete sich die Notwendigkeit ab, für eine Gesundung des sozialen Lebens nach dem Kriege Vorsorge zu treffen.
Die Gründung der Weltgesundheitsorganisation Anfang 1947 war für Sullivan eine Hoffnung, dass die Resultate seines Fachbereiches als Impulse an die nationalen Gesundheitsämter weitergegeben werden könnten. Voraussetzung für eine solche zentrale Ausstrahlung schien ihm, dass die Psychiatrie wie die andern medizinischen Fachrichtungen ein internationales Forum der Verständigung habe und sich über die grundlegenden Fragen einige. Er und sein Freund Chisholm, Sekretär der interimistischen WHO-Kommission suchten mit grossem Einsatz ein solches Forum vorzubereiten und sahen im »International Congress on Mental Health« in London 1948 einen Anfang hierzu.
Sullivans interpersonales Persönlichkeitsmodell scheint der menschlichen Realität näher zu kommen als die bis dahin gültige Auffassung. Es hat sich auf die Forschung im psychotherapeutischen Bereich fruchtbar ausgewirkt; zum Werk Frieda Fromm-Reichmanns zum Beispiel hat es einen grundlegenden Beitrag geleistet.
Vergleich und Schlussfolgerungen
In der vorliegenden Arbeit wurde versucht, dem Problem des Gemeinschaftsgefühls mehr von der Sache als vom Begriff her näher zu kommen. Die anderen Autoren, deren Werke in dieser Arbeit erörtert wurden, sprechen nicht explizite von Gemeinschaftsgefühl. Das Schlusskapitel soll aufzeigen, dass viele der psychischen Sachverhalte, die Adler unter der Bezeichnung Gemeinschaftsgefühl darstellte und beschrieb, denjenigen entsprechen, die von anderen Wissenschaftern unter anderen Termini aufgezeigt wordensind. Der Einfachheit halber wird im folgenden Kapitel »Gemeinschaftsgefühl« ohne nähere Beschreibung verwendet, da aus dem Kontext hervorgeht, welcher Aspekt je weils gemeint ist.
Entwicklungspsychologie
Die Befunde von Rene A. Spitz und John Bowlby zeigen die grundlegende Bedeutung der zwischenmenschlichen Beziehung für die Entwicklung des Säuglings auf. Ausgehend vom Hospitalismusphänomen hat sich für Rene A. Spitz die emotionale Zuwendung als unerlässliche Voraussetzung für die physisch-psychische Entwicklung im gesamten und für die Entwicklung der Wahrnehmung und des Ausdrucks sowie die Bildung der Persönlichkeit im besonderen erwiesen. Störungen in der mütterlichen Zuwendung gegenüber dem Kind oder der Mangel daran führen zu Entwicklungsstillstand, verschiedenen Krankheitsbildern und im extremen Fall zu Formen des körperlichen Zerfalls. Im Verlaufe von Monaten erst reift die Fähigkeit des Kindes, die Person, mit der es in emotionaler Verbindung steht, wahrzunehmen und von anderen zu unterscheiden. Im Austausch mit ihr entwickelt es die Fähigkeit des Ausdrucks: Lächeln, differenzierte und gezielte Bewegung und die Vorformen der Sprache.
John Bowlby, der auf den Forschungen von Spitz aufbauen konnte, stellt gegenüber dem Ansatz der Lerntheoretiker fest, dass das menschliche Bindungsverhalten, die Hinwendung zum Du, bereits in seiner Entstehung auf einem primären Bedürfnis beruht und nicht nur als eine Begleiterscheinung zu betrachten ist. Der emotionale Austausch zwischen der Mutter bzw. ihrer Ersatzperson und dem Säugling hat sich als ein hochgradig individueller Vorgang erwiesen; das Verhaltensmuster, das sich daraus beim Kind entwickelt, stabilisiert sich bis Ende des ersten Lebensjahres. Die Sicherheit in dieser ersten zwischenmenschlichen Beziehung ist die Grundlage für die Ausweitung des Tätigkeits- und Erlebnisbereiches des Kindes. Aufgrund der neueren Forschungen Bowlbys ergibt sich ferner, dass die Erfahrung, die das Kind in der ersten Lebenszeit mit Beziehungspersonen macht, seine positiven oder negativen Erwartungen in der zwischenmenschlichen Beziehung prägt. Unumschränktes Vertrauen in die Verlässlichkeit der Mutterfigur ist die Voraussetzung für die Bildung einer einigermassen stabilen, angstfreien Persönlichkeit.
Bowlby bestätigt mit diesen Darlegungen den Gedanken Adlers, dass die Angst durch die positive Beziehung zum Du vermindert wird und dass Gemeinschaftsgefühl und Lebensmut zwei korrelierende Faktoren in der Persönlichkeit sind. Selbstvertrauen zum andern bedingen sich nach seiner Auffassung gegenseitig. Vertrauen oder Misstrauen, welche während der ersten Lebenszeit langsam aufgebaut werden, ergeben entsprechende Erwartungen an den Mitmenschen, die ohne therapeutische Einwirkung mehr oder weniger während des ganzen Lebens andauern. Das stimmt mit Adlers Annahme überein, dass die Stellungnahme zur Gemeinschaft, zum Du, die im Grad an Gemeinschaftsgefühl zum Ausdruck kommt und die Form der zwischenmenschlichen Beziehung in allen Lebensbereichen bestimmt, sich im frühkindlichen Erziehungsprozess ergeben hat.
Auch in dem Punkte stimmen die Adlerschen Annahmen mit den Forschungsergebnissen von Bowlby und Spitz überein: dass die Ausformung der zwischenmenschlichen Beziehung ein Prozess eigenen, emotionalen Ursprungs ist und nicht, wie Freud postuliert, aus der sexuellen Entwicklung abgeleitet werden kann. Bowlby ist ebenfalls der Meinung, dass – obwohl Bindungs- und Sexualverhalten eng ineinander wirken – es sich dabei dennoch um zwei voneinander getrennte Verhaltenssysteme mit je eigener Ontogenese, eigener interner Organisationsform und eigener Funktion handelt.316
Dass das emotionale Bindungsverhalten für die Entwicklung und das psychische Befinden des Menschen eine eigene und so grundlegende Bedeutung hat, ist nach den Ergebnissen der Entwicklungspsychologie der entscheidende Ansatz, den zur Erklärung der menschlichen Persönlichkeitsentwicklung zu sehen, zu ergründen und richtig einzuschätzen der Forschung durch die Freudsche Triebtheorie lange Zeit verunmöglicht war.
In bezug auf die zwei unterschiedlichen Auffassungen Adlers über die Genese von Gemeinschaftsgefühl erübrigt sich ein eingehender Vergleich: Die Resultate der neueren Entwicklungspsychologie sprechen deutlich für die spätere Hypothese, dass Gemeinschaftsgefühl – im Sinne von Beziehungsfähigkeit – eine werdende, in der frühen Kindheit im Zusammenleben sich formende Komponente ist.
Während die Entwicklungspsychologie mehr die Kausalfaktoren der Persönlichkeitsentwicklung untersucht und erklärt, betont Adler mehr das Ich, die schöpferische Kraft des Lebewesens in diesem Prozess. Übereinstimmung besteht darin, dass die Kenntnis der wirkenden Ursachen den Werdegang des Individuums noch nicht hinreichend zu erfassen vermag, sondern immer auch zu berücksichtigen ist, wie das Kind diese Faktoren auffasst und interpretiert.
Psychotherapie der Psychosen
Adlers Einsicht in die Bedeutung der frühen Kindheit für die Genese des Gemeinschaftsgefühls spiegelt sich auch in seiner Auffassung der Psychose als Ausdruck eines schwerst gestörten Gemeinschaftsgefühls. Mit dieser Sicht stimmen die Autoren überein, deren Arbeiten zur Sprache kamen. Auch sie verstehen die Psychose als einen Abbruch der zwischenmenschlichen Beziehung auf der realen Ebene, als einen emotionalen Rückzug aus der Realität und als eine Regression auf frühkindliche Erlebnisweisen. Mit dem Zerfall der erwachsenen Persönlichkeitsstruktur dringen unverstandene, unerträgliche und deshalb abgespaltene Erlebnisse und Konflikte aus der frühen Lebenszeit in den Bewusstseinsbereich ein und überschwemmen das Ich. Auslösend können Erschütterungen der Persönlichkeit, Verlust von engen Beziehungspersonen – zum Beispiel des Liebespartners – oder unerträglich scheinende Konflikte und Belastungen des Selbstwertgefühls wirken.
Nach Fromm-Reichmann kann die Psychose auch ohne besondere Belastungssituation dann einsetzen, wenn der Mensch sich durch die psychischen Kindheitsschädigungen und die infolgedessen einsetzenden und zumeist schwer empfundenen Beziehungsstörungen im weiteren Leben erschöpft fühlt und sich den realen Beziehungen nicht mehr gewachsen fühlt. Der psychotische Einbruch ist mit einem Einbruch unerträglicher Angst verbunden; die Regression ist deren Folge und zugleich als ein Versuch zu verstehen, sich dieser Angst zu entziehen und sie abzuwehren.
Auch Adler sieht die Psychose, wie bereits erwähnt, als Ausdruck eines äusserst mangelhaft entwickelten Selbstwertgefühls, was gleichbedeutend ist mit der Unfähigkeit, sich selbst als aktives Mitglied der menschlichen Gemeinschaft zu empfinden. Das nur schwach entwickelte Empfinden mitmenschlicher Verbundenheit kann angesichts einer äusseren Erschütterung völlig zusammenbrechen und den Menschen dazu führen, sich gänzlich von der Gemeinschaft zurückzuziehen und den Bezug zur sozialen Realität abzubrechen. Zu solchen auslösenden Momenten rechnet Adler aber nicht nur bereits erfolgte Erschütterungen des Persönlichkeitsgefühls, sondern – aufgrund seiner finalen Betrachtungsweise – auch alle vom Patienten befürchteten Situationen, die zu einer ihm unerträglich erscheinenden Herabsetzung seiner Persönlichkeit führen könnten.
Dieser finale Aspekt wird auch von Sullivan in einer Art und Weise hervorgehoben, dass man sich unmittelbar an Adlersche Formulierungen erinnert fühlt: »As I use the term, anxiety is a sign that one’s self-esteem, one’s self-regard, is endangered. This is a sign which occurs with a strikingly prospective quality – that is, anxiety is often a sign of foreseen lowering of self-esteem.«317
Die Psychose ist demzufolge das Ausweichen vor einer Lebensaufgabe, die dem Nervösen aufgrund seines Lebensstils als unlösbar erscheint. Sie ist nach Adler ein Sich-fallen-Lassen der Persönlichkeit infolge extremer Mutlosigkeit. Der Tiefe des Schwächegefühls entsprechen die kompensatorischen Wahnideen und Grössenvorstellungen.
Adler betont den Symptomcharakter von Wahnideen, Halluzinationen und psychotischen Verhaltensweisen; sie erfüllen durch Distanzsetzung zu den Anforderungen des realen Lebens eine notwendige Funktion. Die Mutlosigkeit, die den Rückzug in die Psychose verursacht hat, beruht auf einem subjektiven Gefühl der Schwäche und hängt mit dem Irrtum im Lebensstil des Nervösen zusammen: »In der fiktiven Grundlage derartiger Minderwertigkeitsgefühle, die immer aus Sicherungsgründen verstärkt gedacht oder empfunden werden, niemals aber unüberwindbar sind, sehe ich die Hauptchance einer Heilungsmöglichkeit«, stellt Adler für die Psychotherapie der Neurose und der Psychose fest.318
Durch das finale Verständnis der psychotischen und der neurotischen Reaktionsweisen, die nach seiner Meinung nichts anderes als eingeübte Schutzmechanismen vor Verletzungen des Selbstwertgefühles darstellen, unterscheidet sich Adler – wenn nicht grundsätzlich, so doch in der Akzentsetzung – von Fromm-Reichmann. Diese legt das Gewicht mehr auf die Ätiologie der gestörten menschlichen Beziehungsfähigkeit des Psychotikers, deren Ursache sie kausal lebensgeschichtlich als Resultat der in der frühen Kindheit entstandenen Angst sieht. Dies hat seine Auswirkungen insbesondere auf das therapeutische Vorgehen: Adler versucht eher, den durch frükindliche Eindrücke entstandenen falschen Lebensstil, die irrtümliche Auffassung vom menschlichen Zusammenleben, zu korrigieren, wohingegen Fromm-Reichmann durch ein Verstehen der in den ersten Lebensjahren gemachten Erlebnisse die Ursache der Angst in der zwischenmenschlichen Beziehung beheben will.
Mit der bewussten und intellektuellen Annäherung der klassischen Psychoanalyse an die seelische Problematik nicht mehr zufrieden, begann sie, den direkten Zugang auf emotionaler Ebene zu suchen, und sie entwickelte daraus ihre Technik der intensiven Psychotherapie. Trotz der angedeuteten unterschiedlichen Betrachtungsweise verstehen sowohl Fromm-Reichmann als auch Adler den Heilungsvorgang als Wiederherstellung der Beziehungsfähigkeit: Die Erfahrung einer kontinuierlichen, echten und verlässlichen mitmenschlichen Resonanz wirkt den kränkenden und enttäuschenden Eindrücken der bisherigen Lebensgeschichte entgegen und ermutigt zu neuem Vertrauen in das mitmenschliche Du. Im emotionalen Austausch der psychotherapeutischen Beziehung treten die irritierten, unbewussten Beziehungsmuster zutage, sind dadurch der Untersuchung zugänglich und können bewusst gemacht werden.
Adler erwähnt auch, dass es für die Heilung der Psychose notwendig ist, die Persönlichkeit von Grund auf zu ermutigen. Erst wenn dies gelingt, kann die Psychose abflauen, und erst dann ist es möglich, den dem ganzen Vorgang zugrunde liegenden und in der präpsychotischen Nervosität bereits vorhandenen falschen Lebensstil aufzuzeigen.
Was die Art der psychotherapeutischen Beziehung anbelangt, stimmen Adler und Fromm-Reichmann darin überein, dass nur dann eine Heilung erfolgen kann, wenn der Therapeut dem Hilfesuchenden eine Haltung der Achtung und der Gleichwertigkeit entgegenbringt, die getragen ist vom Bewusstsein, dass sich die Lebensschwierigkeiten des Patienten nicht grundsätzlich, sondern lediglich in ihrem Grad und ihrer Tiefe von den eigenen unterscheiden. Adler hebt in diesem Zusammenhang hervor, dass man einen Menschen erst dann verstanden hat, wenn man in der Lage ist, die Reaktionsweise des Patienten als konsequente und logische Antwort auf die soziale Situation, in die er gestellt worden ist, nachzuvollziehen.
Als besonders bedeutsam hat sich erwiesen, dass der Therapeut ständig den hohen Grad an Verletzlichkeit und Empfindlichkeit des durch seine Kindheitssituation geschwächten Psychotikers vor Augen hat und deshalb in seinem Verhalten grosse Vorsicht in dem Sinne walten lässt, dass er immer versucht, dem Analysanden keinen Anlass zum Wiederanklingen seiner frühkindlichen Erlebnisse zu geben.
Neopsychoanalyse
Adler sah das Problem der Störungen des Gemeinschaftsgefühls aber nicht nur im Zusammenhang mit der individuellen Entwicklung des einzelnen Menschen, sondern er untersuchte auch gesellschaftliche und kulturelle Phänomene hinsichtlich ihres Einflusses auf die Persönlichkeitsentwicklung und das Zusammenleben der Menschen.
Die Autoren der Neopsychoanalyse untersuchen eingehend die kulturellen Faktoren, welche die Entwicklung des »Gemeinschaftsgefühls« fördern oder hindern. Karen Horney forschte nach den gemeinsamen Zügen in den neurotischen Krankheitsbildern und kam zum Schluss, dass die Tendenzen, die Normen, Werte und Zielvorstellungen, die für einen bestimmten Kulturkreis charakteristisch sind, einen entscheidenden Einfluss auf das Werden der Persönlichkeit haben. Die Widersprüche innerhalb dieser Tendenzen und der ihnen gemeinsame Widerspruch zu den Erfordernissen der menschlichen Natur verursachen die Neurose. Die Kultur verhindert eine natürliche Entfaltung der in der menschlichen Natur liegenden Möglichkeiten.
Für den Kenner Adlerscher Theorie ist unverkennbar, dass Karen Horney in der Entwicklung ihrer Neurosenlehre von seinen Gedankengängen stark beeinflusst war: Das Abgedrängt werden von der Entwicklung auf der Ebene realer menschlicher Auseinandersetzung und das Ausweichen vor deren Anforderungen aus Furcht vor Missbilligung und Versagen, das infolgedessen einsetzende Minderwertigkeitsgefühl und die kompensatorische Überhöhung sind Bestandteile aus der Adlerschen Neurosenlehre, die bei Horney zum Teil direkt vorhanden sind.
Auch im »System des Stolzes«, das alle psychischen Kräfte absorbiert, und in der Verachtung für das reale Ich, das sich als Folge des neurotischen Strebens nicht entwickeln kann, klingt die Persönlichkeitslehre Adlers an. Horneys Lehre ist denn auch – im Sinne eines Vorwurfs – als »Neo-Adlerianismus« gekennzeichnet worden: Vom Inhalt her möchte diese Bezeichnung als sachliche Charakterisierung in der Tat als gerechtfertigt erscheinen.
Erich Fromm bezog den kulturellen Einfluss noch in einem weiteren Sinne ein: Nicht nur die Normen und Werte des – um den marxistischen Ausdruck zu verwenden – ideologischen Überbaus wirken determinierend in der Charakterbildung des Kindes. Die kulturelle Prägung erfolgt in einem noch grundlegenderen Sinne, indem die Triebstruktur bzw. die physisch-psychische Grundstruktur des Menschen sich an die sozio-ökonomische Basis anpasst. Das Resultat dieses Anpassungsprozesses ist der für jede Wirtschafts- und Gesellschaftsform typische Sozialcharakter: Die in der kapitalistischen Struktur des 20. Jahrhunderts auffallendsten Lebenshaltungen sind entweder symbiotischer Art wie die Formen des rezeptiven und des ausbeuterischen Charakters oder aber distanzierter Art, entweder als Hamster- oder als Marktorientierung. Der Sozialcharakter wirkt durch die Familie, die Fromm als die »psychologische Agentur der Gesellschaft« bezeichnet, auf die Persönlichkeitsbildung des Kindes ein.
Adler, der durch den Austromarxismus auf die Bedeutung ökonomischer Strukturen aufmerksam wurde, berücksichtigte die Bedeutung der ökonomischen Situation der Familie und deren gesellschaftliche Stellung für die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes ebenfalls in seinen Betrachtungen, ohne sich jedoch detaillierter damit zu befassen. Otto Rühle dagegen unternahm den Versuch, das Problem am Beispiel des proletarischen Kindes genauer zu erfassen.319
Der Einfluss verfehlter, den Erfordernissen der menschlichen Natur nicht entsprechender kultureller Normen wurde für Harry Stack Sullivan in der psychotherapeutischen Arbeit mit jungen männlichen Psychotikern klar. Er wurde auf dem Wege über die unlösbaren moralischen Konflikte, welche er bei seinen Patienten im Zusammenhang mit der Sexualität vorfand, darauf aufmerksam. Auch zeigte sich ihm, dass diese Normen über die Beziehung mit entscheidenden Beziehungspersonen während des Entwicklungsprozesses der Persönlichkeit vermittelt und auf diesem Wege im emotionalen Bereich tiefverankert werden.
In diesem Punkt nimmt Sullivan akzentuierter Stellung als Adler. Letzterer sah die individuelle Form des Sexuallebens hauptsächlich als durch die persönliche Charaktertendenz bestimmt, während er den Einfluss der Kultur vor allem darin fand, dass durch die gesellschaftliche Mindereinschätzung des weiblichen Geschlechtes der Kampf um die Überlegenheit in die Partnerschaft hineingetragen wird und damit eine Beziehung von Geben und Nehmen auf gleicher Ebene verunmöglicht – eine Tatsache, die sich auch in der Sexualität störend auswirkt.
Neuroseauslösend wirkt die Konfrontation mit der Sexualität in dem Sinne, als sich der Mangel an Verbundenheit mit den Menschen und die Angst vor Unterlegenheit in einer engen Beziehung manifestiert und so zu neurotischem Ausweichen führen kann. Sullivan dagegen betonte, dass die atavistischen Sexualnormen in unserer Kultur den Menschen in ausweglose innere Konflikte bringen und dadurch seinen psychischen Zustand verschlimmern.
Sullivans interpersonale Theorie der Persönlichkeitswerdung beeinflusste entscheidend die Arbeit der ganzen Gruppe der Neopsychoanalytiker und eröffnete auch neue Ausblicke für die psychische Prophylaxe. Seine Lehre stimmt in der Hinsicht mit dem Ansatz Adlers überein, dass die formende Kraft für das psychische Werden nicht in der Triebstruktur, sondern in der zwischenmenschlichen Beziehung zu suchen ist.
Als auffallendstes Beispiel für die kulturellen Einflüsse aufdie Persönlichkeitsentwicklung des Menschen sieht Adler das Oben und Unten, das – wie er darlegte – die ganze Kultur durchzieht und die gesellschaftliche Hierarchie bestimmt. Diese Kulturtendenz spiegelt sich im nervösen Mechanismus von Minderwertigkeitsgefühl und Kompensationsstreben und kommt dem Prinzip des Oben und Unten in der nervösen Psyche entgegen. Aus der Berücksichtigung dieses kulturellen Einflusses gewann Adler zum Beispiel auch eine andere Deutung des weiblichen Minderwertigkeitsgefühles als Sigmund Freud.
In seiner Ausrichtung auf das Menschheitsziel einer gesunden Form des Zusammenlebens, in der das Gemeinschaftsgefühl so selbstverständlich werde wie das Atmen, wertet er die gegenwärtige Form der Gemeinschaft als krank. Den Massstab für die Beurteilung von psychischer Gesundheit und Krankheit, um den auch die Neopsychoanalyse sich ernsthaft bemüht, sieht Adler im Grad an Gemeinschaftsgefühl.
Die Arbeiten der Neopsychoanalyse haben auf die psychotherapeutische Forschung befruchtend zurückgewirkt und in vielem zu einer Klärung geführt.
Schlussfolgerungen für den psychotherapeutischen Prozess
Es bleibt noch die Frage, welche Anregungen für den psychotherapeutischen Prozess aus diesem Vergleich von Adlers Gedanken zum Gemeinschaftsgefühl einerseits mit den Befunden der neueren Forschung andererseits zu ziehen sind.
Die Darlegungen Fromm-Reichmanns über die intensive Psychotherapie gelten mutatis mutandis für jeden psychotherapeutischen Prozess. Es handelt sich um eine emotionale Fühlungnahme, in der das irritierte Grundmuster in der interpersonalen Beziehung auflebt: die Verletzungen und Konflikte aus der Frühkindheit und dem weiteren Verlauf der Lebensgeschichte und die je eigene Art der Reaktion darauf. In diesem Prozess intensiver psychischer Kommunikation können die gestörten Erlebnisweisen allmählich bewusst gemacht und ihr Ursprung ermittelt werden. Von seiten des Therapeuten fliesst in den Kommunikationsprozess alles mit ein, was er sich an Kenntnis über psychische Störungen und an intuitivem Erfassen von emotionalen Vorgängen angeeignet hat.
Fromm-Reichmann legt grosses Gewicht darauf, die emotionale Dynamik zu erhellen, das heisst die Art und Weise, in welcher der Mensch die kränkenden Eindrücke und Erfahrungen abzuwehren oder zu umgehen versucht. In Adlers Worten würde dies heissen, die Art der Stellungnahme des Individuums zum Du, zur Gemeinschaft in Erfahrung zu bringen und den darin liegenden Irrtum zu sehen. Erst dann wird der Weg frei, um sich auf adäquatere Art in der zwischenmenschlichen Beziehung auseinanderzusetzen; der Irrtum im Lebensstil steht einer Gesundung des Gemeinschaftsgefühls entgegen.
Was in der klassischen Psychoanalyse als Widerstand bezeichnet wurde, erwies sich für Fromm-Reichmann als Angstmechanismus, durch den die verletzenden Eindrücke und unlösbaren Konflikte aus dem Bewusstsein ferngehalten werden und der damit auch eine Schutzfunktion hat. In der emotionalen Annäherung kommt er selbstverständlich auch gegenüber dem Therapeuten zum Spielen. Adler weist in diesem Zusammenhang auf einen weiteren Aspekt hin, nämlich auf die Entwertungstendenz des Nervösen, mit der er sein geschwächtes Selbstwertgefühl aufrechtzuerhalten versucht und die in der Nähe der therapeutischen Beziehung ebenfalls jederzeit einsetzen kann.
»Soll ich noch hinzufügen, dass die ausgebreitetste Erfahrung und Kenntnis bezüglich der Entwertungstendenz gerade hinreicht, um nicht überrascht zu werden, und dass grosses Taktgefühl, Verzicht auf überlegene Autorität, stets gleichbleibende Freundlichkeit, wachsames Interesse und das besonnene Gefühl, einem Kranken gegenüberzustehen, mit dem kein Kampf zu führen ist, der ihn aber jederzeit beginnt, zum Erfolg unumgänglich nötig sind?«321
Intensive Psychotherapie legt aber nicht nur den Weg zur Gesundung der zwischenmenschlichen Beziehung frei, sondern sie ist zugleich selber eine besondere Form des interpersonalen Austausches: eine erlebte, subtile Gemeinschaft von höchster Qualität, deren lmplikationen noch bei weitem nicht alle erfasst werden können, deren präziseres Verstehen aber ausschlaggebend ist für die Verbesserung der therapeutischen Technik und für die Klärung der theoretischen Zusammenhänge. Denn zwischen Theorie und Therapie besteht, wie Franz Alexander vermerkt, eine reziproke Beziehung: »Therapeutische Beobachtungen sind der wichtigste Ursprung unseres theoretischen Wissens, andererseits benutzen wir unsere theoretischen Formulierungen, um unsere Technik zu verbessern.«322
Der Heilungsprozess in der Zweierbeziehung von Analysand und Therapeut kann durch eine sorgfältig analytisch geführte Gruppentherapie aufs wertvollste ergänzt werden. Viele Störungen der zwischenmenschlichen Beziehung, die durch Symptome zum Ausdruck kommen, die zu den moralischen Normen der Kultur in Widerspruch stehen, werden versteckt und kaschiert. Sie können in der ergänzenden Gruppentherapie rascher und offener zutage treten, als dies nur in der Zweierbeziehung der Fall wäre, weil die verschiedenen Persönlichkeiten unter den Gruppenteilnehmern unwillkürlich die ganze Fülle an Erlebnisweisen aus der frühen lebensgeschichtlichen Situation hervorrufen323 und durch die Wechselwirkung der Gefühle verdrängte emotionale Anteile aufgelockert und wachgerufen und damit der Bewusstwerdung zugänglich gemacht werden – Vorgänge, die in den meisten Modellversuchen beobachtet werden324.
Zu diesem Ergebnis kommt auch die Forschungsarbeit an der Psychologischen Lehr- und Beratungsstelle Zürich, die in dreissigjähriger Tätigkeit sich in neue Wege vorgetastet hat.325 Ausgehend von dem Menschenbild, das sich als Resultat des in der vorliegenden Arbeit dargelegten Weges in der Geschichte der neueren Psychologie ergibt, wurde im Zürcher Modell das Experiment unternommen, einige der bisher gültigen Normen zu überschreiten, zum Beispiel von der Homogenität der Teilnehmer und der strikten Beschränkung auf die Kleingruppe von 8-l0 Teilnehmern abzuweichen; ferner wird im Zürcher Modell dem Ratsuchenden gleichzeitig mit der therapeutischen Hilfe Einblick in den kulturellen Hintergrund und den theoretischen Zusammenhang seiner Problematik vermittelt. Nicht abgewichen wird dagegen von der Verpflichtung, als Anliegen und Mittelpunkt des Gruppengeschehens den einzelnen Ratsuchenden und die Psychodynamik der individuellen Persönlichkeit zu betrachten und die Behandlung auf die Bedürfnisse und Möglichkeiten jedes Einzelnen abzustimmen.326
Übereinstimmung besteht zum Beispiel auch darin, dass das Nacherleben der emotionalen Verletzung aus der Vergangenheit nur in einer von den ursprünglichen Bedrohungen sowie angsteinflössenden Bewertungen und Reaktionen freien Atmosphäre möglich ist327 und dass demnach eine Gruppe nur therapeutisch sein und bleiben kann in einem Klima der Gleichwertigkeit328 und des freien Spielraumes für die freie und spontane Entwicklung jedes einzelnen Teilnehmers;329 ferner darin, dass eine Neuorientierung und Gesundung der Persönlichkeit nur in der Verpflichtung auf die Realität möglich ist.
»Die Tendenz, die Psychotherapie auf religiöse, ideologische, mystische, metaphysische und transzendentale Vorstellungen zu gründen, ist zu bedauern. Damit sie wirksam bleibt, muss der Bezugsrahmen jeder Psychotherapie die Realität bleiben, sowohl die »innere« wie die »äussere«. Die Gefühle und Phantasien müssen aus der Realität stammen. Der Patient muss sich bewusst werden, dass er die Realität parataxisch verzerrt, wobei ihm der Therapeut und die Mitpatienten allerdings helfen. Die Einführung von transzendentalen Theorien und Methoden kann die Entwicklung einer vernünftigen Therapie nur behindern, die Bemühungen des Therapeuten vereiteln, die Patienten irreführen und schädigen.«330
Das Wachrufen des verdrängten frühkindlichen Beziehungsmusters erfolgt durch die Verstärkung der Gefühle in der Gruppe rascher und vielfältiger, sodass von einer Art »Familienübertragung« gesprochen werden kann,331 wodurch der Ursprung der Irritation transparent gemacht und ein Durcharbeiten der emotionalen Problematik ermöglicht wird. Dieser Bewusstwerdungsprozess legt – wie die Psychotherapie überhaupt – emotionale Kräfte frei, die in der Gruppentherapie unmittelbar im Sinne einer Heilung des Gemeinschaftsgefühls zu einer realeren und erlebensreicheren Beziehung zum Mitmenschen führen, dadurch die Persönlichkeit stärken und sich in den übrigen Lebensbereichen bedeutungsvoll auswirken. Diese Vorgänge der Bewusstwerdung und Heilung in der Gruppentherapie psychologisch zu erfassen und zu beschreiben, werden bereits wertvolle Versuche gemacht;332 sie ganz auszuloten und in ihrer philosophischen und anthropologischen Bedeutung richtig zu bewerten und einzuordnen, wird Aufgabe weiterer Arbeiten sein.
Anhand des nun vorgenommenen Vergleichs der Forschungsansätze Adlers mit Befunden der Entwicklungspsychologie, der Schizophrenentherapie und der Neopsychoanalyse scheint sich zu erweisen, dass Adler mit dem Gemeinschaftsgefühl einen psychologischen Tatbestand in den Mittelpunkt seines Verständnisses der menschlichen Seele rückte, der auch von anderen Forschern als Kernproblem herausgearbeitet worden ist:
dass die Stellung zum Mitmenschen, die zwischenmenschliche Beziehung in all ihren Formen, für die Entwicklung der Persönlichkeit und für das Verständnis von seelischer Gesundheit und Krankheit von ausschlaggebender Bedeutung ist. Das »Gemeinschaftsgefühl« wird in der lebensgeschichtlichen Genese wesentlich beeinflusst durch die Normen und Werte der Kultur. Erstaunlich viele Forschungsergebnisse der hier behandelten neueren Psychologien sind schon bei Adler in ähnlicher Form ausgedrückt, wenn sie auch oft mit anderen Begriffen bezeichnet oder unter einem andern Aspekt betrachtet werden. In diesem Sinne finden sich viele Annahmen Adlers in veränderter Form und in anderem Kontext bei späteren Forschern wieder, wobei jeweils offen bleibt, ob diese unabhängig von Adler zu denselben Ergebnissen gekommen sind oder ob sie gewisse von Adler postulierte Annahmen in ihr Lehrgebäude übernahmen.
Es erstaunt in diesem Zusammenhang, wie selten auf Adler Bezug genommen wird, auch dort, wo ein Anklang an seine Gedankengänge offensichtlich ist. Die vorliegende Arbeit erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es konnte nur darum gehen, die wichtigsten Gedanken Adlers zum Problem des Gemeinschaftsgefühls im Lichte der neueren Forschung zu überdenken, daraus Anregungen zu gewinnen und Ansätze zu finden für ein besseres Verständnis des menschlichen Zusammenlebens.
Anmerkungen
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Zum Beispiel Heinz L. Ansbacher, The Concept ofSocial Interest, Journal of lndividual Psychology, Vol. 24, 1968, S. 144, und Alfred Farau,
Der Einfluss der Österreichischen Tiefenpsychologie auf die amerikanische Psychotherapie der Gegenwart, Wien 1953.
Zum Beispiel glaubt Alf Nymann einen Widerspruch zwischen Individualpsychologie und den Intelligenzmessungen festzustellen, der auf ei-
nem Irrtum beruht. Alf Nymann, Die Schulen der neueren Psychologie, Bern 1966.
Ju1ius Wagner-Jauregg, Gutachten über das Habilitationsgesuch von Alfred Adler, abgedruckt unter dem Titel : Zur Geschichte der Individualpsychologie, in: »Unsere Heimat«, 36. Jahrgang 1965, Nr. 10/12.
Zum Beispiel A. A. Roback, Weltgeschichte der Psychologie und Psychiatrie, Freiburg 1970, S. 283. Selbst Clara Thompson passiert es, dass sie schreibt, Adler mache den Willen zur Macht zum Grundproblem des Menschen. Entgegen ihrer Behauptung hat Adler immer betont, dass es sich beim Machtstreben um eine neurotische bzw. nervöse Erscheinung handelt. Clara Thompson, Die Psychoanalyse, Zürich 1952, S. 203.
Alfred Adler, Psychologie der Macht, in: Gewalt und Gewaltlosigkeit, hrsg. von Franz Kobler, Zürich 1928, S. 41 f.
Dieter Wyss, Die tiefenpsychologischen Schulen von den Anfängen bis zur Gegenwart, Göttingen 1972, S. 176.
Calvin S. Hall und Gardner Lindzey, Theories of Personality, New York 1970, S. 118.
A. Maslow, in: Alfred Adler, Ein Psychologe der Gegenwart, hrsg. von Wolfgang Metzger (Sonderheft der Zeitschrift »Schule und Psychologie«, 17. Jahrgang 1970, Heft 12), S. 356.
Eckart Wiesenhütter, Grundbegriffe der Tiefenpsychologie, Darmstadt 1969, S. 77
Gardner Murphy, Historical Introdution to Modern Psychology, London 197l, S. 34l.
Ludwig Pongratz, Problemgeschichte der Psychologie, Bern 1967, S. 221.
Philipp Lersch, Der Mensch als soziales Wesen, München 1965.
Kurt Weinmann, Zur Problematik des Gemeinschaftsbegriffs, in: Alfred Adler zum Gedenken, hrsg. von einer Arbeitsgemeinschaft der Internationalen Vereinigung für Individualpsychologie, Wien 1957, S. 153.
Die wichtigsten Vertreter der sozial-transzendental orientierten Gruppe sind Kurt Weinmann, Alexander Müller und Alfred Farau, diejenigen der sozial orientierten W. Beecher, H. Papanek und Paul Rom. Alfred15
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Farau, Die Entwicklung der Indiv idualpsychologie und ihre Stellung im
heutigen Amerika, in: »Psyche« XIII. Jahrgang, März 1960, S. 890.
Heinz L. und Rowena R. Ansbacher, Alfred Adlers lndividualpsycholo-
gie, München 1972, S. 131.
»A Gefühl is a subjective state, an attitude, a state of the organism pre-
pa· ratory to action. Gemeinschaftsgefühl implies a relatedness to other
people, a sense of cooperation with one’s environment. Thus the me-
aning of Gemeinschaftsgefühl is more inclusive and global thand the
connotations of either ’social interest’ or ’social feeling’.« Arnold Buch-
heimer, in: Essays in Individual Psychology, hrsg. von Kurt A. Adler und
Danica Deutsch, New York 1959, S. 242.
Ansätze von philosophischer Seite finden sich zum Beispiel bei Karl Lö-
with, Das Individuum in der Rolle des Mitmenschen, Darmstadt 1969,
oder Martin Buber, Dialogisches Leben, Zürich 1947.
Philipp Lersch, Aufbau der Person, München 1970, S. 122. Wilhelm Kel-
ler führt für die spezifisch menschliche Daseinsform als umfassenden
Begriff die »Antriebe«, zu welchen die vital organischen, aber doch auch
komplexen Bedürfnisse ebenso gehören wie die Strebungen, die sich
vom Bedürfnischarakter um so mehr entfernen, je deutlicher sie sich
auf differenzierte Ziele richten. Wilhelm Keller, Psychologie und Philo-
sophie des Wollens, Basel 1954, bes. Kap. 2.a) Das »Antriebsleben« und
seine spezifisch menschliche Form, S. 137 f., s. a. S. 164.
Philipp Lersch, Aufbau der Person, München 1970, S. 218.
Friedrich Grossart, Gefühl und Strebung, München 1961, S. 56.
Op. cit., S. 102.
Philipp Lersch, Aufbau der Person , München 1970, S. 177.
Dieter Wyss, Op. cit., S. 176.
Alfred Adler, Die Systematik der Individualpsychologie, in : »Interna-
tionale Zeitschrift für Individualpsychologie«, hrsg. von Alfred Adler
(fortan zitiert als »IZ«), X. Jahrgang 1932, S. 244.
Ders., Der Sinn des Lebens, Frankfurt a. M. 1974 (fortan zitiert als »SL«),
S. 37.
Op. cit.
John Bowlby, Attachment and Loss, Bd. II: Separation, London 1973, S.
371.
Ashley Montagu, The Direction of Human Development, New York
1955, S. 17 und S. 24.
AdolfPortmann, Das Tier als soziales Wesen, Zürich 1953, S. 249.
Op. cit. S. 27 und S. 30.
Ders., Zoologie aus vier Jahrzehnten, München 1967, S. 312.
Op. cit. S. 228.
Ders., DasTier als soziales Wesen, Zürich 1953, S. 109.
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Ders., Zoologie aus vier Jahrzehnten, München 1967, S. 298 und S. 326.
Op. cit., S. 333.
Ders., Das Tier als soziales Wesen, Zürich 1953, S. 287.
Op. cit., S. 99.
Alfred Adler, What Life Should Mean to You, London 1971 , S. 11.
Op. cit., S. 46.
Op. cit., S. 11.
Ders., »SL«, S. 68.
Op. cit., S. 69.
Op. cit., S. 163.
Op. cit., S. 168.
Ders., Vorbeugung der Neurose, »IZ« XID. Jahrgang 1935, S. 137.
Vgl. hiezu Heinz Wiesbrock in: Die politische und gesellschaftliche Rol-
le der Angst, hrsg. von Heinz Wiesbrock, Frankfurt a. M. 1967, S. 6.
Alfred Adler, Menschenkenntnis, Zürich 1947 (fortan zitiert als »MK«),
S. 191.
Ders., »SL«, S. 168.
Op. cit., S. 169.
Ders., »MK«, S. 21.
Op. cit., S. 25.
Ders., Über den nervösen Charakter, Frankfurt a. M. 1972 (fortan zitiert
als »NCh«), S. 64.
Op. cit., S. 28 und S. 37; ferner ders., »MK«, S. 151.
Ders., »MK«, S. 25 und S. 151.
Ders., »SL«, S. 172.
Op. cit., S. 166.
Op.cit., S.167.
Ders., Über den Ursprung des Strebens nach Überlegenheit und des Ge-
meinschaftsgefühls, »IZ« XI. Jahrgang 1933, S. 258.
Ders., »SL«, S. 166.
Ders., Über den Ursprung des Strebens nach Überlegenheit und des Ge-
meinschaftsgefühls, »IZ« XI. Jahrgang 1933, S. 261.
Op. cit.
Alfred Farau in: Essays in Individual Psychology, hrsg. von Kurt A. Ad-
ler und Danica Deutsch, NewYork 1959, S. 12 .
Alfred Adler, Vorbeugung der Neurose, in: »IZ« XIII. Jahrgang 1935,
S. 138.
Ders., Über den Ursprung des Strebens nach Überlegenheit und des Ge-
meinschaftsgefühls, »IZ« XI. Jahrgang 1933, S. 261.
Ders., Ist Fortschritt der Menschheit möglich? wahrscheinlich? unmög-
lich? sicher?, in: »IZ« XV. Jahrgang 1937, S. 1 .
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Ders., »SL«, S. 38.
Op. cit., S. 41.
Op. cit., S. 33.
»Die Individualpsychologie entlarvt die übliche Disjunktion Egoismus
Altruismus als flach und unbezeichnend. Dennoch ist sie lediglich ver-
einbar mit einer rationalen Ethik, aus der die ewigen Gesetze von der
Würde der Person in jedem Einzelmenschen und von der normativen
Gleichheit aller vor der Gemeinschaft und ihren Forderungen heraus-
leuchten. Insofern also ist die Individualpsychologie, ohne ihren An-
hängern die Freiheit des Weltbildes zu nehmen, in der Tat weltanschau-
lich gebunden und weltanschaulich bedeutsam.«Arthur Kronfeld, Zur
Theorie der Individualpsychologie, in: »IZ« VII. Jahrgang 1929, S. 253 f.
Alfred Adler, »SL«, S. 25.
Op. cit., S. 32.
Ders., »NCh«, S. 279.
Ders., »MK«, S. 133.
Ders., »SL«, S. 39.
Ders., Praxis und Theorie der Individualpsychologie, Darmstadt 1965
(fortan zitiert als »PT«), S. 10.
Ders., Die Formen der seelischen Aktivität, in: »IZ« XII. Jahrgang 1934,
S. 5.
Ders., Ist Fortschritt der Menschheit möglich? wahrscheinlich? unmög-
lich? sicher?, in: »IZ« XV. Jahrgang 1937, S. 3.
Ders., »SL«, S. 73
Diskussionsbemerkungen zum Vortrag von Prof. Max Adler im Verein
ftir Individualpsychologie, in: »IZ« III. Jahrgang 1925 , S. 223.
Alfred Adler, »SL«, S. 47
Ders., »MK«, S. 97.
Op. cit., S. 19.
Ders., Zur Massenpsychologie, in : »IZ« XII. Jahrgang 1934, S. 137.
Alfred Farau, Der Einfluss der Österreichischen Tiefenpsychologie auf
die amerikanische Psychotherapie der Gegenwart, Wien 1953, S. 81.
Alfred Adler, Die andere Seite – Eine massenpsychologische Studie über
die Schuld des Volkes, Wien 1919.
Ders., Heilen und Bilden, Frankfurt a. M. 1973 (fortan zitiert als »HB«),
S. 62.
Die Stellungnahme stammt aus dem Jahre 1931. Siehe Heinz L. und Ro-
wena R. Ansbacher, Alfred Adlers Individualpsychologie, München 1972,
S. 58.
Henry Jacoby, Alfred Adlers Individualpsychologie und dialektische
Charakterkunde, Frankfurt a. M. 1974, S. 25.
Heinz L. und Rowena R. Ansbacher, Alfred Adlers Individualpsycholo-
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gie, München 1972, S. 57.
Sigmund Freud, S. Fischer Studienausgabe, Bd. IX , Frankfurt a. M.
1974, S. 240.
Arthur Kronfeld, Zur Theorie der Individualpsychologie, in: »IZ«
VII. Jahrgang 1929, S. 254.
Alfred Adler, »SL«, S. 168.
Ders., »HB«, S. 63.
Op. cit., S. 66.
Op. cit., S. 76 und S. 78.
Op. cit., S. 62.
Ders.,»PT«S. V und S. 7.
Erwin Wexberg, in : »HB«, S. 242.
Alfred Adler, »HB«, S. 41.
Ders., »MK«, S. 47.
Ders., »MK«, S. 47.
Ders., Die Formen der seelischen Aktivität, in: »IZ« XII. Jahrgang 1934,
S. 4.
Ders., Die Systematik der Individualpsychologie, in: »IZ« X. Jahrgang
1932, S. 242.
Ders., »SL«, S. 39.
Ders., »HB«, S. 209.
Ders., »SL«, S. 25.
Op. cit., S. 36.
Ders., Zur Massenpsychologie, in : »IZ« XII. Jahrgang 1934, S. 136.
Seine Sicht von der Rolle der Sexualität im gesunden Seelenleben und
in der Neurose steht nicht in Zusammenhang mit seinen Äusserungen
über die sexuelle Aufklärung, weshalb es berechtigt sein mag, hier nicht
näher darauf einzutreten.
Alfred Adler, »MK«, S. 44 f. und »PT«, S. 223 f.
Op. cit., S. 132.
Op. cit., S. 28.
Theodor W. Adorno et al. haben in »The Authoritarian Personality«,
New York 1950, den Menschentyp beschrieben, der sich aus einer au-
toritären Erziehung herausbildet und bei dem die Voraussetzungen für
soziale Ungerechtigkeiten, rassische Vorurteile und faschistische Bewe-
gungen in seiner psychischen Struktur gegeben sind.
Alfred Adler, »HB«, S. 205 .
Leonhard Seif, in : »HB«, S. 239.
Alfred Adler, What Life Should Mean to You , London 1971 (fortan zi-
tiert als »What«), S. 106.
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Dass das Problern der strengen Erziehung noch keineswegs gelöst ist,
kommt in der Anzahl Kinder zum Ausdruck, die jährlich von ihren El-
tern zu Tode geprügelt werden und die, wie die Spitze des Eisberges,
nur die Extremsituation einer Erziehung darstellen, die eine ganze Skala
von Kritik, Tadel, Ungeduld und Ablehnung, Schimpfen und Schlagen
einschliesst und dem Kind nicht nur physischen Schmerz zufügt, son-
dern es vor allem auch psychisch schädigt, Vgl. hierzu »Gewalt gegen
Kinder«, hrsg. von der Arbeitsgruppe Kinderschutz, Harnburg 1975,
darin insbesondere die Arbeiten von William J. Goode, Gewalt und
Gewalttätigkeit in der Familie, von David G. Gil, Gewalt gegen Kinder,
und von Richard J. Gelles, Kindesmisshandlung als Psychopatholo-
gie (vorgetragen in der American Sociological Association im August
1972), der das psychopathalogische Erklärungsmodell soziologisch zu
ergänzen versucht. Ferner C. Kempe u. a., The hattered child syndro-
me, in : Journal Arnerican Medical Association 181 (17), 1962, S. 17-24.
Ebenso Günter Pernhaupt und Hans Czernak, Die gesunde Ohrfeige
macht krank, Wien 1980.
Alfred Adler, »HB«, S. 239.
Ders., Individualpsychologie in der Schule, Frankfurt a. M. 1973, S. 29.
Ders., »What«, S. 23.
Ders., »PT«, S. 229.
Ders., »What«, S. 23.
Ders., »PT«, S. 15.
Ders., »HB«, S. 229.
Ders., »NCh«, S. 44.
Op. cit., S. 34.
Ders., Eine häufige Wurzel des Sadismus, in: »IZ« III. Jahrgang 1925,
S. 49.
Ders., »HB«, S. 224.
Ders., »NCh«, S. 45 und S. 48.
Op. cit., S. 35.
Op. cit., S. 52.
Ders., »SL«, S. 104.
Ders., Die Individualpsychologie in der Neurosenlehre, in: »IZ« VII.
Jahrgang 1929, S. 86.
Ders., »NCh«, S. 37.
Ders., Schwer erziehbare Kinder und nervöse Erwachsene, in: »IZ« III.
Jahrgang 1925, S. 145.
Ders., Vorbeugung der Neurose, in: »IZ« XIII. Jahrgang 1935, S. 138.
Ders., »NCh«, S. 37.
Ders., Die Individualpsychologie in der Neurosenlehre, in: »IZ« VII.
Jahrgang 1929, S. 84.
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Op. cit., S. 83.
Ders., »SL«, S. 76 und S. 78.
Ders., »NCh«, S. 47.
Ders., Neurotisches Weltbild, in: »IZ« XIV. Jahrgang 1936, S. 129.
Ders., »NCh«, S. 53.
Ders., Die Individualpsychologie in der Neurosenlehre, in: »IZ« VII.
Jahrgang 1929, S. 84.
Ders., Der Aufbau der Neurose, in: »IZ« X. Jahrgang 1932, S.325.
Ders., »SL«, S. 79 f.
Ders., »NCh«, S. 50.
Ders., Zur Massenpsychologie, in: »IZ« XII. Jahrgang 1934, S. 133 f.
Ders., Der Aufbau der Neurose, in : »IZ« X . Jahrgang 1932, S. 325.
Ders., »SL«, S. 73.
Ders., »NCh«, S. 33.
Op. cit., S. 199.
Ders., »PT«, S. 23.
Clara Thompson, Die Psychoanalyse, Zürich 1952, S. 167.
Alfred Adler, »NCh«, S. 50.
Op. cit., S. 32.
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Alfred Adler, Kapitel über »Geschwister« in »MK«, S. 120 f.
Ders., «PT«, S. 177.
Ders., Die Individualpsychologie in der Neurosenlehre, in: »IZ« VII.
Jahrgang 1929, S. 84.
Eugen Bleuler, Lehrbuch der Psychiatrie, Berlin 1916, S. 12, S. 51 und
S. 278. Adler bezieht sich vermutlich auf die kürzere Darstellung
»Dementia praecox« oder Gruppe der Schizophrenien, Leipzig und
Wien 1911.
Alfred Adler, »NCh«, S. 47 und S. 80 und »PT«, S. 81.
Ders., »PT«, S.178.
Op. cit., S. 174.
Op. cit., S. 97.
Rene A. Spitz, Die Entstehung der ersten Objektbeziehungen, Stuttgart
1960, S. 119.
Ders., Vom Säugling zum Kleinkind. Stuttgart 1967, S. 24.
Op. cit., S. 25.
Op.cit., S. 127.
Op. cit., S. 54.
Ders., Die Entstehung der ersten Objektbeziehungen, Stuttgart 1960,
S. 41.174
175
176
177
178
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199
200
201
202
Ders., Vom Säugling zum Kleinkind, Stuttgart 1967, S. 116 f.
Ders., Die Entstehung der ersten Objektbeziehungen, Stuttgart 1960,
S. 108 f
Op. cit., S. 47.
Op. cit., S. 55 .
Ders., Nein und Ja, Beiheft zur »Psyche«, Stuttgart o. J., S. 122 f.
Spitz ordnet jeder Art der mütterlichen Fehlhaltung ein bestimmtes
Krankheitsbild zu. Siehe: Entstehung der ersten Objektbeziehungen,
Stuttgart 1960, S. 86.
Die Studie von Marie Meierhofer zum Beispiel verfolgt die Auswirkun-
gen bis in die Adoleszenz. Marie Meierhofer und Wilhelm Keller, Fru
stration im frühen Kindesalter, Bern 1970.
Rene A. Spitz, Die Entstehung der ersten Objektbeziehungen, Stuttgart
1960, S. 47.
Op. cit., S. 123.
John Bowlby, Mütterliche Zuwendung und geistige Gesundheit (WHO
Studie), München 1973, S. 98, und Mutterliebe und kindliche Entwick-
lung, München 1972, S. 70.
Ders., Attachment and Loss, Bd. I, dt. Bindung, München 1975, S. 20.
Op. cit., S. 133.
Op. cit., S. 172.
Op. cit., S. 205.
Op. cit., S. 249.
Op. cit., S. 304.
Op. cit., S. 317.
Vgl. Salvador Minuchin, Families and Family Therapy, London 1974.
John Bowlby, Attachment and Loss, Bd. I, dt. Bindung, München 1975,
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halten, in : Einfühlen, Erinnern, Verstehen, Festschrift für Rene A. Spitz
zum 80. Geburtstag, Stuttgart 1967.
John Bowlby, Attachment and Loss, Bd. I, dt. Bindung. München 1975,
S. 305.
Op. cit., S. 309.
Op. cit.,S. 161.
Ders., Attachment and Loss, Bd. II: Separation, London 1973, S. 322.
Op. cit., S. 359.
Op. cit., S. 361.
Marguerite-A. Sechehaye, Die symbolische Wunscherfüllung, Bern
1955, S.111 – 165.
Gaetano Benedetti, Analytische Psychotherapie der Psychosen, in: Lehr-
175203
204
205
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208
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210
211
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227
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230
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buch der Psychiatrie, hrsg. von H. Hoff, Basel 1955, S. 788.
Ders., Klinische Psychotherapie, Bern 1964, S. 166.
John Rosen, Psychotherapie der Psychosen, Stuttgart 1964, S. 235.
Op. cit., S. 78.
Günter Ammon, Auf dem Weg zu einer Psychotherapie der Schizophre-
nie, in: Psychotherapie der Psychosen, München 1975, S. 11.
Sigmund Freud, Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, 27.
Vorlesung: Die Übertragung, S.-Fischer-Studienausgabe Bd. I, Frank-
furt a. M. 1969, S. 415 f. Ferner in der Schrift über das Unbewusste, Bd.
III, S. 155.
John Rosen, Psychotherapie der Psychosen , Stuttgart 1964, S. 67.
Op. cit., S. 240.
Frieda Fromm-Reichmann, Psychoanalysis and Psychotherapy, Selected
Papers, Chicago 1959 (fortan zitiert als »PP«), S. XI.
Op. cit., S. 50, S. 89 und S. 105 f.
Op. cit., S. 51. S. 65, S. 90 und S. 107.
Op. cit., S. 315. Von anthropologischer Seite begründet Montagu diese
Sicht. Vgl. Ashley Montagu, Man and Aggression, New York 1968. S. a.
Arno Plack, Der Mythos vom Aggressionstrieb, München 1973.
Frieda Fromm-Reichmann, »PP«, S. 173, S. 277 und S. 315.
Op. cit., S. 177 und S. 161.
Op. cit., S. 51 und S. 178.
Op. cit., S. 49 f. und S. 89 f. Dies., Intensive Psychotherapie, Stuttgart
1959 (fortan zitiert als »IP«), S. 16.
Dies., »PP«, S. 89, S. 93 und S. 118.
Op. cit., S. 292.
Harry Stack Sullivan, The Psychiatrie Interview, New York 1954, S. 218.
Frieda Fromm-Reichmann, »PP«, S. 306 f.
Op. cit., S. 325 f.
Op. cit., Teil IV.
Op. cit., S. 118 und S. 170.
Dies., »IP«, S. 16.
Op. cit., S. 11 und S. 47 und »PP«, S. 49.
Dies., »PP«, S. 122f., S. 164f. undS. 177 f.
Harry Stack Sullivan, The Psychiatrie Interview, New York 1954, S. 220
und S. 223.
Frieda Fromm-Reichmann, »PP«, S. 126.
Dies., »IP«, Teil I, und »PP«, S. 121 f. und S. 215 f.
Dies., »IP«, S. 53 und S. 21.
Op. cit., S. 94 und S. 106, und »PP«, S. 53 und S. 135.
Dies., »PP«, S. 124, S. 176 und S. 184.234
235
236
237
Dies., »IP«, S. 87, ferner S. 33, und »PP«, S. 167 und S. 181.
Dies., »IP«, S. 113 f. und S. 123, und »PP«, S. 169.
Dies., »IP«, S. 145 und S. 155, und »PP«, S. 95.
Dies., »PP«, S. 137 f., und Jan Foudraine, Wer ist aus Holz?, München
1973.
238 Frieda Fromm-Reichmann, »PP«, S. 41 .
239 239 Dies., »IP«, S. 12 f.
240 Karen Horney, Neurose und menschliches Wachstum, München 1975,
S. 12.
241 Op. cit., S. 13.
242 Dies., Neue Wege in der Psychoanalyse, München o. J., S. 9.
243 Op. cit., S. 7 und S. 11.
244 Op. cit., S. 55.
245 Op. cit., S. 27.
246 Op. cit., S. 135 f.
247 Op. cit., S. 154 f.
248 Op. cit., S. 156.
249 Op. cit., S. 141.
250 Op. cit., S. 145.
251 Op. cit., S. 147 f.
252 Op. cit., S. 138 f., Kapitel Kultur und Neurose.
253 Dies., Neurose und menschliches Wachstum, München 1975, S. 15.
254 Op. cit., S. 15 f.
255 Dies., Unsere inneren Konflikte, München 1973, S. 38.
256 Dies., Der neurotische Mensch unserer Zeit, München 1974, S. 22 , und
Neue Wege in der Psychoanalyse, München o. J., S. 124 f.
257 Erich Fromm, Analytische Sozialpsychologie und Gesellschaftstheorie,
Frankfurt a. M. 1970, S. 14.
258 Ders., Psychoanalyse und Ethik , Zürich 1954, S. 27.
259 Op. cit., S. 23.
260 Op. cit., S. 113.
261 Op. cit., S. 144 f.
262 Op. cit., S. 134 f. Den Gegensatz legt er am Beispiel der Selbsthilfe aus-
führlich dar.
263 Op. cit., S. 158 f.
264 Op. cit., S. 173.
265 Ders., Der moderne Mensch und seine Zukunft, Frankfurt a. M. 1960, S.
18.
266 Op. cit., S. 19.
267 – 269 gestrichen
270 Erich Fromm, Der moderne Mensch und seine Zukunft, Frankfurt a.M.
1960, S. 21 f.
177271
272
273
274
275
276
277
278
279
280
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295
296
297
298
299
300
301
302
303
304
178
Op. cit., S. 23.
Op. cit., S. 65.
Op. cit., S. 69.
Ronald Wiegand, Gesellschaft und Charakter, München 1973, S. 29 f.
Erich Fromm, Analytische Sozialpsychologie und Gesellschaftstheorie,
Frankfurt a. M. 1970, S. 16.
Op. cit., S. 22.
Op. cit., S. 17 und S. 23.
Op. cit., S. 40.
Op. cit., S. 149.
Op. cit., S. 148.
Ders., Das Menschenbild bei Marx, Frankfurt a. M. 1963, S. 5
Op. cit., S. 7.
Ders., Der moderne Mensch und seine Zukunft, Frankfurt a. M. 1960,
S. 74.
Op. cit., S. 88.
Op. cit., S. 113.
Ders., Psychoanalyse und Ethik, Zürich 1954, S. 77-97.
Ders., Der moderne Mensch und seine Zukunft, Frankfurt a. M. 1960,
S. 138.
Op. cit., S. 251.
Ders., Das Menschenbild bei Marx, Frankfurt a. M. 1963, S. 65.
Harry Stack Sullivan, Schizophrenia as a human Process, New York
1962, S. 8.
Op. cit., S. 198.
Op. cit., S. 215.
Op. cit., S. 99.
Wilhelm Keller, Das Selbstwertstreben, München 1963.
Harry Stack Sullivan, The Interpersonal Theory of Psychiatry, New York
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Ders., Schizophrenia as a human Process, New York 1962, S. 270.
Op. cit., S. 248.
Op. cit., S. 250.
Op. cit., S. 276 f.
Op. cit., S. 258.
besonders der Lehre von Seba Eldrige, The Organization of Life, New
York 1925.
Harry Stack Sullivan, The Interpersonal Theory of Psychiatry, New York
1953, S. 41 f.
Op. cit., S. 55 f.
Op. cit., S. 102 f.305
306
307
308
309
310
311
312
313
314
315
316
317
318
319
320
321
322
323
324
325
326
327
Op. cit., S. 112 f.
Op. cit., S. 161 f.
Op. cit., S. 170.
Op. cit., S. 196.
Ders., Schizophrenia as a human Process, New York 1962, S. 104.
Op.cit., S. 201.
Op. cit., S. 95.
Op. cit., S. 214 und das ganze Kapitel S. 206 f.
Ders., Fusion of Psychiatry and Social Science, New York 1964, S. 21.
Op. cit., S. 184 und S. 218.
Vgl. die beiden Artikel »Remobilization for Enduring Peace and Soci-
al Progress« und »Tensions Interpersonal and International«, in denen
Sullivans Prospekt einesWirkens auf internationaler Ebene sich deutlich
zeigt. Op. cit., S. 273 f. und S. 293 f.
John Bowlby, Attachment and Loss, Bd. II: Bindung, München 1975,
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Harry Stack Sullivan, The Psychiatrie Interview, New York 1954, S. 218.
Alfred Adler, »NCh«, S. 71.
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Das bedeutende Werk Frieda Fromm-Reichmanns: »Psychoanalysis and
Psychotherapy (Chicago 1959) scheint im europäischen Fachbereich
wenig bekannt zu sein. Jedenfalls erstaunt es, dass sich kaum je ein Hin-
weis darauf findet, weder inhaltlich noch formal.
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und Danica Deutsch, New York 1959, S. 256.
Einen kurzen Überblick über einige Modelle gibt Anneliese Heigl-Evers
in : Konzepte der analytischen Gruppenpsychotherapie, Göttingen 1978.
Eine ausführliche Darstellung dieser Resultate steht noch bevor. Bei-
spiele dieser Arbeit sind bereits publiziert in der Reihe »Neue Wege in
der Psychologie – wörtlich wiedergegebene Einzel- und Gruppengesprä
che«, hrsg. von der Psychologischen Lehr- und Beratungsstelle, Leitung:
Friedrich Liebling, Zürich. Band I: Lebensprobleme im Lichte der mo-
dernen Psychologie, Zürich 1980. Band 2: Die Eltern und ihre Sorgen,
Zürich 1981.
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85. Ferner: Raymond Battegay, Der Mensch in der Gruppe, Band lll,
Bern 1979, S. 51.
S.R. Slavson, op. cit. S. 89 f.
179328
329
330
331
332
180
Raymond Battegay, op. cit. Band I S. 56 ff, ferner impliziert in den
Ausführungen über die Entartungsmöglichkeiten der Gruppe S. 64 ff.
Ferner op. cit. Band II S. 42. Ebenfalls Hans G. Preuss, Analytische Grup-
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Insbesondere die Arbeiten von Raymond Battegay, Der Mensch in der
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Wiesenhütter, Eckart:
GrundbegritTe der Tiefenpsychologie, Darmstadt 1969
Freud und seine Kritiker, Darmstadt 1974
Wyss, Dieter:
Die tiefenpsychologischen Schulen von den Anfängen bis zur Gegenwart,
Göttingen 1972
186Register
Adler, Alfred 8, 12ff., 25ff.,
51ff., 59ff., 64ff., 93, 152ff.,
166
Ainsworth, Mary D. Satter
87f.
Alexander, Franz 118, 164
Ammon, Günter 95
Basaglia, Franeo 113
Benedetti, Gaetano 73, 93f.
Benedict, Ruth 24, 118, 141
Binswanger, Ludwig 93f.
Bleuler, Eugen 69
Bleuler, Manfred 94
Bowlby, John 8, 22, 72, 74,
80ff., 152ff.
Buchheimer, Arnold 17
Bullard, Dexter M. 98
Chisholm, G.B. 151
Farau, Alfred 33,41
Foudraine, Jan 113
Freud, Sigmund 7f., 12, 14f.,
19, 42, 66ff., 95, 117ff., 130,
137‘
154, 162
Fromm, Erich 8, 22, 38, 73, 99,
116, 118, 120, 126ff., 130ff.,
160
Fromm-Reichmann,
Frieda
8, 22, 73, 90, 93, 97f., 100ff.,
118f., 151, 155, 157f., 162, 163
Furtmüller, Carl 46
Grossart, Friedrich 17f.
Hall, Calvin S. 14
Harlow, Harry F. 82, 87
Harlow, Margaret K. 82, 87
Hobbes, Thomas 130
Horney, Karen 8, 22, 73,
116ff., 136, 159
Jung, Carl Gustav 15
Keller, Wilhelm 138
Kringlen, Einar 94
Kronfeld, Arthur 43
Laing, Ronald D. 113
Lersch, Philipp 15, 17f., 23
Liebling, Friedrich 9
Lindzey, Gardner 14
Malinowski, Bronislaw 24, 99,
141
Marx, Karl 41, 132ff., 136
Maslow, A.H. 14
Mead, Margaret 24, 118
Menninger, Karl 107
Meyer, Adolf 141
Montagu, Ashley 23f., 28, 75,
141
Morgan, G.A. 86
Murphy , Gardner 15
Pirella, Agostino 113
Pongratz, Ludwig 15
Portmann, Adolf 23f., 28, 75,
141
Reich, Wilhelm 118
Ricciuti, H.N. 86
Rosen, John 73, 93, 95ff.
Rousseau, Jean-Jacques 25
Rühle-Gerstel, Alice 40
Rühle, Otto 40, 160
187Scheler, Max 93
Schultz-Hencke, Harald 93,
118
Schwing, Gertrud 73, 90
Sechehaye, Marguerite-A. 73,
91, 93f.
Seif, Leonhard 54
Sperber, Manes 40
Spitz, Rene A. 8, 22, 72, 74ff..
85f., 152ff.
Sullivan, Harry Stack 8, 22,
73, 76, 93, 98ff., 103f., 107ff.,
116, 136ff., 156, 160, 161
Tienari, Pekka 94
Thompson, Clara 67
Wagner-Jauregg, Julius 13
Wexberg, Erwin 46
White, William Alanson 136f.,
149
Wiesenhütter, Eckart 15
Wyss, Dieter 19
188Publikationen aus der Psychologischen Lehr- und
Beratungsstelle, Leitung: Friedrich Liebling, Zürich
Lebensprobleme im Lichte
der modernen Psychologie
260 Seiten, Fr. 22.- , ISBN 3-85999-001-2
(Neue Wege in der Psychologie – wörtlich wiedergegebene Einzel- und
Gruppengespräche, Band I)
Psychologie und Weltanschauung
Beiträge zum 18. Kongress der Zürcher Schule für
Psychotherapie (12.-25. Juli I980)
210 Seiten, Fr. I 7.-, ISBN 3-85999-002-0
Die Psychologie und die Zürcher Presse
Dokumentation zum Artikel über die Zürcher Schule für Psychotherapie im
Tages-Anzeiger-Magazin,
320 Seiten, Fr. 10.-, ISBN 3-85999-0003-9
Angst und Charakter
Beiträge zum 19. Kongress der Zürcher Schule für Psychotherapie
(23. Dezember I980 bis4. Januar 1981)
206 Seiten, Fr. 17.-, ISBN 3-85999-004-7
Die Eltern und ihre Sorgen
330 Seiten, Fr. 22.-, ISBN 3-85999-005-5
(Neue Wege in der Psychologie-wörtlich wiedergegebene Einzel- und
Gruppengespräche, Band 2)
Psychologische Menschenkenntnis
Zeitschrift für tiefenpsychologische Forschung und Praxis, Psychothe-
rapie und Gruppentherapie. Erscheint monatlich. Jahresabonnement
Fr. 32.-, als Jahresband in Buchform Fr. 44.-
In Vorbereitung:
Die Lehrer und ihre Sorgen
ca. 250 Seiten, Fr. 22.-, ISBN 3-85999-006-3
(Neue Wege in der Psychologie-wörtlich wiedergegebene
Einzel- und Gruppengespräche, Band 3)
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