Brief an den Herausgeber: „Diese These von Götz Aly hat mich vom Stuhl gehauen“
(Red.) Die Geschichtsvergessenheit der Deutschen (nicht nur der Politiker!) schreit zum Himmel. Friedrich Merz und seine Kumpane führen sich auf wie die Barbaren und kaum jemand erhebt die Stimme. Da tut es gut, dass es Menschen wie Rudolf Krause gibt, die den Mut haben, die Wahrheit laut zu sagen, damit die Deutschen aus der Geschichte lernen können anstatt sie nochmals erleben zu müssen. Geschichte erleben ist offenbar sehr viel lehrreicher als Geschichte studieren … Dieser Text gehört auf jeden deutschen Küchentisch!(am)
Deutsche Zivilisten mit ihren Habseligkeiten auf der Flucht im Jahr 1944 in Aachen Everett Collection/imago
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Lieber Herr Maier,
ein Leserbrief soll es nicht werden. Der würde zusammengestrichen werden oder im Papierkorb landen. Deshalb schreibe ich Ihnen und stelle anheim, wie Sie damit umgehen. Sie können ihn ja Herrn Aly weiterleiten.
Um das klarzustellen: Die meisten Beiträge von Götz Aly in der Berliner Zeitung habe ich lange aufgehoben, weil ich sie wertvoll fand. Nach seinem Abschied als ständiger Verfasser seiner Kolumne habe ich ihn vermisst. Doch am Wochenende werten Sie sein neues Buch aus und zitieren dabei seine 2005 erstmals veröffentlichte, jetzt mit dem neuen Buch vertiefte These:
„Den Deutschen ging es im Zweiten Weltkrieg besser als je zuvor, sie sahen im nationalen Sozialismus die Lebensform der Zukunft – begründet auf Raub, Rassenkrieg und Mord.“
Ich kannte diese These bisher nicht, und als ich sie am Wochenende las, hat es mich bald vom Stuhl gehauen. Wie kann ein anerkannter Historiker und Politikwissenschaftler auf eine so unwissenschaftliche Verallgemeinerung kommen. Mit Verlaub, das kann ich nicht nachvollziehen. Ich habe es ganz anders erlebt.
Wehrmachtsoldaten im Jahr 1940 Heinz Pollmann/imago
Zunächst ziehe ich in Zweifel, dass eine Mehrheit in und nach der Weltwirtschaftskrise die Abkürzung NSDAP aufgedröselt und sich den in ihr enthaltenen Kern nationaler Sozialismus zu eigen gemacht hat. Wohl aber hatten die Menschen in großer Zahl die Illusion, aus der Not der Massenarbeitslosigkeit herauszukommen. Das war ja mit der Übernahme der Macht 1933 noch längst nicht klar. Mein Vater fand erst 1936 wieder Arbeit, und als sich die sechsköpfige Familie allmählich etwas erholen konnte, hat der „nationale Sozialist“ Hitler Polen überfallen. So als Prolog des Weltkriegs.
Sicher ging es vielen besser als zuvor in der Weimarer Republik und in der Weltwirtschaftskrise. Aber nun ausgerechnet auf den Zweiten Weltkrieg abzuheben und in dieser Zeit das Leben als besser denn je zuvor zu beschreiben, ist zynisch.
Die Hausversammlung löste sich sichtlich bedrückt auf
Ich weiß nicht, aus welchen Quellen der 1947 geborene Aly hier schöpft. Jedenfalls kann man mit Fug und Recht sagen, dass es vermeintliche Glücksritter in großer Zahl gab, die eine Perspektive für sich sahen und hurrapatriotisch auftraten: karrieregeile Militärs, landarme Kleinbauern, Rüstungsindustrieelle, das Großkapital etc. Doch sehr bald wurden Einschränkungen und Rationierungen nötig. Schon in seiner Rede am 1. September 1939 gurgelte der „Führer“ die ersten Beschränkungen in den Äther.
Ich bin als Achtjähriger in den Kreis älterer Mieter geraten, die sich um das einzige kleine Radio in unserem Wohnhaus geschart hatten. Es stand in der Werkstatt eines Schuhmachers. Ich habe nicht allzu viel von der Rede mitbekommen. Aber in Erinnerung ist mir geblieben, dass sich die kleine Hausversammlung schweigend und sichtlich bedrückt aufgelöst hat. Auch der sonst humorvolle und gesellige Schuster ging schweigend seiner Arbeit nach.

Adolf Hitler während einer Rede im Jahr 1941Keystone/imago
Und dann nahmen die Dinge ihren Lauf in die Katastrophe. Nach dem Rausch des Sieges über Polen wurden in fühlbarer Größenordnung wehrfähige Männer eingezogen. Wir hatten plötzlich deutlich ältere Lehrer, Polizeistreifen im öffentlichen Raum fanden kaum noch statt, mit zahlenmäßig zunehmenden Fronten führten plötzlich zahlreiche belgische Zwangsarbeiter die Görlitzer Straßenbahnwagen. Es war die Lösung der kriegsbedingten personellen Not. Schaffnerinnen, die in wichtige Industriezweigen versetzt worden waren, wurden von jungen, im Anschluss an den Reichsarbeitsdienst kriegsdienstverpflichteten Frauen ersetzt. Der Luftkrieg zermürbte die Menschen allein durch das Überfliegen ihres Territoriums, raubte ihnen den Nachtschlaf, ganz zu schweigen von den Opfern der Flächenbombardements.
In immer mehr Familien ging die Angst um, ob der Vater oder der Sohn gesund aus dem Krieg heimkommen würde, die Zahl der Vermissten nahm drastisch zu, und die Ungewissheit machte den Angehörigen psychisch schwer zu schaffen. Die Zahl der Gefallenen stieg sprunghaft an. Die Tageszeitungen hatten schwarze Seiten mit einheitlichen Todesnachrichten, schwarz umrandete Anzeigen, oben links das eiserne Kreuz und dann hieß es etwa: „ … ist der Uffz. Oskar Namenlos in treuer Pflichterfüllung für Führer, Volk und Vaterland an der Ostfront gefallen“. In einer kleinen Stadt wie Görlitz war immer öfter jemand aus einer bekannten oder befreundeten Familie dabei.
Der Schulunterricht wurde immer lückenhafter, die Arbeitseinsätze der Schüler nahmen zu. Das hatte wenigstens als positiven Effekt die Erkenntnis, dass die sowjetischen Kriegsgefangenen, mit denen wir gemeinsam Zuckerrüben oder andere Lebensmittel aus den Güterwagen klaubten, so gar nicht „Untermenschen“ waren, wie uns vom Propagandaminister Goebbels eingeredet wurde. Und auch die französischen Kriegsgefangenen, mit denen wir gemeinsam die in Polen gestohlenen Leberwurstkonserven aus 27 Grad Celsius im Schatten in die Kühlkeller des städtischen Schlachthofes brachten, erwiesen sich nicht als Erbfeinde.

Görlitz, die Stadt in der unser Autor während des zweiten Weltkriegs aufwuchs.Arkivi/imago
Unterricht im Drei-Schicht-System
Schließlich mussten wir in den letzten Kriegsjahren Luftschutzdienst in der Schule leisten, auch bzw. hauptsächlich nachts. Wurde während des Unterrichts Voralarm ausgelöst, trabte die diensthabende Gruppe in den Keller, gürtete sich mit ungeeigneter Ausrüstung, zog Schutzanzüge in Männergröße über ihre Kinderkörper, und die übergroßen Schutzhelme nahmen wir in die Hand, da sie uns beim Laufen über die Schulter rutschten.
Schließlich mussten Schulen geschlossen werden, weil man sie für Lazarette brauchte; denn auch die Zahl der Verwundeten nahm sprunghaft zu. Der Unterricht fand in den übrig gebliebenen Schulen in einem Drei-Schicht-System statt. Schließlich brauchte man uns für die Betreuung der aus Ostpreußen, dann Ober- und schließlich Niederschlesien in Görlitz ankommenden Evakuierten, die fast im Nonstop mit Eisenbahnzügen den Hauptbahnhof erreichten.
Dieser Umgang mit verzweifelten und teilweise orientierungslosen Menschen überforderte uns Dreizehnjährige psychisch ziemlich nachhaltig. Da half auch keine Härte wie Kruppstahl, wenn wir sie je gehabt hätten. Aber der Dienst im Jungvolk klappte und wurde mit zunehmender Dauer immer mehr zur vormilitärischen Ausbildung. So wurde meine Kriegstüchtigkeit schon mit zwölf Jahren durch die Unterweisung am LMG 34 aufgepeppt.
Dann mussten auch wir die Stadt verlassen, wir wurden evakuiert. Wir, also die Mutter, meine beiden Schwestern, die bei uns lebende Großmutter und ich verließen die Stadt. Der Vater war schon weg. Der größte Feldherr aller Zeiten wollte auf den Teilnehmer am Weltkrieg Nummer eins nicht verzichten und befahl ihm trotz seiner durch Granatsplitterverletzungen lädierten Beine, in der „Festung“ Glogau den Sturm auf Berlin aufzuhalten. Für meine 76-jährige Großmutter war dieses „bessere Leben als je zuvor“ mit der anstrengenden, von Tieffliegerangriffen bedrohten Reise zuviel. Sie ist nach wenigen Tagen verstorben.
Was haben die Nachgeborenen nur für Vorstellungen vom Leben im Krieg? Was wissen sie von den Ängsten der Eltern, der Familien überhaupt, von der Furcht vor dem letzten Feldpostbrief, kündend von dem in treuer Pflichterfüllung usw. gez. Hptm. Mustermann. Wie heißt es bei Aly: Den Deutschen ging es im Zweiten Weltkrieg besser als je zuvor? Und als dann die Nachricht vom Tod meines Schwagers kam und die Familie verzweifelte, durfte selbst der Schmerz nicht allzu deutlich nach draußen gezeigt werden, weil das unheldisch war. Die deutsche Frau sollte stolz sein auf das Opfer, das sie und der Tote gebracht hatten. In meinem Wohnhaus zelebrierte die Verlobte eines Gefallenen die Hochzeit postum. Auf seinem Platz lag ein Ehrendolch wie ein Gedeck auf dem Tisch. Begann da schon der praktizierte Wahnsinn, wie wir ihn heute erleben? Selbst Unglaubliches gehörte zum „besseren Leben als je zuvor“.

Sowjetische Bomber über Berlin 1945United Archives International/imago
Haben die alle in Geschichte gefehlt?
Ich habe mich in den letzten Jahrzehnten immer vor dem Tag gefürchtet, da das Land und der Rest der Welt von Politikern regiert werden, die den Krieg nicht erlebt haben. Und ich hatte die – wie ich heute weiß – vergebliche Hoffnung, sie nicht erleben zu müssen. Jetzt darf ich wieder zusehen und hören, wie locker man über einen schon auf 2029 terminierten Krieg schwadroniert und sogar den Umfang eines Weltkrieges mit Einsatz von Kernwaffen einkalkuliert. Und das in einer Tonlage, als ginge es lediglich um die Reparatur einer Wasserleitung mit einer einstündigen Unterbrechung der Wasserversorgung. Haben die alle in Geschichte gefehlt? Oder hat der Unterricht versagt? Haben weder die Eltern noch die Großeltern die Wahrheit erzählt? Oder halten die sich für unverwundbar wie einst der deutsche Jung-Siegfried? Wir leben aber nicht in einer Welt der Sagen.
Lieber Herr Maier, Sie spüren vielleicht, dass mein des Mainstreams überdrüssiger Rabe auf der Schulter der Stichwortgeber war. Aber sorry, der in Rede stehende Satz ist einfach nicht wahr. Und gefährlich ist er auch. Das macht zornig. Als ob jemals Kriege dem einfachen Volk wohlgetan hätten. Ich bin kein Historiker der Theorie, sondern habe Historie bewusst erlebt und nicht vergessen. Zwar gehorchen die Beine nicht mehr ausreichend, aber das Gedächtnis arbeitet zum Glück sehr befriedigend bis glänzend. Und das Gewissen auch. Deshalb darf ich zu all dem, was uns gegenwärtig zugemutet wird und weiterhin droht, nicht schweigen. Dabei ist völlig unbedeutend, ob es sich bei gefährlichen Verniedlichungen einer schlimmen Zeit für Deutschland und Umgebung um Irrtümer oder bewusste Täuschung handelt.
In einer Aussage bin ich zwar widerwillig, aber bedingungslos auf Alys Seite: Man landet schneller im totalitären Staat, als man denken kann. Oder aktualisiert: Die Weisungsbefugnis eines wortbrüchigen Kanzlers kann schneller zur Autokratie führen, als man denken kann.
Bleiben Sie mir dennoch gewogen!
Freundliche Grüße Ihr Stammleser seit etwa 70 Jahren
Rudolf Krause
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