Seniora.org - Menschenbild

Die Wiederkehr der himmlischen Ordnung

China hat 5000 Jahre Tradition und Ahnenverehrung. Sie halten ihre Kultur allen anderen Kulturen auf Erden gegenüber für überlegen.
Von Hans-Jürgen Geese - März 21, 2021
Einer der Gründe für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges lag darin, dass Deutschland eine mächtige Kriegsflotte aufbaute, die mit der britischen Marine konkurrieren sollte. Die Briten betrachteten diese Herausforderung als Existenzbedrohung. Der Schutz des Meeres war schon immer ihr stärkster Verbündeter.

Geschätze Leserin, geschätzter Leser, Anfang März publizierten wir Wolf Gauers Beitrag «Ganser und die chinesische Diktatur», um einer sorgfältigeren Sicht zu Chinas grosser Kultur Raum zu geben, als dies in der meist unsäglich negativen Darstellung dieses Landes in unseren westlichen Medien zum Ausdruck kommt. Wir freuen uns, Ihnen heute als Diskussionsbeitrag eine treffende Analyse unserer derzeitigen westlichen kulturellen Werte, auch insbesondere Deutschlands, vorzulegen. Der Autor hat 15 Jahre in China gelebt und sieht dieses Land mit seiner 5000 Jahr alten Kultur mit wissenden Augen. Herzlich Margot und Willy Wahl

Im Jahre 1942 überholte schließlich die US Marine die der Briten und baute dann weiterhin ihre Vormachtstellung aus. Nach dem Kriege wurden die U.S.A. unangefochten das neue Imperium, mit einem Anspruch auf Weltherrschaft.

Eine Kultur jenseits der Erledigungsmentalität

Was eine Person zu einer Persönlichkeit macht
Von Carl Bossard, 25.03.2021
Journal21 v. 25.03.2021
Aus der Leidenschaft für die Welt entstünde die Leidenschaft fürs Pädagogische, meinte die Politphilosophin Hannah Arendt. Diese Haltung kann schulisch viel bewirken. Eine Spurensuche.

Carl Bossard
Carl Bossard, Pädagoge

Ein vergilbter Artikel hat allen Aufräumaktionen getrotzt. Es ist die Geschichte des Tessiner Briefträgers Guerino Saglini. Sein Leben lang hat er für die Post gearbeitet. Was denn einen guten Pöstler ausmache, fragte ihn die NZZ beim Übertritt in die Pension. „Passione! Leidenschaft!“, sagte Saglini kurz und bündig. Keinen Tag sei er ohne Freude zur Arbeit gegangen, fügte er bescheiden bei. (1)

Im Handeln prägt das Wie jedes Was

Die Leute von Biasca schätzten den Postboten Saglini. Für alle hatte er ein freundliches Wort, ja er zog vor ihnen sogar seinen Pöstlerhut, verbunden mit einem frohen „buona giornata“. Vielleicht liegt das Geheimnis seines Wirkens im schlichten Satz: „Ich habe diese Arbeit geliebt.“ Während 46 Jahren. Saglini, der Briefträger aus Leidenschaft, wirkte mit seiner Person  – mit seiner Art des Tätig-Seins, seiner Denkweise, seiner Sprache. 

„Im Handeln prägt das Wie jedes Was.“ Es ist stärker als jedes Was. Der Satz geht auf die politische Denkerin Hannah Arendt zurück. Saglini, der passionierte Pöstler, verteilte Briefe und Zeitungen; das war seine Arbeit, sein tägliches Was. Bei den Menschen von Biasca gewirkt aber hat er mit seinem Wie. Zwischen ihm und seinen Postkunden baute sich darum so etwas wie eine gemeinsame Welt auf.

Die Form konstituiert den Inhalt

„Die Welt liegt zwischen den Menschen“, betonte Hannah Arendt, als sie sich 1959 für den renommierten „Lessing-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg" bedankte. (2) Und dieses „Zwischen“, so Arendt, sei entscheidend. Hier bilde sich die gemeinsame Welt vieler Menschen in ihrer Vielfalt und Verschiedenheit. 

Und eine gemeinsame Welt bildet sich auch im Unterricht  – zwischen den Lehrpersonen und ihren Schülerinnen und Schülern, im Zusammenspiel verschiedener Generationen. Darum ist dieses „Dazwischen“ so wichtig  – das Emotionale, das Beziehungshafte, das Dialogische. Es entsteht und besteht in der Art des Handelns, des Denkens und Sprechens, mit der Erwachsene agieren und dabei auf die jungen Menschen wirken. Altmodisch formuliert, könnte man vom halb vergessenen Vorbild sprechen. Unterricht wirkt eben nicht primär über das Was  – so grundlegend dieses inhaltliche Was ist  – als vielmehr durch das bereits erwähnte Wie des Denkens und Handelns. Die Form konstituiert den Inhalt. Dieser Primat wäre das Prinzip allen pädagogischen Handelns. Ein solches Grundgesetz führt zu einer Kultur jenseits der Erledigungsmentalität.

Im Wie offenbart sich die Person

Hinter dem Was, hinter den Sachen und Stoffen, hinter den Inhalten, Methoden und Lehrmitteln kann sich ein Lehrer förmlich verstecken. Hinter seine Art zu handeln, sein Wie, aber kann sich keiner zurückziehen. Im Wie zeigt sich die Person. Und es ist die Person, die im Unterricht wirkt: mit ihrem Engagement, mit ihrer Leidenschaft für die Welt, mit ihrem Feu sacré für die Sache  – und damit für die Schülerinnen und Schüler. Unterricht hängt eben entscheidend von dem Faktor ab, den eine frühere Literatur „Lehrerpersönlichkeit“ nannte. Die Political Correctness verbietet heute den Ausdruck, und doch trifft er zu. Lehrerinnen und Lehrer bringen ihre Persönlichkeit in den Unterricht ein  – und nicht einfach ihr Wissen oder, wie es heute heisst, ihre „professionelle Kompetenz“. Und zu dieser Persönlichkeit bauen die jungen Menschen eine vertrauensvolle Beziehung auf.

„Wenn sie von Formen und Zahlen sprach, glühten ihr die Wangen und funkelten ihr die Augen, wie wenn Kinder von Schokolade-Glace reden.“ (3) So erinnert sich eine Berufsfrau an ihre vitale Primarlehrerin. Jahre später noch sieht sie deren Augen und Backen, fühlt die Atmosphäre und spürt die Freude am Lernen, wie sie offen bekennt.

Die begeisternde Lehrperson als Lesevermittlerin

Da war eine Lehrerin am Werk mit einer Leidenschaft für die Unterrichtswelt und damit einer Leidenschaft fürs Pädagogische. Wie diese Passion wirken und was sie bewirken kann, zeigt ein zweites Beispiel: Junge Menschen zum Lesen führen und sie fürs Medium Buch gewinnen, gehört heute zu den dringendsten und verantwortungsvollsten Aufgaben einer guten Schule. Der Weg führt über ein angeleitetes, konsequentes Lesetraining und über einen inspirierenden Literaturunterricht. Wie wichtig dabei die Lehrperson ist, betont Professor Klaus Gattermeier. Er bildet an der Universität Passau Lehrer aus. Es komme, so sagt der deutsche Leseforscher illusionslos, „rein auf die individuellen Fähigkeiten und die Begeisterung des Lehrers an“. (4) In zahlreichen empirischen Studien konnte er seine Aussage nachweisen. 

Lehrer als entscheidende Lesevermittler wirken über ihr Vorbild und ihren Enthusiasmus. Es ist das Wie, das über das Was zu einer stabilen, gelebten Lesekompetenz führt. 

Effizienz allein ist es nicht

Guerino Saglini, Briefträger aus Passion, ging früher in Pension. Warum? Im Zuge einer Postreform rüffelte ihn ein Inspektor aus Bern. Mit der Stoppuhr erfasste er Saglinis Arbeitsschritte und mass seine Zustelleffizienz. „Vor allen Menschen den Hut ziehen? Das ist [für die Post] zu teuer!“, beschied ihm der Kontrolleur aus der Berner Zentrale. Saglini zog die Konsequenzen; er quittierte seinen Dienst.

Das Wie ist durch keine Messbarkeit einzuholen

Gemessen hat der Funktionär einzig das Was, den Output. Das Wie ist nicht quantifizierbar. Wie wichtig dieses Wie ist, weiss jede gute Lehrerin, das hat jeder engagierte Lehrer verinnerlicht. Dieses Wie ist durch keine Messbarkeit einzuholen, was heute oft vergessen geht. Gemäss „Lehrplan 21“ soll sich ja jedes schulisch vermittelte Wissen als ein Können kontrollieren und quantifizieren lassen. Kompetenzraster formulieren die Lerneffekte; sie werden in ein testfähiges Format transferiert und mit den Messmethoden der empirischen Bildungsforschung erfasst. Die Resultate münden nicht selten in Rankings.

Die Verwaltung hat Saglini auf seine Effizienz reduziert und damit auf sein Was zurückgestuft. Lehrerinnen und Lehrern geht es ähnlich; so sieht es einer, der selber Lehrer war, der Dichter Peter Bichsel. Die Schullehrer seien „schon längst […] zu Bildungsvollzugsbeamten geworden“, bedauert er. (5) Und viele Lehrpersonen müssen ihm wohl recht geben. 

(1)  Ins Licht gerückt: 16 862 Tage für die Post, in: NZZ, 23.08.2007, S. 9.
(2)  Reinhard Kahl, Hannah Arendt zum 100. Geburtstag: Ihre Aktualität ist ungebrochen, in: DIE WELT, 10.10.2006.
(3)  Stephan Ellinger, Johannes Brunner: Alp-Traumlehrer. Von flüchtigen Fledermäusen und multikulturellen Frohnaturen. Studierende erinnern sich. Teilheim: Gemma-Verlag, 2015, S. 75.
(4)  Uwe Ebbinghaus: Nehmt die Schüler endlich ernst! In: FAZ, 17.03.2021, p. 9.
(5) Peter Bichsel: Kinderarbeit im Bildungsvollzug, in: Ders., Über das Wetter reden. Kolumnen 2012-2015. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2015, S. 33f.

Quelle: https://www.journal21.ch/eine-kultur-jenseits-der-erledigungsmentalitaet

Film nicht verpassen: Eine Familie unterm Hakenkreuz

Die grosse Gewissensfrage ist für uns alle: Wie hätte ich mich damals verhalten?
ARTE - Dokumentation zur NAZI-Zeit in Deutschland
Hunderte Briefe und über neun Stunden privates Filmmaterial dokumentieren eine außergewöhnliche Familiengeschichte: Die Medizinstudentin Erna erfährt, dass ihre Mutter Jüdin ist. Ernas Mann, der Doktorand Helmut versucht durch seinen tapferen Einsatz an der Front eine Urkunde über die "Deutschblütigkeit" seiner Familie zu erlangen.

Geschätzte Leserin, geschätzter Leser,
warum hat uns dieser Film so bewegt und warum empfehlen wir ihn Ihnen?
Weil die besondere Qualität des Films u.E. dadurch zustande kam, dass die Hauptfigur, der Arzt, der seine Familie rettete, indem er sich an der Front opferte, zugleich ein talentierter Fotograf und Amateurfilmer gewesen ist. Sein Material prägt und trägt den ganzen Film mehr noch als das aus den Archiven ausgewählte und erzeugt eine ganz persönliche Authentizität und einen sehr berührenden Grundton. Er unterscheidet sich damit auch von den politisch korrekten Filmen über den NS-Rassismus, wie wir sie ja alle kennen. Der Film ist eine Rarität und wir wünschen ihm ein breites Echo, auch als Dokument unserer jüngeren Geschichte an Schulen und Hochschulen.
Margot und Willy Wahl

Eine eindrückliche Dokumentation bei Arte 60 Min. Verfügbar vom 29/04/2021 bis 27/07/2021 - Nächste Ausstrahlung am Freitag, 14. Mai um 11:10

Es ist Liebe auf den ersten Blick, als sich der Doktorand Helmut und die Medizinstudentin Erna 1929 kennenlernen. Beide schauen zuversichtlich in die Zukunft. Dann erfährt Erna in der heraufziehenden Nazizeit von einem Familiengeheimnis: Ihre Mutter sei Jüdin. Erna ist sich sicher, dass sich Helmut von ihr trennen wird. Doch ihr Verlobter steht zu ihr. Die beiden heiraten und bekommen drei Söhne.

Nach und nach wird das Leben im nationalsozialistischen Deutschland für die Familie immer schwerer. Erna gilt als Mensch zweiter Klasse, nach den sogenannten Rassegesetzen ist sie Halbjüdin und darf nicht mehr studieren. Helmut bekommt als Arzt keine Zulassung für Kassenpatienten.

Das Ehepaar sieht nur noch eine Chance: Durch seine Bewährung als tapferer Soldat will Helmut die sogenannte Sippenschande tilgen. Der Führer und Reichskanzler kann durch seine Unterschrift Helmuts Familie angesichts seines tapferen Einsatzes im Krieg für „deutschblütig“ erklären. Helmut nimmt als Feldarzt am Krieg teil.

Erna bleibt mit den drei Söhnen im Münsterland und muss dort den rassistischen Alltag und die Bedrohung von Gesundheit und Leben durch die Nationalsozialisten und ihre autoritätshörigen Helfer allein bestehen.

Von der Wehrmacht wird Helmut für seine Tapferkeit ausgezeichnet. Er fällt an der Front. Doch das scheinbar Unmögliche, die Rettung seiner Familie, gelingt ihm posthum.

Erna wird nach seinem Tod tatsächlich für „deutschblütig“ erklärt und entkommt den Deportationen. Sie überlebt mit ihren drei Kindern den Nationalsozialismus. Helmut und Erna waren beide sehr begabt, beide konnten gut schreiben; er war ein leidenschaftlicher Fotograf und Filmemacher.

Er hielt die ersten Schritte seiner Kinder und das anfangs glückliche Leben als Arzt genauso in Filmen, Fotos und Briefen fest wie später das Grauen an der Front.

Die Geschichte von Erna und Helmut zeigt eine sehr nahe, neue Perspektive auf das Leben im NS-Staat, sie bewegt, sie reißt mit und konfrontiert die Zuschauerinnen und Zuschauer mit der Gewissensfrage: Wie hätte ich mich verhalten?

Quelle: https://www.arte.tv/de/videos/095098-000-A/eine-familie-unterm-hakenkreuz/

Kinder brauchen Urvertrauen

Ein Einwurf von Michael Felten - zum Tag der Kinderrechte
Brauchen Kinder eigene und besondere Rechte? Vielleicht, sagt der Publizist und frühere Lehrer Michael Felten. Er nimmt den Tag der Kinderrechte zum Anlass, daran zur erinnern, dass sie aber vor allem eines benötigen: sichere Bindung.

Beitrag hören

Brauchen Kinder eigentlich mehr Rechte, sollten diese gar im Grundgesetz eigens aufgeführt werden? Nun, eine spontane Antwort wird anders ausfallen, wenn man an misshandelte, gar missbrauchte Kinder denkt  – oder eben an quengelige Sprösslinge, die ihre Mutter an der Supermarktkasse mit Gebrüll dazu zwingen wollen, ihnen doch noch eine Süßigkeit mehr, ein Spielzeug zusätzlich zu kaufen.

Auch auf einer reflektierteren Ebene gibt es verschiedene Positionen. Die einen halten für problematisch, dass Kinder im deutschen Grundgesetz lediglich als Objekt der Eltern auftauchen  – dabei hätten sie doch ganz eigene Bedürfnisse. Andere argumentieren, spezielle Kinderrechte trügen die Gefahr in sich, dass sich der Staat unangemessen zum Anwalt Heranwachsender machen  – und Elternrechte aushebeln könnte.

Gefühl des Wertseins und Aufgehobenseins

Nun sind Kinder tatsächlich besonders schützenswert, sie entwickeln sich ja erst  – und deshalb ist eine andere Dimension vielleicht viel wichtiger als die juristische. Denn nach allem, was wir heute wissen, ist es für das Lebensglück eines Menschen von erstrangiger Bedeutung, ob er in seinen ersten Lebensjahren ein Gefühl des grundsätzlichen Wertseins und Aufgehobenseins erwirbt.

Der Psychoanalytiker Erikson nannte das basales oder Urvertrauen, Entwicklungspsychologen sprechen von ‚sicherer Bindung‘.

Wie wär's also, wenn wir am Weltkindertag einmal darüber nachsinnen, wie es um die Bindungsqualität unserer Sprösslinge steht? Schon Bruno Bettelheim meinte ja apodiktisch: Liebe allein genügt nicht.

Entscheidend ist Feinfühligkeit

Dabei ist es nicht einfach damit getan, dass Mütter  – oder allgemeiner gesagt: eine primäre Bezugsperson  – in den ersten Lebensjahren ständig verfügbar sind, damit Kinder Lebensmut und Resilienz erwerben. Das entscheidende Agens ist vielmehr mütterliche Feinfühligkeit.

Gemeint ist: Wie treffend eine „Mutter“ die Regungen ihres Babys entschlüsseln kann, wie angemessen und prompt sie diese beantwortet. Wie sehr sich der Säugling also geborgen fühlen kann  – bei Unsicherheit, Unwohlsein, Ängsten; und wie gut sich ein Kleinkind in seinem Erkundungsdrang unterstützt sieht.

Denn das Gehirn formt sich ja erst, Selbstwahrnehmung und Weltbild entwickelt ein Kind schrittweise, im emotionalen Wechselspiel mit seiner „Mama“, zuerst per Blick und mit Lauten, dann durch Mimik und Gesten, schließlich via Sprache.

Feinfühligkeit, das hört sich allerdings einfacher an, als es ist. Wer sein Baby unbekümmert schreien lässt, wie früher einmal empfohlen, der beschert ihm frühkindlichen Stress  – und solch erhöhter Cortisolspiegel kann chronisch werden.

Überhaupt wird Bindungsqualität überall dort schlechter, wo Kinder zu früh sich selbst überlassen werden. Aber auch wer ein Kleinkind überbehütet, ihm jede Herausforderung, erst recht Enttäuschung, ersparen will, es quasi seelisch verwöhnt, tut ihm nichts Gutes. Verbaut ihm die Erfahrung „Ich kann der Welt erfolgreich begegnen“.

Kinder lassen sich nicht optimieren

Die Bindungsforschung hat nicht zuletzt auch das umstrittene Thema „frühe Fremdbetreuung“ geerdet. Eine Krippe ist dann  – und erst dann  – gut für ein Kleinkind, wenn seine Mutterbindung so stabil geworden ist, dass es deren vertraute Art eine Zeit lang ohne Stress entbehren kann.

Wann das ist, muss individuell erspürt werden  – und dies richtet sich nicht nach den Lebensplänen von Eltern oder Firma. Auch sind frühe Kitas nur dann entwicklungsförderlich, wenn die Erzieherinnen selbst feinfühlig genug sind, die abwesende Mama zu ersetzen  – also auch nur dann, wenn sie nicht zu viele Kinder betreuen müssen.[... und wenn die Erzieherinnen über eine wirklich gute Aus- und Weiterbildung in Entwicklungspsychologie verfügen, Supervision erfahren, gut entlöhnt und langfristig in der Kita angestellt sind, möchten wir von seniora.org hinzufügen]

Ob öffentliche Frühbetreuung, Tagesmutter oder familiäre Bezugsperson: Die Frage nach dem frühen Kindeswohl ist mehr als ein Ressourcending oder ein Managementproblem. Die Wirtschaft mag globaler, unser Leben rasanter werden. Aber Kinder, insbesondere Babys, bleiben Wesen, die sich nicht beschleunigen, verdichten, optimieren lassen. Jedes von ihnen braucht seine eigene Zeit  – und unser spezifisches Echo. Feinfühligkeit ist, so die Bindungsforscherin Lieselotte Ahnert, die mit Abstand gesündeste Kindernahrung.

Michael Felten 2
Michael Felten (privat)
Michael Felten, geboren 1951, hat 35 Jahre Mathematik und Kunst an einem Gymnasium in Köln unterrichtet. Er arbeitet weiterhin in der Lehrerausbildung sowie als Schulberater und Autor. Jüngste Veröffentlichung: „Unterricht ist Beziehungssache“ (Reclam).

Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/zum-tag-der-kinderrechte-kinder-brauchen-urvertrauen.1005.de.html?dram:article_id=487834

TV-Tip: Leben in Ketten – Menschenhandel am Atlantik

Die Sklaverei gehört zu den dunkelsten Seiten der Menschheitsgeschichte
ORF2 09.12.2019 12:00 Uhr

Film zum Aufnehmen: Sehenswerter Film ORF2 am 09.12.2019, 12:00 Uhr, Länge: 55min

Die Sklaverei gehört zu den dunkelsten Seiten der Menschheitsgeschichte. Vor allem europäische Kolonialmächte haben den Menschenhandel und die Ausbeutung nahezu industriell betrieben.

Sklaverei und Zwangsmigration

Sklavenhandel 1

Anlässlich des Internationalen Tages der Menschenrechte (10.12.2019) erzählt dieses Doku-Drama die Geschichte der letzten Jahre des atlantischen Sklavenhandels anhand zweier junger Menschen aus Westafrika: Yanka und Toriki, die aus ihrer westafrikanischen Heimat geraubt, verschleppt und versklavt wurden. Basierend auf historischen Quellen wie den Tagebüchern von Sklavinnen, Sklavenhändlern, Schiffseigentümern und Kolonialisten zeichnet der Film ein trauriges und erschütterndes Bild dieses dunklen Kapitels europäischer Geschichte.
Sklavenhandel 2

Zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert etablierte sich ein ausgedehnter Sklavenhandel am Atlantik, mehr als 12 Millionen Menschen wurden von den europäischen Kolonialmächten Portugal, den Niederlanden, Spanien, Frankreich oder Großbritannien verschleppt, verkauft und versklavt. „Der transatlantische Sklavenhandel war die größte Zwangsmigration in der Geschichte der Menschheit“, sagt die Historikerin Viola Müller, Expertin für Global Slavery.

Das Geschäft mit der Ware Mensch

Obwohl sich die europäischen Mächte am Wiener Kongress 1814 unter dem Druck Großbritanniens dazu entschlossen, den Sklavenhandel zu verbieten, ging das profitable und skrupellose Geschäft mit der Ware Mensch am Atlantik illegal weiter. Vor allem Frankreich weigerte sich, hatte doch Napoleon den seit 1794 in Frankreich verbotenen Sklavenhandel in den Kolonien wieder erlaubt. Die Briten hatten zwar Kontrollschiffe am Atlantik, doch zu verlockend war das Geschäft mit der Ware Mensch. Schiffseigentümer lieferten weiterhin Waffen und Handelsware von Europa und Amerika nach Afrika  – im Austausch gegen Sklaven. Das Schicksal von Yanka und Toriki, eines jungen Paares, geraubt von den Banden afrikanischer Könige - wird anhand von Tagebuch-Eintragungen versklavter Menschen und ihrer Briefe, Logbucheintragungen von Kapitänen, Sklavenhändlern und Schiffseigentümern nachgezeichnet.

Sklavenhandel 3

Der senegalesische Regisseur und Historiker Massa Tourre dokumentiert in hochwertig und aufwändig gedrehten Spielfilmszenen in beeindruckenden Bildern das Leid der Geraubten und Verschleppten, sowie die Habgier und Brutalität der Profiteure. Gedreht wurde auf nachgebauten Sklavenschiffen und an Originalschauplätzen am afrikanischen Kontinent. Ergänzt werden die hochwertig und authentisch produzierten Spielfilmszenen durch Analysen und Kommentare der Historikerin Viola Müller und des spanischen Historikers Jorge Diaz Ceballos, beide dzt. European University Institute Florenz. „Der transatlantische Sklavenhandel hat die Demographie Amerikas nachhaltig verändert. Sexueller Missbrauch war trauriger Alltag, und bald waren Menschen afrikanischer Herkunft in den amerikanischen Gesellschaften die Mehrheit.“ Universum History spielt diese Dokumentation zum anlässlich des Gedenktages zur Erklärung der Menschenrechte.

Quelle: https://tv.orf.at/program/orf2/20191206/879364401/story
tv.ORF.at/universum

Lesen Sie auch https://www.seniora.org/wunsch-nach-frieden/der-wunsch-nach-frieden/bordeaux-stadt-der-sklavenhaendler
Bordeaux, Stadt der Sklavenhändler

https://www.seniora.org/wunsch-nach-frieden/menschenrechte/alle-mal-herhoeren
Alle mal herhören

 

 

Was war das Besondere an Leo Tolstois Schule für Kinder?

Auf seinem Anwesen in Jasnaja Poljana eröffnete Tolstoi eine eigene Privatschule für Bauernkinder
Ksenia Subatschjowa / Ignatowitsch/Sputnik - 27 Mai 2020
Der große russische Schriftsteller hasste die Unterrichtspraktiken, die zu seiner Zeit in Russland und Europa existierten. Er förderte einen alternativen Ansatz - ohne strengen Zeitplan, Hausaufgaben oder körperliche Bestrafung. Er lehrte 1859 leidenschaftlich gern und betrachtete es nach seinen eigenen Worten als „das wichtigste Werk der Welt, weil alles, wovon wir träumen, nur dank der nächsten Generationen zum Leben erweckt wird.“ Seine Hoffnung war es, den Adel und die Bauernschaft mit dem Grundgedanken der Unterrichtung der jüngeren Generation zusammenzuführen.

Als er das herrschende Schulsystem in Russland und im Ausland sah, war er ziemlich enttäuscht. In den Jahren 1857 und 1860 reiste er nach Europa und nach dem Besuch einer deutschen Schule schrieb (rus) er:

„War in der Schule. Schrecklich. Ein Gebet für den König, körperliche Bestrafung. Alles auswendig lernen. Verängstigte, [geistig] verstümmelte Kinder.“

„Ich könnte ganze Bücher über die Ignoranz schreiben, die ich in Schulen in Frankreich, der Schweiz und Deutschland gesehen habe“,

fasste er zusammen (rus). Durch die Reisen wurde ihm klar, dass er auf seinem Anwesen in Jasnaja Poljana eine eigene Privatschule für Bauernkinder eröffnen wollte.

„Lernen soll Spaß machen“

Nur 22 Kinder wagten es, am ersten Tag in Tolstois Schule zu kommen, aber diese Zahl verdreifachte sich in wenigen Wochen. Die Schule basierte auf völliger Freiheit für die Schüler und nicht auf körperlicher Bestrafung, die andernorts dominierte. Die Schule stand auch Mädchen offen.

„Lernen ist ein angeborenes Bedürfnis in jedem Menschen, und deshalb kann sie nur in Form der Befriedigung dieses Bedürfnisses existieren“, glaubte Tolstoi. „Der springende Punkt für die Effizienz und Effektivität ist, wie unterhaltsam der Prozess ist. Das Lernen in der Praxis und durch ein Buch kann nicht durch Bestrafung erzwungen werden und sollte den Schülern Spaß machen.“

Hier mussten Kinder keine Texte auswendig lernen und Hausaufgaben machen. Sie konnten sogar kommen und gehen, wie es ihnen gefiel. Der Unterricht begann zwischen 8 und 9 Uhr, dann gab es eine Mittagspause, und danach weiteren Unterricht für drei bis vier Stunden. Jeder Lehrer, einschließlich Tolstoi selbst, lehrte täglich 5-6 Stunden.  

Die Schüler wurden in drei Altersgruppen (jung, mittel und alt) eingeteilt, die je nach Wissensstand und Interessen unterschiedliche Stundenpläne hatten. Die Fächer waren auch nicht traditionell - sie wurden in Form eines Dialogs mit einem Lehrer abgehalten und umfassten Lesen, Mathematik, Religion, Geographie, Umwelt, Gesang, Zeichnen, Physik und Geschichte und anderes. Tolstoi wollte Kindern nur etwas von praktischer oder moralischer Relevanz beibringen.   

„In der Schule hat es immer Spaß gemacht, und alle haben den Unterricht genossen“, erinnert sich der ehemalige Schüler Wassilij Morosow. „Leo Tolstoi hat es noch mehr genossen, mit uns zu arbeiten. Er arbeitete so leidenschaftlich, dass er oft sein Frühstück vergaß. In der Schule war er immer ernst, und wollte, dass wir ordentlich sind, auf unsere Schulsachen achten und immer die Wahrheit sagen. Er mochte es nicht, wenn jemand alberne Witze machte… Und er war glücklich, wenn wir seine Fragen wahrheitsgemäß beantworteten.“

Tolstoi hörte nicht mit dieser Schule auf. Dank ihm wurden mindestens 20 ähnliche Schulen in der Region Tula eröffnet und er brachte sogar eine Zeitschrift heraus, die dem Lehren gewidmet war. Sein unorthodoxer Ansatz zog sowohl in Russland als auch im Ausland öffentliche Aufmerksamkeit auf sich, und natürlich missfiel es dem Adel.

Nach seiner Heirat im Jahr 1862 und einer aktiven Offensive der örtlichen Behörden beschloss Tolstoi, den Unterricht einzustellen. Er kam erst 1871 zurück, als er anfing, an seinem eigenen ABC-Buch zu arbeiten. Während dieser Zeit begann er wieder Bauernkinder zu unterrichten und versuchte, die Situation in anderen Schulen in der Region zu beeinflussen.

Seit Tolstois Tagen hat die Schule Höhen und Tiefen durchgemacht. Während des Großen Vaterländischen Krieges wurde die Schule sogar niedergebrannt und nur die Mauern blieben erhalten.  

Heute ist sie noch in Betrieb und im Schuljahr 2019/20 beschäftigte die Schule 45 Lehrer und 233 Schüler aus der Region Tula. Die Schule folgt immer noch den Prinzipien des großen Schriftstellers und kooperiert sogar mit der „Lew-Tolstoi - Grundschule“ in Berlin im Rahmen eines internationalen Schüleraustausches.

„In unserer Schule besteht eine starke Generationenbindung“, sagt (rus) Alexander Suchorukow, stellvertretender Direktor für wissenschaftliche und methodische Arbeit an der Tolstoi-Schule. „Kinder lernen hier, gehen dann zur Universität und kehren zu uns zurück, um hier zu arbeiten. Wir unterrichten dann ihre Kinder. Oft kommen Besucher zu uns, die mehr über Tolstois Pädagogik erfahren möchten, und wir freuen uns immer darüber. “

Quelle: https://de.rbth.com/geschichte/83533-leo-tolstois-schule-jasnaja-poljana

Wenn der Krieg im Kopf nie mehr endet

Es war vor 100 Jahren schon so und ist heute nicht anders: Der industrialisierte Krieg lässt viele Überlebende als Wracks zurück.
Jürg Müller-Muralt / 17.09.2021 Infosperber

traumatisierter US Soldat
«Warum habe ich andere Menschen umgebracht?» Immer mehr Veteranen der US-Kriege in anderen Ländern sind schwer traumatisiert, viele von ihnen wählen den Freitod. © businessinsider

«Im Jahr 2004 kämpfte ich als Infanterieleutnant in einem garstigen und blutigen Krieg in Irak. Es war ein Krieg, in dem viele meiner Kameraden und Freunde starben. Die meisten von uns kehrten mit körperlichen Wunden zurück, und ausnahmslos jeder, der überlebt hat, trägt die unsichtbaren Narben dieses Krieges. Auf eine Kriegserfahrung zurückzublicken, ist immer schwer; noch schwerer ist es, wenn man anfängt, sich zu fragen, ob es ein so grosses Opfer wert war. Mit dieser Frage sind heute auch alle Soldaten konfrontiert, die in Afghanistan im Einsatz waren.»

Mit diesen Worten beginnt ein Gastkommentar von Jeff Montrose in der NZZ vom 16. September 2021. Montrose hat als US-Offizier im Irakkrieg gekämpft und schliesslich aus Gewissensgründen seinen Dienst quittiert. Er ist heute Lehrbeauftragter für US-Aussen- und Sicherheitspolitik an zwei deutschen Universitäten.

Viele finden den Weg zurück nicht mehr

Krieg  – das ist nicht nur das Geschehen auf dem «Schlachtfeld». Ein Krieg bildet immer auch Metastasen in allen Bereichen der Gesellschaft; ein Land, das Krieg führt, nimmt irgendwann auch innerlich Schaden. Und vor allem: Ein Krieg ist nicht zu Ende, selbst wenn die Kampfhandlungen aufgehört haben. Ein Krieg hinterlässt immense Schäden in allen existenziellen Dimensionen. Und manchmal beneiden wohl die Heimkehrenden jene, die gefallen sind. Weil sie wegen körperlichen und seelischen Verletzungen den Weg zurück in den zivilen Alltag nicht mehr finden. All das zeigt sich jetzt auch wieder nach dem Rückzug der USA und der Nato aus Afghanistan.

Massive Kosten für Kriegsveteranen

Allein schon die nackten Zahlen weisen darauf hin, welches Elend die Kriege zwischen 2001 und 2021 in den USA selbst verursacht haben. Das Watson Institute der Brown University, die zu den ältesten und renommiertesten Universitäten der USA zählt, rechnet bis zum Jahr 2050 mit bis zu 2,5 Milliarden Dollar für die medizinische Versorgung der Kriegsveteraninnen und -veteranen. Das geht aus einem grossen Forschungsprojekt der Brown University zu den Kriegskosten hervor. Mehr als 40 Prozent der Veteranen der Kriege nach dem 11. September 2001 haben Anspruch auf lebenslange Invaliditätszahlungen. Die Forschenden erwarten, dass diese Zahl in den nächsten 30 Jahren auf 54 Prozent steigen wird. Im Vergleich dazu wurden weniger als 25 Prozent der Veteranen des Zweiten Weltkriegs, des Korea- und des Vietnamkriegs sowie des ersten Golfkriegs eine kriegsbedingte Behinderung bescheinigt.

Hohe Suizidraten

Erschreckend hoch ist auch die Zahl der Suizide unter den Armeeangehörigen oder Veteranen seit 2001: gegen 30 200. Damit sind viermal so viele durch Selbstmord ums Leben gekommen wie durch Kampfeinsätze. Grund für die hohen Suizidraten sind traumatische Erlebnisse, Stress, die militärische Kultur und Ausbildung, der ständige Zugang zu Waffen und die schwierige Wiedereingliederung ins Zivilleben.

Noch ein junges Forschungsthema

In der öffentlichen Wahrnehmung wird die Frage häufig verdrängt, wie die Gewalterlebnisse das persönliche Leben von Soldatinnen und Soldaten prägen. Auch in der historischen Forschung wurde das Thema kaum verfolgt. Erst seit dem späten 20. Jahrhundert änderte sich das  – und zwar als Folge des Vietnamkriegs. Die amerikanische Psychiatrie entwickelte damals die Diagnose der Posttraumatischen Belastungsstörung (post-traumatic stress disorder PTSD), einer psychischen Erkrankung nach belastenden Ereignissen von aussergewöhnlichem Umfang oder katastrophalem Ausmass. Betroffen sind übrigens nicht nur Soldatinnen und Soldaten im direkten Kampfeinsatz, sondern auch beispielsweise Drohnenpiloten, die ihren «Arbeitsplatz» weitab vom Kriegsgeschehen haben. Nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums soll das PTSD bei Drohnenpiloten ähnlich häufig auftreten wie bei anderen Armeeangehörigen.

Die neue Dimension des Ersten Weltkriegs

Die ersten massenhaft auftretenden Kriegstraumata wurden im Ersten Weltkrieg beobachtet. Der erste industrialisierte, technisierte Massenkrieg führte bei vielen Soldaten zu psychischer Überforderung. Die Opfer konnten sich kaum mehr auf den Beinen halten, konnten keine Waffen mehr bedienen, hatten panische Angst vor banalen Gegenständen wie Schuhen, litten unter unkontrollierbaren Muskelzuckungen, Zittern und Weinkrämpfen. Zu Beginn des Krieges wurden sie häufig als Simulanten und Deserteure eingestuft. Mehr als 300 «Deserteure» wurden etwa von britischen Kriegsgerichten als Feiglinge hingerichtet.

Schwer verwundet trotz körperlicher Gesundheit

Später setzte bei der Armeeführung und in der Medizin ein Umdenken ein. Dies vor allem nach der Somme-Schlacht von 1916, eine der grössten und verlustreichsten Schlachten des Ersten Weltkriegs. Nur schon am ersten Tag des Gemetzels, am 1. Juli 1916, verlor die britische Armee insgesamt 58 000 Männer, 12 000 von ihnen starben. Viele Überlebende litten an einer Posttraumatischen Belastungsstörung, die man damals in Grossbritannien Shell Shock nannte. In Deutschland nannte man sie Kriegszitterer. «Allein 30 000 Briten zeigten die seltsamen Symptome der neuen Krankheit, die sie als Soldaten wertlos und für ihre Einheiten zur Bürde machte. Die Armeeführung sah sich gezwungen anzuerkennen, dass ein Soldat schwer verwundet sein konnte, obwohl ihm physisch nichts fehlte, und schon bald wurden Zehntausende von Opfern in Militärkrankenhäuser in Grossbritannien geschickt», schreibt Philipp Blom in seinem Buch «Die zerrissenen Jahre: 1918-1938» (Carl Hanser Verlag, München 2014).

«Zitternde menschliche Wracks»

Die erlebte Unmenschlichkeit machte aus Soldaten «zitternde menschliche Wracks». Ihre Gesichter waren «fürchterlich verzerrt und nackte Furcht ist ihnen ins Gesicht gemeisselt, ihre Gliedmassen zittern oder zucken unkontrollierbar. Ein französischer Soldat weicht mit angstgeweiteten Augen vor jeder Uniform zurück. In den Köpfen dieser Männer hat das Trommelfeuer nie aufgehört. (…) Gerettet aus diesem Inferno, aber immer noch hilflos zuckend, wurden die stummen und ausgemergelten Körper der Kriegszitterer zu wortlosen Anklagen gegen einen Krieg, in dem Maschinen den Menschen endgültig überwältigt haben», schreibt Blom.

Die Schreie der Sterbenden

Wie ein Echo auf das damalige Grauen des Krieges schreibt der eingangs zitierte amerikanische Offizier Jeff Montrose in der NZZ: «Jeder Soldat, der im Krieg kämpft, wird immer wieder von der unritterlichen Frage heimgesucht: Werde ich überleben? Ist er dann aus dem Krieg zurückgekehrt, fragt sich derselbe Soldat unweigerlich: Warum habe ich überlebt? Tag und Nacht verfolgen ihn die Schreie der Verwundeten und Sterbenden, bis er irgendwann vor der zermürbenden Frage steht, ob es das alles wert gewesen ist. Als ich in den 1980er Jahren in den USA aufwuchs, bekam ich mit, wie sich viele Vietnam-Veteranen  – Lehrer, Footballtrainer, Nachbarn und mein eigener Vater  – mit dieser Frage auseinandersetzten.»

Zu Hause nicht willkommen

Schlimm für viele Kriegsrückkehrer ist zudem die kalte Schulter, die man ihnen zeigt, und die Ablehnung, die ihnen in der Heimat entgegenschlägt. Philipp Blom: «Die verzweifelten Gestalten, die bald in allen grossen Städten auf den Strassen bettelten, waren nicht die Helden der patriotischen Propaganda, deren männliche Körper für eine grosse Zukunft gestählt worden waren, wie Redner und Leitartikler immer wieder behauptet hatten.» Es entstand nach dem Ersten Weltkrieg in allen kriegführenden Staaten «ein tiefes gegenseitiges Misstrauen zwischen den Veteranen und der Gesellschaft, die sie verteidigt hatten.»  

Kein Interesse an Veteranen

Es ist heute nicht viel anders. Jeff Montrose verweist auf einige der populärsten Fernsehserien der damaligen Zeit, welche Vietnam-Veteranen zeigten, die von ihren Kriegserfahrungen eingeholt wurden: «Miami Vice», «Magnum», «Rambo», «Platoon». Auch einer der bekanntesten Songs der 1980er Jahre, Bruce Springsteens «Born in the USA», handelt von einem Vietnam-Veteranen: «Auf den ersten Blick scheinen diese Serien, Filme und Songs patriotisch zu sein, aber ihre Botschaft ist alles andere als das. Das zentrale Thema von ‹Rambo› beispielsweise ist der traumatisierte Veteran, der in ein Amerika zurückkehrt, das keinerlei Interesse an ihm und seinen persönlichen Opfern für das Land zeigt.»

Weiterführende Informationen

«Er erzählte einfach die Wahrheit über den US-Drohnenkrieg» (auf Infosperber)

Quelle: https://www.infosperber.ch/politik/wenn-der-krieg-im-kopf-nie-mehr-endet/

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